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Konrad Hummel: Demokratie in den Städten

Cover Konrad Hummel: Demokratie in den Städten. Neuvermessung der Bürgerbeteiligung - Stadtentwicklung und Konversion. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 192 Seiten. ISBN 978-3-8487-1785-9. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 36,50 sFr.
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Thema

Inzwischen ist die Debatte um die Demokratiefähigkeit der Städte längst in Gange; die Frage, woran Bürgerinnen und Bürger beteiligt werden sollen, wie sie beteiligt werden sollen und welchen Einfluss sie auf die offizielle Politik der Stadt haben, kann nicht mehr abgewendet werden. Neue Formen der Aushandlung von Politikzielen hat zu neuen Formen der Kommunikation zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik geführt, die auch die traditionellen Formen politischer Entscheidungsfindung auf den Prüfstand stellen.

Gleichzeitig beobachten wir eigentlich seit der Bürgerinitiativbewegung in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, dass es immer nur bestimmte Gruppierungen von Bürgern sind, die sich einmischen und Beteiligung fordern. Wir wissen auch, dass Bürgerbeteiligung in der Demokratie auch heißt, dass nicht alle mitgenommen werden oder sich das Feld der Beteiligungsformen differenziert darstellt. Was in einem Gemeinwesenprojekt eines benachteiligten Stadtteils an Beteiligung gelingt, passt nicht unbedingt zu anderen Formen der Beteiligung in anderen Projekten.

Damit wird auch Demokratie vielfältiger und diversifizierter.

Autor

Dr. Konrad Hummel ist Sozialwissenschaftler und Beauftragter des Oberbürgermeisters für Konversion in Mannheim.

Aufbau

Nach einem Prolog und einem kurzen Vorwort gliedert sich das Buch in 12 Kapitel:

  1. Zur Lage der Demokratie
  2. Demokratie in der Stadt
  3. Stadtentwicklung und Bürgerschaft
  4. Dimensionen einer lokalen Demokratie
  5. Bürger-Beteiligung als Profession der Stadtverwaltung
  6. Transitdemokratie – eine Metapher der Energiewende und Erfahrung in der Praxis
  7. Utopien und demokratische Entwürfe als Gegenstand der Bürgerbeteiligung
  8. Stadtentwicklung als Lernlandschaft
  9. Demokratie und Quartiersentwicklung – auf dem Weg zum Franklin-Village
  10. Zehn Thesen zu Bürgerentscheiden
  11. Botschafter der lokalen Demokratie
  12. Demokratie und Urbanität der Vielfalt-Perspektiven

Es folgen dann noch ein Nachwort mit Dank, Literaturhinweise zu den einzelnen Kapiteln, weitere Literatur und ein Anhang mit Schaubildern zur Konversion.

Zum Prolog und zum Vorwort

In seinem Prolog setzt sich Hummel mit den aktuellen Ereignissen wie dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“, der Pergida-Bewegung und ähnlichen Phänomenen kritisch und ausführlich auseinander, um diese Erscheinungsformen kritisch abzugrenzen von Formen der Bürgerbeteiligung und Engagement der Zivilgesellschaft. Auch um eine kritische Einschätzung des Populismus geht es dem Autor sowie um eine differenziertere Betrachtung der Beweggründe und Formen bürgerschaftlichen Engagements.

Im Vorwort erläutert der Autor die Absichten des Buches, die auf Erfahrungen und Erkenntnissen beruhen, die im Rahmen eines Konversionsprojektes in Mannheim gewonnen wurden.

Zu 1: Zur Lage der Demokratie

Es geht in diesem Kapitel um die Instrumente der Demokratie: um Wahlen, Vertrauen, Regieren und um die Frage, ob „mehr Demokratie wagen“ (W. Brandt) wirklich mehr Demokratie bedeutet oder besseres Regieren ermöglicht. Die Demokratisierung gesellschaftlicher Bereiche in einem autoritativen Staatswesen war seinerzeit in der Tat eine Erweiterung der Perspektive, über den Staat hinaus die Gesellschaft zu demokratisieren. Aber dort, wo es im Rahmen von Bürgerbeteiligungsverfahren um Machtinteressen, Kompetenz- und Individualisierungsgewinne geht, wird Demokratie zu Farce, wenn sie nicht auf institutionelle Verfahren zurückgreifen kann – so ist der Autor zu verstehen.

Und wo wird Demokratisierung auch zu einem sozialpolitischen Problem, wo sich auch die Frage stellt, wer wirklich auf Grund seiner sozioökonomischen Lage partizipiert und wer nicht. Ist die Beteiligung an institutionellen Verfahren schon Demokratie oder bedarf Beteiligung nicht auch der gesellschaftlichen Verortung von Individuen, die das Gefühl haben, sie gehören dazu, sind ein Teil einer res publica und können im ihrem Sinne nicht nur für sich, sondern für die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt etwas bewirken?

Zu 2. Demokratie in der Stadt

In diesem Kapitel wird noch einmal das Für und Wider einer Bürgerbeteiligung angesprochen. Sie ist unverzichtbar für die Bürgergesellschaft, aber auch nicht unbedingt Garant für eine demokratischere Gesellschaft. Ist das wirklich die zentrale Gegenüberstellung einer demokratischen Stadtgesellschaft? Wo doch lokale Lebenszusammenhänge für die soziale Integration immer größere Bedeutung haben und Bürger eher in ihren unmittelbaren Lebensbezügen erfahren, wo man sich engagieren könnte und was machbar ist – eher als in komplexen Zusammenhängen nationaler Politik?

Wenn schon der Autor konstatiert, das institutionelle Verfahren und eine durch Parteien mediatisierte Politik abnimmt – was sind dann die Alternativen? Eine nervende Bürgerbeteiligung?

Zu 3. Stadtentwicklung und Bürgerschaft

„Ist Stadtentwicklung ein offener, fast anarchischer Prozess der Stadtgesellschaft oder straffes Changemanagement?“ (P. Kurz). Wer erwartet denn ernsthaft noch die integrierte europäische Stadt angesichts der Frage von Hartmut Häußermann, was von der Europäischen Stadt übrig bleibt (Häußermann 2007)?

Hummel geht hart mit der Bürgerschaft ins Gericht, wenn er ihre gewachsene Sensibilität für Prozesse beschreibt, die in der Tat der Sensibilität bedürfen. Und was müssen Planer noch lernen, um das zu verstehen?

Der Autor beschreibt dann allenthalben bekannte Verfahren gemeinwesenorientierter Bürgerbeteiligungen und Initiativbewegungen und setzt sie ins Verhältnis zu institutionellen Verfahren Und sicher muss man immer wieder die Frage artikulieren, wo die Benachteiligten bleiben in solchen Prozessen – in der Tat ein wichtiges Anliegen jedweder guten und demokratischen Stadtentwicklung. Eine Stärkung der lokalen Ebene – das ist nicht neu – schafft auch die Aufwertung lokaler sozialräumlicher Lebenszusammenhänge, in die Menschen integriert sind und zu denen auch gehört, das man sich in der Stadtentwicklung um diese Lebenszusammenhänge kümmert, und zwar mit den Bürgern zusammen.

Zu 4. Dimensionen einer lokalen Demokratie

Der Autor beschreibt die Dimensionen lokaler Demokratie und bettet sie in einen nationalen/staatlichen Rahmen von demokratischer Politik und Verfasstheit ein. Seine These ist, dass eine lokale Demokratie das Ergebnis eines gelingenden und spannungsreichen Wechselspiels aus kommunaler Spitze…, medialen Vermittlungsmöglichkeiten und politischen Entscheidungsspielräumen im Staatsgefüge ist (51). Dies wird ausführlich erörtert; kritisiert wird, dass Selbstverwaltung und unmittelbare Bürgermitwirkung zurückgedrängt sind und Handlungsräume für Teilhabe fehlen.

Interessant ist die Frage demokratischer Teilhabe in großen Städten angesichts ihrer kulturellen Heterogenität und Vielfalt – auch und gerade unter dem Aspekt, dass auf lokaler Ebene kollektive Daseinsvorsorge und Alltagsbewältigung eng mit einander verzahnt sind.

Zu 5. Bürger-Beteiligung als Profession in der Stadtverwaltung

Wie reagiert eigentlich eine Stadtverwaltung auf die gestiegenen Ansprüche nach Bürgerbeteiligung? Dieser Frage geht Hummel in diesem Kapitel nach und reiht die Frage in das Programm Lokale Agende 21 ein. Weiter konfrontiert der Autor die Logik des Verwaltungshandelns mit der Logik zivilgesellschaftlichen Engagements und diskutiert die daraus entstehenden Friktionen auch für die Bürgerschaft. Dies alles wird zum Teil auch vor dem Hintergrund der Mannheimer Konversionserfahrungen reflektiert.

Für die Verwaltung bedeutet mehr Beteiligung dann auch über die Dienstleistung hinaus Räume für Diskurse zu öffnen, die auch übliche Images gegenseitig abbaut und so etwas wie Change-Management eröffnet.

Zu 6. Transitdemokratie – eine Metapher der Energiewende und Erfahrung der Praxis

Der Autor setzt sich mit der Beteiligung an der Energiewende auseinander, weil am Beispiel der Energiewende demokratische Übergänge am ehesten beschreibbar sind - so Hummel. Mit Transitdemokratien umschreibt er Übergangsformen von einer parlamentarischen zu einer direkten Demokratie; und diese Übergangsformen durchziehen sämtliche Lebensbereiche und Milieus.

Es geht auch um Großprojekte, die ganze Städte verändern, wie etwas Stuttgart 21, wo nicht nur Eigentumsrechte berührt werden, sondern ganze Quartiere gravierende Veränderungen hinnehmen müssten. Plötzlich gehen auch die auf die Straße, die sonst nicht zu der üblichen Klientel gehören und die ihrem Ärger Platz machen, dass sie nicht im Vorfeld gehört wurden. Und da spielen rationale Argumente nicht immer die zentrale Rolle. Der Autor beschreibt an Hand der Situation in Mannheim, wie Betroffenheit umdefiniert wurde zum Beteiligungsanspruch aller Mannheimer, „Wertbetroffenheit“ sozusagen, keine existenzielle Betroffenheit. Es geht dann auch um den Begriff des Gemeinwohls; Gemeinwohl entsteht durch das Zusammenwirken von Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – und dieser Prozess ist nur im Rahmen transitdemokratischer Strukturen denkbar.

All dies wird ausführlich dargestellt und erörtert.

Zu 7. Utopien und demokratische Entwürfe als Gegenstand der Bürgerbeteiligung

Es gab schon immer Stadtutopien, Utopien eines besseren Lebens in der Stadt und durch die Stadt. Und Stadt ist Gesellschaft und nicht Gemeinschaft – es geht in der modernen Stadt um eine bessere Gesellschaft, um bessere und effektivere Institutionen, um integrationssichernde, rationale und institutionalisierte Strukturen und Verfahren des Umgangs miteinander. Dass sich innerhalb der Stadtgesellschaft gemeinschaftliche Strukturen in Quartieren und Nachbarschaften entwickeln, Strukturen informeller Kommunikation, nicht institutionalisierte Interaktionsstile, gegenseitige Hilfe- und Unterstützungssysteme auf informeller Basis – auch das ist zum Teil Utopie, zum Teil zunehmend auch reale Erfahrung. Der Autor setzt sich mit städtebaulichen Erscheinungsformen utopischer Lebensstilführungen auseinander und beschreibt die damit zusammenhängenden Fragen auch in Bezug auf unterschiedliche Stadtkulturen in unterschiedlichen Ländern. Auch wenn die Identifikation mit der Stadt nicht mehr unbedingt identitätsstiftend ist – man braucht auf Dauer eingerichtete lokale Lebenszusammenhänge, um sich im Alltag integriert zu fühlen, anerkannt zu fühlen, zugehörig zu fühlen. Globalisierung ist keine Alternative zur kommunikativen sozialräumlich verorteten Identitätsbildung, sondern deren Produkt und auch Voraussetzung.

Zu 8. Stadtentwicklung als Lernlandschaft

Was macht stadtplanerischen Pragmatismus aus und wo stößt er an seine Grenzen? fragt der Autor zu Beginn dieses Kapitels. Was macht die „Marke“ einer Stadt aus und ist Stadtmarketing die geeignete Form, um als Stadt auf sich aufmerksam zu machen? Und: was ist eine gemeinwohlorientierte Stadtpolitik, zu der gleichsam alle aufgerufen sind – alle Stadtbürger, alle Akteure, die Politik und wer noch? Wo kann eine Stadtpolitik sozialraumbedingte Lebensverhältnisse gestalten, wie kann sie das Soziale gestalten oder überlassen wir die ökonomische, kulturelle und soziale Kerndynamik der Stadt anderen Kräften, wo doch die Stadt nur dadurch Stadt ist, dass sie diese Kerndynamik je eigens entfalten kann?

Diese Fragen tauchen beim Lesen dieses Kapitels auf. Gemeinschaftsorientierte Wohn- und Lebensentwürfe machen noch nicht das Gemeinwohl aus – wo bleibt die kommunale Sozialpolitik und ihr Gestaltungsrahmen im Kontext von Stadtentwicklung. Kann Moderation von Prozessen und Interessen ein Kern einer kommunalen Sozialpolitik sein?

Weiter geht es dem Autor um die Franklin-Stadt, was er mit Bildern unterlegt und was er in einem weiteren Kapitel entfaltet.

Zu 9. Demokratie und Quartiersentwicklung - auf dem Weg zum Franklin-Village

Das Franklin-Village ist offensichtlich die von Konversion betroffene Kaserne der Amerikaner.

Sicher ist der Wunsch nach bezahlbarem Wohnraum vor einem anderen Hintergrund formuliert, als der nach sozialer Durchmischung. Der eine Hintergrund ist eine Frage der Wohnraumversorgung einer Stadt und welchen Zugang Menschen auf dem freien Markt zum bezahlbaren Wohnraum haben. Der andere ist vielleicht der Wunsch nach Rückkehr des Dörflichen in die Stadt - also ein völlig anderer Hintergrund. Und sicher ist die Frage ihrer Realisierung eine Frage einer Stadtentwicklungspolitik – ob sie es schafft oder nicht! Der Autor setzt sich damit auseinander und er diskutiert auch gute Voraussetzungen einer gemeinwesenorientierten Bürgerbeteiligung: Es geht um den Vorrang von Gemeinweseninteressen und nicht um den Ausschluss von Individualinteressen. Dabei werden bestimmte Phasen vorgestellt, in denen einiges realisiert werden sollte und es werden einige Indikatoren genannt, an denen man eine solche Gemeinwesenorientierung messen könnte. Auch diese Reflexion geschieht vor dem Hintergrund des Mannheimer Konversionsprojektes.

Zu 10. Zehn Thesen zu Bürgerentscheiden

Der Autor stellt zehn Thesen vor, die den Rahmen der praktischen Analyse der Bürgerbeteiligung abgeben.

Nachdem er fragt, warum die Bürgerbeteiligung unvermeidlich ist und welcher Dynamik sie heute folgt und meint, dass auch Bürgerbeteiligung keine „Risiken und Nebenwirkungen“ kennt, beschreibt er in seinen Thesen „Wege aus der Beteiligungskrise“:

  1. Die Wertegrundlagen der Demokratie „am guten Leben“ ansetzen statt Verteilungslogik.
  2. Die wirkliche Teilhabe im Blick: realistische Menschenbilder und alle in der Stadtgesellschaft im Ziel statt Lobbyismus.
  3. Bürgerbeteiligung braucht vermittelnde Akteure zwischen den Welten: neue Rollen der Bürger statt Mediatoren.
  4. Bürgerbeteiligung sucht neue Bündnisse in der Stadtgesellschaft statt aller Machtspiele.
  5. Bürgerbeteiligung braucht starke Gemeinderatsrollen und Führung.
  6. Bürgerbeteiligung braucht eigene Öffentlichkeitsarbeit statt Abhängigkeit von der heutigen Medienlandschaft.
  7. Bürgerbeteiligung braucht klare Zeit – und Ergebnisvorlagen statt Bespielung
  8. Bürgerbeteiligung ist immer im Kontext der lokalen politischen Kultur und der Milieus zu verstehen statt nur als Sachmaßnahme.
  9. Die Organisation direkter Demokratie darf für die Verwaltung nicht allein Dienstleistung sein, sondern muss der Reflexion dienen.
  10. Bürgerbeteiligung muss raus aus dem Heldenpathos und normale Prosa der Stadtentwicklung werden.

Alle Thesen werden ausführlich erörtert.

Zu 11. Botschafter der lokalen Demokratie

Hier setzt sich der Autor mit dem Grundprinzip demokratischer Kultur auseinander: auf Zeit gewählt zu sein und institutionell Verantwortung zu übernehmen – unabhängig davon, ob man sich als verantwortlicher Teil einer res publica weiterhin versteht oder nicht. Und auch der ist ein Teil der res publica, der seinen Geschäften nachgeht und in dieser Form Verantwortung für die Gemeinschaft übernimmt.

Und auch die verschiedenen Rollen - die verschiedenen Erwartungen an die Inhaber von Positionen – der Verwaltung der Politik aber auch der Bürger als Akteure gilt es zu überdenken.

Dies wird am Beispiel der Bürgerbeteiligung am Konversionsprojekt verdeutlicht. Alle Akteure haben zwar Erwartungen an die jeweils anderen, aber eben auch Erwartungen, die an sie herangetragen werden und die sie selbst erfüllen müssen, um als Akteure ernst genommen zu werden.

Zu 12. Demokratie und Urbanität der Vielfalt-Perspektiven

Was also bleibt von der europäischen Bürgerstadt, die sich als Ort der Emanzipation nur deshalb entwickeln konnte, weil eine neue Schicht der Bürger entstand, die sich als „conjuratio“ (M. Weber), als verbrüderte Verschwörung gegenüber dem Usurpator verstand? Ist sie zu einer Stadt verkommen, die nur noch an der kapitalistischen Logik der Verwertung von Arbeit, Boden und Kapital interessiert ist oder dürfen wir hoffen, dass Urbanität immer noch ein Lebensstil ist, der mit Freiheit, Präsentation, öffentlichen Diskursen in öffentlichen Räumen, öffentlicher Verantwortung u. ä. umschrieben werden kann?

Der Autor geht mit der Stadt im Kapitalismus ins Gericht – berechtigt und dennoch alternativlos, vielleicht auch perspektivlos. Gelingt Stadt auch in ihrer kapitalistischen Verfasstheit oder nicht?

Vor dem Hintergrund der „großen Fragen“ erörtert dann Hummel noch einmal seine Überlegungen zur Bürgerbeteiligung und der dahinter stehenden Diskussion. Und sicher spielen dann auch Fragen sozialer Ungleichheit oder sozial ungleicher Integrationschancen in der Stadt immer eine zentrale Rolle, wie auch immer diese Ungleichheit begründet ist: ethnisch, sozialstrukturell, soziokulturell. Aber das ist auch die Chance der Stadt. Denn Städte integrieren ihre Bürger eh´ immer nur unvollständig, ohne dass diese das Gefühl haben, deshalb nicht dazu zu gehören. Das ist keine Frage ihrer Integrationspotentiale, sondern eine Frage der spezifischen Logik von Integration und Ausgrenzung angesichts der Heterogenität, die strukturell mit der Stadt als urbanem Gebilde verbunden ist: Man ist in dem Maße integriert, wie man sich im öffentlichen Raum angemessen verhalten und präsentieren kann. Das entlastet den Integrationsbegriff und vielleicht muss auch auf dieser Basis Bürgerbeteiligung konzipiert und organisiert werden.

Diskussion

Eine kritische Auseinandersetzung mit Bürgerbeteiligung im Dreieck von Verwaltung, politischen Gremien und Entscheidungsabläufen und Bürgerwillen in einer Stadt bedarf einiger Voraussetzungen.

  1. Die Verwaltung muss in die Lage versetzt werden, nicht nur die Ansprüche einer Bürgerschaft zu respektieren, sondern auch sich kritisch reflexiv mit ihnen auseinander zu setzen. Das bedeutet auch, sich auf Kommunikationsstile einzulassen, die der Verwaltung unkonventionell erscheinen und mit der Verwaltungslogik vielleicht auch nicht immer kompatibel sind.
  2. Bürger müssen wissen, wie Politik und Verwaltung „funktionieren“, wie Politik also im Rahmen ihrer Legitimationsbemühungen gegenüber dem Bürger agiert, wie Entscheidungen getroffen werden und wie sie in Verwaltungshandeln umgesetzt werden.
  3. Politik muss sich als intermediäre Instanz zwischen Verwaltung und Bürgerwille verstehen, was nicht nur heißt, im Rahmen von Aushandlungsprozessen mit den Bürgern Entscheidungen zu fällen, sondern diese der Verwaltung auch „nahezubringen“.

Bürgerbeteiligung – und das ist einer der roten Fäden der Argumentation – ist mehr, als dass Bürger von bestimmten Entscheidungen betroffen sind – ob wertbetroffen oder existenziell betroffen – und sich dagegen wehren bzw. mitentscheiden wollen.

Bürgerbeteiligung muss zu einem integralen Bestandteil – zur Prosa – jedweder politischen Entscheidung werden und muss nicht vorher eingefordert werden, weil sie eben selbstverständlich dazu gehört. Vielleicht werden dann auch einige „Reibungsverluste“ vermieden, die der Autor des Öftern erkennt und beschreibt.

Über alle demokratietheoretischen Überlegungen hinaus müssen in modernen Gesellschaften ihre Komplexität und Differenziertheit zu in der Tat neuen Formen des Verwaltungshandelns und des politischen Entscheidens führen. Denn diese Komplexität und Differenziertheit kann gar nicht dazu führen, dass die soziale, kulturelle und politische Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung in all ihren Facetten wahrgenommen werden kann – auch von Politik und Verwaltung nicht. Das führt zwangsläufig auch zu neuen Legitimationsmustern politischen Handelns, zu neuen Kommunikationsformen mit den Bürgern und auch zu anderen Formen innerorganisatorischer Prozesse der Informationsverarbeitung und der Entscheidungsabläufe.

Und Demokratie in den Städten wird auch zu einer Herausforderung für die Stadtkultur, die auch danach fragen muss, ob der Ausschluss aus Verfahren der Bürgerbeteiligung auch ein Indikator ist für den sozialen Ausschluss, also auch zu der Frage führt, ob man deshalb auch nicht mehr dazugehört, vielleicht auch nicht mehr gebraucht wird.

Fazit

Die kritische und differenzierte Reflexion eines Praktikers über das Thema wirft viele auch theoretische und analytische Fragen auf; eine theoretische und analytische Auseinandersetzung mit dem Thema ist es unterdessen eher nicht.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 21.05.2015 zu: Konrad Hummel: Demokratie in den Städten. Neuvermessung der Bürgerbeteiligung - Stadtentwicklung und Konversion. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-1785-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18788.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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