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Mathias Lindenau, Marcel Meier Kressig: Was ist der Mensch?

Cover Mathias Lindenau, Marcel Meier Kressig: Was ist der Mensch? Vier ethische Betrachtungen. Vadian Lectures Band. transcript (Bielefeld) 2015. 108 Seiten. ISBN 978-3-8376-3032-9. D: 16,99 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 24,00 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Anzuzeigen ist der erste Band einer Vorlesungsreihe, die am Zentrum für Ethik und Nachhaltigkeit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in St. Gallen unter dem Titel „Vadian Lectures“ viermal jährlich abgehalten wird. Joachim von Watt (lat.: Vadian, 1484-1551) war Bürgermeister von St. Gallen und einer ihrer Reformatoren. Als historisch und theologisch kundiger Politiker setzte er auf einen öffentlichen Diskurs, verstand die vom Bürgertum regierte Stadt als Nachfolgerin des vormals dominanten Klosters St. Gallen und suchte intellektuelle Nachdenklichkeit in die Welt zu transportieren, um dort Orientierung zu stiften.

Dieser erste Band der Vadian Lectures versammelt die Beiträge von zwei Philosophinnen und zwei Philosophen, alle renommierte Vertreter ihres Fachs, die in ihren allgemeinverständlichen, für ein breites Publikum gedachten Vorträgen einen breiten Bogen aktueller ethischer Fragen aufspannen. Wie bereits in der kurzen Einleitung der Herausgeber intoniert, verfügt die gegenwärtige Anthropologie über keinen externen Referenzpunkt von dem sich Maß und Ziel des Menschen bestimmen und so eine Antwort finden ließe auf die Frage, was wir (Menschen) denn tun und unterlassen sollen, um wir selbst zu sein bzw. zu werden und miteinander ein gutes oder gelingendes Leben zu führen.

Aufbau und Inhalt

Dieter Thomä (St. Gallen) unterzieht unter dem Titel „Humankapital und der Wert des Menschen“ die vorherrschende Meinung, dass Ökonomie und Ethik schwer zu vereinbarenden Sphären angehörten, einer grundlegenden Kritik. Diese Intuition sei stark und habe in Immanuel Kant eine prominente Fundierung erhalten: auf der einen Seite der Mensch mit seiner Würde, auf der einen Seite der Wert und der mit ihm verbundene Preis. Kants Bemühen, den Menschen durch eine „firewall“ der Würde gegen Verwertungsinteressen zu schützen sei zwar verständlich, aber doch irreführend. In beiden Sphären, der Ökonomie wie der Moral unterliege der Mensch dann einer jeweils höheren Logik; im einen Fall der Marktrationalität, im anderen Fall der Geltung eines allgemeinen moralischen Gesetzes. In beiden Fällen werde der Mensch individualisiert, von seinen jeweiligen Lebensbezügen entkoppelt und müsste sich „höheren Mächten“ unterwerfen. Dem stellt Thomä in einer Rekonzeptualisierung der Wertephilosophie eine andere Perspektive gegenüber. Die Humankapitaltheorie bzw. deren implizite Vorläufer - zu denen er auch J. G. Herder zählt - zeige, dass im realen Leben menschliche Wertsetzungen nicht nur ökonomischen Objekten zukommen, sondern auch in den menschlichen (Selbst-)Beziehungen eine fundamentale Rolle spielten. Der doppeldeutige Begriff des Vermögens könnte hier weiterhelfen, indem er zeige, dass die Kapitalisierung des Einsatzes nicht nur für die Sphäre des Ökonomischen gelte, sondern ebenso für die Lebensaufgabe des Menschen, aus sich jemanden zu machen, zu werden, der man ist. Eine grundsätzlichere Besinnung auf die Quellen des Wertens, von wo wir uns selbst verstehen und unser Handeln bestimmen, sei angezeigt. Und Bedingung hierfür sei die Freiheit, werten zu können und wert-volle Erfahrungen machen und teilen zu können.

Annemarie Pieper (Basel) fragt in ihrem Beitrag „Riskante Freiheit - Der Hang zum Bösen und seine Folgen“ nach der Freiheit des Menschen diesseits und jenseits von Gut und Böse. Ausgangspunkt für diese doppelte Versuchsanordnung ist die Erfahrung, dass die Freiheit des Menschen untrennbar verbunden ist mit der Möglichkeit Gutes oder Böses zu verwirklichen. Lässt sich - so ihre Frage - eine Welt denken, in der diese Kategorien bedeutungslos sind und die Freiheit des Menschen gleichwohl gewahrt wird? Diesseits von Gut und Böse, das ist die Situation von Adam und Eva vor dem Sündenfall, als sie eine begrenzte Freiheit (er-)lebten – „Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen, denn an dem Tage, da du von ihm issest, mußt du des Todes sterben.“ (Gen 2,17) –, aber die Unterscheidung von Gut und Böse nicht kannte. Jenseits von Gut und Böse, das ist die Parole von Friedrich Nietzsche, mit der er den Menschen nach dem Tode Gottes zum freien, weil nur sich selbst Gehorsam schuldigen Wesen ausruft. Gut und Böse sind damit keine von außen zukommenden Kategorien, die dann in Schuld und Scham verstricken, sondern „völlig wertfreie Wörter“, notwendige Polaritäten des Lebens. In der Zusammenschau dieser beiden Perspektiven entwickelt Pieper eine philosophische Position, wonach die Freiheit des Menschen nicht ohne Tendenzen in das moralisch Gute oder Böse zu haben ist. Diese Freiheit sei jedoch nicht allein in der Befreiung von überkommenen Ideologien und Zwangsmechanismen zu gewinnen, sondern gerade in einer positiven Bestimmung des auf Zukunft gerichteten gemeinsamen Lebens.

Dagmar Fenner (Basel und Tübingen) („Zwischen Selbstverwirklichung und Selbsttranszendenz – Menschliche Selbstentwürfe und die ethische Frage nach dem Guten“) geht davon aus, dass eine anthropologische Position den Menschen als Subjekt seines Lebens in den Blick bekommen und damit über eine naturalistische Beschreibung hinausgehen müsse. Die ethische Frage komme dabei in zweifacher Weise in den Blick: individualethisch als Frage nach dem eigenen Guten und Lebensinteresse, sozialethisch als das für alle (Betroffenen) Gute. Der damit verbundene moralische Standpunkt verlange vom Subjekt nicht zuletzt eine Form der Selbsttranszendenz, während die erste Position vor allem die Selbstverwirklichung zu Ziel habe. Zwei Formen der Selbstverwirklichung seien in der Tradition auszumachen, ein Fähigkeiten-Ansatz und ein Wunscherfüllungsansatz. Während der erste bis zu Aristoteles zurückreicht und auf die Realisierung der im Menschen angelegten Fähigkeiten abziele, erweise sich der zweite als ein typisch neuzeitliches Phänomen, wonach der Mensch seine tiefsten eigenen Wünsche und identitätsstiftenden Ideale umzusetzen habe. Auch dieses Ich kann von eigenen Anlagen nicht absehen, ist aber sehr viel stärker von Idealen getrieben, wobei es eine Frage der individuellen Lebenskunst wie der gesellschaftlichen Strukturen ist, ob diese Ideale tendenziell über- oder unterfordernd und somit zur Quelle des Glücks oder Unglücks werden. Verantwortbare Selbstverwirklichung, so Fenners Fazit, könne von der moralischen Perspektive auf die anderen nicht absehen. Selbstinteresse und Selbsttranszendenz seien notwendige Pole menschlichen Lebens und müssten eingeübt werden – eine Form der Lebenskunst, wie sie prominent vom letzten Autor vertreten wird.

Wilhelm Schmid (Erfurt) („Mit sich selbst befreundet sein – Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst“) erkennt die Freiheit in der Moderne vor allem als Befreiung von bevormundenden und lenkenden Institutionen. Die so erreichte und zugemutete Freiheit verlange vom Ich ein hohes Maß an Selbstorganisation und -bestimmung. Was aber ist dieses Selbst, dem so viel zugemutet? „Das Selbst ist eine Illusion, die entstanden ist, um leben zu können. Wir sollten sie pflegen, solange wir sie zum Leben brauchen“ (S. 97). Dieser pragmatische Umgang mit dem Selbst lässt sich nach Schmid durchaus noch differenzieren: Um der Gefahr der Selbstverleugnung wie der der Selbstüberhöhung zu entgehen, müsste das Ich lernen, mit sich selbst befreundet zu sein.Voraussetzung hierfür sei eine Selbstaufmerksamkeit, die durch Selbstbesinnung zur Selbstkenntnis (im stärkeren Sinne zur Selbsterkenntnis) in Form einer Selbstklärung führe. Hierfür bietet Schmid sieben Punkte, über die das Selbst zu seiner eigenen Identität in Form der eigenen Geschichte kommen könne. Ziel sei eine Selbstliebe, die als Bedingung und nicht als Widerspruch zur Nächstenliebe gelernt werden müsse.

Fazit

Die vier Texte liefern nicht nur einen Einblick in die gegenwärtigen anthropologischen Debatten, sie wollen auch Stoff zur Diskussion, wohl aber auch zur Meditation sein; denn das wird offensichtlich: Nachdenken über den Menschen ist immer auch Nachdenken über sich selbst.


Rezensent
Prof. Dr. Arne Manzeschke
Homepage www.evhn.de
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Zitiervorschlag
Arne Manzeschke. Rezension vom 04.01.2016 zu: Mathias Lindenau, Marcel Meier Kressig: Was ist der Mensch? Vier ethische Betrachtungen. Vadian Lectures Band. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-3032-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18814.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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