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Niko Huhle, Teresa Huhle (Hrsg.): Die subversive Kraft der Menschenrechte

Cover Niko Huhle, Teresa Huhle (Hrsg.): Die subversive Kraft der Menschenrechte. Rainer Huhle zum radikalen Jubiläum. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2015. 451 Seiten. ISBN 978-3-86585-051-5. D: 33,90 EUR, A: 34,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Radikal? Radikal!

Im gesellschaftlichen Mit- und Gegeneinander gibt es überall in der Welt Ereignisse, Anlässe, gemachte und veranlasste Situationen, die sich als individuelle und kollektive Schicksale von Menschen darstellen. Sie sind geprägt von den menschlichen Eigenschaften, die sich als Anpassung und Erduldung, wie auch als Widerstand und Auflehnung artikulieren. Bei der Ursachensuche und Reflexion darüber, wie wir geworden sind, wie wir sind, uns gemacht haben und gemacht wurden, stellt sich die Frage nach dem Warum? immer wieder. In einem demokratischen Rechtsstaat sind die Antworten und Nachfragen, wie Menschen mit Menschen umgehen, in den Werten und Normen festgelegt, nach denen eine Gemeinschaft funktioniert. Als oberste Instanz wird dabei die „globale Ethik“ verstanden, wie sie von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 als Allgemeine Erklärung der Menschenrechte proklamiert und mit dem allgemeingültigen und unveränderlichen Würdebegriff ausgestattet wurde (Peter Bieri, Eine Art zu leben. über die Vielfalt menschlicher Würde, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15601.php).

Über die gesetzten Menschenrechte und die vorfindbare und faktische Wirklichkeit der in der Menschenrechtsdeklaration formulierten Normen Gestern und Heute, gibt es zahlreiche Analysen, Untersuchungen und Visionen, die alle münden in der Aufforderung, wie sie der damalige Generalsekretär der UNESCO, Federico Mayor aus Anlass des 50jährigen Bestehens der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert hat: „Die erste und größte Herausforderung liegt heute im Übergang von einer Kultur des Krieges zu einer Kultur des Friedens. Wir müssen dazu unsere auf Gewalt und Zwang beruhenden Vorgehensweisen überdenken; wir müssen aber auch unsere kulturelle Einstellung revidieren und unser tägliches Verhalten tiefgreifend ändern“ (UNESCO-Kurier, 10/1998, S. 7). Diese Forderung nach einer universellen Verantwortung für die Verwirklichung der demokratischen Grundwerte – Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Solidarität – bestimmt bis heute den Diskurs über die Durchsetzung der Allgemeingültigkeit der Menschenrechte überall in der Welt (siehe dazu auch: Jos Schnurer, Zum 60. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte…, 11. 12. 2008, in: www.socialnet.de/materialien/46.php; sowie: Jan Eckel, Die Ambivalenz des Guten. Menschenrechte in der internationalen Politik seit den 1940ern, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17721.php; und: Hans Joas, Sind die Menschenrechte westlich?, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18796.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Ein weiterer optimistischer Strang durchzieht den Diskurs um die Menschenrechte: Es ist die Erkenntnis, dass die Verwirklichung einer globalen Ethik weder vom Himmel fällt, noch in den Genen der Menschen liegt, sondern aktiv von den Menschen gewollt und durchgesetzt werden muss; und zwar weder mit dem Schwert, der Waffe oder mit ökonomischer Macht, sondern mit einem Perspektivenwechsel, wie ihn z. B. die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 den Menschen angeraten hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt. Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (Kurzbericht), 2. erweit. Ausgabe, Bonn 1997, S. 18). Einen Rat dafür hat der ehemalige Schweizer Manager und spätere Menschenrechtler Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) mit seiner „positiven Subversion“ erteilt: „Wo kämen wir hin / wenn alle sagten / wo kämen wir hin / und niemand ginge / um einmal zu schauen / wohin man käme / wenn man ginge“ (Hans A. Pestalozzi, Nach uns die Zukunft. von der positiven Subversion, Bern 1979).

Den vom südafrikanischen Bischof Desmond Mpilo Tutu geprägten Begriff von der „subjektiven Kraft der Menschenrechte“ haben die Herausgeber eines Sammelbandes als Titel gewählt: „Die subversive Kraft der Menschenrechte“. Sie erinnern damit an ein „radikales Jubiläum“ und ehren einen Menschen, der, wie zahlreiche andere Betroffene in Deutschland, Opfer einer rechtlichen Regelung wurde, die als „Radikalenerlass“ in die westdeutsche Nachkriegsgeschichte einging. Die Ministerpräsidenten der Bundesländer und die damalige, sozial-liberale Bundesregierung unter Bundeskanzler Willy Brandt, haben am 28. Januar 1972 beschlossen, dass der Zugang für Bedienstete und Bewerber für den öffentlichen Dienst in der Bundesrepublik Deutschland von einer „Gesinnungsprüfung“ abhängig gemacht wird. Das führte dazu, dass in einigen Bereichen des öffentlichen Dienstes, etwa Lehrkräfte in den Schulen und Hochschulen, die Meinungen und Überzeugungen vertraten, die nach Auffassung des Erlasses verfassungswidrig seien und die Organisationen und Parteien wie etwa der verbotenen DKP angehörten, nicht eingestellt und bereits Beschäftigte aus dem Amt entlassen wurden. Diese „Berufsverbote“ wurden praktiziert und durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1975 auch bestätigt. Trotz zahlreicher nationaler und internationaler Gutachten, Expertisen, Empfehlungen und Tribunale, die den Radikalenerlass kritisierten und als grundrechts- und menschenrechtswidrig einstuften, wurden in einigen Bundesländern, allen voran in Bayern, Angestellte und Beamte aus dem Dienst entfernt, auch der als wissenschaftlicher Assistent am politikwissenschaftlichen Institut der Universität in Erlangen tätige Rainer Huhle. Mit den Begründungen des Erlasses wurde er auf Anweisung des bayerischen Kultusministeriums am 28. Februar 1975 entlassen. Zu diesem 40jährigen „radikalen Jubiläum“ geben Freunde und Wegbegleiter von Rainer Huhle nun den Sammelband heraus. Die monographischen und analytischen Erinnerungen an eine Zeit, die mehr Verdächtigungen, Einschüchterungs-, Mundtotversuche und Anpassungstendenzen bewirkt hat als eine Bewältigung von durchaus notwendigen Aktivitäten für eine wehrhafte Demokratie, sind einzuordnen in eine neue Erinnerungskultur (Astrid Erll, Gedächtnis- und Erinnerungskulturen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12634.php), die sich (auch) an Schicksalen von Menschen und ihrem widerständigem „Dennoch“ verdeutlichen.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber gliedern den Sammelband, an dem 24 Autorinnen und Autoren mitarbeiten, in drei Kapitel.

  1. Im ersten werden Fragen zu „Menschenrechten“ thematisiert;
  2. im zweiten geht es um „Erinnerung“;
  3. und im dritten um „Kultur“.

Der (em.) Politikwissenschaftler Gotthard Jasper erinnert sich in einem Vorwort an die Situation, die zu der Beendigung des „faktischen Dienstverhältnisses“ seines ehemaligen Mitarbeiters Rainer Huhle geführt hat, und in dem er die erfolglosen Versuche, die bürokratische und ideologische Maßnahme zu verhindern, schildert. Die Herausgeber des Sammelbandes, sein Sohn Niko Huhle, der als Politikwissenschaftler in der Erwachsenenbildung tätig ist und Rainer Huhles Tochter Teresa Huhle, die als Historikerin an der Uni Bremen arbeitet, skizzieren die beruflichen Stationen von Rainer Huhle, die er in seiner Heimatregion, in Peru, Kolumbien, seinem Engagement gegen Menschenrechtsverletzungen in Argentinien und anderen Teilen Lateinamerikas bis heute ausübt. Das dürfte auch der Grund sein, weshalb der Sammelband im engagierten Paulo Freire Verlag in Oldenburg herausgebracht wird. Die in deutscher und spanischer Sprache vorgelegten Reflexionen verdeutlichen in eindrucksvoller Weise die Geschichte der „politischen Sprengkraft des Unpolitischen“, die durchaus anknüpft an die anthropologische Klassifizierung des Menschen als „zôon politikon“ (Aristoteles).

Das erste Kapitel beginnt der argentinische Anwalt Luciane Hazan, der die Gruppe der „Abuelas de Plaza de Mayo“ vertritt und gemeinsam mit Rainer Huhle dem UN-Ausschuss der UN-Konvention gegen Verschwindenlassen angehört (International Convention for the Protection of All Persons from Enforced Disappearance / Internationales Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen / La Conventión Internacional para la protección de todas las personas contra las despariciones forzadas), mit der Darstellung der Geschichte der Vereinbarung, die Anfang der 1980er Jahre mit der Einrichtung eines Ausschusses begann, der über das Verschwindenlassen von Menschen durch „Festnahme, Haft, Entführung oder jede andere Form von Freiheitsentzug durch Staatsagenten oder durch eine Person oder Personengruppe …, die mit der Erlaubnis, Unterstützung oder Duldung (billigenden Inkaufnahme) des Staates handelt, gefolgt von einer Weigerung, den Freiheitsentzug zu bestätigen oder von einer Verheimlichung des Schicksals oder des Aufenthaltsortes der verschwundenen Person“ nachgeforscht und die Taten dokumentiert hat, was schließlich zur Proklamation der UN-Konvention 2006 geführt hat. In seiner Darstellung legt der Autor einen Schwerpunkt auf die Schilderung und Wirkung von Angehörigenorganisationen, die sich während der Militärdiktaturen in Lateinamerika gebildet und, nicht zuletzt unterstützt durch Ausschussmitglieder und Menschenrechtsorganisationen, schließlich zur Ächtung der Menschenrechtsverletzung des gewaltsamen Verschwindenlassens von Kritikern und Gegnern der Regime geführt hat.

Ein weiteres Mitglied des oben genannten Ausschusses, der mexikanische Rechtsanwalt Santiago Coruera, stellt die Zielsetzungen, Kompetenzen und Arbeitsweisen des Überwachungs-Ausschusses vor, der Individual-, Gruppen- und Staatenbeschwerden entgegen nimmt, durch Nachforschungen und Untersuchungen verifiziert oder falsifiziert, Fälle der UNO-Generalversammlung zur Kenntnis bringt, Maßnahmen zur Beseitigung der Menschenrechtsverletzungen vorschlägt und ggf. einer internationalen Strafverfolgung zuführt. Der Autor legt in seinem, ebenfalls spanischsprachigen Beitrag ein besonderes Gewicht auf ein öffentliches und juristisches „Recht auf Wahrheit“ und zur Verpflichtung des Staates zur Strafverfolgung bei solchen Taten.

Mikel Mancisidor ist Mitglied des UN-Ausschusses des Internationalen Menschenrechtspakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte vom 19. Dezember 1966, in dem es in Artikel 1 (1) heißt: „Alle Völker haben das Recht auf Selbstbestimmung. Kraft dieses Rechts entscheiden sie frei über ihren politischen Status und gestalten in Freiheit ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung“. Er setzt sich für die Verwirklichung, Konkretisierung und Weiterentwicklung der in Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formulierten Werte und Normen ein: (1) „Jedermann hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben“, und (2) „Jedermann hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die sich für ihn als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst ergeben“.

Heiner Bielefeld, ehemaliger Direktor des Berliner Deutschen Instituts für Menschenrechte ( vgl. dazu z. B.: Heiner Bielefeldt, u.a., Hrsg.,: Religionsfreiheit, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6938.php, und die folgenden Jahrbücher für Menschenrechte ), Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrats, erinnert mit seinem Beitrag an einen der Vordenker der Religionsfreiheit: Moses Mendelssohn. Er, der in der Philosophie- und Rezeptionsgeschichte eher als kritischer Kant-Zeitgenosse dargestellt wird, hat mit seinem Werk auf die vielfältigen Wege zur Religionsfreiheit verwiesen, insbesondere darauf, wie eine Vielfalt weltanschaulichen Denkens auf der Grundlage einer klaren Trennung von Staat und Religion von Mendelssohn bereits vorgedacht wurde, so dass der Denker als Vorläufer einer modernen, säkularen gesellschaftlichen Auffassung verstanden werden kann. Seine Überzeugung, dass „Religionszugehörigkeit als Kriterium der Staatsbürgerschaft keine Rolle spielen darf“, wirkt heute, in den Zeiten der zunehmenden Fundamentalisierung und Abgrenzung, geradezu als Herausforderung zum Menschenrechtsdenken.

Der Erlangen-Nürnberger Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches- und Völkerrecht, Markus Krajewski, nimmt sich mit seinem Beitrag „Menschenrechtliche Verpflichtungen transnationaler Unternehmen im Mehrebenensystem“ der dringlich-human zu lösenden Herausforderung an, wie international aufgestellte und organisierte Firmenmächte Menschenrechte umgehen und sogar verletzen. An mehreren Fallbeispielen aus Lateinamerika, Afrika und Asien zeigt er auf, wie transnationale Unternehmen billigen und sogar aktiv dazu beitragen, wie Menschenrechte missachtet werden. Dabei setzt er sich mit den (bisher unklaren und unzureichenden) nationalen und internationalen rechtlichen Regelungen auseinander, wie transnational agierende Firmen an die Verpflichtung zur Einhaltung und Gewährung von Menschenrechten für ihre Beschäftigten und Abhängigen rechtsverbindlich verpflichtet werden können. Dazu stellt er „menschenrechtliche Standards als Grundlage für deliktische Haftung nach nationalem Recht“ vor und fordert dazu auf, die „menschenrechtliche Bindung transnationaler Unternehmen … nicht als konkurrierende, sondern als sich wechselseitig ergänzende Instrumente zu begreifen“.

Der Politikwissenschaftler und Vorsitzender des Nürnberger Menschenrechtszentrums (NMRZ), Michael Krennerich, registriert in seinem Beitrag „Shrinking Polical Space“ geringer werdende Spielräume für den Menschenrechtsschutz durch die Zivilgesellschaft. An zahlreichen Beispielen zeigt er auf, wie durch von Staatsmacht durchgesetzte, gesetzliche Einschränkungen die Durchsetzung von Menschen- und Freiheitsrechten erschwert wird; etwa in Russland durch die Verfolgung und Ausschaltung von Regimekritikern und -gegnern, in Aserbaidschan und anderen autokratischen und undemokratischen Regimen in der Welt. Seinen Fokus legt er dabei auf die An- und Eingriffe in das Menschenrecht auf Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, und er erkennt darin eine „Schrankenproblematik“, die auch als Stopp-Zeichen gegen Menschenrechtseinschränkungen verstanden werden muss.

Christiane Schulz, die als Beraterin für Menschenrechte und Konflikttransformation tätig und Mitbegründerin von peace brigades international ist, schildert in ihrem Beitrag „Verbrechen ohne Täter“ die Menschenrechtssituation in Mexiko: Dramatische Zunahme von Morden, Verschleppten und gewaltsam Verschwundenen, Folterungen, Verhaftungen ohne Gerichtsurteil. „Täter schwerer Menschenrechtsverletzungen … können mit Straffreiheit rechnen“. Die staatliche, korrupte und autokratische Macht unternimmt alles, um Kritik und Widerstand gegen das „System der Straffreiheit“ durch eine zunehmende „Kriminalisierung der Zivilgesellschaft“ zu unterbinden. Die Autorin ruft deshalb zur internationalen Solidarität mit den gefährdeten und alleine kaum mehr aktiv werdenden Menschenrechtsorganisationen in Mexiko auf.

Der Journalist, Mitbegründer der „Koalition gegen Straflosigkeit in Argentinien“ und beim Amt für internationale Beziehungen der Stadt Nürnberg beschäftigte Esteban Cuya, berichtet in seinem Beitrag „Der argentinische Geheimdienstler im Dienst der Deutschen Botschaft“ über Verbindungen und Verstrickungen zwischen dem argentinischen Geheimdienstbataillon 601 und der deutschen Botschaft in Buenos Aires während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Seine Dokumente vermitteln ein katastrophales Bild von Ignoranz oder sogar Mitwisser- und Mittäterschaft von deutschen Botschaftsangehörigen. Seinem Appell – „Die deutsche Außenpolitik wird erst glaubwürdig und stark, wenn sie fähig ist, sich von Fehlern der Vergangenheit zu distanzieren“, ist nichts hinzuzufügen!

Der Erziehungs- und Politikwissenschaftler, Mitbegründer des Nürnberger Menschenrechtszentrums, Otto Böhm, vermittelt einen Überblick über die Didaktik der Menschenrechtsbildung in Deutschland. Dabei erkennt er, dass die Frage nach Menschenrechten und ihre Bedeutung für ein friedliches, gerechtes und soziales Zusammenleben der Menschen recht gut im Bildungskanon und -bewusstsein der Menschen etabliert ist. Er registriert jedoch einige Didaktik-Defizite, die sich für ihn als Blackbox darstellen: „Klar ist, was vor der Blackbox steht, was wir mit rein nehmen und was rauskommen soll“; aber das, was in der Blackbox stattfindet, an Kompetenz und Reflexion, bleibt vielfach unerkannt. Dazu analysiert er die Analysen und Aufforderungen, wie sie in einigen erziehungswissenschaftlichen Werken zur Menschenrechtserziehung thematisiert werden (z. B: Volker Lenhart, Pädagogik der Menschenrechte, 2003, www.socialnet.de/rezensionen/1532.php; Claudia Lohrenscheit, Das Recht auf Menschenrechtsbildung. Grundlagen und Ansätze einer Pädagogik der Menschenrechte, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1686.php; K. Peter Fritzsche, Menschenrechte. Eine Einführung mit Dokumenten, 2004/2009, www.socialnet.de/rezensionen/1648.php ). Mit der Frage „Soll Menschenrechtsbildung eine Werte-Erziehung sein?“ rührt er freilich an den Grundfesten schulisch-organisierten und fächerorientierten Lernens, das nur allzu leicht der kognitiven Wissensvermittlung den Vorrang vor emotionalem und existenzrelevantem Lernen einräumt.

Die Professorin für Internationale Soziale Arbeit und Menschenrechte an der Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit der Coburger Hochschule für angewandte Wissenschaften, Claudia Lohrenscheit, stellt fest: „Das Menschenrecht auf Bildung (ist) ein unerfülltes Versprechen mit viel Potential“. Sie nimmt Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die als „globale Ethik“ für alle Menschen auf der Erde gelten soll, zum Anlass, um die dort postulierten Rechte konkret auf die Wirklichkeit des alltäglichen, individuellen und gesellschaftlichen Lebens der Menschen zu beziehen und Fragen wie „Deutsch lernen?“ und welche Formen von Integration und Inklusion gewünscht, gefordert und notwendig sind, bis hin zur Bewusstseinsbildung, dass das Recht auf Bildung immer ein unabgeschlossener, erstrebenswerter und unverzichtbarer, humaner Bestandteil der Entwicklung des Menschen als homo sapiens bleibt.

Die peruanische Menschenrechtlerin Gladys Acosta Vargas ist seit 2014 Mitglied im UN-Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau (CEDAW). Ihre jahrelange Arbeit für die Beseitigung der Diskriminierungen von Frauen artikuliert sie in ihrem spanischsprachigen Beitrag „La violencia contra las mujeres: preocupación internacional y enorme tarea en América Latina“, indem sie einerseits auf die Fortschritte im Kampf um Gleichberechtigung verweist, andererseits darauf die Notwendigkeit aufmerksam macht, Erniedrigung und Gewalt gegen Frauen nicht auf eine Opferrolle zu reduzieren, sondern den Blick auf die gesellschaftlichen und staatlichen Ordnungen zu richten, die normativ und institutionell männliche Gewalt legitimieren und tolerieren.

Das Kapitel „Erinnerungskultur“ wird von der Juniorprofessorin Magdalena Waligórska von der Universität Bremen mit ihrem englischsprachigen Text „Descending into History in the Land of Untold Stories“ eingeleitet. Sie erzählt die Geschichte von Minsk, der Hauptstadt von Weißrussland (Belarus) und schildert, wie sie und ihre Familie geworden sind, was sie sind: und sie zeigt auf, wie das alltägliche, mühsame Leben der Menschen im Land aussieht und bewältigt wird. Ihre dem Text beigefügten Farbfotos illustrieren ihre Geschichte und machen sie anschaulich.

Die Direktorin des Paulo Freire Instituts an der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie in Berlin, Ilse Schimpf-Herken, teilt mit Rainer Huhle das Engagement für einen deutsch-lateinamerikanischen Erinnerungsdialog. In ihrem ebenfalls in spanischer Sprache verfasster Beitrag „Recordar necesita futuro… Un acercamiento biográfico a la historia reciente en el Colombia del post-conflicto y a la Alemania a 25 años de su Unificación“ reflektiert sie die Situation in einem verschwundenen und vergessenen Dorf im Valle die Cauca in Kolumbien und konfrontiert sie mit dem Berlin von heute. Dabei vermittelt sie Eindrücke und Anregungen, wie eine bildungsorientierte Erinnerungskultur aussehen könnte.

Die (em.) Göttinger Agrarsoziologin und Geschlechterforscherin Heide Inhetveen setzt sich mit ihrem Beitrag „Geleitjuden, Hornbläser und Vorsänger“ mit jüdischen Geschichten aus ihrer Heimatregion Oberpfalz und dem Dorf Sulzbürg auseinander. Sie nimmt die Verlegung von vier Stolpersteinen 2014 in Regenburg zum Anlass, um über das Leben der Familie Freising nachzudenken. Dabei schlägt sie den Bogen von der Zeit des 9. Jahrhunderts bis zur Shoa. Mit der Spannweite von „gelöschten“ bis zu „gesetzten“ Spuren des Erinnerns und Gedenkens verdeutlicht die Autorin das Familienschicksal über die Jahrhunderte hinweg, stellvertretend für alle Opfer des Holocaust und mit der Aufforderung, „das Bewusstsein von Auschwitz mit Vorstellungskraft zu unterfangen“, durch Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Hier und Heute.

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler (em) Walther L. Bernecker zeichnet mit seinem spanischen Beitrag „Politicas españolas de memoria: franquismi, transición, democracia“ die Bemühungen nach, wie sich die gesellschaftliche, politische und juristische Aufarbeitung des Spanischen Bürgerkriegs von 1936 – 1939 und der Repressionen während der Franco-Diktatur von 1939 – 1975 vollzieht. Dabei arbeitet er heraus, dass sich seit dem Ende des 20. Jahrhunderts in der spanischen Gesellschaft eine „Erinnerungsoffensive“ entwickelt hat, die eine objektive(re) Betrachtung der Geschichte ermöglicht.

Der französische Rechtswissenschaftler von der Pariser Université Panthéon-Assas, Emmanuel Decaux, ist ebenfalls Mitglied des UN-Ausschusses über das Verschwindenlassen. Er leitet mit seinem französischsprachigen Beitrag „L´ OCEAN DE LA VIE“ das Kapitel „Kultur“ ein. Mit seiner Spurensuche über „deux voyageurs allemands à la découverte d´ un monde nouveau“ findet er Parallelen und Kontroversen in den Lebens- und Reisewegen der Forschungsreisenden Alexander von Humboldt und Adalbert von Chamisso. Dabei stellt er Quellentexte vor, die ein interessantes Bild der europäische Entdecker- und Forschergeschichte bietet.

Die in Mexiko Stadt lebende Fotografin Cristina Kahlo, Großnichte von Frida Kahlo, erzählt mit ihrem spanischsprachigen Beitrag „Entre rios y nubes. Encuentros con la música de Santa Maria Tlahuitoltepec, Oaxaca“ von der Musikgruppe „Banda Filarmónica“ aus einem kleinen Ort in Mexiko. Sie illustriert ihre Geschichte mit Schwarz-Weiß-Fotos, in denen sie die Band bei ihrem Auftritt 2006 beim Festival „Diesseits von Jenseits“ in Basel und in ihrem „Dorf in den Wolken“ zeigt.

Der peruanische Musiker, Schriftsteller und Musikethnologe Julia Mendivil setzt sich mit seinem Beitrag „De calandrias, rios y pinkuyllus. La música en la obra de José Maria Arguedas“ mit dem Werk des Schriftstellers und Ethnologen José Maria Arguedas auseinander und zeigt dessen Bedeutung für die andine Musikkultur auf.

Der Redakteur der Zeitschrift „ila“, in der auch Rainer Huhle publiziert, Gert Eisenbürger, erzählt die Geschichte des Komponisten und Dirigenten Erich Eisner, dem es 1939 gelang, als einer von etwa 6000 bis 8000 von den Nazis verfolgten Juden nach Chile auszuwandern. Eisenbürger schildert, mit welchen Schwierigkeiten Migranten in Chile zu kämpfen hatten, analysiert die politische und gesellschaftliche Situation und zeigt auf, wie es Eisner gelang, in Bolivien Fuß zu fassen, an die Escuela Nacional de Maestros in Sucre in der Musiklehrerausbildung tätig zu werden, am Konservatorium in La Paz arbeitete und das Orquesta Sinfónica Nacional gründete, das er, als chilenischer Staatsangehöriger, bis zu seinem Tode im März 1956 leitete. Mit seiner Komposition „Cantata Bolivia“ hat sich Eisner in das nationale Gedächtnis des Landes eingeschrieben.

Die chilenische Menschenrechtlerin und Kuratorin für Kunstausstellungen, Roberta Bacic, ist vor dem Pinochet-Regime geflohen und lebt in Nordirland. Sie arbeitet mit Rainer Huhle im lateinamerikanischen Netzwerk SERPAJ (Servicio de Paz y Justicia / Dienst für Frieden und Gerechtigkeit) zusammen. In ihrem Beitrag „Arpilleras in contested spaces“ informiert sie über die politischen und sozialkritischen Botschaften, Bildergeschichten und Widerstandsmethoden, den Arpilleras, die sie in Farbabbildungen zeigt.

Mit dem Abschlussbericht im Sammelband informiert die Coburger Sozialwissenschaftlerin Gaby Franger mit ihrem Beitrag „Sehen und gesehen werden. Zuhören und eine Stimme geben“ über die Entstehungsgeschichte und Arbeit des 2006 eingerichteten Nürnberger Museums Frauenkultur Regional-International und über die Geschichte der Frauenmuseen und Emanzipation. Sie illustriert ihren Bericht mit zahlreichen Ausstellungsplakaten und Fotos und zeigt auf, wie ein zunehmender, sich international vernetzender Dialog zwischen Aktivistinnen, Künstlerinnen, Kuratorinnen, Fortbildnerinnen, Historikerinnen, Museumsdirektorinnen, Forscherinnen, Theoretikerinnen und Studentinnen zustande kommt und für eine Eine-Welt-Arbeit immer wichtiger wird: „Den Widersprüchen zwischen feministischem Bewusstsein und alltäglichem Frauenleben, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Anforderungen des Gender-Mainstreamings und der Betrachtung der Welt aus Frauensichten stellen wir uns immer wieder neu und gerne“.

Fazit

Die in spanischer, deutscher, englischer und französischer Sprache verfassten Beiträge im Sammelband „Die subversive Kraft der Menschenrechte“ wollen Rainer Huhle zum „radikalen Jubiläum“ seines „Berufsverbots“ ehren; sie sind gleichzeitig Lichtzeichen für einen interkulturellen Dialog, mit dem sich die Autorinnen und Autoren mit Rainer Huhle verbunden fühlen. Dass das Buch beim Oldenburger Paulo Freire Verlag herauskommt, dürfte nicht zufällig sein; denn mit dem Denken und Wirken des lateinamerikanischen, brasilianischen Pädagogen Paulo Freire (1921 – 1997) sind auch Rainer Huhle und die im Sammelband schreibenden Autorinnen und Autoren in ihren vielfältigen, persönlichen und beruflichen, politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen verbunden. So ist der Sammelband auch ein Memento für die großen, humanen Herausforderungen in unserer (Einen?) Welt, die mit dem Statement zum Ausdruck kommen: Lokal und Global denken und handeln!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.04.2015 zu: Niko Huhle, Teresa Huhle (Hrsg.): Die subversive Kraft der Menschenrechte. Rainer Huhle zum radikalen Jubiläum. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2015. ISBN 978-3-86585-051-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18808.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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