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Dieter Lenzen: Bildung statt Bologna!

Cover Dieter Lenzen: Bildung statt Bologna! Ullstein Verlag (München) 2014. 108 Seiten. ISBN 978-3-550-08075-3. 9,99 EUR.
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Thema

Der Pädagoge und Bildungstheoretiker Dieter Lenzen votiert in seinem Büchlein für ein Bologna 2.0. Die nicht mehr rückgängig zu machende Bolognareform müsse durch eine Rückkehr zum Bildungsanspruch deutscher Universitäten in der Tradition von Wilhelm von Humboldt verbessert werden. Dass diese Rückkehr oder Reaktivierung nicht so ohne Weiteres möglich ist, gesteht Lenzen selbst ein. Denn mit dem Humboldt´schen Bildungsideal gerät man auch in Kontakt mit dem Selbstverständnis des selbstzufriedenen Bürgers und dessen Hang zum Pathos. Insofern gleicht der Argumentationsgang von Lenzen einer Doppelbewegung, die erst markige Bestimmungen vorträgt, wenn er beispielsweise „allgemeine Menschenbildung (vulgo Persönlichkeitsbildung)“ vom akademischen Unterricht verlangt, aber gleichwohl auch jedem Einzelnen die Pflicht zur „Selbstbildung“ verordnet.

Inhalt

Offenbar ist Lenzen die Verengung von Studiengängen im Sinne von „employability“ – die er mit Berufsfähigkeit wiedergibt – ein Dorn im Auge. Diese Verengung lastet er dem Import des angelsächsischen Bachelormodells nach Kontinentaleuropa an. Insofern ist seine Erklärungsstrategie einfach: Wir müssen die Überfremdung der deutschen Universitäten durch das Bachelormodell erweitern, indem wir ihm die Erkenntnisorientierung Humboldts hinzufügen. Also aus dem berufsorientierten Bachelor (des alten Bologna) mache durch die Hinzufügung von Humboldt eine „nachhaltige Universität“ wie auch eine „nachhaltige Wissenschaft“ (S. 101). Aus der anfängliche Alternative „Bildung statt Bologna“ wird am Ende eine additive Empfehlung: Bologna + Bildung (à la Humboldt) = Bologna 2.0.

Hinzu kommen Empfehlungen, die alte Recken Humboldt´scher Bildungsideale gern vertreten: Akademische Freiheit – die Lenzen unorthodox versteht, nicht nur als Freiheit von Forschung und Lehre, sondern als Widerstand. Lehrende wie Lernende müssten sich die „akademische Freiheit“ zum Widerstand, zu einer „eleganten Form der Verweigerung“ (S. 89) nehmen, gewaltfrei versteht sich gegen Bürokratisierung und Ökonomisierung. Da wundert sich mancher, denn so viel Gegenwehr war selten von einem Universitätspräsidenten und klassischem Bildungsvertreter zu hören. Redet da ein Spätachtundsechziger? Verwunderlich auch, wie freimütig und schon fast halsbrecherisch er von seiner guten alten Zeit als Werkstudent in einer Pralinenfabrik redet; in der er und seine Mitkämpfer (vulgo für „Kommilitonen“) fanden, sie seien schlecht bezahlt und sich durch Boykottmaßnahmen rächten. „ … gelegentlich zerschlugen wir mit einem Hämmerchen an der Verpackungsstraße die frisch eingefüllten Pralinen … und besonders Übermütige brachten tote Mäuse mit, die sie in einzelne Schachteln steckten, nachdem sie die Pralinen verzehrt hatten.“ (S. 99) Ein dummer Jungenstreich oder klamm heimliche Freude über die Schädigung der Bourgeoisie? Dem sonst geschmähten Qualitätsmanagement, einer der bösen Buben von Bologna 1.0, wird dann doch zugestanden, dass es „ dem Treiben ein Ende machte.“ (ebd.)

Das flott geschriebene und leicht zu lesende Buch bleibt in seiner Überpointierung des vermeintlichen Gegensatzes von „Bildung oder Bologna“ auf halbem Wege stecken. Die Schwächen von Bologna werden gesehen, aber seine Chancen nicht. Allzu schnell ist Lenzen dann doch wieder beim alten Humboldt und reiht dann Gegensatzpaare aneinander; Allgemeinbildung oder auch nur Bildung vs. Berufsausbildung, Menschenbildung statt bloße Ausbildung, Erkennen/Lernen/Forschen statt Auswendiglernen/Konsum fertiger Erkenntnisse/soft-skills und was immer an schlichten Entgegensetzungen sich noch anführen lässt. Dass Kompetenzen nur dann gedeihen, wenn Haltungen schon vorhanden sind – auch die so von ihm genannten wissenschaftlichen Haltungen – ist eine unbestreitbare Binsenweisheit. Interessant auch, dass Lenzen im Verlauf seiner Auseinandersetzungen sich weit dem anderen Standpunkt annähert und Bologna 1.0 zu einem neuen Namen verhilft: „akademische berufliche Bildung“ (S. 82). Na also! Wenn es in Deutschland eine viel gelobte „berufliche Bildung“ gibt, dann kann es doch auch eine „akademische berufliche Bildung“ geben. Nichts anderes geschieht in Jura, Medizin, Theologie: Sie sind berufsqualifizierende Fächer. Geht doch! Vielen Dank Herr Lenzen! Wir sind nicht weit voneinander entfernt. Denn die anderen bildungstheoretischen Ziele, die der Aufklärung entstammen, sind durchaus mit Bologna vereinbar. Freiheit, Selbstbestimmung, Selbstbildung, Anerkennung haben in dem Vokabular von Bologna 1.0 eine wichtige Funktion.

Diskussion und Fazit

Das Buch krankt an seiner wenig durchdachten Positionierung. Viel Zeit wird verloren durch Aufbau von Gegensätzen zwischen Bologna 1.0 und Bildung, wobei doch die interessantere Frage gewesen wäre, wie kann die Transformation in Bologna 2.0 durch Bildung gelingen? Lösen sich dann die vorher aufgebauten Gegensätze auf? Wohl nicht! Aus dem Grunde kommt Lenzen auch mit einer neuen Kampfvokabel: „nachhaltige Universität“. Nachhaltigkeit gibt es auch in der tertiären Bildung! Ich halte das für einen schlechten Taschenspielertrick – denn war Bologna 1.0 nicht nachhaltig? Lenzen bleibt viele Antworten schuldig! Was fehlt, ist eine Antwort auf die Frage: Wie denn? Der zweimalige Präsident (FU Berlin und zurzeit Uni Hamburg) sagt nichts darüber, wie man das in Universitäten mit mehr als 15.000 Studierenden anstellen will. Daran hatte schon die Existenzphilosophie von Karl Jaspers ihre Mühe; der Weg in die Existenz kann nur als Appell formuliert werden. Den Schritt dorthin obliegt als unendliche Aufgabe jedem Einzelnen. Was passiert, wenn der Ruf nach Bildung in der Bolognauniversität ausgerufen wird? Er wird in überfüllten Hörsälen nur dann vernehmbar, wenn sie nicht mehr überfüllt sind. Und wer sind denn die Bildungsträger, die in den Unis aus Bologna 1.0 ein Bologna 2.0 machen? Hier spricht der Präsident alter Schule, der einige Spruchbänder entfaltet, aber noch keine Konzeption zur Umsetzung seiner ehrenwerten Ziele hat. Genau das brauchen wir!

Die bloße Verknüpfung von Impulsvorträgen, die Lenzen in den letzten 5 Jahren gehalten hat, macht vielleicht ein Buch – aber nicht eines, das irgendetwas an Bologna 1.0 verbessert.


Rezensent
Prof. Dr. Knut Eming
SRH Hochschule Heidelberg/KIT (Karlsruher Institute of Technology)
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Zitiervorschlag
Knut Eming. Rezension vom 07.09.2015 zu: Dieter Lenzen: Bildung statt Bologna! Ullstein Verlag (München) 2014. ISBN 978-3-550-08075-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18805.php, Datum des Zugriffs 28.06.2017.


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