Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Christian Stadler, Michael Ermann (Hrsg.): Traum und Märchen in der handlungs­orientierten Psychotherapie

Rezensiert von Dr. med. Joachim Gneist, 05.06.2015

Cover Christian Stadler, Michael Ermann (Hrsg.): Traum und Märchen in der handlungs­orientierten Psychotherapie ISBN 978-3-17-023064-4

Christian Stadler, Michael Ermann (Hrsg.): Traum und Märchen in der handlungsorientierten Psychotherapie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. 120 Seiten. ISBN 978-3-17-023064-4. 24,99 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema und Entstehungshintergrund

„Dieses Buch stellt eine grundlegend überarbeitete und erweiterte Fassung der Vorlesungen dar, die der Autor zum gleichen Thema im Rahmen der Lindauer Psychotherapiewochen 2014 gehalten hat.“

In der von Ermann herausgegebenen Reihe sind in den letzten zehn Jahren perspektivenreiche Vorlesungen zum Thema Traum veröffentlicht worden, weniger über Märchen. Gerade die Kombination psychotherapeutischer Arbeit mit Märchen und Träumen, und zwar im Einzel- und Gruppensetting macht die Lektüre so interessant. Stadler legt damit eine praktisch und theoretisch fundierte Einführung in „handlungsorientierte Psychotherapie“ vor.

Aufbau und Inhalt

1. Vorlesung: Szene und Handlung lassen sich im Psychodrama anschaulich verbinden. Stadler zeigt, wie Selbsterkenntnisse und Selbstheilungskräfte einzeln und in Gruppen gefördert werden können.

Gleich das erste ausführliche Gruppentherapiebeispiel macht seine Herangehensweise transparent: Eine 31jährige Patientin schleppt schon 10 Jahre eine Verletzung aus dem Gefühl, ihr Vater verachte sie, mit sich herum. Die damalige Familienszene wird mit Hilfe von Mitspielern zunächst nachgespielt.

Dann entscheidet sich die Patientin für eine Wunschszene, wie sie sich hätte zur Wehr setzen können. Im Zusammenspiel der damals 20Jährigen mit der heute 31-Jährigen hilft ihr „das wahre, zweite Mal“ im Psychodrama Morenos ihre eigene Rolle zu aktivieren, auch für ihre gegenwärtige Auseinandersetzung  mit Chefin und Kollegen (Seite 16-19).

In der 2. Vorlesung werden Traumentstehung und -verständnis nach Freud und Jung referiert und an konkreten Traumbeispielen exemplifiziert.

„Erleben des Traumes“ ist Thema der 3. Vorlesung auf 53 Seiten. Gründlich und nachvollziehbar, im Stil seiner früheren Bücher, aber immer mit neuen Beispielen variantenreich hinterfragt und erläutert, kommt Stadler zu einer zentralen Aussage über seine Traumarbeit: „Das handlungsorientierte und mentalisierende Erleben wird allein schon durch die Rollenwechsel auf der inneren Bühne in Gang gebracht … Der zusätzliche Gewinn des Traumspiels in der Gruppe ist auf jeden Fall die stärkere Intensität und die Rollenfeedbacks der Mitspieler, die ja auch etwas in den Traumrollen erleben und dies dem Träumer anreichernd wiedergeben.“ (Seite 75).

In Einzel- und Gruppensitzungen kann ein Traum weitergeführt werden. „Besonders bei Albträumen, die im schlimmsten Moment abbrechen, mit dem Aufwachen enden, bietet sich die Möglichkeit des Weiterträumens an. Der Moment der Angst kann überwunden werden, da der Träumer an dieser Stelle nicht aufwacht, sondern begleitet durch den Therapeuten in der Handlung weitergehen kann.“ (Seite 81). Auch der Umgang mit Traumfragmenten und Anregungen zur Einzel- und Gruppenimagination kommen anschaulich zur Sprache. Immer wieder legt Stadler seine psychodynamische Sichtweise in kreativen Handlungsimpulsen dar und vertieft sie im Feedback. Das kann verbal und nonverbal geschehen, zum Beispiel durch Malen des aktuell Erlebten, einzeln und in Gruppen.

So auch in der 4. Vorlesung über Psychotherapie mit Märchen. Sie eignen sich auch besonders gut zur indirekten Bearbeitung von Themen, die virtuell in der Gruppe sind. So wird das Paarthema anhand dreier Grimms Märchenstoffe „König Drosselbart“, „Dornröschen“ und „Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ aufbereitet. Im „Bewältigungsmärchen“ wird schließlich ein kreativer Prozess in Patienten in Gang gesetzt, die sie ihre Lebens- und Leidensgeschichte in märchenhaft selbst erfundener Verwandlung zu authentischer Erfüllung vielleicht lange schlummender Sehnsüchte bringen kann. Es handelt sich um eine Distanzierungstechnik, die Zugang zum eigenen Selbst verschafft und die Fähigkeit zur persönlichen Konfliktverarbeitung fördert. Jemand kann mit einer helfenden Märchenfigur Freundschaft schließen, das kann z.B. eine Fee oder ein Zauberer sein. „Über die Arbeit auf der Symbolbühne, z.B. der Tischbühne mit Figuren oder Klötzen lernen die Patienten szenisch-handelnd die überwältigenden Gefühle … in ihren Erlebenskontext (zu) integrieren.“ (Seite 128). Auch Gruppen können Märchen erfinden und aus dem Stegreif spielen. Im Nachhinein kann der unbewusste Prozess einer Gruppe im Feedback ausgedrückt werden.

Diskussion und Fazit

Bei aller Stofffülle liest sich das Buch mit seinen Fallbeispielen, Reflexionen und theoretischen Bezügen bis hin zur Neurobiologie wie ein guter Roman, es inspiriert und macht nachdenklich. Themen von Gewalt, Kampf und gesellschaftlicher Herausforderung (Soziodrama) kommen zu kurz. Sie lassen sich sowohl in Träumen als auch in Märchen entdecken, wie „Die Wolfsfrau“, „Blaubart“ oder „Turandot“. Jeder Leser, von Betroffenen bis zu erfahrenen Therapeuten, wird dank vielfältiger Handlungsanweisungen fündig werden. Stadler bewertet nicht, sondern vermittelt übergreifende Standpunkte. Ein sehr ermutigendes Werk eines erfahrenen Therapeuten!

Rezension von
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
Mailformular

Es gibt 23 Rezensionen von Joachim Gneist.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 05.06.2015 zu: Christian Stadler, Michael Ermann (Hrsg.): Traum und Märchen in der handlungsorientierten Psychotherapie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-023064-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18821.php, Datum des Zugriffs 08.12.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht