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Georg Hans Neuweg: Das Schweigen der Könner

Cover Georg Hans Neuweg: Das Schweigen der Könner. Gesammelte Schriften zum impliziten Wissen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. 248 Seiten. ISBN 978-3-8309-3178-2. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Autor

Georg Hans Neuweg, Jg. 1965, ist Universitätsprofessor in Linz. An der dortigen Johannes Keppler Universität leitet er die Abteilung für Wirtschafts- und Berufspädagogik. Seine Arbeitsschwerpunkte: schulische Leistungsbeurteilung; Wirtschaftsdidaktik; Didaktik der Übungsfirmenarbeit; Theorie des impliziten Wissens.

Sammelband

Das Buch versammelt 13 Aufsätze, die zwischen 2000 und 2011 publiziert worden sind. Die „gesammelten Schriften“ verbindet, pathetisch ausgedrückt, eine „Mission“: Der Autor möchte die Pädagogik, namentlich die Berufspädagogik, für die Sichtweisen des impliziten Wissens, Lernens und Lehrens („tacit knowing / tacit kowledge approach“) gewinnen. Für Neuweg selbst sind der ungarisch-britische Naturwissenschaftler und Philosoph Michael Polanyi und George Ryle, Mitstreiter von Ludwig Wittgenstein und einer der namhaftesten Vertreter der analytischen Philosophie, die wichtigsten Gewährsmänner für die Theorie und Praxis des impliziten Lernens.

„Wir wissen mehr, als wir zu sagen vermögen“

Gemessen am Können, das sie an den Tag legen, also dem, was bei ihrem Tun „hinten rauskommt“, wie Helmut Kohl gesagt haben würde, wissen Menschen offenbar mehr als sie artikulieren können. Wir fahren perfekt Fahrrad, können aber nichts zu den physikalischen Gesetzen der Gleichgewichtswahrung sagen, die wir aber doch beherrschen, ansonsten kippten wir ja mit unserem Zweirad um. Hören wir, was Physiker zur Kunst des Radfahrens sagen: „Jeder auftretende Neigungswinkel ist zu kompensieren durch eine Lenkbewegung in die Richtung des Ungleichgewichts, die eine die Wirkung der Schwerkraft aufhebende Zentrifugalkraft auslöst, wobei der Radius der mit der Lenkbewegung beschriebenen Kurve dem Quadrat der Fahrgeschwindigkeit dividiert durch den Neigungswinkel entsprechen muss.“ (S: 31 u. passim) Kommentar des Autors Neuweg: „Obwohl die Regel beschreibt, wie es geht, kann man mit ihr nicht lernen, wie es geht.“ (S. 31) – Die Beziehungen zwischen Wissen und Können sind also das Thema des Buches. Im Vordergrund steht das implizite Wissen, das dem expliziten Wissen gegenüber gestellt wird. Im Vordergrund steht das „learning by doing“ und die Frage, was das „doing“ uns lehrt, im Unterschied zum „Buchwissen“ unserer Bildungsinstitutionen. Dem „Credo des tacit knowing approach“ zufolge, ist Können durch Wissen nicht vollständig instruierbar und Erfahrung nur sehr begrenzt durch Belehrung substituierbar. (vgl. S. 216)

Stummes und träges Wissen

Das implizite Wissen ist oft ein stummes Wissen; das explizite Wissen ist oft ein träges Wissen. „Während von ‚trägem Wissen‘ die Rede ist, wenn der Fähigkeit, einen Handlungsablauf verbal zu erläutern, kein entsprechendes Vermögen korrespondiert, diesen auch praktisch auszuführen, wird von ‚implizitem Wissen‘ gesprochen, wenn eine Person nur praktisch zu zeigen vermag, was sie ‚weiß‘, während sie mehr oder weniger große Schwierigkeiten hat, dieses Wissen zu verbalisieren.“ (S. 189) – Schwadroneur und Stümper scheinen bisweilen ebenso eine Einheit zu bilden wie Könner und Schweiger.

Spielarten des impliziten Wissens

Bei näherer Betrachtung lassen sich drei Varianten des „impliziten Wissens“ im tacit knowing-Ansatz unterscheiden.

  1. Intuitives, aber von den Akteuren verbalisierbares Wissen. Der Mann, der mit vier, fünf Handgriffen einen Fetzen Stoff zur Krawatte mit Windsor-Knoten bindet, macht alles richtig, ohne sich der einzelnen Schritte bewusst zu sein, die er einst mühsam gelernt hat. Ähnlich ergeht es dem, der die Schnürsenkel seiner Schuhe in hohem Tempo perfekt bindet. Er handelt „automatisch“ oder „intuitiv“, das heißt auf der Basis „in Fleisch und Blut“ übergegangenen Wissens. Aber bei Nachfrage könnte sowohl der Krawatten- als auch der Schnürsenkelbinder seine Technik erklären und in Worte fassen. Sein „implizites Wissen“ kann, da es nur „herabgesunkenes Wissen“ ist, zum „expliziten Wissen“ werden und also zum „Lehrstoff“.
  2. Nicht von den Akteuren, aber von Dritten verbalisierbares Wissen. Anders verhält es sich bei dem Vater, der von seinem kleinen Sohn vor die Frage gestellt wird: „Papa, warum sagt man laufen / gelaufen, aber nicht studieren / gestudiert?“ Obwohl der Vater das zweite Partizip Perfekt immer richtig bildet, kann er die grammatikalische Regel, die er also kennt, nicht benennen. Das implizite Wissen ist für ihn nicht explizierbar. Allerdings könnte ihm ein Dritter auf die Sprünge helfen, ein Germanist oder ein Deutschlehrer. Über Dritte kann das implizite Wissen in ein explizites Wissen überführt werden. Mithin kann man es dann auch lehren.
  3. Weder von den Akteuren noch von Dritten verbalisierbares Wissen. Aber es gibt auch ein implizites Wissen, das weder durch seinen „Inhaber“ noch einen Dritten explizierbar ist. Gemeint ist das erfahrungsgebundene Wissen, das allein durch wiederholtes Tun sich bildet und zu einem „Gespür“ für das Richtige in der jeweiligen Handlungssituation führt, und zwar bei jedem einzelnen unterschiedlich und oft stark abweichend vom „Rezeptbuchwissen“. „Tacit knowledge“, das heißt „stilles Wissen“, bezeichnet im engeren Sinne genau diese Wissenssorte. Solches Wissen, das über das in Schulen vermittelte „Buchwissen“ weit hinaus geht und nur durch kontinuierliche Erfahrung sukzessive aufgebaut wird.

Explikations- und Subjektivierungsproblem

Das eng mit der Person seines Erwerbers verknüpfte implizite Wissen kann, zumal es weder von ihm noch von Dritten angemessen formulierbar ist, nur schwer weitergegeben werden. Der Könner und nur implizit Wissende hat ein echtes „Explikationsproblem“.

Im Unterschied zum bewunderten Könner hat der bewunderte Viel-Wisser kein Explikations- sondern ein „Subjektivierungsproblem“. Im Buch ist von einer Erziehungswissenschaftlerin die Rede, die eine ausgewiesene Expertin über die produktiven Funktionen von „Humor im Unterricht“ ist. Als sie einen Vortrag über ihr Spezialthema hält, fällt den Zuhörern der staubtrockene Ernst und das Fehlen jeglichen Humors unangenehm auf, weshalb man ihr unterstellt, dass sie das, was sie predigt, selbst nicht kann. Dagegen wäre kritisch einzuwenden: Muss der Wegweiser mehr als den Weg weisen? Muss er ihn auch gehen?

Meisterlehren

Das, was der Könner kann, auch anderen beizubringen, ist pädagogisch wünschenswert: Wie können wir vom exklusiven Erfahrungswissen anderer lernen? Wie kann man, angesichts des „Schweigens der Könner“, das Erfahrungswissen didaktisch vermittelbar machen?

Der fortgeschrittene Skifahrer, heißt es im Buch (vgl. S. 73), folgt nicht den Regeln des Skifahrens besser als der Anfänger, „er fährt vielmehr ganz anders Ski.“ Die in seinem Körper gespeicherten Erfahrungswerte erlauben ihm fließende und harmonische Bewegungen, während der Anfänger, der sich auf das Einmaleins des Skifahrens konzentriert, sich ruckartig, abrupt und unbeholfen bewegt. Der Spruch „Erst die Übung macht den Meister“ könnte man so interpretieren: Der Könner hat die Regeln vergessen, nach denen er sich bewegt; er hat sie vielmehr „einverleibt“, sich in einzigartiger Weise zu eigen gemacht; darum bewegt er sich geschmeidig und scheinbar leicht.

Kann man das „Einverleiben“ lehren und Lernen? Können andere einem beim „Einverleiben“ dessen helfen, was man gewillt ist, begeistert zu tun?

Neuweg plädiert für die Einrichtung von so genannten „Meisterlehren“ und wendet diese Idee auf die Ausbildung von Lehrern an: Statt Interessenten für den Lehrerberuf zu allererst ins Lehramtsstudium auf die Universität zu schicken, sollte man sie zu einem erfahrenen Lehrer in die Lehre schicken, vereinfacht ausgedrückt. Natürlich wendet sich Neuweg nicht radikal gegen universitäres Buchstudium, aber er möchte eine Aufwertung der „Praxis“ im Lehramtsstudium durchsetzen. Denn die wahren Könner unter den Lehrern „können das, was sie wissen, oft nicht sagen, aber sie können es uns zeigen“. (vgl. S. 38) Und der wissbegierige Lehramtsstudent ist angehalten, „achtsam“ und „horchsam“ zu sein, zu „entdecken“ statt „nachzubeten“, zu „machen“ statt zu „reden“ und sich „einzulassen“ auf den Meister. Mit Michael Polanyi gesprochen: „Indem er dem Meister zuschaut und seinen Bemühungen in Gegenwart seines Beispiels nacheifert, erwirbt der Lehrling unbewusst die Regeln der Kunst, darunter auch jene, die der Meister nicht explizit kennt.“ (S. 62) – Das Lernen am routinierten Modell sollte für die Lehrerausbildung unverzichtbar sein, auch wenn dem „Buchwissen“ dabei so mancher intellektualistische Zacken aus der Krone gebrochen wird.

Didaktische Konsequenzen

Eine Sensibilisierung für das Wissen, das durch Vorbilder weitergegeben und durch Übung und persönliche Erfahrung erworben wird, verlagert das lerndidaktische Interesse in erheblichem Maße vom Lernen in unterrichtsähnlichen Situationen auf ein Lernen in Funktionsfeldern, vom Lernen durch Beschreibung auf das Lernen durch Bekanntschaft, vom Lernen mit entpersonalisierten Medien der Wissensbewahrung auf ein Lernen im Face-to-face-Kontakt zwischen Experten und Novizen und vom Lernen durch die Mitteilung von Abstraktionen auf ein Lernen durch komplexe Aufgabenstellungen und paradigmatische Fälle. (vgl. S. 167) Auch prüfungsdidaktisch hätte das Konsequenzen. Lernende müssten dann Gelegenheit erhalten zu zeigen, was sie wissen, statt einfach verbale Fragen darüber zu beantworten.

Fazit

Das Buch ist ein überzeugendes Plädoyer gegen die – im Buch so genannte – „intellektualistische Legende“, die behauptet, um anderen beizubringen, wie etwas geht, genüge es, ein bewährtes Regelwissen vorzutragen oder aufzuschreiben, durch dessen Rezeption andere dann quasi automatisch zu Kennern und Könnern zugleich würden. Gelegentlich neigt der Verfasser dazu, diese Auffassung (von der man gern wüsste, wer sie in dieser Naivität denn heute noch vertritt) geradezu lächerlich zu machen, indem er zu schrägen Vergleichen greift und zum Beispiel die Vögel anruft, die nichts vom Fliegen wissen, es aber können, während die Ornithologen alles über Vögel wissen, aber nicht einmal fliegen können. „Das Schweigen der Könner“ ist zweifellos ein wunderbarer Titel! Der Anteil des „impliziten Wissens“ an menschlicher Könner- und Meisterschaft wird in dreizehn Anläufen aufgedeckt und entfaltet. Mit erheblichen Redundanzen, das heißt Wiederholungen an Formulierungen und Beispielen, die den Leser gelegentlich nerven, im Wesentlichen aber zur Vertiefung seiner neu gewonnenen Einsichten beitragen.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 03.08.2015 zu: Georg Hans Neuweg: Das Schweigen der Könner. Gesammelte Schriften zum impliziten Wissen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. ISBN 978-3-8309-3178-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18794.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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