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Christof Loose, Peter Graaf et al. (Hrsg.): Störungsspezifische Schematherapie mit Kindern und Jugendlichen

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos, 30.06.2015

Cover Christof Loose, Peter Graaf et al. (Hrsg.): Störungsspezifische Schematherapie mit Kindern und Jugendlichen ISBN 978-3-621-28034-1

Christof Loose, Peter Graaf, Gerhard Zarbock (Hrsg.): Störungsspezifische Schematherapie mit Kindern und Jugendlichen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. 319 Seiten. ISBN 978-3-621-28034-1. D: 39,95 EUR, A: 71,00 EUR, CH: 88,80 sFr.

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Thema

Die Schematherapie ist eine Weiterentwicklung der Kognitiven Verhaltenstherapie. Sie geht davon aus, dass Menschen im Lauf Ihrer Kindheit und in Abhängigkeit von der Befriedigung/Frustration zentraler menschlicher Bedürfnisse ein Konzept ihrer selbst und der Welt entwickeln. Gestörte Schemata und sog. Modi prägen das Verhalten und Erleben und gerade bei Kindern und beeinflussen Entwicklung hin zu Auffälligkeiten und Beeinträchtigungen.

Ziel des Buches ist es, schematherapeutische Ansatzpunkte für die am häufigsten auftretenden Störungen im Kindes- und Jugendalter vorzustellen und zu diskutieren.

Herausgeber

Die Herausgeber sind Diplom-Psychologen mit Approbation als Kinder- und Jugendlichen-psychotherapeuten (teilweise zusätzlich auch für Erwachsenentherapie approbiert), in verschiedenen Institutionen und in der Praxis therapeutisch und in der Ausbildung tätig – unter ihrer Herausgeberschaft werden einzelne Kapitel von anderen Autoren (Boysen, Eckardt, Fischer, Hampel, Lechmann, Matz-Kocke) verfasst.

Entstehungshintergrund

Die Schematherapie(ST) kann mittlerweile als anerkannte Methode der Verhaltenstherapie angesehen werden. Sie ist auch im deutschen Sprachraum durch Ausbildung, Praxis und Buchveröffentlichungen gut aufgestellt. Ihre Anwendbarkeit im Kontext der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie ist bisher mit eher theoretischem Fokus von den gleichen Herausgebern in einem 2012 im Beltz-Verlag erschienenem Grundlagenbuch (Schematherapie mit Kindern und Jugendlichen) vorgestellt worden. Im vorliegenden Buch ziehen die Herausgeber und die MitautorInnen eine Bilanz der Anwendungsmöglichkeiten der ST und fokussieren hierbei anwendungsorientiert auf bestimmte Störungen. Sie betonen, dass sie die Darstellungen als vorläufig im Sinne einer „work in progress“ verstanden wissen wollen und zur Diskussion mit Praktikern anregen wollen.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort beschäftigt sich das 1. Kapitel mit einer Einführung in die ST, wobei die Autoren auf ihr oben erwähntes Grundlagenwerk Bezug nehmen.

In Kapitel 2 bis 9 werden die epidemiologisch häufigsten Störungen im Kinder- Jugendalter praxisorientiert vorgestellt (Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung, aggressive und dissoziative Störungen, Depression im Kinder- Jugendalter, Angststörungen, Zwangsstörungen, Essstörungen, Autismus-Spektrumstörung und schließlich in Kap 9 Borderline-Persönlichkeits-störungen).

Ein Anhang mit Arbeitsmaterialien, Autoren- und Stichwortverzeichnis schließt das Buch ab.

Dem Buch beigegeben ist ein online- Zugangs-Code, mit dem die pdf- Version heruntergeladen werden kann – dies ist ein mittlerweile für den Verlag ein Standardservice für die LeserInnen.

Im Rahmen der Rezension soll auf zwei Kapitel genauer eingegangen werden.

Kapitel 2 beschäftigt sich mit der sog. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Autoren dieses Kapitels sind die Herausgeber selbst. Während Kinder mit ADHS symptomatisch durch geringe Ausdauer, impulsiver Reaktionen und motorische Unruhe imponieren, sind Kinder mit ADS (also ohne H für Hyperaktivität) eher durch ihr träumerisches Abtauchen gekennzeichnet. Nach einer allgemeinen symptomatischen Kennzeichnung der zusammengefassten Störungsbildern gehen die Autoren nacheinander auf Diagnostische Kriterien, Epidemiologie Störungsbeginn und Ätiologie ein: Hierbei referieren sie die einschlägigen Diagnostik-Kriterien lt. ICD und DSM, berichten von einer Verbreitung der Störungsgruppe von durchschnittlich 5,3 Prozent und weisen auf den frühen Beginn der Störung mit Tendenz zur Verschlimmerung im Kindergarten- Schulalter und mit einer deutlichen Komorbiditätsneigung hin. Bisherige Behandlungsansätze allein mit psychotherapeutischen (überwiegend verhaltenstherapeutischen) Methoden erscheinen unzureichend, da insbesondere der Transfer auf die Alltagssituation als defizitär eingeschätzt wird. Eine Kombination mit einer medikamentösen Behandlung und konsequenter Einbeziehung der Eltern erscheint erfolgver-sprechender. Als ätiologisches Modell überzeugt die Autoren ein Biopsychosoziales Modell am überzeugendsten, welches biologisch- neuronale Faktoren (etwa Dysfunktion im kortikal-striatalem Netzwerk, defizitären Reaktionshemmungssystem, u.a.) im Verein mit psychosozialen Faktoren (etwa familiäre Faktoren und negative Eltern-Kind-Beziehungsmuster), sowie deren Folgen für die oft frustrierte Befriedigung von Grundbedürfnissen und sich hieraus entwickelnden Schemata und Modi im Sinne der ST als bedeutsam ansieht. Gerade in der Dynamik wird aus Sicht der ST die Schemadiagnostik wichtig, die die Autoren im folgenden Ansatz erläutern. Hier gehen sie auf Schemata auf Seiten der Eltern ein und sehen diese in Wechselwirkung mit sich entwickelnden Schemata auf Seiten des Kindes. Methoden zur Herausarbeitung der Schemata werden vorgestellt (etwa das imaginäre Großeltern-Interview oder eher psychoedukative Ansätze, die Eltern aus der Fremd-Und Selbstbeschuldigung herauszunehmen – die Klingel-Metapher –, aber auch Fragebögen Zeichnungen und Verhaltensbeobachtung) und durch online-Materialien praktisch ergänzt.

Schematherapeutische Ansätze werden anschließend referiert und erläutert. Hierbei ist die Grund- überzeugung, dass es sich bei den Symptomen der ADHS zunächst um maladaptive Bewältigungs-modi handelt, die aufgrund frustrierter Bedürfnisbefriedung sich dynamisch entwickelt haben. Diese schlecht angepassten Bewältigungsmodi müssen/ sollen im therapeutischen Prozess ersetzt werden durch adaptive Bewältigungsmodi („Clever“-Modus als Äquivalent zum „gesunden Erwachsenen“, Kompetentes Kind, sich-Hilfe-suchendes Kind). Hierbei müssen auch auf Seiten der Eltern im Zusammenleben mit dem Kind erworbene Schemata analysiert und psychoedukativ beeinflusst werden, damit die wechselseitige familiäre Dynamik unterbrochen werden kann. Dies wird von den Autoren im Detail dargestellt, wobei die Bedeutung einer ständig zu überprüfenden und zu stabilisierenden therapeutischen Beziehung zu Eltern und Kind hervorgehoben wird. Schön, dass das Vorgehen dann (Kapitel 2.5) an einem Fallbeispiel vertiefend erläutert wird. Das Kapitel wird mit einem Literaturverzeichnis nach resümierenden Fazit abgeschlossen.

Im 4. Kapitel setzen sich Fischer, Graaf und Eckhardt mit depressiven Störungen bei Kindern und deren Behandlung auseinander. Auch sie stellen nach einer Auflistung von Symptomen (betont wird der oft verstecke und von Anpassung motivierte Ausdruck von Niedergeschlagenheit, Bedrückung und Unruhe und die oft sich körperlich äußernde Symptomatik, mit der das Kind als Anpassungsreaktion zumindest etwas Aufmerksamkeit bekommen kann), Epidemiologie und Verlauf vor. Im ätiologischen Teilkapitel favorisieren die Autoren ein Vulnerabilitäts-Stress-Modell, wobei insbesondere kognitive Faktoren der Erlebnisverarbeitung in Form von dysfunktionalen Schemata in Wechselwirkung mit biologisch-genetischen und psychosozialen Bedingungen Beachtung finden.

Schematherapeutische Diagnostik und Behandlungsansätze werden dann vorgestellt. Hierbei spielen Duldung und Unterordnung als Modi der Anpassung auf die Frustration von Beziehungsbedürfnissen eine besondere Rolle. Für die Behandlung erscheint den Autoren zunächst eine Motiv-und Zielklärung wichtig- dies auch, um die oft schwierig herzustellen therapeutische Allianz zu entwickeln und zu festigen. Hilfreich können Fragebögen eingesetzt werden, wo Kind und Eltern gemeinsam Bedürfnissen explorieren sollen und Wege finden, um diese Bedürfnisse in Zukunft besser zu berücksichtigen. Ziel der Behandlung ist dann ganz allgemein der Abbau schemaerhaltenden und der Aufbau alternativer Verhaltensweisen. Neben verhaltenstherapeutische Methoden tritt besonders gezielt emotionsunterstützende Methoden wird Gestalten/Malen, Spieltherapie, Geschichten erzählen u.a.m. Die Parallelität der Arbeit mit dem Kind und den Eltern und die Transparenz im gesamten Vorgehen fördern die Möglichkeiten des Transfers auf die Alltagsumgebung. Auch in diesem Kapital schließt ein ausführliches Fallbeispiel die Darstellung vor einem Literaturverzeichnis ab.

Diskussion und Fazit

Man spürt dem vorgestellten Buch den Reifungsprozess der Schematherapie in den letzten Jahren an: die sichere Anwendung des Schema- und Moduskonzeptes zeigt sich hier bei 8 ausgewählten und epidemiologisch relevanten Störungen des Kindes- und Jugendalters. Die Entwicklung von ätiologischen Bedingungen im Sinne der ST ist gerade relevant im Kontext umfassendere Genesemodelle, wie etwa dem Vulnerabilität-Stress- Modell. So werden therapeutische Ansätze zwischen verschiedenen Fachdisziplinen ermöglicht, unnötige fachliche Abgrenzung beispielsweise zwischen psychologischer Psychotherapie und Medizin/Psychiatrie vermieden, die Einbindung von Eltern und Erziehern in den Veränderungsprozess selbstverständlich. Bedenkt man die Bedeutung früher, effektiver Intervention und Hilfsstellung auch zur Prävention nachhaltiger Störungen im Erwachsenenleben wird die Bedeutsamkeit früher Intervention überdeutlich. Dass in der Praxis hier TherapeutInnen fehlen, ist nicht der einzige Mangel im Gesundheitswesen.

Das Buch ist eine (praktische) Bereicherung der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen - schön, dass der Verlag einen ebook-Zugang bereitstellt und Arbeitsmaterialien online zugänglich macht. Dies erweitert die Einsatzmöglichkeiten des Buches gerade auch in Aus- und Fortbildungs-kontexten.

Rezension von
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Es gibt 90 Rezensionen von Christian Schulte-Cloos.

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ISSN 2190-9245