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Harlich H. Stavemann: Sokratische Gesprächsführung in Therapie und Beratung

Rezensiert von Dipl.-Soz.-Arb. Thorsten Wege, 08.10.2015

Cover Harlich H. Stavemann: Sokratische Gesprächsführung in Therapie und Beratung ISBN 978-3-621-27929-1

Harlich H. Stavemann: Sokratische Gesprächsführung in Therapie und Beratung. Eine Anleitung für Psychotherapeuten, Berater und Seelsorger. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 3., überarbeitete Auflage. 366 Seiten. ISBN 978-3-621-27929-1. D: 44,95 EUR, A: 46,50 EUR, CH: 57,90 sFr.

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Thema

Sokrates als „Pate“ für ein umfangreiches Lehrbuch zur Gesprächsführung – ist das „alter Wein in neuen Schläuchen“, zeitgeistige „Retro-Manie“, vielleicht auch Rückbesinnung auf bewährte Denktraditionen im Zeitalter der Postmoderne, oder liefert die Philosophie in der Tat hilfreiche Antworten und darüber hinaus methodisches Repertoire für die Praxis? Ein Bezug liegt schon allein historisch nahe, denn jahrhundertelang waren Themen, die heute in therapeutischen und beraterischen Kontexten verortet werden, dem Bereich der Philosophie (und Seelsorge) zugeordnet, bevor die Psychologie sich als eigenständiger gesellschaftlicher Wissens- und Handlungsbereich etablierte.

Somit dürften Leser_innen gespannt sein auf historisch begründete und praxisrelevante Ausführungen, die neben der Vermittlung von Techniken auch Sinnfragen menschlichen Daseins in den Blick nehmen.

Autor

Dr. Harlich H. Stavemann ist Dipl.-Psych., Dipl.-Kfm., Psychotherapeut, Kognitiver Verhaltenstherapeut, Lehrtherapeut und Supervisor und leitet das Institut für integrative Verhaltenstherapie in Hamburg. Diverse Publikationen sind im Beltz-Verlag erschienen. (http://www.i-v-t.de/Institutsmitglieder-Dozent/innen)

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist die dritte überarbeitete Auflage der Erstauflage von 2002.

Ziel ist es, die sokratische Methode der Gesprächsführung nachvollziehbar zu beschreiben und für die Praxis umsetzbar darzustellen. Harlich Stavemann betont, dass es neben der Lektüre erfahrungsgemäß eines intensiven und reflexiven Trainings bedarf, um diese Methode gleichermaßen gewinnbringend für Klient_innen und Therapeut_innen umzusetzen.

Aufbau und Einleitung

Das Buch ist in zwei große Abschnitte gegliedert:

  • Teil I: Die Entwicklung des Sokratischen Dialogs: Von der antiken Philosophie zur modernen Psychotherapie
  • Teil II: Sokratische Dialoge in Therapie und Beratung – Fallbeispiele

Die differenzierten und vielschichtigen Darstellungen der historischen Entwicklungen, theoretischen Grundlagen und therapeutischen Modellentwicklungen erlauben hier nur eine überblickhafte und daher stark verkürzte Zusammenfassung der Inhalte.

In der Einleitung erfolgt zunächst eine vorangestellte Definition des psychotherapeutischen Sokratischen Dialogs als (zusammengefasst) Gesprächsstil einer fragenden, nicht-wissenden Haltung mit dem Ziel, Klient_innen zur Reflexion anzuregen, um sich ggf. für neue Sichtweisen und Alternativen zu entscheiden.

Zu Teil I. Die Entwicklung des Sokratischen Dialogs

Kapitel 1 blickt auf die historischen Wurzeln der Sokratischen Methode und die verschiedenen philosophischen Denktraditionen der Antike.

Kapitel 2 zeichnet philosophische Entwicklungen vom Mittelalter bis zur Moderne nach und differenziert abschließend die heute vorzufindende analytische Trennung philosophischer und psychologischer Sokratischer Dialogformen.

Die Relevanz der originär philosophischen Modelle für Therapie und Beratung wird in Kapitel 3 präzisiert. Weiterhin werden u.a. Fragen von Wahrnehmung, Erkenntnis, Wahrheit, Wertfragen- und -maßstäbe, Lebensziel und Lebenszweck, Freiheit, Eigenverantwortlichkeit, aber auch Dimensionen von Schuld und Sühne diskutiert und hinsichtlich ihrer Bedeutung und Relativität untersucht. In diesem Zusammenhang werden neurowissenschaftliche Erkenntnisse durchaus kritisch behandelt.

Kapitel 4 präzisiert auf der Basis vorhandener Ansätze (skizziert werden davon sechs) den ursprünglich philosophisch verorteten Sokratischen Dialog für den psychotherapeutischen Kontext. In diesem Modell werden u.a. drei Varianten unterschieden:

  1. Der explikative Sokratische Dialog zur Klärung von Begriffen und der Frage: „Was ist das?“
  2. Der normative Sokratische Dialog zur ethisch-moralischen Bewertung der Frage: „Darf ich das?“
  3. Schließlich der funktionale Sokratische Dialog zur Bewertung und Entscheidungsfindung zu der Frage: „Soll ich das?“

In Anschluss finden sich, thematisch geordnet, eine Reihe von Frage- und Disputtechniken, die sowohl Exploration, Klärung sowie Überprüfung von subjektiven Annahmen, Weltbildern und Bewertungsmustern ermöglichen sollen. Die regressive Abstraktion sei hier als beispielhafte Vorgehensweise genannt, um Bedeutungen zu klären und diese als gemeinsame Kommunikationsgrundlage herauszukristallisieren.

Kapitel 5 widmet sich den Indikationen und Kontraindikationen des psychotherapeutischen Sokratischen Dialogs und diskutiert Settingfragen sowie Vor- und Nachteile der Methode. Der Vorteil einer stabilen und effektiven (weil selbst erarbeiteten) Einstellungsveränderung muss eingebettet sein in einen adäquaten Zeitrahmen, eine therapeutischen Haltung und Erfahrung in der Anwendung und dem Erarbeiten einer funktionalen Lösung nach dem (intendierten) Zustand sokratischer Verwirrung. Differenziert werden auch die Indikationen für explikative, normative und funktionale Gesprächsführungsstile.

Abschließend werden die Anforderungen an Therapeut_innen und an Klient_innen expliziert: Die Dimensionen Wissen, Reflexion, Können und Haltung lassen sich auf Therapeut_innenseite ausmachen. Klient_innen sollten idealerweise reflexionsfähig, verändungsmotiviert, problembewusst und zielbezogen sein. Ggf. (noch) nicht vorhandene Voraussetzungen sollten geprüft und zuvor erarbeitet werden, damit die Methode im therapeutischen Setting sinnvoll einsetzt werden kann.

In Kapitel 6 wird der Sokratische Dialog in Bezug gesetzt zur Kognitiven (Verhaltens-) Therapie. Hierbei geht es -grob skizziert- darum, dysfunktionale, Leid verursachende Konzepte und Denkstile zu erkennen, diese im Dialog mit Klient_innen auf ihre Angemessenheit hin zu überprüfen und neue, funktionalere Konzepte zu erstellen und durch Wiederholungen zu „bahnen“.

Zu Teil II. Fallbeispiele

In Kapitel 7 finden sich fünf Fallbeispiele zu explikativen Dialogen

  1. Was ist die Ursache für ein Gefühl?
  2. Was ist das: ein wertvoller Mensch? (Selbstwertthematik).
  3. Was ist das: Gerechtigkeit? (Änderung rigider Denkmuster und emotionale Folgen).
  4. Was ist das: ein sinnvolles Leben? (Entscheidungsbereitschaft und Selbstverantwortungsübernahme).
  5. Was ist das: Liebe? (Paar-Setting und gegenseitiges Verstehen).

Kapitel 8 Normative Sokratische Dialoge

  1. Darf ich das: abtreiben? (Moralkonfliktlösung durch Abwägung ethisch-moralischer Argumente).
  2. Darf ich das: meinen unheilbar kranken Partner verlassen? (Entscheidungsfindung, s.o.).
  3. Darf ich das: den Pflegewunsch meiner Eltern ablehnen? (Moralkonfliktlösung durch Abwägung).

Kapitel 9 Funktionale Sokratische Dialoge

  1. Soll ich das: dieses Kind abtreiben? (Entscheidung durch Abwägung von Alltagskonsequenzen).
  2. Soll ich das: meinen an Leukämie erkrankten Partner verlassen? (Zielkonflikt durch Abwägen funktionaler Aspekte lösen).
  3. Soll ich das: meinen sicheren Arbeitsplatz kündigen, um eine neue Chance wahrzunehmen? (Entscheidung durch Abwägen und Gewichten von Chancen, Zielen und Gefahren)
  4. Ich soll mich nicht aufregen! (funktionaler Dialog zum Abbau von unnötigen Erregungszuständen).
  5. Soll ich das: für Fehler büßen, um mich zu entlasten (Autoagressive Reaktionen bei Schuld- und Sühnekonzepten abstellen).

Kapitel 10 enthält 15 prägnante und übersichtliche „Daumenregeln“ und Tipps für Sokratische Dialoge.

Ein Glossar und ein Sachwortverzeichnis befinden sich am Ende des Buches.

Diskussion

Alter Wein in neuen Schläuchen? Ja und nein und mehr als das.

Ein „einfaches“Buch zur Gesprächsführung kann es schon aufgrund der komplexen Materie nicht sein. Bereits der informative historische Teil, der einlädt, sich mit Menschenbildern und philosophisch inspirierten Ideen von Veränderung durch kommunikative Prozesse auseinander zu setzen und deren Relevanz für aktuelle Fragestellungen zu erkennen, macht die Lektüre anspruchsvoll und lesenswert. Nicht neu, aber hochinteressant sind Parallelen zu humanistisch geprägten, nicht-direktiven und systemischen, insbesondere lösungsorientierten Ansätzen: Eine bewusste Haltung des Nicht-Wissens, (offene) Fragen statt Antworten, Vertrauen in die Expertise des Gegenübers, selbst entdecken lassen und alternative Lösungsfindung als gemeinsamer Prozess – hier hört man fast die Protagonist_innen im Originalton. Problemlos finden sich auch schulenübergreifende Anschlüsse für therapeutische/beraterische Veränderungsarbeit, sofern sie sich im Bereich von „change-talk“ bewegt. Ein gemeinsamer Nenner mag hierbei das Stichwort „Perspektivenwechsel“ sein. Das Erkennen und systematische Hinterfragen von einschränkenden „Modellen der Welt“, wie sie beispielsweise in der Analyse der Arbeiten bekannter Therapeut_innen von Bandler und Grinder beschrieben wurden, ist ebenfalls nicht „neu“. Es stellt sich vielmehr die Frage, was wurde von wem übernommen und welche (altbewährten) Formen hilfreicher Kommunikation können beschrieben und erlernt werden und welche Relevanz haben ursprünglich philosophische Erkenntnisverfahren für die aktuelle Praxis. Inhaltlich und didaktisch hochwertig gestaltet, fernab pragmatischer Aneinanderreihungen von Fragetechniken, finden sich hier systematisierte, fundierte Ideen und anschauliche Beispiele einer vielzitierten und selten ausführlich erklärten Methode. Wie jedes therapeutische Vorgehen bedarf es Übung, ein hohes Maß an Eigenreflexion, Erfahrung sowie einer Haltung, die nicht aus einem Lehrbuch erlernt, sondern erworben wird. Auch zu einem sensiblen und nicht-wertenden und dennoch reflexivem Umgang mit existenziellen Sinnfragen liefert das Buch insbesondere im zweiten Teil viele nützliche Anregungen.

Inwiefern die Methode in Beratung, Therapie und Seelsorge hilfreich angewandt werden kann, ist letztlich eine Frage des eigenen beruflichen Kontextes und darf und sollte getrost den Praktiker_innen als Expert_innen ihrer Handlungszusammenhänge überlassen werden. Fundierte Anregungen und Ideen bietet das nunmehr in der dritten Auflage erschienene Buch auf jeden Fall.

Fazit

Grundlagen der Gesprächsführung sollten bekannt sein. Für Lernende, Fortgeschrittene, „Fragende“ und Neugierige, die an Tiefgang und Präzision in der therapeutischen/beraterischen Arbeit interessiert sind und eine Haltung des wertschätzenden Dialogs und ko-operativen Gestaltens von Veränderungsprozessen (weiter-) entwickeln und vertiefen möchten, ist das Buch eine hochwertige Fundgrube.

Rezension von
Dipl.-Soz.-Arb. Thorsten Wege
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Es gibt 3 Rezensionen von Thorsten Wege.

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Zitiervorschlag
Thorsten Wege. Rezension vom 08.10.2015 zu: Harlich H. Stavemann: Sokratische Gesprächsführung in Therapie und Beratung. Eine Anleitung für Psychotherapeuten, Berater und Seelsorger. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 3., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-621-27929-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18822.php, Datum des Zugriffs 17.04.2024.


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