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Tahar Ben Jelloun: Der Islam, der uns Angst macht

Cover Tahar Ben Jelloun: Der Islam, der uns Angst macht. Berlin Verlag (Berlin) 2015. 112 Seiten. ISBN 978-3-8270-1289-0. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 14,90 sFr.
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Thema

Warum macht der Islam heute so vielen Menschen Angst? Was hat der Islam mit Gewalt zu tun, die in seinem Namen verübt wird? Woher kommt dieser Islam, der bedroht, tötet, köpft und Terror sät? Lassen sich Freiheit und Islam überhaupt vereinbaren? Wieso lassen sich Tausende junger Europäer, und nicht nur Einwandererkinder, vom Dschihad begeistern und werden zu skrupellosen Mördern? Welche Gehirnwäsche durchlaufen sie, bevor sie als ferngesteuerte Killer zurückkehren, bereit zu sterben? Diese Barbarei beschmutzt den Islam. Tahar Ben Jelloun hat sich immer wieder zu dieser Thematik geäußert. In dem vorliegenden Essayband verdichtet er nun noch einmal seine Gedanken der letzten Jahre zum Verhältnis von Islam und Gewalt. Er spricht von der Trostlosigkeit einer Vorstadtjugend, die sich von der Gesellschaft verstoßen fühlt. Er versetzt sich in die Köpfe der islamistischen Mörder. Er beschreibt, wie mit dem IS binnen weniger Jahre eine Terrororganisation entstehen konnte, die al-Quaida in den Schatten stellt. Er betont die Verantwortung der Golfstaaten, die den Terror finanzieren, er geht mit den Fehlern des Westens ins Gericht und geißelt die zynische Strategie Putins. Sicher lehnt die große Mehrheit der Muslime den Terror im Namen des Islams ab. Doch Ben Jelloun macht deutlich: Viele Muslime müssen ihre Haltung zur Religion ändern und einen Islam entfalten, der vereinbar ist mit Demokratie und Rechtsstaat, der den Wert des Individuums und die Gleichstellung der Frau anerkennt. Das Buch ist der leidenschaftliche Aufruf eines großen muslimischen Intellektuellen, dem Islamismus endlich entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen.

Autor

Tahar Ben Jelloun, geboren 1944 in Fès (Marokko), lebt in Paris. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der französischsprachigen Literatur des Maghreb. Er erhielt folgende Literaturpreise: Prix Goncourt (1987), International IMPAC Dublin Literary Award (2004) und den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück (2011). Seine Sachbücher „Papa, was ist ein Fremder?“ (2000), „Papa, was ist der Islam?“ (2001) und „Arabischer Frühling“ (2011) waren Bestseller. Mit Cabu und Wolinski, die bei dem Attentat auf Charlie Hebdo ermordet wurden, verlor Ben Jelloun zwei gute Freunde.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Sieben Worte: Freiheit, Wut, Islam, Lächeln, Rache, Unwissenheit, Widerstand

Der Islam, der uns Angst macht. Alles, was mit dem Islam zu tun hat, ist zur Tragödie geworden. Der Islam ist in den letzten dreißig Jahren zu einem wichtigen Element des politischen und sozialen Lebens in Frankreich und Europa geworden. Die Trennung von Staat und Religion, wie sie in der französischen Laizität besonders konsequent durchgeführt ist, gewährt der Freiheit einen Raum, den es in keinem islamischen Land gibt, selbst nicht in der Türkei, die zwar formal ein laizistischer Staat ist, das aber immer weniger tatsächlich auch umsetzt. Das der Laizität zugrunde liegende Prinzip ist ein Zeichen für Zivilisation. Die Trennung von Kirche und Staat, von Synagoge und Staat, von Moschee und Staat ist nichts Negatives. Im Gegenteil, es ist ein Zeichen von Respekt gegenüber den Religionen. Der Islam tut sich schwer mit der Laizität. Manche Muslime richten sich damit ein, andere verstehen den Sinn einer solchen Trennung nicht. Die Laizität beinhaltet Meinungsfreiheit. Aufgrund dieses Postulats gibt es keine Grenzen, für das, was man ausdrücken darf. Ob es uns gefällt oder erzürnt, wir müssen zulassen, das jene, die sich mit Worten, Sprache, Zeichnungen, Karikaturen, Gedichten ausdrücken, frei sind, ganz und gar frei. Die Millionen von muslimischen Einwanderern, die in Europa arbeiten, sind es zumeist nicht gewohnt, Gotteslästerungen zu sehen und zu hören. Das ist nicht ihre Kultur. Solange die Gotteslästerung Christen oder Juden betrifft, achten sie nicht darauf. Vielleicht denken sie, die Gotteslästerung gegen den Islam sei schlimmer, weil Christen und Juden an die Freiheiten der Laizität gewöhnt sind. Die am 30. September 2005 in der dänischen Tageszeitung Iyllands-Posten erschienenen Mohammed-Karikaturen stellen für die islamische Welt eine Beleidigung dar. Die Zeichnungen stellen Mohammed auf unanständige, furchtbare Weise dar. Die Europäer konnten sich aber kaum vorstellen, welche Reaktionen diese Mohammed-Karikaturen in der islamischen Welt auslösen würden. Nach den tragischen Ereignissen des Attentats auf Charlie Hebdo vom 7. Januar 2015 können wir nicht länger schweigen oder uns weiter damit begnügen zu sagen: „Das ist nicht der Islam“. Natürlich kann jeder diesem Satz zustimmen. Aber woher kommt der Islam der Angst macht, weil er bedroht, Terror verbreitet und tötet? Wie konnten Hass und Grausamkeit kübelweise in jene drei Individuen gegossen werden? In der Geschichte des Islam muss es Zeiten gegeben haben, zu denen der Prophet Mohammed Krieg führen musste, Zeiten und Bedingungen, als der Dschihad der Verteidigung diente, bevor er zum Eroberungskrieg umgewandelt wurde. In der Sure „Die Frauen“ (Sure 4, Vers 74) heißt es: „Und wenn einer um Allahs willen kämpft, und er wird getötet – oder er siegt –, werden wir ihn (im Jenseits) gewaltigen Lohn geben“. Dieser Vers, buchstäblich verstanden und mit einer gewissen Feierlichkeit vorgetragen, könnte manche überzeugen, die zögern, den Weg des bewaffneten Kampfes zu beschreiten. Ein Kampf, worum, für wen? Das bleibt ein Rätsel.

Im Zeichen des Bösen

Wiederkehr der Dschihadisten: Der Ursprung des Bösen Manche sind der Ansicht, der jetzt bereits sogenannte „dritte Irakkrieg“ sei absurd und unnütz. Möglicherweise ist das so. Bestimmt aber sind die USA und Europa sehr spät aufgewacht. Die Bombardierung von Panzern, die von fanatischen Söldnern gelenkt werden, wird sicher kein selbst ernanntes Kalifat auflösen, dessen Wurzeln sehr tief reichen. Frankreich hat Angst vor der Rückkehr jener Franzosen, die im Irak und in Syrien Seite an Seite mit den Dschihadisten kämpfen, und deren Hass auf die westliche Welt nur noch übertroffen wird von ihrer wütenden Entschlossenheit, überall, wo es geht, einen „islamischen Staat“ zu errichten. Wie kann man die vom Dschihad infizierten jagen? Zuerst muss man sie aufspüren, sie kennen, um sie dann zu verhaften und anzuklagen, und vor Gericht zu stellen. Und dann? Wird es dann ein Ende haben mit dieser auf französischem Boden gewachsenen Widersinnigkeit? Das ist längst nicht sicher. Manche Politikern fordern, ihnen die französische Nationalität abzuerkennen. Das ist nicht nur schwierig, es würde das Problem auch nicht lösen. Das Aufspüren dieser Art Individuen wird manche Bürger beruhigen. Doch die Wurzel des Problems bleibt damit unberührt. Der Philosoph Emil Cioran (1911) sagte, es sei ganz natürlich, dass Jugendliche sich für radikale Ideen begeistern und dem Fanatismus verfallen, er selbst ist dem auch nicht entgangen. Doch was ist mit den Jugendlichen, die in einer muslimischen Familie aufwuchsen, die einen ruhigen, moderaten und friedlichen Islam praktiziert? Manchmal sind sie Opfer, die „schlechten Umgang haben“ und jenen vorgeblichen Imamen folgen, die sie mit auf Unwissenheit und Böswilligkeit beruhenden Argumenten zum dschihadistischen Abenteuer verführen. Selbst die schwarze Fahne jener Armee ist widersinnig: Die Schrift darauf ist verkehrt, um zu sagen: „Mohammed ist der Bote Allahs“ schreiben sie: „Allah Bote Mohammed“, was auf Arabisch nicht korrekt ist. Nicht alle französischen Jugendliche tappen in diese Falle. Doch in Bezug auf die Minderheit, die ausgezogen ist, für die Errichtung eines „islamischen Staates“ zu kämpfen (tausend von etwa zwei Millionen), wird kein neues Antiterrorgesetz das grundlegende Problem lösen. Vielleicht sind diese Menschen bereits verloren. Entweder sterben sie als „Märtyrer“ an der Front, oder sie kehren entmenschlicht zurück, bereit, jeglichen Befehl auszuführen, selbst Kinder aus einer jüdischen Schule umzubringen. Es liegt eine langwierige Arbeit vor uns. Die chronisch kranke, gesundheitsschädliche Lehre und Wahnwitz produzierenden Vororte müssen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken. Seit dem Marsch gegen Rassismus vor dreißig Jahren, der 100 000 Vorstadtjugendliche auf die Straßen getrieben hat, gab es zahlreiche Warnungen und Aufrufe. Wenn heute Jugendliche ihr Heil bei einer Armee aus Söldnern und Mördern Unschuldiger suchen, ist das kein Zufall. Die gegenwärtige Politik des Urbanismus muss überholt werden, um die soziale Vermischung zur gelebten Wirklichkeit werden zu lassen. Wir müssen den Jugendlichen eine wirklich identitäre Verbindung mit den Werten unserer Gesellschaft ermöglichen. Bis zum heutigen Zeitpunkt sehe ich kaum etwas, das in diese Richtung unternommen wurde. Es bedurfte der Anschläge vom 7. Januar 2015, damit die französische Regierung tätig wurde, und das Erziehungsministerium begann, Aufklärungsarbeit an den Schulen zu leisten. Es ist der Anfang, der Anfang eines langen Weges.

Das Erdöl und der dschihadistische: Wie der IS entstand und was ihn bedroht

Syrien: Der Putin Komplott

Der Arabische Frühling: Eine durchwachsene Bilanz Wie auch immer sich die arabischen Länder weiterentwickeln, eine Tatsache steht fest: Die arabischen Völker haben keine Angst mehr vor den Diktatoren und sind entschlossen, für ihre Würde zu kämpfen. Oft wird die Anzahl der Frauen und Männer vergessen, die während der Aufstände ihr Leben geopfert haben, ob in Ägypten, Tunesien, Bahrain, im Jemen oder in Libyen. Anonyme Tote. Gestorben, damit Werte in Gesellschaften aufleben, die allzu lange auf Freiheit und Recht verzichten mussten. Wie ihre Eltern und Großeltern für die Unabhängigkeit und gegen den Kolonialismus gekämpft haben, so zögerten die Männer und Frauen nicht, ihre Rechte auf der Straße einzufordern.

Ägypten: Rückkehr der Armee Im Jahr 2013 war das Scheitern der an die Macht gekommenen Muslimbrüder. Bevor sie in ihre Moscheen und manche ins Gefängnis zurückgeschickt wurden, hatte die Mehrheit des Volkes ihnen in häufigen und entschlossenen Demonstrationen ihre Ablehnung kundgetan. Die Armee hat hart durchgegriffen. Sie scheute sich nicht, auf die Menge zu schießen, als Mursis Anhänger auf die Straße gingen. Am 8. Juni 2014 wurde as-Sisi zum Präsidenten Ägyptens gewählt. Deshalb hat er sich selbst zum Generalfeldmarschall ernannt! Verrückt, wie Macht einen dumm und grausam machen kann. Ab Anfang Dezember 2013 erarbeitet eine Kommission aus fünfzig Persönlichkeiten aller Tendenzen außer der islamistischen eine neue Verfassung, die im Januar 2014 in einem Referendum zwar mit überwältigender Mehrheit, jedoch mit geringer Wahlbeteiligung angenommen wurde. Der Islam ist weiterhin Staatsreligion, trotz der Existenz von 8 Prozent der Bevölkerung, die Kopten sind. Die 1962 von Sadat in die Verfassung eingefügte Scharia ist weiterhin im Text verankert. In der gleichen Woche, in der as-Sisi seine Kandidatur zum Präsidentenamt bekannt gab, ließ die Armee 529 Muslimbrüder zum Tode verurteilen! Die Schmierenkomödie von pseudojuristischen Schnellverfahren knüpft an alte Gewohnheiten der Diktatur an. So ist das ägyptische Volk vorgewarnt. Jede Opposition wird hart und streng unterdrückt. Der aus dem Arabischen Frühling hervorgegangene Prozess ist noch lange nicht beendet. Ägypten leidet seit mehr als einem halben Jahrhundert an den gleichen Krankheiten: Überbevölkerung, Korruption, fehlende Rechtsstaatlichkeit, Armut und schwieriges Erlernen der Demokratie, was dem religiösen Diskurs oder den Gewaltausbrüchen der Armee freien Lauf lässt. Das Land ist wie Algerien seit dem Aufstand der Offiziere 1952 immer von Militärs regiert worden. Der Tourismus, der vorher wesentliche wirtschaftliche Einnahmequelle des Landes war, ist tot oder fast abgestorben. Die höheren Offiziere haben weiterhin bei allen wirtschaftlichen Transaktionen die Hand im Spiel. Dieses Geschenk hatte ihnen Expräsident Mubarak gemacht. Sie sollen 25 Prozent der Wirtschaft des Landes kontrollieren und darüber vergessen, Vorbereitungen gegen einen etwaigen Anschlag von außen zu treffen. Die Armee besetzt in etwa 30 der Provinzen die Spitzenposition in der Wirtschaft. Die Arbeitskraft ist gratis, denn die Soldaten werden ja vom Staat bezahlt.

Tunesien: Die Hoffnung Die politische Krise des Jahres 2013 hatten die Morde an zwei Politikern geprägt, den Gewerkschafter Chokri Belaid und den Oppositionsabgeordneten Mohamed Brahmi. Die islamistische Regierung hatte den Terrorismus der extremistischen Salafisten nicht eindämmen können. Zwei Weltanschauungen und zwei gesellschaftliche Visionen stehen sich weiterhin gegenüber: die der Laizisten gegen die der Traditionalisten. Es gibt aber auch einige positive Signale. Im Dezember 2013 wurde ein Gesetz über eine juristische Aufarbeitung des Übergangs verabschiedet. Es beruht auf Erfahrungen von Ländern wie Marokko und Südafrika, die nach jahrzehntelanger Unterdrückung auf Justiz und Versöhnung gesetzt haben. Zum ersten Mal schrieb ein arabisches und muslimisches Land in seiner neuen Verfassung gleiche Rechte für Männer und Frauen fest: „Die Bürgerinnen und Bürger sind ohne Unterschied gleich vor dem Gesetz“. Außerdem konnte die Scharia ausgehebelt werden, indem die Gewissensfreiheit eingeführt wurde: „Der Staat ist der Hüter der Religion. Er garantiert die Gewissens- und Glaubensfreiheit und die freie Ausübung der Religion.“ Der Staat garantiert auch die Meinungsfreiheit und verbietet körperliche und moralische Folter („Folter ist ein unverjährliches Verbrechen“). Dank des Engagements der Zivilgesellschaft, insbesondere des Kampfes der Frauen, hat Tunesien nicht nur die islamistische Partei Ennahda in die Moscheen zurückgedrängt, sondern das Land auch für eine Moderne geöffnet, die im Rest der arabischen Welt sehr stark fehlt. Gleiche Rechte bedeuten, dass es weder Polygamie noch Verstoßung mehr geben wird. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist genau das, was die Islamisten keinesfalls akzeptieren können. Denn hinter dem Missbrauch der Religion in der Politik steckt die Angst vor den Frauen, die Angst vor der befreiten Sexualität der Frau, die Angst des Mannes, die Vorherrschaft zu verlieren, die ihm manche Koranverse zugestehen. Der religiöse Integrismus ist besessen von der sexuellen Frage. Deshalb will der Mann die Frau verschleiern, sei sie seine Gattin, seine Schwester oder seine Mutter. Sie muss versteckt werden, unsichtbar bleiben. Das Begehren muss getötet werden, denn den Integristen zufolge resultieren alle gesellschaftlichen Probleme aus der Freiheit der Frau. Als Beispiel dient ihnen die westliche Welt, wo die Liberalisierung der Sitten die Familien zerstört habe. Die neue tunesische Verfassung markiert einen wichtigen Meilenstein in der Geschichte eines Frühlings, der sich fast in einen winterlichen Albtraum verwandelt hätte. Wenn Tunesien diese Veränderungen in der Verfassung konsolidiert, wird mit dem Finger auf die ganze arabische Welt gezeigt werden, vor allem den algerischen Nachbarn, der das rückschrittlichste Familiengesetz Nordafrikas hat. Während heute Frauen in Arabien für das Recht demonstrieren, Auto zu fahren, folgen die Golfstaaten, insbesondere Saudi-Arabien und Katar, weiterhin dem starren wahhabitischen Ritual und wenden die Scharia an. Die westliche Scheinheiligkeit unterschreibt nur zu gerne saftige Verträge mit diesen Staaten und tut so, als wisse sie nicht, dass sie es mit den Vorreitern der Regression zu tun hat. Ende Oktober 2014 fand die erste demokratische Parlamentswahl in Tunesien statt, und am 6. Februar 2015 übergab Jomaâ die Regierung an seinen Nachfolger Habib Essid, einen parteilosen Wirtschafts- und Sicherheitsexperten. Zwar akzeptierte Ennahda Habib Essid als Konsenskandidaten, kündigte aber an, sich nicht an der Regierung zu beteiligen. Die Salafisten sind nicht aus der tunesischen Landschaft verschwunden

Libyen: Auf der Suche nach dem Rechtsstaat Der Libysche Frühling ist weit entfernt davon, Früchte zu tragen. Seit dem 20. Oktober 2011, als Gaddafi von der Menge gelyncht wurde, hat Libyen trotz der Befreiung von dieser Verbrecherfamilie keine gemeinsame Grundlage für einen Neubeginn gefunden. Denn es geht darum, einen Staat aufzubauen. Libyen besteht aus einem Konglomerat von Stämmen, die sich in fünf Gruppen einteilen lassen. Seit 2011 wurden etwa 1200 Personen aus Rache, durch Kämpfe zwischen Milizen und durch kriminelle Handlungen umgebracht (Figaro vom 17. März 2014). Aufgrund eines zwanzig Jahre andauernden Embargos hat die Bevölkerung gelernt, mit der Krise zu leben. Seit der Wahl einer konstituierenden Versammlung am 7. Juli 2014 hat sich die politische Situation nicht in Richtung der Einführung eines Rechtsstaats entwickelt. Aktivisten, wahrscheinlich von al-Qaida, und bewaffnete Nostalgiker des Gaddafismus unterhalten das Chaos. Während Libyen vorher 1,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag produzierte, kommt es heute nur auf 250 000. Inmitten dieser chaotischen Zustände wurde der Premierminister Ali Seidan am 11. März 2014 abgesägt. Er zog es vor, nach Deutschland zu ziehen, wo ein Teil seiner Familie lebt. Sein Nachfolger, Abdullah Thenni erklärte bereits zweimal seinen Rücktritt, amtiert aber auf Aufforderung des Parlaments nach wie vor. Doch ohne Stabilität, ohne feste politische Strukturen kann Libyen seine Revolution nur schwer zu einer friedlichen Ära führen, in der das Recht Vorrang hat. Die chaotischen Zustände haben den Terroristen ermöglicht, sich mit Waffen einzudecken, was zur Destabilisierung Malis durch Horden von Söldnern beitrug, die unter dem Deckmantel des Islam Geiseln nehmen und mit Drogen handeln.

Syrien: Eine von Putin, dem Iran und ein paar Söldnern geplante Tragödie In Syrien scheint der Plan der Iraner und Russen zur Unterstützung Baschar al-Assads aufzugehen, und ihre Manöver treiben die oppositionellen Rebellen in eine Schlacht zwischen extremistischen Islamisten und demokratischen Laizisten, die weder aus Europa noch aus den USA Unterstützung erhalten. Seltsam und paradox: Der Iran kämpft dort gegen von Katar und Saudi-Arabien unterstützte Islamisten. Die Hisbollah, eine vom Iran bewaffnete und unterstützte „Partei Gottes“, steht auf der Seite von Assad. Es war Putins geniale Idee, Assad dazu zu bewegen, den Rebellen jegliche Legitimität und Glaubwürdigkeit zu entziehen, indem er sie von Extremisten unterwandern ließ, die die christliche Bevölkerung Syriens bedrohten. Nach vier Jahren mit Kämpfen und mehr als 190 000 Toten ist Baschar al-Assad dabei, seinen Krieg gegen das eigene Volk zu gewinnen. Indessen beobachten die westlichen Staaten ohne jede Reaktion diese Tragödie, die dem vom Assad-Klan verkörperten absoluten Bösen zum Sieg verhilft. Die syrische Tragödie ist die schlimmste Erschütterung, die die arabische Welt seit der Niederlage der Araber gegen Israel erfahren hat. Es ist eine Schande für die zivilisierte Welt. Sie werden behaupten, „es war komplex“, um eine Passivität zu rechtfertigen, die diesen schändlichen Sieg ermöglicht hat. Die Verantwortung der arabischen Staaten ist enorm. Natürlich waren alle damit beschäftigt, die Ordnung auf den eigenen Straßen wiederherzustellen. Die Liga der arabischen Staaten hat oftmals ihre Unfähigkeit, in der Region irgendetwas zu bewegen, unter Beweis gestellt. Die Völker wissen das und ignorieren manchmal sogar die Existenz dieser Institution, die nur ihren Mitgliedern nützt, die unaufhörlich reden und nichts tun.

Marokko: Ein Ausnahmefall In diesem unfertigen Gemälde erscheint Marokko wie ein Ausnahmefall. Es hat dort keinen Frühling im Sinn einer gewaltsamen Infragestellung des Regimes gegeben. König Mohammed VI hat den Reformen vorgegriffen mit einer neuen Verfassung und darauf folgenden freien und transparenten Wahlen, bei denen die nicht gewalttätige islamistische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) die Mehrheit errungen hat. Der König berief am 29. November 2011 den Parteichef Abdelilah Benkirane zum Premierminister, dieser bildete eine Koalitionsregierung und amtiert bis heute. Das Land funktioniert trotz schwer einzudämmender Krankheiten wie Korruption, Ungleichheit und einem gewissenlosen liberalen Wirtschaftssystem. Das Wachstum beträgt 4 Prozent, und die Prognosen sind optimistisch. Der sehr dynamische König arbeitet ohne Unterlass, um aus Marokko ein „Schwellenland“ zu machen, das sowohl gegenüber dem Westen als auch gegenüber Afrika offen ist. Dem Land ginge es noch besser, wenn es nicht mit den Machenschaften des algerischen Nachbarn zu kämpfen hätte, der jede Lösung des Saharaproblems blockiert, das doch eine endgültige politische Lösung bitter nötig hätte. Die Lage ist weder ganz rosig noch ganz grün. Manchmal ist der Widerstand gegen die Modernität stärker als der Prozess der Veränderung und Demokratisierung. Die Menschen sind ungeduldig. Sie wollen umfassende schnelle Veränderung, doch wir vergessen, dass die arabische Welt aus einer sehr unterschiedlichen Vielfalt besteht, jedoch einen gemeinsamen Nenner hat: die Nichtanerkennung des Einzelnen. Die Revolution kann erst vollständig sein, wenn sie den Aufstieg des Einzelnen, des Individuums, in der Gesellschaft ermöglicht. Das hat im Besonderen die Französische Revolution geleistet. Marokko ist ein interessanter Fall, denn es gibt eine dynamische Zivilgesellschaft, die den Islamismus nur als Etappe im Demokratisierungsprozess des Landes ansieht. Die Marokkaner haben sich schon immer dem Islam zugehörig gefühlt, ohne es laut zu verkünden. Sie brauchen heute keine Erinnerung an diese Dimension, die ein gewachsener Bestandteil ihres Lebens ist. In unserem Land hat Toleranz Tradition. Sie verschwindet bloß, wenn Jugendliche während des Ramadan öffentlich essen oder sich insbesondere in der Musik auf eine internationale Kultur berufen. Am 24. Mai 2012 habe ich in Rabat beim internationalen Musikfestival Mawazine gesehen, wie eine Menge von geschätzt mehr als hunderttausend Jugendlichen beim Auftritt der Hardrockgruppe The Scorpions im Chor mitsangen und Fanclub-Banderolen dieser überschwänglichen Rocker schwenkten. Das Gleiche geschah bei den Auftritten des jamaikanischen Sängers Jimmy Cliff (der zum Islam konvertiert ist), von Lenny Kravitz und Mariah Carey. Die Islamisten und ihre Medien haben dieses Festival bekämpft. Doch es wurde zum Glück durchgeführt, denn so konnte die breite Öffentlichkeit mehreren Gratiskonzerten beiwohnen. Die Schirmherrschaft von König Mohamed VI spielte dabei keine geringe Rolle. Dieser Staatschef ist sehr geschickt: Er diskutiert mit seinem Regierungschef, mäßigt, gibt Ratschläge und unterstützt zugleich kulturelle Vielfalt und öffnet Marokko der Welt.

Warum der Arabische Frühling den Islamisten zugutekommt

Wie steht es seit dem 7. Januar 2015 in Frankreich?

Gelebte Demokratie, die Umma Islamiya und das Attentat vom 14. Februar 2015 in Kopenhagen

Wiederstand

Diskussion

Marokko, ein Ausnahmefall: Warum wird in den deutschen Medien, wenn es um nordafrikanische Mittelmeerländer geht, so viel über Ägypten, Tunesien, Libyen und Algerien berichtet? Über Marokko wird dagegen nur selten berichtet? Es drängt sich in diesem Zusammenhang der Eindruck auf, dass deutsche JournalistInnen erst dann zur Feder greifen, wenn es in einem Land viele Tote zu beklagen gibt.

Zielgruppen

Zielgruppen für den Essayband sind alle politisch aufgeschlossenen Leser, die sich über das Thema „Islam und Gewalt“ und die aktuelle Entwicklung des „Arabisches Frühlings“ eine eigenes Bild machen möchten, was aufgrund der Berichterstattung in den deutschen Medien, nicht zuletzt wegen der Komplexität der Thematik, schwerfällt.

Fazit

Eine sehr aktuelles, gut verständliches und äußerst interessantes Buch, geschrieben von einem Autor, der aus eigenem Erleben und mit profunden Kenntnissen aus seinem politischen Blickwinkel die komplizierte politische Situation in der arabischen Welt darstellt und deren unmittelbare Verknüpfung mit den Ländern Europas erläutert.


Rezension von
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 13.05.2015 zu: Tahar Ben Jelloun: Der Islam, der uns Angst macht. Berlin Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-8270-1289-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18812.php, Datum des Zugriffs 23.01.2020.


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ISSN 2190-9245

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