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Gertraud Diem-Wille: Latenz - Das "goldene Zeitalter" der Kindheit?

Rezensiert von Prof. Dr. Hermann Staats, 18.08.2015

Cover Gertraud Diem-Wille: Latenz - Das "goldene Zeitalter" der Kindheit? ISBN 978-3-17-026064-1

Gertraud Diem-Wille: Latenz - Das "goldene Zeitalter" der Kindheit? Psychoanalytische Entwicklungstheorie nach Freud, Klein und Bion. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. 190 Seiten. ISBN 978-3-17-026064-1. 29,99 EUR.
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Thema

Die Lebensphase zwischen 6 und 11 Jahren wird aus psychoanalytischer Sicht als „Latenzzeit“ bezeichnet. Sie ist im Vergleich zu den ersten Lebensjahren und der Adoleszenz oft eine ruhigere Entwicklungszeit des Lernens in Schule und Familie. In der entwicklungspsychologischen Literatur wird „diese ereignisreiche Zeit … stiefmütterlich behandelt“ (S.3). Diem-Willes Buch will vor diesem Hintergrund „zeigen, wie wichtig die Konzepte der frühen Jahre einerseits und der Latenz andererseits nicht nur für die klinische Praxis, sondern für alle Personen sind, die sich mit Kindern und Jugendlichen beschäftigen und deren innere Welt verstehen wollen.“ (S. 172)

Herausgeberin

Gertraud Diem-Wille lehrt Psychoanalytische Pädagogik an den Universitäten Klagenfurt und Wien. Sie ist Lehranalytikerin der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.

Entstehungshintergrund

Das Buch schließt an das 2007 erstmals erschienene Werk „Die frühen Lebensjahre. Psychoanalytische Entwicklungstheorie nach Freud, Klein und Bion“ an und führt die Darstellung psychoanalytischer Entwicklungspsychologie mit dem Fokus auf den Konzepten von Klein und Bion zeitlich weiter.

Aufbau und Inhalt

Diem-Wille stellt die Entwicklungen der Latenzzeit in fünf übergeordneten Kapiteln dar. Sie wählt dabei ein Pfadmodell für die unterschiedlichen Entwicklungslinien und beschreibt Entwicklung im Sinne aktueller Konzepte nicht als einen linearen, chronologischen Prozess (S. 170).

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit Körper und Psyche des Kindes in der Latenz. Diem-Wille sieht die Abkopplung von den Eltern als einen wesentlichen Bestandteil der Latenzphase. Hier muss das Kind lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und sich in die Gemeinschaft zu integrieren. Als "Große" gesehen zu werden und den Erwachsenen gleichgestellt zu sein um Anerkennung zu erlangen, spiele besonders für Mädchen eine wichtige Rolle. Fallbeispiele verdeutlichen den Prozess, den die Kinder durchlaufen. Dazu gehört das Erlernen von Selbstständigkeit, mehr Unabhängigkeit sowie die Anpassung und Umstellung mit dem Schuleintritt, der für die Latenzzeit zentral ist. Kleine Erfolgserlebnisse fördern hierbei das Selbstvertrauen und die Selbstsicherheit. Auch werden psychische Verwirrungen bei sexueller Belästigung beschrieben, die bei emotional instabilen Beziehungen zu den Eltern entstehen können. Des Weiteren sei es von großer Wichtigkeit, die Kinder nicht vor Trennungen oder dem Thema Tod schützen zu wollen, indem schwierige Situationen verschwiegen werden, sondern sie damit in angemessener Form zu konfrontieren. So bekommen sie die Möglichkeit, sich mit existentiellen Themen auseinanderzusetzen.

Im zweiten Teil des Buches mit dem Titel Latenzzeit: Entwicklung des Denkens und des Lernens werden die psychoanalytischen Theorien von Freud, Klein und Bion beschrieben und wieder an zahlreichen Fallbeispielen aus dem Alltag von Familien und aus der pädagogischen Praxis verdeutlicht. Ein eindrucksvolles Beispiel nimmt Bezug auf Winston Churchill, der seinen ersten Schultag beschreibt. Durch dieses Beispiel wird die Wichtigkeit des Zusammenhaltens sowie der Kontakte zu Mitschülern in der Latenzzeit deutlich.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit Latenzkindern in Therapie. Die Entwicklung der Kinderanalyse wird kurz dargestellt. Drei längere Fallbeispiele zeigen das Arbeiten mit Kindern in der Latenzzeit und erläutern das deutende Vorgehen von Therapeutinnen und Therapeuten vor dem Hintergrund der beschriebenen Konzepte. Die Bedeutung des Lesens in der Latenzphase wird betont. In diesem Kapitel nimmt Diem-Wille auf Joanne K. Rowlings „Harry Potter“ und auf die „Chroniken von Narnia“ von C. S. Lewis ausführlich Bezug. Sie beschreibt entwicklungspsychologisch relevante Aspekte dieser Buchreihen und führt aus, wie hilfreich die Auseinandersetzung damit für Leserinnen und Leser sein kann. „Auch Kinder, die selten Bücher gelesen haben, >>verschlingen<< diese dicken Bücher.“ (S. 161).

Im abschließenden Kapitel Ausblick und Perspektiven beschreibt die Autorin ihre theoretische Position und das Anliegen ihres Buches. Sie geht dabei auf die Entwicklungen psychoanalytischer Theorien ein und beschreibt als Kennzeichen der Objektbeziehungstheorie: „Das primäre Ziel des Ichs ist in der Objekttheorie (sic!) nicht die Triebabfuhr, sondern die Suche nach dem Objekt“ (S. 171). Eine Schulung in diesem Denken sei notwendig und trage dazu dabei, Interaktionen tiefgehend zu verstehen.

Ein Stichwortverzeichnis und ein Personenverzeichnis helfen beim Nachschlagen.

Diskussion

Das Buch ist sehr gut lesbar. Es erschließt auch Leserinnen und Lesern, die nicht mit psychoanalytischen Konzepten vertraut sind, etwas von den komplexen Konzepten von Klein und Bion, und es macht deutlich, wie diese im pädagogischen Alltag angewendet werden können. Psychoanalytische Deutungsmuster, die zunächst befremden können aber für die pädagogische Arbeit wichtig sind, werden mit einer praxisbezogenen Darstellung und vielen Beispielen vertraut gemacht – z. B. zu Ängsten dieser Entwicklungszeit oder zur Dynamik von Täter-Opfer Beziehungen. Dabei stehen die Konzepte von Klein und Bion - wie im Titel des Buches angekündigt – im Vordergrund. Liest man das Buch mit dem Interesse, etwas über die Latenzzeit zu lernen, ist diese deutliche Fokussetzung auch eine gewisse Einschränkung. Klassische und moderne Konzepte zur Latenzzeit, etwa als Zeit der Integration in die Familie, der Differenzierung der Bilder der Eltern und des sich Integrierens in Gruppen sowie die damit verbundenen Veränderungen kognitiver Funktionen hin zur Präadoleszenz und Adoleszenz werden wenig ausgeführt. An manchen Stellen – etwa bei der Diskussion der „Chroniken von Narnia“ oder beim Blick auf die Sozialisation in Schule, Familie oder den neuen Medien – könnten sich Leser auch eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Aspekten der äußeren Realität wünschen. Hier könnte der Blick auf die innere Welt von Kindern ergänzt werden um den forschenden Blick von außen, wie er etwa in dem einleitenden Kapitel des 2014 erschienenen Jahrbuchs der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse zum Thema „Latenz: Entwicklung und Behandlung“ (Hrsg. Manfred Endres und Catharina Salamander) dargestellt wird.

Mit ihrem Blick auf die subjektive Weltsicht von Kindern in der Latenzzeit zielt Diem-Wille deutlicher auf Pädagoginnen und Pädagogen als Leser, das „Jahrbuch der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse“ zur Latenzzeit auf Therapeutinnen und Therapeuten. . In allgemeinen Lehrbüchern der Entwicklungspsychologie und in analytischen Lehrbüchern wird die Latenzphase oft nur kurz behandelt. An dieser Entwicklungsphase interessierte Leser können sich jetzt an aktueller Literatur freuen. Für ein umfassendes Bild der Latenzzeit bleiben sie auf mehrere Bücher angewiesen.

Fazit

Das Buch „Latenz - Das „goldene Zeitalter“ der Kindheit“ nutzt psychoanalytische Entwicklungstheorien von Klein, Bion und Freud für ein Verständnis der „Inneren Welt“ von Kindern im Alter zwischen dem 6. und 11. Lebensjahr. Fallbeispiele aus dem familiären und pädagogischen Alltag und aus Kindertherapien tragen dazu bei, diese komplexen Konzepte für ein Verstehen kindlicher Entwicklungsprozesse nutzbar zu machen. Leicht verständlich, interessant und spannend wird das subjektive Erleben von Kindern in der Latenzzeit dargestellt.

Diem-Wille schreibt, ihr Buch wende sich an „alle Personen, die sich mit Kindern und Jugendlichen beschäftigen und deren innere Welt verstehen wollen.“ (S. 172). Der Fokus auf ein Verstehen der inneren Welt von Kindern und auf einen Ausschnitt psychoanalytischer Entwicklungstheorien öffnet einen besonderen Blick auf die kindliche Entwicklung in dieser Zeit. So ist das Buch Pädagoginnen und Pädagogen, aber auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, die mit Kindern- und Jugendlichen arbeiten, sehr zu empfehlen. Kinder- und Jugendlichentherapeutinnen und -therapeuten erfahren etwas zu kleinianischen Konzepten der Kinderanalyse. Auch für sie kann das Buch als ein Beitrag zum Verstehen der Latenzzeit von hohem Wert sein.

Rezension von
Prof. Dr. Hermann Staats
FH Potsdam, Sigmund-Freud Professur für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie
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Es gibt 16 Rezensionen von Hermann Staats.

Kommentare

Anerkung der Redaktion:

Die Rezension wurde gemeinsam mit Melina Feist und Constanze Maaß (Studierende im Studiengang Bildung und Erziehung in der Kindheit an der FH Potsdam) verfasst.

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Zitiervorschlag
Hermann Staats. Rezension vom 18.08.2015 zu: Gertraud Diem-Wille: Latenz - Das "goldene Zeitalter" der Kindheit? Psychoanalytische Entwicklungstheorie nach Freud, Klein und Bion. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-026064-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18820.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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