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Antje Flade (Hrsg.): Stadt und Gesellschaft im Fokus aktueller Stadtforschung

Cover Antje Flade (Hrsg.): Stadt und Gesellschaft im Fokus aktueller Stadtforschung. Konzepte-Herausforderungen-Perspektiven. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2015. 280 Seiten. ISBN 978-3-658-07383-1. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Die Stadt, städtisches Leben, Urbanität als Lebensform, Zusammenleben in der Stadt, Stadtteile und ihre Entwicklung, soziale Ungleichheit in der Stadt, sozialräumliche Segregationsprozesse, schrumpfende Städte, Gentrifikation, Suburbanisierung – all das sind aktuelle Themen, die die Stadtsoziologie bearbeitet, die in die historische Forschung über die Stadt hineinreichen und die viele andere Disziplinen wie die Sozialgeographie zu Kernthemen gemacht haben.

Und das Thema Stadtgesellschaft – Stadt ist Gesellschaft – wirft Fragen nach ihren Integrationspotentialen und nach der Logik von Integration und Ausgrenzung unter den Bedingungen sozialer Ungleichheit, soziokultureller Heterogenität und sozialräumlicher Spaltung auf.

Nicht nur also, weil ein größerer Teil der deutschen Bevölkerung in Städten wohnt, ist das Thema virulent, sondern weil Stadtentwicklung und Stadtteilentwicklung für die Städte zur zentralen Herausforderung ihrer Stadtpolitik geworden sind.

Herausgeberin

Dr. Antje Flade war Wissenschaftliche Assistentin an der Universität Frankfurt, Umweltpsychologin im Institut Wohnen und Umwelt in Darmstadt und ist jetzt im Büro Angewandte Wohn- und Mobilitätsforschung in Hamburg tätig.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Geschichte, Geographie, Soziologie, Stadtplanung, Ökologie, Psychologie und der Medienwissenschaft.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Historische Stadtforschung
  3. Aktuelle Fragen der Stadtgeographie
  4. Stadtsoziologie: Entwicklungslinien und zeitgenössische Perspektiven
  5. Stadtplanung – Wandlungen einer Disziplin und zukünftige Herausforderungen
  6. Stadtökologie – zum Verhältnis von Stadt und Umwelt
  7. Die Stadt aus psychologischer Perspektive
  8. Die Großstadt abbilden

Zur Einleitung

In ihrer Einleitung entfaltet die Herausgeberin zunächst die Absicht eines Buches, das auf der einen Seite Themen bearbeitet, die andere Wissenschaften längst in sich aufgenommen haben; auf der anderen Seite ist eine derartige komprimierte und zugleich umfassende Betrachtung der unterschiedlichen Aspekte der Stadtforschung dann doch wieder seltener.

Die Stadt ist nun mal verbunden mit Dichte der Bewohnerinnen und Bewohner, mit Menschen unterschiedlichen sozialen Status und kultureller Herkunft, also mit sozialer Differenzierung und kultureller Heterogenität, aber auch mit Kultur, Moderne Urbanität als Lebensform. Sie wird auch verbunden mit Lärm, Verkehr, Anonymität, mit Fabrikschornsteinen und Industriegebieten also mit Phänomenen, die auch die Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit des ländlichen Raumes hervorbringen. Das wird kurz erörtert, bevor dann ausführlich zu den einzelnen Kapiteln Stellung genommen wird.

Danach geht die Autorin noch auf die die interdisziplinäre Stadtforschung ein, diskutiert unterschiedliche Ansätze einer solchen Stadtforschung und erörtert dann noch andere Themenkomplexe wie die Smart City, die fragmentierte Stadt, die grüne und die inszenierte Stadt.

Zu 2: Historische Stadtforschung

Monica Rüthers erörtert zunächst die Geschichte und Methoden der Stadtforschung, die sich in den letzten drei Jahrzehnten stark differenziert hat. Außerdem werden die Grenzen zur Stadtsoziologie, zur Stadtgeographie und zur Ethnologie und Kulturanthropologie immer fließender. Zunächst geht es der Autorin um eine Standortbestimmung, wobei der Schwerpunkt auf der europäischen Stadtgeschichtsforschung seit den 1970er Jahren liegt. Es geht um Urbanisierung und Industrialisierung, die in Europa eng zusammen liegen, um Urbanisierung als eine spezifische Form wirtschaftlichen Handelns und demographischer Entwicklung, die nur mit der Stadt verbunden werden kann. Weiter diskutiert die Autorin die europäische Stadt als einen zentralen Forschungsbegriff, die stark mit der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft verbunden ist und vor allem mit dem Fortschrittsparadigma der klassischen Moderne. Dann geht es um die sozialistische Stadt, die einerseits allgemein als ein distinkter Stadttypus mit seinen eigenen Besonderheiten dargestellt wird; andererseits hat sich die sozialistische Stadtforschung auf Fallgeschichten einzelner Städte konzentriert, die exemplarischen Charakter haben.

Weiter setzt sich die Autorin mit Begriffen wie Peripherie und Globalisierung auseinander, um dann die Geschichte der Stadt als Phänomen globaler Perspektiven zu erörtern. Kurz geht sie auf die Städte als Lebensform ein, beschreibt die imperiale Stadt und die Handelsmetropole, geht auf die historische Entwicklungen in Europa ein, wobei sie Rom als die erste Megastadt beschreibt. Weiter geht sie auf die Renaissance europäischer Städte ein, auf den iberischen Aufstieg seit dem 15. Jahrhundert und auf Paris als die ultimative europäische Metropole.

Mit der Entwicklung des Handelskapitalismus im 16. und 17. Jahrhundert entstanden neue Städte in Europa, die den Urbanisierungsgrad der alten klassischen Städte im asiatischen Raum und im Nahen Osten überstiegen. Dies wird erläutert, bevor die Autorin dann auf die anglo-amerikanische urbane Revolution eingeht, die durch den Aufstieg der Industriestädte gekennzeichnet ist. Auch im europäischen Raum entwickelten sich Städte zu modernen Industriestandorten und Handelsknotenpunkten (Manchester, St. Petersburg, Barcelona).

Im weiteren Verlauf diskutiert die Autorin große Städte des Islam, stellt Städte im Reich der Mitte dar, diskutiert die Industrialisierung in Japan und stellt Russlands Industrialisierung als dritten Weg zwischen Deutschland und Japan vor. Weiter erörtert sie moderne Metropolen in den USA, kritisiert dabei die Ansätze der Suburbanisierung und stellt neuere Trends vor und erörtert die Stadtentwicklung in Afrika.

Im letzten Teil ihres Beitrags diskutiert die Autorin aktuelle Fragen und Diskurse in der Stadtforschung.

Zunächst geht es um Stadttypen wie Metropolen, Megacities und Weltstädte. Weiter erörtert sie die duale Stadt, die durch die Entfaltung eines informellen Sektors gekennzeichnet ist, der sich nur dadurch entwickeln kann, dass sich in den Innenstädten Unternehmen ansiedeln und dass ihre gut bezahlten Mitarbeiter die Innenstädte bewohnen können. Gleichzeitig bilden sich informelle Strukturen aus, von denen die Unternehmen profitieren: In benachteiligten Wohnquartieren und Slums wohnen billige Arbeitskräfte, die im Dienstleistungssektor für die Unternehmen attraktiv sind.

Weitere Fragen stehen an, die einer Antwort bedürfen: Wie entstehen Orte globaler urbaner Kultur? Ist die Größe der Städte ein Problem? Ist der öffentliche Raum in Gefahr?

Und weitere Themen sind aktuell: Bilder von Stadt als Vision von Gesellschaft und Geschichte als Inszenierung: Die Stadt als Event.

Zu 3: Aktuelle Fragen der Stadtgeographie

In seiner Zielsetzung formuliert Ulrich Jürgens, dass er den verschiedenen Fragestellungen nachgehen möchte, die er zuvor als Fragestellungen der Stadtgeographie identifiziert hat, die allerdings auch immer im Kontext anderer Disziplinen formuliert wurden.

Zunächst beschäftigt sich Jürgens mit der „traditionellen“ Stadtgeographie, die im 19. Jahrhundert zunächst auch von deutschen Autoren geprägt war und auch naturwissenschaftlich orientiert war. In der gleichen Zeit bildet sich die Chicagoer Schule aus, die mit ihrer Sozialökologie einen völlig anderen Ansatz entwickelte.

Der Autor geht dann auf neue Theorien ein; denn seit den 1970er Jahren ist ein grundlegender Paradigmenwechsel in der Stadtgeographie zu beobachten, die sich von nun an mit soziologischen und philosophischen Fragen der Stadt beschäftigt. Die krisenhafte Entwicklung der Industriegesellschaft, die sich dann auch in den Städten manifestiert, fragt nunmehr auch, wie es dazu kommen konnte. Der Umbruch vom Fordismus zum Postfordismus, Deindustrialisierung, neoliberale Tendenzen in der postmodernen Stadt, wohlfahrtstaatliche Regulierungen u. ä. erzeugen eine Krisenanfälligkeit der Stadt, die nunmehr thematisiert, ja problematisiert wird.

Dies wird ausführlich begründet und mit Literatur unterlegt.

Weiter beschäftigt sich der Autor mit neuen Methoden nach der Soziologisierung und Technisierung des Faches. Audiovisuelle Quellen, Diskursanalyse und systematische Inhaltsanalyse, Kontextanalyse und geographische Informationssysteme werden nunmehr bedeutsam. Auch dies wird ausgeführt und begründet.

Und es kommt zu neuen Inhalten. Das Recht auf Stadt (Right to the City), die emanzipatorische Stadt (die europäische Stadt war immer ein Ort der Emanzipation), die sich nun auch Fragen emanzipatorischen Handelns in vielen Bereichen wie dem der Sexualität zuwendet, die Cinematic City und virtuelle Stadt, die Smart City und die ökologische Stadt werden ausführlich erörtert. Zum Schluss gibt der Autor einen kurzen Einblick in die Stadtgeographie alt und neu.

Zu 4: Stadtsoziologie: Entdeckungslinien und zeitgenössische Perspektiven

In ihrer Vorbemerkung setzt sich Ingrid Breckner mit der Entwicklung, den Facetten und der Geschichte einer 100jährigen Stadtsoziologie auseinander. Anschließend diskutiert sie die Stadtentwicklung im gesellschaftlichen Wandel als Herausforderung soziologischer Stadtforschung. Städte entwickelten sich im Zuge der Industrialisierung zu Zentren der Produktion und des Handels und damit entstand auch eine neue städtische Lebensweise. Damit waren z. T. auch soziale Verwerfungen und andere Probleme verbunden, die die Stadtsoziologie aufgriff. Armut, Wohnungsnot, Quartiere, die von der städtischen Dynamik abgekoppelt sind, sind auch heute noch zentrale Themen.

Im weiteren Verlauf diskutiert die Autorin historische Entwicklungslinien und ihre zeitgenössische Relevanz. Texte der Klassiker wie die von Ferdinand Tönnies, Max Weber, Werner Sombart bestimmen auch heute noch die theoretischen Diskurse in der Stadtsoziologie. Die Autorin stellt dar, wie schwierig es ist, jungen Menschen diese Texte näher zu bringen - eine Erfahrung die ihre Kolleginnen und Kollegen in vielen anderen Disziplinen auch teilen. Andere Zugänge zur Stadt sind indessen interessanter.

Weiter geht die Autorin auf die Raumsoziologie im Nationalsozialismus ein; in dieser Zeit kommt es zu einem Abbruch stadtsoziologischer Diskurse. Der ländliche Raum wird als Gegenentwurf zur Industriegesellschaft eher in den Mittelpunkt gerückt.

Ab den 1950er Jahren hat die Stadtforschung wieder einen Platz. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es um Wohnraumbeschaffung, um den Wiederaufbau zerstörter Städte und Gemeinden und um eine Neuorientierung in einer Gesellschaft, die sich zu einer modernen Gesellschaft unter einem neuen Wohlfahrtsregime entwickelte. Es entstanden Gemeindestudien und Großstadtuntersuchungen, die auch heute noch als klassisch gelten. Dies wird an Hand von Beispielen ausführlich dargestellt.

Welche stadtsoziologischen Forschungsperspektiven können zu Beginn des 21. Jahrhunderts identifiziert werden? fragt die Autorin zum Schluss. Grundsätzlich geht es um eine Renaissance der Stadt, aber auch um Probleme wie Gentrifizierung, Spaltung der Städte, Schrumpfung, um die Bedeutung der Kernstädte, um die Funktionen, die noch immer eine Stadt neben ihren Eigenstellungsmerkmalen ausmachen und um Events und andere Phänomene, die auch heute die Stadtsoziologie beherrschen.

Zu 5: Stadtplanung – Wandlungen einer Disziplin und zukünftige Herausforderungen

Einleitend klärt der Autor Dirk Schubert zunächst Begrifflichkeiten von Stadtplanung und Städtebau und erläutert Leitbilder der Stadtplanung an Hand einer schematischen Übersicht. Anschließend erklärt er den Aufbau der Planung und geht auf die Methodik und das Planungsrecht ein, das die Stadtplanung berührt.

Dann geht der Autor ausführlich auf die Geschichte der Stadtplanung ein, deren Beginn er in ihren Wesenszügen in die Zeit um 8000 v. Chr. ansetzt. Das heißt, Städte haben sich auch schon damals nicht planlos entwickelt.

Mit der Industrialisierung entsteht für die Städte eine Reihe von Problemen der Wohnraumversorgung, der Hygiene, der Infrastruktur und des Verkehrswesens, die eine Planung und des Städtebaus erforderlich machen. Der Autor diskutiert dies unter dem Titel: „Vom Städtebau zur Stadtplanung“. Dabei werden auch die Probleme der Großstadtentwicklung virulent, die auch eine Reform der Großstadt mit sich bringen. Auch dies wird ausführlich dargestellt und mit Graphiken und Bildern unterlegt.

Kurz wird auf die ideologische Überformung der Stadtplanung in der Zeit des Nationalsozialismus eingegangen, um dann den Neuaufbau nach dem Krieg zu thematisieren.

Der Autor beschreibt dann Wandlungen der Problemperzeption und den damit verbundenen Paradigmenwechsel. Es geht seit den 1960er Jahren um eine bestandsorientierte Planung. Dies wird ausführlich erörtert. Auch die Frage der Politisierung der Stadtplanung Ende der 1960er Jahre wird ausführlich diskutiert. Diese Politisierung hat auch Ende der 1970er Jahren für eine Veränderung der Leitbilder der Stadtplanung gesorgt. Die Demokratisierung der Planung kam von innen heraus, bis hin, dass auch Fragen von Governance und Aushandlungsprozessen in der Planung seit der Jahrtausendwende einen immer höheren Stellenwert erhielten.

Die Stadtplanung steht von neuen Herausforderungen, was auch sein der 1980er Jahren zu einem erneuten Wandel der stadtplanerischen Leitbilder führte. Diese Leitbilder werden in Anlehnung an Albers tabellarisch aufgelistet und für die einzelnen Planungstypen differenziert dargestellt: für die Anpassungsplanung, die Auffangplanung, die Entwicklungsplanung und die Perspektivplanung.

Mit folgenden Problemaspekten hat es die Planung derzeit zu tun: mit Nachhaltigkeit und Schrumpfung, mit demographischen Entwicklungen und Globalisierung, mit dem Konzept der Zwischenstadt, mit Sprawl und Suburbanisierung, mit sozialer Stadt und Zivilgesellschaft, mit Großprojekten, Festivalisierung und „Flaggschiff“-Projekten und mit Energiewende und Klimawandel. All diese Aspekte werden ausführlich behandelt.

Es entstehen auch neue Planungskulturen. Der Begriff der Planungskultur verweist auf andere Formen der Beteiligung, auf informelle Prozesse und Diskurse, auf Aushandlungsprozesse, die alle neben dem Planungsrecht an Bedeutung gewinnen. Und der technologische Wandel bringt neue Formen von Städten hervor, wie die intelligente Stadt oder smart cities, die auch mit einer anderen ökologischen Nutzung verbunden werden, auch mit Nachhaltigkeit und mit Resilienz, also mit Krisenfestigkeit und mit der Fähigkeit, sich zu wandeln oder gar zu erneuern.

All dies wird vom Autor ausführlich diskutiert und kritisch betrachtet.

Weiter diskutiert der Autor kurz die Akteure und Initiativen, die die Stadtplanung von morgen bestimmen: Bürger, NGO´s und andere Akteure, die aus nicht politisch institutionalisierten Kontexten heraus agieren.

In seinem Ausblick fasst der Autor seine Überlegungen noch einmal zusammen.

Zu 6: Stadtökologie – zum Verhältnis von Stadt und Umwelt

Die Autorin Ulrike Weiland entfaltet zunächst die zentralen Fragestellungen der Stadtökologie, die das Verhältnis von Stadt und städtischer Umwelt untersucht und die Wechselbeziehungen der Anthroposphäre und der Ökosphäre analysiert. Verstädterung, Stadtwachstum, aber auch Schrumpfung sind solche Themen. Dann geht es um grundlegende Forschungsrichtungen der Stadtökologie und ihre Geschichte; es geht auch um Forschungsrichtungen und ihre Unterscheidung nach dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext und dem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt, können aber auch unterschieden werden nach paradigmatischen Zugängen, Methoden und Modellen. Einige dieser Forschungsparadigmen sind die Untersuchung der Ökosphäre als „betroffener“ Umwelt in der Stadt, die Untersuchung von (Umwelt-)Systemzusammenhängen der Stadt und die angewandte Stadtökologie unter dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung. Diese Paradigmen werden ausführlich erklärt und vorgestellt.

Dann beschäftigt sich die Autorin mit aktuellen Herausforderungen und Themen der Stadtökologie wie der globale Wandel, die Verstädterung und die Stadtökologie, die Schrumpfung der Stadt, urbane Brachen und ihre ökologischen Potentiale, es geht aber auch um den ökologischen Fußabdruck und um urbane Ökosystem(dienst)leistungen und um den Klimawandel in der europäischen Stadt und die Stadtökologie. Alle diese Ansätze werden ausführlich entfaltet, z. T. mit Bildern unterlegt und graphisch aufbereitet.

Zusammenfassend stellt die Autorin fest, dass es sich bei der Stadtökologie um ein interdisziplinäres Forschungsfeld handelt, dessen Forschungsinteresse einmal in einem wissenschaftsinternen Erkenntnisinteresse besteht, Stadt-Umwelt-Systemzusammenhänge zu verstehen, zum anderen in einem Beitrag zur Optimierung der Mensch-Umwelt-Beziehungen in der Stadt, was eher ein politisch motiviertes Interesse ist.

Zu 7: Die Stadt aus psychologischer Perspektive

Wie nehmen Menschen in der Stadt die Stadt wahr, wie eignen sie sich Räume an, in denen sie sich bewegen, interagieren und sie mit Bedeutungen versehen?

Die Autorin Antje Flade beschäftigt sich zunächst mit der Psychologie im Kontext der Stadtforschung, die sie im Kontext von Stadtentwicklung, makrosoziologischer Entwicklung der Stadt eher am Rand ansiedelt, was unberechtigt ist, wenn man die großen Forschungen anschaut, die inzwischen zu Klassikern der Feldforschung avanciert sind (z. B. die Untersuchung von Martha und Hans Muchow in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts.) Nachdem sie dies ausführlich darstellt und mit Literatur belegt, geht es ihr um umweltpsychologische Paradigmen, Modelle und Konzepte, die wesentlich von Weltanschauungen, Weltbildern, Denkweisen abhängen.

Dann kommt die Autorin zu aktuellen Themen und Fragen, wie beispielsweise die, wie Menschen die Stadt erleben, was sie mit der Stadt verbinden oder gibt es einen Zusammenhang von baulicher Verdichtung und sozialer Dichte?, wie lässt sich Privatheit unter den Bedingungen sozialer Dichte sichern? und warum werden öffentliche Räume als unsicher und bedrohlich wahrgenommen?

Die Frage nach den Wahrnehmungen und Vorstellungen von der Stadt wird dann ausführlich diskutiert. Anschließen geht es der Autorin um die Frage der Verbundenheit und der Identifikation mit der Stadt und um die Frage der Ortsverbundenheit und der sozialen Verortung.

Weiter diskutiert die Autorin die Wahrnehmung und Empfindung der Dichte und Beengtheit in der Stadt, dann das soziale Verhalten im öffentlichen Raum, wobei es auch um Fragen von Empathie und Hilfsbereitschaft, um gegenseitigen Respekt und um spezifische Behaviour Settings geht, in denen bestimmte Verhaltensmuster akzeptiert sind oder eben auch nicht. Weiter diskutiert die Autorin Mobilität in der Stadt, Privatheit und Anonymität in der Stadt, Unsicherheitsgefühle im öffentlichen Raum und das Verhältnis von Natur und Stadt aus psychologischer Sicht. Alle diese Aspekte werden ausführlich geschildert und auch mit Fotos anschaulich gemacht.

Zu 8: Die Großstadt abbilden

Die Autorin Susanne Müller beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Stadt in Bildern, mit der medialen Verwertung der Stadt. Nachdem sie die Geschichte des medialen Ausdrucks der Großstadt nachzeichnet, diskutiert sie die fotografierte Stadt auch in ihrer historischen Entwicklung. Weiter erörtert sie die Stadt im Reisehandbuch – und Karl Baedeker ist den meisten von uns vertraut.

Was sind Bilder einer idealen Stadt? Was ist die Stadt der Zukunft? Diesen Fragen geht die Autorin nach, zitiert den berühmten Architekten Le Corbusier, der eine Stadt mit drei Millionen Einwohnern entwirft, und sie geht auf utopische Stadtentwürfe ein, die sich an recht pragmatischen Zielen der Planung orientieren: an Hygiene, belüftbare Häuser und an Privatheit im Unterschied zum öffentlichen Raum. Aber die Stadt der Zukunft ist auch eine Stadt, in der bestimmte Funktionen erfüllt werden, wie Verkehr, Infrastruktur, Versorgung mit Gas, Wasser und Strom. Nachdem die Autorin dies ausführlich diskutiert, kommt sie zum Film. Wie stellt sich die Großstadt im Film dar – wie wird sie dargestellt? Die Autorin geht auf verschiedene Filme ein. Ein bedeutender Film ist sicher Ruttmanns „Sinfonie einer Großstadt“, in dem das Großstadtleben der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts als hektisches und molochartiges Phänomen gezeigt wird. Dieser Film wird ausführlich beschrieben.

Weiter geht die Autorin auf die Stadt und ihre Wahrzeichen ein, diskutiert Manhattans bedeutendes Wahrzeichen, das im September 2001 verschwand: das World Trade Center, und kommt dann auf Paris und seinen Eiffelturm.

Im weiteren Verlauf erörtert die Autorin die digitale Stadt am Beispiel der Stadt Amsterdam und seiner Webseite und deren Entwicklung und Wandlungen. Weiter geht es um Berliner Visionen, um das Panorama der Stadt, das die wichtigsten Großprojekte visualisiert.

Alle Beiträge schließen mit einer ausführlichen Literaturliste und mit einer kurzen Bildungsbiographie der Autorinnen und Autoren ab.

Diskussion

Wenn sich jede hier dokumentierte Disziplin als interdisziplinär darstellt, dann wäre es hilfreich, dass jede dieser Disziplinen die anderen Beiträge zur Kenntnis nimmt. Vielleicht ist dies auch beabsichtigt. In den Beiträgen selbst bleiben jedoch die Autorinnen und Autoren bei ihrer Disziplin und nur ansatzweise öffnet sich die eine andere einem interdisziplinären Ansatz.

Die Beiträge sind äußerst differenziert und gründlich erarbeitet – insofern hat dieses Buch auch einen gewissen Handbuchcharakter. Der Titel des Buches wird insofern eingelöst, als in allen Beiträgen auch die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse, Rahmenbedingungen, Restriktionen, Chancen und Entwicklungen mit angedeutet werden, in die die Stadt jeweils eingebettet ist. Was man eher interpretieren kann ist, was die jeweilige Disziplin im Kontext ihrer gesellschaftlichen Bedeutung ausmacht, also nicht so sehr die Frage, wie die Disziplin im Kanon der Scientific Community da steht, sondern eher die, welche Bedeutung sie bei der Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels, auch bei der Gestaltung der Stadt als Stadtgesellschaft hat.

Fazit

Das Buch ist eine sehr gelungene Zusammenführung unterschiedlicher Disziplinen, die die Stadt zum Thema haben oder auch machen und bietet einen guten Überblick über das, was die Stadt als Ganzes ausmacht.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 25.09.2015 zu: Antje Flade (Hrsg.): Stadt und Gesellschaft im Fokus aktueller Stadtforschung. Konzepte-Herausforderungen-Perspektiven. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-07383-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18781.php, Datum des Zugriffs 24.11.2017.


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