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Hans P. Langfeldt, Werner Nothdurft: Psychologie [...] für die Soziale Arbeit

Cover Hans P. Langfeldt, Werner Nothdurft: Psychologie. Grundlagen und Perspektiven für die Soziale Arbeit. UTB (Stuttgart) 2015. 5., überarbeitete Auflage. 312 Seiten. ISBN 978-3-8252-8625-5. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 34,70 sFr.

UTB Bd. 8296.
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Autoren

Prof. i. R. Dr. Hans-Peter Langfeldt, Diplom-Psychologe, war bis 2009 Professor für Pädagogische Psychologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main und 2010 bis 2011 Gründungsdekan der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Technischen Universität Adama in Äthiopien.

Prof. Dr. Werner Pfab, geb. Nothdurft, Diplom-Psychologe und Kommunikationswissenschaftler, Professor für Theorie und Praxis sozialer Kommunikation am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der FH Fulda. Leiter des Weiterbildungsverbundstudiums Sozialkompetenz.

Thema

Das Buch führt in die psychologischen Grundlagen und Perspektiven der Sozialen Arbeit ein. Es ist als Lehrbuch konzipiert und gibt einen Überblick über die für die Soziale Arbeit bedeutsamen psychologischen Theorien und Methoden. Es richtet sich sowohl an den Kreis der Studierenden als auch an Personen, die in sozialen Berufen tätig sind.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel.

Im ersten Kapitel (S. 11-14) geben die Autoren einen Einstieg in das Thema. Im Zentrum stehen das allgemeine Verständnis der Psychologie und ihre Bedeutung für die Alltagswelt. Gleichzeitig liefert der erste Teil einen kurzen inhaltlichen Überblick über den Rest des Buches, indem die Schwerpunkte der einzelnen Kapitel kurz vorgestellt und in den Gesamtkontext gestellt werden.

Das zweite Kapitel (S. 15-42) behandelt die Fragestellung, „was es bedeutet, psychologische Erkenntnisse als wissenschaftliche Erkenntnisse zu betrachten“. (S. 15) Im Rückgriff auf die wissenschaftliche Tradition werden unterschiedliche Zugangsweisen und Schulen der Psychologie dargestellt, angefangen bei der Schrift „Über die Seele“ von Aristoteles über das Mittelalter und die Neuzeit bis hin zu modernen Ansätzen wie der Gestaltpsychologie oder der Experimentalpsychologie. Es geht in erster Linie um die Frage, wodurch Erkenntnisse der Psychologie sich von anderen sozialwissenschaftlichen Wahrheiten unterscheiden. Auch werden die verschiedenen Forschungsmethoden diskutiert, mit deren Hilfe die psychologischen Erkenntnisse hervorgebracht werden.

Das dritte Kapitel (S. 43-68) des Buches ist geprägt durch eine Auseinandersetzung mit der Person als Gegenstand der Psychologie. In einem ersten Schritt gehen die Autoren der Frage nach, welche Bedeutung die Person als psychologisches Konzept innerhalb der europäischen Wissenschaftsgeschichte hat. In einem zweiten Schritt werden dann unterschiedliche Zugänge zum Entwurf der Person vorgestellt und gegeneinander abgegrenzt. Hierbei werden Alltagsvorstellungen des Menschen genauso behandelt wie die psychoanalytische Theorie. Im Zentrum stehen also unterschiedliche Persönlichkeitstheorien und die Frage, wie das Konzept der Person erfasst und wissenschaftlich gedacht werden kann.

Das vierte Kapitel (S. 69-128) liefert einen Einstieg in die Theorien der Entwicklungspsychologie. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen unterschiedliche Zugänge zur kognitiven und psychosozialen Entwicklung des Menschen. Dabei geht es nicht nur um den Nutzen der Entwicklungspsychologie, sondern auch um die Frage, warum der Mensch sich auf eine ganz spezifische Weise entwickelt. Der Hauptteil des Kapitels ist geprägt durch vier Beispiele aus der Entwicklungspsychologie. Neben Jean Piaget und Lawrence Kohlberg werden Erik H. Erikson und Lew Vigotski vorgestellt. Die Auswahl der Autoren ist insofern sinnvoll, als dass dadurch die wesentlichen Gesichtspunkte zur Sprache kommen, die für die menschliche Entwicklung entscheidend sind: die kognitive, moralische, psychosoziale und kulturelle Entwicklung. Abgerundet wird das Kapitel durch eine Diskussion des Lernbegriffs und des erzieherischen Verhaltens.

Im fünften Kapitel (S. 129-186) wird das psychologische Thema der sozialen Interaktion und Kommunikation diskutiert. Zunächst werden alltagsspezifische Vorstellungen sozialer Kommunikation genannt; im Anschluss werden dann zwei Grundmodelle zwischenmenschlicher Kommunikation unterschieden: das Ausdrucksmodell einerseits und das Systemmodell andererseits. Es werden Gesichtspunkte der Identität, des Denkens und der Erfahrung genauso reflektiert wie Aspekte der personalen Wahrnehmung und deren Vorbedingungen. Am Schluss des Kapitels wenden die Autoren sich dem sozialen Phänomen der Gruppe zu. An dieser Stelle werden auch dynamische Besonderheiten verhandelt.

Das sechste Kapitel (S. 187-214) ist der Diagnostik und dem Thema Gutachten gewidmet. Es liefert nicht nur die theoretischen Grundlagen, sondern auch die Aufgaben und Ziele der psychologischen Diagnostik. Hier werden neben unterschiedlichen Gesprächsformen auch verschiedene Arten psychologischer Tests vorgestellt. Das Kapitel findet seinen Abschluss in der Diskussion über den Zusammenhang des diagnostischen Prozesses und der Erstellung des psychologischen Gutachtens.

Im siebten Kapitel (S. 215-256) werden unterschiedliche Formen der psychologischen Interventionsmöglichkeiten behandelt. Obwohl kein Zweifel besteht, dass die Psychotherapie das erfolgreichste Mittel der Intervention ist, verweisen die Autoren zu Recht auf die unterschiedlichen psychotherapeutischen Richtungen: Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und klientenzentrierte Psychotherapie. Hierbei wird auch die Frage behandelt, wann eine Psychotherapie indiziert ist. Am Ende des Kapitels geht es um die Evaluation von Psychotherapie und um deren Wirkungsweise im Hinblick auf die Wiederherstellung seelischer Gesundheit.

Das achte Kapitel (S. 257-288) nimmt die psychologischen Aspekte sozialer Professionalität in den Blick. Es geht um den professionellen Umgang mit Problemen, Fremdheit, Konflikten und Emotionen und darum, inwieweit psychologisches Wissen geeignet ist, auf diese vier Herausforderungen angemessen zu reagieren. Die unterschiedlichen Dimensionen sozialer Professionalität werden jeweils anhand eines Beispiels diskutiert; auf diese Weise wird zugleich geklärt, welche Bedeutung psychologisches Wissen für die Praxis sozialer Arbeit hat, sofern diese unter Gesichtspunkten der Professionalität untersucht wird.

Diskussion

Die Autoren sind ihrem Anspruch gerecht geworden und haben ein überzeugendes Lehrbuch für den Kreis derjenigen vorgelegt, die sich im Umfeld der Sozialen Arbeit bewegen und sich mit den Grundlagen und Perspektiven der wissenschaftlichen Psychologie vertraut machen möchten. Das Buch überzeugt nicht nur durch seinen systematischen Aufbau, sondern führt den Leser auch souverän durch die unterschiedlichen Gebiete psychologischer Forschung. Den Autoren geht es in erster Linie darum, einen soliden Überblick über die unterschiedlichen Theorien und Forschungsmethoden zu geben, mit deren Hilfe psychologische Erkenntnis hervorgebracht und für den Menschen und die Gesellschaft nutzbar gemacht werden kann. Jedes der insgesamt acht Kapitel des Buches ist logisch durchdacht und liefert dem Rezipienten einen gelungenen Einstieg in die jeweilige Thematik. Die Verfasser des Buches erweisen sich als profunde Kenner ihres Fachs, es gelingt ihnen, die Psychologie sowohl in ihrer systematischen Breite als auch in ihrer historischen Tiefe darzustellen. Besonders hervorzuheben ist, dass die einzelnen Kapitel mitunter inhaltlich aufeinander abgestimmt sind. So geht dem Kapitel „Psychologie der Intervention“ (S. 215-256) wie selbstverständlich das Kapitel „Psychologische Diagnostik und Gutachten“ (S. 187-214) voraus. Auch ist es sicherlich kein Zufall, dass zunächst der Begriff der Person diskutiert wird, bevor in die psychologischen Grundlagen der individuellen Entwicklung, Erziehung und sozialen Kommunikation eingeführt wird.

Allerdings wird dem Leser zu keinem Zeitpunkt die Aufgabe abgenommen, selbst zu entscheiden, welcher Zugang zur Psychologie sich für seine konkrete Arbeitspraxis als nützlich erweisen könnte. Das Buch kann „den Lesern und Leserinnen nicht ersparen, in der Praxis selbst herauszufinden zu müssen, ob eine bestimmte Sichtweise lohnend ist oder nicht“ (S. 14). Hier würde man sich wünschen, dass die Autoren ihre theoretische Perspektive etwas stärker verlassen würden, um den Bezug psychologischer Erkenntnisse für die konkrete Praxis deutlicher herauszustellen. Obwohl die Ausführungen bisweilen mit Beispielen aus der Praxis unterfüttert sind, nimmt das Buch vorwiegend einen spekulativen Standpunkt ein, mit der Folge, dass es für den Praktiker nicht immer leicht ist, eine angemessene Bewertung der dargebotenen Theorien und Methoden vorzunehmen.

Abgesehen davon findet sich in dem Buch wenig zu aktuellen Entwicklungen. So wird zwar die psychoanalytische Theorie Sigmund Freuds vorgestellt (S. 217-224), Neuerungen wie die Objektbeziehungstheorie oder die psychoanalytische Selbstpsychologie bleiben aber unerwähnt. Auch die moderne Säuglings- und Kleinkindforschung bleibt weitestgehend unberücksichtigt, was umso bedauerlicher ist, weil gerade ihre Erkenntnisse unser Wissen über die kognitive und seelische Entwicklung des Kindes in den letzten Jahren nachhaltig verändert haben.

Fazit

Den Verfassern des Buches ist es gelungen, einen historischen und systematischen Überblick über die theoretischen Grundlagen und Perspektiven der Psychologie zu geben. Als wissenschaftliches Lehrbuch ist es vor allem für Studierende der Sozialen Arbeit geeignet. Ein lesenswertes Buch.


Rezension von
Dr. phil. Manfred Böge
M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
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Zitiervorschlag
Manfred Böge. Rezension vom 20.08.2015 zu: Hans P. Langfeldt, Werner Nothdurft: Psychologie. Grundlagen und Perspektiven für die Soziale Arbeit. UTB (Stuttgart) 2015. 5., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-8625-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18779.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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