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Udo Sierck, Nati Radtke: Dilemma Dankbarkeit

Cover Udo Sierck, Nati Radtke: Dilemma Dankbarkeit. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2015. 148 Seiten. ISBN 978-3-940865-92-2. D: 16,00 EUR, A: 16,00 EUR, CH: 18,00 sFr.
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Thema

In dieser Veröffentlichung geht es um Dankbarkeit in den vielfältigsten Formen. „Das aktuelle Nachschlagewerk ‚The International Encyclopedia of Ethic‘ meint, dass ‚Dankbarkeit der innere Gradmesser des Herzen(s – CR) ist, der ausschlägt, wenn wir mehr bekommen als wir im Austausch zurückgeben‘. Sollte diese Definition zutreffen, wären Personen, die auf regelmäßige Unterstützung angewiesen sind, zur permanenten Dankbarkeit verpflichtet“ (S. 9). „Diese Untersuchung nähert sich den Phänomen der Dankbarkeit historisch und aktuell aus verschiedenen Perspektiven. Die kritische Analyse ist mit Blick auf Inklusion überfällig. Wenn es zutrifft, dass Dankbarkeit Abhängigkeit nach sich zieht, gibt es keinen vernünftigen Grund dankbar zu sein“ (S. 17).

Autor und Autorin

Udo Sierck ist Diplom-Bibliothekar, Dozent und Publizist. Zusammen mit der Zweitautorin ist er Geschäftsführer des Café & Restaurant Lotte in Hamburg.

Nati Radtke ist Kreative Kunst- und Leibtherapeutin und freischaffende Künstlerin. Sie studierte Informatik und Illustration und war von 1988 bis 2008 Geschäftsführerin des Rö-pers-Hof-Cafe.

Beide Autoren können zahlreiche Veröffentlichungen vorweisen und beide sind, als selbst betroffene Experten in eigener Sache, seit vielen Jahren in der politischen Behindertenbewegung aktiv.

Aufbau

  1. Dankbarkeit – die gemeinste Eigenschaft der Welt?
  2. Dankbarkeit in Philosophie und Literatur
  3. Dankbarkeit als christliches Ritual
  4. Dankbarkeit und Esoterik
  5. Dankbarkeit kontra Emanzipation
  6. Dankbarkeit und Wissenschaft
  7. Dankbarkeit und Gerechtigkeit

Inhalt

Der Frage, ob Dankbarkeit die gemeinste Eigenschaft der Welt ist, gehen die Autorin und der Autor über die Entwicklung der Dankbarkeit beim Menschen nach. Sie bemühen beispielsweise, den schottischen Philosophen, Ökonomen und Historiker David Hume aus dem 18. Jahrhundert, das Damen-Conversations-Lexikon von 1835, wonach Dankbarkeit eine Pflicht darstellt, das Wörterbuch von Hermann Paul von 1896 oder Sprichwörter, um sich dem Begriff anzunähern.

Dankbarkeit bedeutet, sich klein zu machen, sich klein machen zu müssen: „Das Mädchen macht einen Knicks und geht in die Knie, der Junge macht einen Diener und beugt den Kopf“ (S. 12). In der Dankbarkeit spiegelt sich so ein Verhältnis von oben mach unten und das ist das Verhältnis von Abhängigkeit und Ohnmacht.

In der Behindertenbewegung ist Dankbarkeit seit fast 40 Jahren ein Thema. „Der Begriff wurde zunächst ironisch aufgegriffen, als es auf Aufklebern hieß: ‚Behinderte sind dankbar, lieb und ein bisschen doof‘“ (S. 13).

Das Autorenduo befasst sich mit dem Verhältnis der Dankbarkeit zur Inklusion. „Hinter dem Schlagwort der Inklusion verstecken sich traditionelle Denkmuster, die entwürdigen. Offene Diskriminierung ist gegenwärtig nicht korrekt und wird durch subtile Wertungen ersetzt. Behinderte Menschen gelten als Dankbarkeits-Apostel, die der Aufwertung jener dienen, die sich mit ihnen abgeben“ (S. 13 f.).

Da Behinderteninitiativen gegenwärtig Nachwuchssorgen haben, sehen sich Sierck/Radtke zu der Frage genötigt, ob Behinderte wieder brav und dankbar geworden sind.

Eine Erziehung hin zur Dankbarkeit verhindert das NEIN-sagen. „Diese[…] Verhaltensweise verfestigt sich, je länger Abhängigkeitsverhältnisse erlebt werden. Das Verständnis, Rechte zu haben, fristet ein untergeordnetes Dasein“ (S. 16).

Die Betrachtung der Dankbarkeit in Philosophie und Literatur beginnt noch vor Christi Geburt mit Marcus Tullius Cicero, Lucius Annaeus Seneca und Aristoteles und geht über den Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola, nach dem Undankbarkeit ein Vergessen der Gnade, der Wohltaten und der Segnungen bedeutet, Immanuel Kant - Dankbarkeit ist die Achtung des Verpflichteten den Wohltätern gegenüber –, den Lyriker Friedrich von Hagedorn, den Bibliothekar und Dichter der Aufklärung Gotthold Ephraim Lessing – und hier wird sich auf die Fabel „Die Eiche und das Schwein“ bezogen – bis hin zu Andreas Steinhöfels Jugendbuch „Der mechanische Prinz“, Tove Janssons Erzählung „Die Geschichte vom unsichtbaren Kind“ und Thomas Hettsches Roman „Pfaueninsel“.

Dankbarkeit und christliches Ritual beginnt mit einem Flugblatt aus dem 16. Jahrhundert, das Thomas Schweicker, Stadtschreiber von Schwäbisch-Hall, porträtiert. „Religionen und spirituelle Gruppen basieren […] darauf, eine unerreichbare Figur anzubeten. […] Gott wird die Fähigkeit zuerkannt, die irdischen Dinge zu schaffen, die Natur beeinflussen und die menschlichen Angelegenheiten regeln zu können“ (S. 71 f.). Für diese Fähigkeit ist Gott Ehrerbietung zu erweisen, die sich in Dankbarkeit ausdrückt, wie sie in zahlreichen Gebeten und religiösen Ritualen vorkommen, als da beispielsweise wäre der Fußkuss, der Kuss auf den päpstlichen Pantoffel oder der Kuss auf den Fischerring.

Dankbarkeit kann – und das macht die Geschichte der Behindertenhilfe deutlich – aber auch über das Scheckheft gekauft werden. „Und das war gleichzeitig ein Ausdruck für die Dankbarkeit der Spender darüber, dass behinderte Menschen ihren Alltag nicht störten“ (S. 75).

Zur Sprache kommt die behinderungserfahrene Schriftstellerin Christa Schlett, die ironisch ihre Erfahrungen mit der christlichen Nächstenliebe auf den Punkt trifft, denn „als Nehmende sei sie doch jederzeit zu unterwürfiger Dankbarkeit und Katzbuckeldienerei verurteilt“ (S. 78).

Der Theologe und Psychotherapeut Bernd Deininger spricht mit Bezug auf Sigmund Freud bei der Verwendung von kirchlichen Ritualen von einer Zwangsneurose, einer kollektiven Zwangsneurose.

Dankbarkeit und Esoterik ist die notwendige Folge nach der christlichen Dankbarkeit. Zunächst wird die heilende Kraft des Dankens in den Blick genommen, so wie Angela Schäfer sie als den Weg in das Glück begreift. Nach einem Verweis auf das Mindstyle Magazin „happinez“, zum Wunder der Dankbarkeit, wird sich auf die Sozialpsychologin Claudia Barth bezogen, die eine Untersuchung zu den Gründen und den Personengruppen für esoterische Angebote durchgeführt hat.

Es geht um Dankbarkeit als Befriedungsstrategie für gescheiterte individuelle Lebensentwürfe. So ist dann auch der Dankesbrief zu verstehen, der einer Kündigung der Arbeitsstelle folgt oder wenn die Dankbarkeit, gesund zu sein, den Arztbesuch ersetzt. Dankbarkeit schützt vor Depressionen, Angststörungen und Alkoholabhängigkeit.

Zwei Ansätze der esoterischen Dankbarkeit werden der Leserin und dem Leser dargeboten:

  1. der Count-your-blessings-Ansatz, wonach zur Optimierung der Dankbarkeit als Grundgefühl einmal täglich oder wöchentlich über einen Grund zur Dankbarkeit nachgedacht werden soll;
  2. der Expression-of-gratitude-Ansatz: „Quasi missionarisch sollen durch ‚nette Gesten, Gespräche oder Briefe‘ auch andere von der eigenen Dankbarkeit erfahren“ (S. 90).

Immer soll eine gute und dankbare Laune verbreitet werden. Missstände gilt es unter keinen Umständen zu kritisieren, denn „wen interessieren im Beglückungsrausch schon die Miseren einer Heimsituation“ (S. 91)?

Sierck/Radtke widmen sich in diesem Abschnitt weiter den buddhistischen Weisheiten und der Entspannungstechnik Eutonie.

Mit dem Beginn der institutionellen und überkonfessionellen Krüppelfürsorge war die Dankbarkeit, hier im Abschnitt Dankbarkeit kontra Emanzipation, ein vorherrschendes Thema. Oskar Pintsch, der 1906 quasi den finanziellen Grundstock für die Errichtung des ersten Krüppelheims, des Oskar-Helene-Heims in Berlin legte, wurde für seine bereitwillige Finanzierung Dankbarkeit erwiesen. Direktor des Oskar-Helene-Heims war der Orthopäde Konrad Biesalski. Biesalski erklärte die Dankbarkeit zum gemeinschaftsstiftenden Wert.

Wir lernen den Umgang mit Dankbarkeit des weltweit bekannten und ohne Arme lebenden Violinspielers Carl Hermann Unthan kennen. Hier stellen die Verfasserin und der Verfasser am Ende fest, „dass intelligente behinderte Personen zur übersteigerten Selbstdarstellung neigen. Und dass das potenzielle Klientel erfolgreich und selbständig statt abhängig und dankbar ist, mochte das pflegende Personal nicht ertragen“ (S. 100), denn die Fürsorge erwartet Dankbarkeit für ihre Leistungen. Ein Hauptanliegen der Krüppelfürsorge war die Erziehung zur Dankbarkeit, denn „wer […] biologisch bedingt der Dankbarkeit zugetan ist, kann keine normalen Gefühle haben“ (S. 103).

Mit der Dankbarkeit werden dann auch die Euthanasiemorde in Verbindung gebracht, weil sie oft als dankbare Erlösung betrachtet wurden.

Der Dankbarkeit widmete sich 1974 Ernst Klee in seinem Behinderten-Report, in dem er ausführt, dass sich die Behinderten fast durchgängig von Eltern und Verbandsfunktionären gängeln ließen, Wer hier Undank erkennen ließ wurde verstoßen. Unser Müsterkrüppelchen ist dankbar, lieb, ein bisschen doof, leicht zu verwalten und zu pflegen.

Ein Wandel der Darstellungsweisen war Anfang der 1970er Jahre in der gesellschaftlich oppositionellen Behindertenbewegung erkennbar. Die Behinderten waren durch ihr Verhalten zynisch, argwöhnisch, undankbar, verbittert und aggressiv.

Hilfe und Unterstützung verwandelte sich in Diskriminierung. Es wurde zur Undankbarkeit aufgerufen. Dankbarkeit ist nicht Teil einer gleichberechtigten Beziehung. Sie drängte den Nichtbehinderten in eine Helferrolle. Als guter Helfer opfert er sich für die Behinderten auf.

Als gelernter Behinderter muss man in bestimmten Situationen Dankbarkeit und Hilflosigkeit spielen, damit den Vorstellungen nicht behinderter Menschen entsprochen wird. Damit ist auch die Unfähigkeit Nein zu sagen begründet. Eine angebotene Hilfe abzulehnen bedeutet nämlich für die Behinderten einen enormen Kraftakt. „Es ist liebenswürdiger, Hilfe zu akzeptieren, als sie in einer Bemühung, Unabhängigkeit zu beweisen, abzulehnen“ (S. 118).

Dankbarkeit und Wissenschaft wird aus dem Blickwinkel Robert A. Emmons´ betrachtet. „Seiner Überzeugung nach haben dankbare Menschen ein höheres Maß an positiven Emotionen wie Freude, Liebe, Glück und Optimismus“ (S. 128).

Mit einer Dankesbotschaft an die amtierende Bundeskanzlerin schließt dieses Kapitel ab, indem der Text „Einfach mal Danke sagen“ von Holger Schmale aus der Frankfurter Rundschau vom 16.10.2013 abgedruckt ist.

Dankbarkeit und Gerechtigkeit im Neoliberalismus ist der dankbare Blick zur Obrigkeit hin, der eigene Kompetenzen verschüttet. Diese Form der Dankbarkeit macht die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit immer drängender. Für behinderte und alte Menschen werden durch die permanente Leistungsoptimierung prekäre Situationen geschaffen. Es kommt so zu einer Entwicklung, in welcher jedwede Handlung und jeder Lebensumstand nach deren Gewinn bzw. Nutzen beurteilt wird – und das bedeutet gesellschaftlichen Ausschluss bzw. Exklusion.

Mit Bezug auf Martha Nussbaum werden philosophisch Grenzgebiete erkundet. Hier wird sich der Gerechtigkeitsfrage gegenüber Menschen mit Behinderung gewidmet.

Das Kapitel und das Buch schließt mit: „Das ‚Danke!‘ als höfliche Geste ohne Anflug von Unterwerfung wird […] zur sympathischen Reaktion zwischen Personen, die sich auf gleicher Ebene begegnen“ (S. 139 f.).

Fazit

Die Publikation fasst eine Vielzahl von Dank-Situationen auf. Gerade für Behinderte ist das Danke sagen kein unbekanntes Phänomen. Es wird erwartet und wird von den „dankbaren“ Behinderten oft unbewusst gesagt. Die Publikation scheint für den Disability-Bereich längst überfällig und stellt hierfür eine Bereicherung dar.

Lesen sollen dieses Buch die Menschen, die sich mit Behinderten beschäftigen werden oder gegenwärtig beschäftigen und die vielleicht ständig Dankbarkeit erwarten und Undank ernten und dann sanktionieren.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 07.05.2015 zu: Udo Sierck, Nati Radtke: Dilemma Dankbarkeit. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2015. ISBN 978-3-940865-92-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18799.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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