socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Verlagskooperative Lavaca (Hrsg.): Sin Patrón - Herrenlos - Arbeiten ohne Chefs

Cover Verlagskooperative Lavaca (Hrsg.): Sin Patrón - Herrenlos - Arbeiten ohne Chefs. Instandbesetzte Betriebe in Belegschaftskontrolle - Das argentinische Modell: besetzen, Widerstand leisten, weiterproduzieren. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2015. 251 Seiten. ISBN 978-3-940865-64-9. D: 19,00 EUR, A: 19,00 EUR, CH: 21,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autoren

Das Buch ist im Original herausgegeben vom Verlagskollektiv Lavaca in Buenos Aires, das in zehn Kurzgeschichten sog. „recuperaciónes“, d.s. Instandbesetzungen in der Zeit nach 2001 durch argentinische Autoren beschreibt. Die Autoren berichten aus zehn erfolgreichen Beispielen.

Thema und Zielsetzung

Die Autoren erzählen in zehn Kurzgeschichten in sehr einfacher und nachvollziehbarer Form. wie Belegschaften ihre von den Eigentümern geschlossenen Betriebe wieder „instandbesetzt“ haben und so Arbeitsplätze in der Region erhalten haben. Die Belegschaften konnten so nicht nur die Produktion wieder aufnehmen und weiterführen, sondern auch Arbeitsplätze in der Region erhalten. In dem sich die Arbeitnehmer selbst organisierten, führten sie auch im Sinne der Selbstorganisation neue Formen der Entscheidungsfindung, des Informationsflusses und der Entlohnung ein. Das ist – neben dem klassenkämpferisch anmutenden Hintergrund – der eigentlich spannende Inhalt an diesem Buch. Es braucht auch bei selbstorganisierten Organisationen eine Form der Arbeitsteilung und eine Transparenz der Entscheidungsfindung sowie der dazugehörigen Entscheidungsbefugnisse.

Inhaltlicher Überblick

Im Vorwort des Übersetzers wird die Frage der Übertragbarkeit auf europäische Verhältnisse diskutiert und Beispiele angeführt, wie ein Zusammenschluss von Personen zu einem funktionierenden Unternehmen auch in Griechenland oder der BRD funktionieren kann. Spannend dabei sind immer wieder Aussagen, wonach die Rolle des (fehlenden) Unternehmers zunächst auf initiative Personen und dann auf alle MitarbeiterInnen übergeht. Im Vorwort geht der Übersetzer auch auf den historischen Hintergrund Argentiniens mit seinen prekären Arbeitsverhältnissen und dem wenig ausgebauten Sozialsystem ein. Der Übersetzer geht auch auf die missverständliche Formulierung von „sin Patrón – herrenlos“ ein, wobei er deutlich macht, dass es eigentlich um die Funktion des Eigentümers und Geldgebers ging, der finanzielle Beträge aus dem Unternehmen herauszog und sich nicht auf die Sozialfunktion des Unternehmens bis hin zu Kulturzentren, Polikliniken und Schulen besann. Diese fehlende Infrastruktur und die damit verbundenen Ungleichheiten waren dann auch der Humus bzw. der Auslöser von Konflikten sowie die Grundlage für die Entwicklung selbstorganisierter betriebliche Kulturen – ein job rotation auch der Führungskräfte eingeschlossen.

In der Einleitung wird von der Verlagskooperative selbst eine Ansammlung von Kurzgeschichten zum Thema Veränderung und Klassenkampf geboten. Interessant ist dies vor allem aus dem Blickwinkel der Selbstorganisation. Insgesamt wird der historische, soziale und wirtschaftliche Background in Argentinien einem Außenstehenden verständlicher. Dies ist auch notwendig, wenn es um die Übertragung der Ideen nach Europa geht.

Anschließend werden exemplarisch zehn Beispiele aus Unternehmen bzw. Regionen vorgestellt, wobei die Schilderungen wenig wissenschaftlich reflektiert scheinen. Die durchaus spannenden Geschichten gehen auf Schlüsselfaktoren ein, die ein Wiederbeleben der Betriebe ermöglichten.

Das nachfolgende Interview mit dem Aktivisten Eduardo Murúa macht es deutlich, dass es anfangs immer wieder darum ging, dass die Arbeiten zwar die Maschinen bedienen konnten, aber das Managementwissen von der Organisation, vom rechtlichen Rahmen bis hin zum Marketing weitgehend fehlte. Immer wieder bedurfte es des Aushandelns neuer Regeln zur Selbstorganisation. Daran sind auch viele Initiativen gescheitert, auch wenn Unterstützungsstrukturen für neu startende besetzte Betriebe entstanden. Auch die Rolle der Gewerkschaften wird des öfteren kritisch diskutiert.

Abgesehen von den 10 Geschichten, die als „Story telling“ bezeichnet werden können, ist am Ende des Buches ein Artikel zur Selbstverwaltung und das kollektive Management platziert. Hier werden Fragen zur Entwicklung dieser Betriebe und dieser Bewegung diskutiert. Etwa inwieweit diese selbstverwalteten Betriebe nur ein Krisenphänomen sind, wie die Entwicklung nach der Krise ist/war und wo die besetzten Betriebe heute stehen. Waren es 2001 etwa 31 Betriebe so stieg ihre Anzahl auf 311 im Jahr 2013. Die Anzahl der Beschäftigten stieg von etwa 7000 um Jahr 2004 auf fast 14.000 im Jahr 2013.In einem weiteren kurzen Abschnitt wird der rechtliche Teil angesprochen und daran anschließend auf die Produktivität eingegangen. Ebenso folgt dann die Erläuterung der Funktion der besetzten Betriebe als Zulieferer sowie deren klassische Integration in Wertschöpfungsketten. Abschließend wird noch auf die Gestaltung des Arbeitsprozesses, die Lohnfindung und die Selbstverwaltung eingegangen.

Fazit

Die besetzten Betriebe und deren Fortführung als Kooperativen sind für Argentinien ein unglaublicher Erfolg und konnten in den besten Fällen die Unternehmen zu sozialen Zentren ausbauen. Liest man das Werk mit ein wenig Abstand vom Klassenkampf, so ist es spannend, wie – im Erfolgsfall – die Funktion des verantwortungsvollen Unternehmers in alle Arbeitnehmer des jeweiligen Betriebes übergegangen sein muss. Der Arbeitnehmer als Unternehmer im eigenen Unternehmen findet sich interessanterweise auch in Unternehmen, die eine Kultur der lernenden Organisation oder des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses leben. Auch sie sind erfolgreich.


Rezension von
Prof. Dr. Paul Brandl
Studiengang Sozial- und Verwaltungsmanagement (SVM). Masterstudiengang Services of General Interest (SGI). Koordinator des Studiengangs Sozialmanagement. FH OÖ-Studienbetriebs GmbH, Campus Linz
Homepage www.fh-ooe.at
E-Mail Mailformular


Alle 75 Rezensionen von Paul Brandl anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Paul Brandl. Rezension vom 22.05.2015 zu: Verlagskooperative Lavaca (Hrsg.): Sin Patrón - Herrenlos - Arbeiten ohne Chefs. Instandbesetzte Betriebe in Belegschaftskontrolle - Das argentinische Modell: besetzen, Widerstand leisten, weiterproduzieren. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2015. ISBN 978-3-940865-64-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18798.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung