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Albert Scherr (Hrsg.): Systemtheorie und Differenzierungs­theorie als Kritik

Cover Albert Scherr (Hrsg.): Systemtheorie und Differenzierungstheorie als Kritik. Perspektiven in Anschluss an Niklas Luhmann. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 288 Seiten. ISBN 978-3-7799-2970-3. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Vielfach würde, so das zentrale Thema der hier versammelten Arbeiten, soziologische System- und Differenzierungstheorie als Verabschiedung vom Projekt einer kritischen Gesellschaftstheorie, als affirmativ verstanden. Dies gilt insbesondere für die von Niklas Luhmann geprägte Gesellschaftstheorie. Dagegen will das Buch aufzeigen, dass dadurch unnötige Rezeptionsblockaden entstehen und das kritische Analysepotential der soziologischen Systemtheorie bisher unterschätzt wurde. Durchaus nämlich können mit ihrer Hilfe in die Struktur der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft und die Operationsweise ihrer Funktionssysteme eingelassene Problemlagen kritisch analysiert werden. Zudem fragt das Buch nach dem sozialen Ort und den Perspektiven von Kritik unter Bedingungen funktionaler Differenzierung.

Herausgeber

Albert Scherr, geb. 1958, ist Professor für Soziologie am Institut für Soziologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Arbeitsschwerpunkte: Gesellschaftstheorie, Migrations- und Flüchtlingssoziologie, Diskriminierungsforschung, Soziologie der Sozialen Arbeit, Bildungssoziologie.

Aufbau

In diesem Band steht nach eigenen Angaben die Frage im Zentrum, welchen Beitrag die differenzierungstheoretische Systemtheorie Luhmanns zu einer Gesellschaftsanalyse leiste, die insofern kritisch ist, wie sie auf in der Struktur der modernen Gesellschaft verankerte Problemlagen hinweist, die Operationsweise der Funktionssysteme und/oder die Struktur der funktionalen Differenzierung selbst problematisiert. Zudem soll nach Antworten auf die Frage nach dem sozialen Ort und den Perspektiven der Kritik unter Bedingungen funktionaler Differenzierung gesucht werden. Angestrebt ist dabei kein Theorienvergleich, sondern der Versuch ist, aufzuzeigen, dass und wie Formen der kritischen Gesellschaftsanalyse mit den Mitteln der differenzierungstheoretischen Sozial- und Gesellschaftstheorie weiterentwickelt werden können. Gesellschaftskritik ließe sich nicht problemlos auf Kapitalismuskritik verkürzen bzw. muss nicht zwangsläufig in diese einmünden. Mit dieser These startet das Buch.

Im Vorwort wird daran anschließend annonciert, dass die versammelten Arbeiten nach dem Analyse- und Kritikpotenzial der soziologischen Differenzierungs- und Systemtheorie Luhmannscher Prägung fragen und somit das Buch sich „nicht als Abschied von der Idee einer kritischen Gesellschaftstheorie, sondern als deren Weiterentwicklung versteht“. Ein zentrales Argument des Buches ist, dass das geläufige Unterscheidungsschema Kritik vs. Affirmation wenig geeignet sei, um zu einem angemessenen Verständnis soziologischer System- und Differenzierungstheorie zu gelangen.

Inhalt

Im Vorwort argumentiert Scherr, dass die geläufige Gleichsetzung von kritischer Gesellschaftsanalyse und Kapitalismuskritik aus einer Reihe von Gründen unbefriedigend sei: erstens hätten bisherige Kapitalismustheorien zwar die Beschreibung der Durchdringung der Gesellschaft durch die kapitalistische Ökonomie zum Ziel gehabt, hätten dabei jedoch übersehen, dass die „kapitalistische Gesellschaft immer auch mehr und anderes ist als durchgängig kapitalistisch“, zweitens sei die „politische oder rechtliche Einhegung des Kapitalismus nicht begründbar, wenn Politik und Recht als bloße Ermöglichungsinstanzen kapitalistischer Produktionsverhältnisse verstanden werden“. Drittens falle eine Kapitalismuskritik, die alle negativen Aspekte der gesellschaftlichen Realität – und nur diese – auf den Kapitalismus zurückführt, fällt damit hinter die Programmatik der dialektisch angelegten Marx´schen Kapitalismustheorie zurück.

  • In der Einleitung: „Keine 11. These mehr? – Niklas Luhmann als kritischer Theoretiker der Gegenwartsgesellschaft“ von Albert Scherr wird das Verhältnis von diagnostischer Gesellschaftsbeschreibung und auf Veränderung abzielender Gesellschaftskritik abgeschritten. Die Aufgabe reflektierter sozialwissenschaftlicher Kritik kann auch weiterhin darin gesehen werden, am Nachdenken über humanere und ökologisch erträgliche Gestaltungsmöglichkeiten sozialer Verhältnisse mitzuwirken. Die zentrale Leistungsfähigkeit von Soziologie bestände Luhmann folgend nicht in der Begründung und Rechtfertigung normativer Maßstäbe der Kritik, sondern in der Bereitstellung von hinreichend komplexen und differenzierten Analysen der sozialen Bedingungen und Kontexte, auf die Veränderungsabsichten auftreffen.

Hier schließt der erste Abschnitt „Gesellschaftstheorie und Kritik“ mit vier Beiträgen an.

  • In „Globalization or World Society: How to Conceive of Modern Society“ skizziert Niklas Luhmann holzschnittartig einige Grundlinien seiner weltgesellschaftlich angelegten System-Umwelt-Theorie sowie deren Konsequenzen für Beobachter einer „Weltgesellschaft“, etwa für Protestbewegungen bis hin zur Soziologie. Der Aufsatz mündet final ein in die Fragen, wie Soziologie als Wissenschaft unabhängig operieren und gleichzeitig die Gesellschaft beobachten kann, in der sie als Beobachter tätig ist, ob sie sich also selbst als Beobachter beobachten kann und mit welchen Phänomenen sie dabei zu rechnen hat.
  • In „Zirkulation als Selbstzweck? Kann man Marx mit Luhmann in kritischer Absicht lesen – und umgekehrt?“ von Armin Nassehi wird zuerst geklärt, warum man überhaupt Luhmann und Marx in einem Atemzug nennen soll, scheinen sich die beiden Denkbewegungen doch in Vielem sehr fremd. Beide Theorien verbände jedenfalls die Idee, dass sie die Gesellschaft nicht vom Menschen und seinen Handlungen her denken und beide würden sich für den Eigensinn systemischer Prozesse interessieren: bei Marx ist es das ökonomische Zirkulations- und Wertgesetz, bei Luhmann die Parallelität dynamischer Funktionssysteme. Nach der Skizzierung einiger Parallelitäten zwischen Marx und Luhmann bietet Nassehieine Deutung einer „neuen Gesellschaftskritik“ an: „Ein neuer Kritiktypus müsste in der Lage sein, so etwas wie eine Übersetzungskompetenz zwischen den Funktionen (der Teilsysteme; JVW) zu ermöglichen, müsste mit paradoxen Wechselwirkungsprozessen rechnen, müsste sich darauf einstellen, dass die Sprachen der unterschiedlichen Teile der Gesellschaft nicht unbedingt aufeinander abbildbar sind, müsste mit unterschiedlichen Kontexten und Erfolgsbedingungen rechnen. Sie müsste eine Gesellschaftskritik sein, die ‚Gesellschaft‘ wirklich ernst nimmt: als eine nicht als Einheit erreichbare Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichem, deren Eigendynamik nicht kausal erreichbar ist.“
  • Der Aufsatz „Die Prekarität funktionaler Differenzierung – und soziologische Gesellschaftskritik als ‚double talk‘“ von Uwe Schimank widmet sich der Frage nach dem „Kritikpotential einer akteurtheoretisch fundierten Betrachtung der funktional differenzierten modernen Gesellschaft“ - und zwar einer Betrachtung, die entgegen den expliziten Setzungen von Parsons und Luhmann einem Teilsystem, der kapitalistischen Ökonomie, eine gesellschaftsweite Dominanz zuspricht. Am Ende wird die Argumentationslinie zusammengefasst und kulminiert in den Aussagen, dass erstens sich für die Lebenschancen der allermeisten individuellen Gesellschaftsmitglieder eine gesellschaftliche Ordnung wie die der funktional differenzierten, wohlfahrtsgesellschaftlich korrigierten kapitalistischen Gesellschaft als das kleinere Übel im Vergleich mit allen vorstellbaren Alternativen darstellt, zweitens soziologische Gesellschaftskritik sich in einem funktionalen Antagonismus zweier Kritiklinien bewege: „einer Kritik des gesellschaftlichen Ökonomisierungsdrucks auf der einen, eine Kritik überzogener Ökonomisierungsdruck-Kritik auf der anderen Seite.“
  • Im Beitrag „Kann man mit Systemtheorie Gesellschaftskritik üben? Eine Lektüre“ von Maren Lehmann werden vier Texte Niklas Luhmanns mit Blick auf die Frage diskutiert, ob „die Praxis der soziologischen Theorie auch dann noch als Kritik der Gesellschaft verstanden werden kann, wenn die Gesellschaft als System verstanden wird“. Der Text organisiert sich u.a. über Zwischenstände, erstens: „Systemtheorie ist nicht Gesellschaftskritik, sondern Kritik der Beobachtung und Beschreibung von Kontingenz und Komplexität – und nur in diesem Sinne auch Kritik der Beobachtung und Beschreibung von Gesellschaft“, zweitens ist „Systemtheorie kritische Theorie, weil sie (wenn sie) Komplexitätstheorie ist; und sie ist kritische Theorie der Gesellschaft, weil sie (wenn sie) das Komplexitätsproblem im Kontext der sozialen Kontingenz der Welt diskutiert, wenn sie es also am Problem kontingenter Sinnstrukturen entwickelt“, drittens sei „dezidierte, präzise gefasste und präzise adressierte Kommunikation von Unsicherheit als Einwand gegen vermeintliche Sicherheit“ über die Möglichkeiten von Gesellschaft die Form der Gesellschaftskritik der soziologischen Systemtheorie. Insofern könnte nun soziologisch kritisch gefragt werden: Ist ein Ende der Gesellschaft möglich? Ist funktionale Differenzierung die Letztform der Gesellschaft, und wenn ja, welche Varianz möglicher Ordnungsformen erlaubt die Differenz von „Welt und System“?

Daran schließt der Abschnitt „Kritik und Kontingenz“ an:

  • In „Von Notwendigkeit zu Kontingenz: Niklas Luhmanns Karnevalisierung der Philosophie“ interessiert sich Hans-Georg Moeller für Luhmanns (selbst-) ironische Metakritik philosophischer und sozialwissenschaftlicher Kritik und zeigt auf, wie Luhmann den traditionellen Philosophiebegriff (durchaus anmaßend wie bei Hegel), ironisch (oder „karnevalistisch“) verkehrt und in eine Theorie der kritischen Einsicht in die eigene Kontingenz transformiert. Luhmanns Theorie setze sich mit der Paradoxie auseinander, dass die Wissenschaft wahre Aussagen darüber machen muss, warum gesamtgesellschaftlich gültige Wahrheit unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen nicht kommuniziert werden kann. Diese paradoxe Situation führe zu einer „Karnevalisierung der Philosophie und Wissenschaft“. Moeller konstatiert final, dass Luhmanns karnevalistischer Theorie die wissenschaftlich-philosophischen Ambitionen der Aufklärung untergrabe, was zu einer Art „Leichtigkeit des Seins“ oder auch „fröhlichen Wissenschaft“ führe und – vor dem Hintergrund vermeintlich wissenschaftlich gerechtfertigter politischer Großprojekte – erfrischend kritisch wirke.
  • Der Beitrag „Soziologische Ausgangspunkte für systemimmanente Kritik“ von André Kieserling startet mit der Feststellung, dass sich die soziologische Diskussion seit jeher um zwei Stichworte gruppiere: Werturteilsfreiheit und immanente Kritik. Diese Ambivalenz greift der Artikel im Folgenden mehr oder weniger systematisch auf, immerhin ginge es um die Frage nach den Möglichkeiten einer bewertenden Soziologie sozialer Sachverhalte. Der Schluss ist insofern überraschend, dass Kieserling meint, dass in der Soziologie eine Tradition gäbe, die sich der prominenten Alternative von Werturteilsfreiheit und strukturabhängiger Kritik entzog. Er postuliert eine „dritte Position“, deren charakteristisches Merkmal vielmehr in der Vermeidung des naheliegenden Urteils zugunsten seines Gegenteils liegt. Gesucht wird offenbar nach einer Position, die jenseits von züchtiger Urteilsenthaltung und steriler Verdopplung der Teilnehmerperspektive lokalisiert wäre. Wer diese Suche auch heute (noch) attraktiv findet, dem kann man in Kieserlings Worten raten, „Vertrautheit mit Systemtheorie zu erwerben“.
  • Stefan Müller diskutiert in „Soziologische Reflexivität: Negative Dialektik und die Beobachtung zweiter Ordnung“ zunächst die negative Dialektik Adornos und die Beobachtung zweiter Ordnung Luhmanns als Verfahren, die soziologische Reflexivität begründen und unterstützen. Soziologische Reflexivität kann allgemein dadurch bestimmt werden, dass bestehende soziale bzw. gesellschaftliche Annahmen (etwa essentialistische oder naturalisierende Annahmen) nicht unhinterfragt übernommen werden müssen. Über die Auseinandersetzung mit diesen beiden Begründungsmustern gewinnt Müller die Einsicht (den Unterschied), dass Luhmann sich für die zugrunde liegende Form und ihre binären Anschlussmöglichkeiten interessiere, die in der Ordnung erster und zweiter Beobachtung beobachtet werden. Adornos Erkenntnisinteresse bestände hingegen darin, die damit mögliche Legitimation von Herrschaft offenzulegen. Folgerichtig stellt eine kritische Sozialwissenschaft für Luhmann eine der Möglichkeiten dar, für Adorno stellt es die Möglichkeit dar.

Der letzter Abschnitt des Sammelbandes versammelt Beiträge unter dem Titel „Perspektiven der Kritik: Funktionssysteme, Organisationen und Subjekte“.

  • In „Luhmanns Kritik am Subjektbegriff“ erläutert Detlef Horster Luhmanns Kritik an der gängigen Annahme der Handlungstheorie, dass Subjekte Bestandteile der Gesellschaft seien. Er stellt u.a. klar: fasse man nämlich die Subjekte als Bestandteile der Gesellschaft auf, dann wäre es nicht möglich, in ihnen zu unterscheiden, was ihr eigenes ist und was gesellschaftlich sei, was aber systemtheoretisch sehr wohl zu unterscheiden ist und schließt mit der Luhmannschen Verwunderung darüber, wie man ernsthaft behaupten könne, dass „die Gesellschaft aus Menschen bestehe, wenn der Bestand innerhalb einer relativ kurzen Zeit, die sich nach der Lebensdauer der Menschen bemißt, komplett ausgewechselt wird?“
  • Der Beitrag „Rechtskritik und Systemtheorie“ von Kolja Möller geht der Frage nach, inwieweit mit Luhmanns Überlegungen angereicherte rechtskritische Anliegen die kritische Rechtsstaatslehre beerben können, wie sie einst im Umfeld der frühen Frankfurter Schule ihre Gestalt angenommen hatte. Die These lautet, dass „der systemtheoretische Anlauf in der Rechtstheorie erneut mit dem Spannungsverhältnis von Eigenrationalität und Verselbstständigung des Rechts umgehen muss: Einerseits wird die bestehende Rechtsform mitsamt ihres Verselbstständigungs- und Gewaltpotentials kritisiert, andererseits wird die Eigenrationalität des Rechts als verteidigenswerter Ausgangspunkt für eine Kritik der Gesellschaft gekennzeichnet.“ Der Beitrag macht im Durchgang durch unterschiedliche Suchformeln nach der Auflösung der Aporie deutlich, dass es bei der grundlegenden Aporie bleibt und diese auszuhalten ist: „Die Gesellschaft wird im Namen des Rechts kritisiert und das Recht im Namen der Gesellschaft“
  • Hanno Pahl interessiert sich in „Die Komplexität und Dynamik wirtschaftlicher Systeme: Vermittlung, Beobachtung und agentenbasierte Modellierung“ für die wirtschaftssoziologischen Analyse-und Kritikpotenziale der Luhmannschen Theorie sozialer Systeme. „Zentral gestellt wird nicht die Frage, ob und wie Soziologie und normative Kritik zusammengehen und welche Varianten von Kritik auf welchen Voraussetzungen aufruhen, sondern die analytische Frage, wie es um die soziologische Kompetenz in Sachen Wirtschaftsanalyse bestellt ist.“ Zuerst lassen sich zwei Abschnitte zum Gesellschaftskonzept bei Adorno und Luhmann sowie zur jeweiligen Konzeptualisierung der Wirtschaft der Gesellschaft finden. In den letzten beiden Abschnitten wird eine Erweiterung der Systemtheorie der Wirtschaft durch Agent Based Modeling angedacht. Pahl geht davon aus, dass Agent Based Modeling (Computersimulationen in der Regel auf Basis objektorientierter Programmiersprachen) eine Modellierungs- und Simulationsweise darstellt, die das Theorien- und Methodenarsenal der Systemtheorie in gewichtiger Weise erweitern kann. Agentenbasierte Modellierung liefere Pahl zufolge Potenziale für die konkrete empirische Einlösung des systemtheoretischen Marktkonzepts.
  • In „Systemtheorie, Organisation und Kritik“ von Sven Kette und Veronika Tacke gehen die beiden Autoren dem kritischen Potenzial der Systemtheorie nach und zwar mit speziellem Bezug auf Organisationen. Das Argument soll entwickelt werden, dass die Systemtheorie gleichwohl – und in vergleichsweise sogar bemerkenswerter Weise – als Beitrag zur Vorbereitung einer reflektierten organisatorischen „Strukturkritik“ gelesen werden kann. Die Systemtheorie vermag Organisationen als kritikrelevante, weil in besonderer Weise kritisierbare und für Kritik erreichbare Sozialsysteme zu beschreiben, weil sie über einen starken und spezifischen Organisationsbegriff verfüge. Die beiden Autoren kommen über mehrere Stationen zu dem Fazit, dass die Systemtheorie in Sachen Kritik zugleich schwach und stark sei: „Als ‚kritikschwach‘ muss die Systemtheorie vor allem gelten, sofern damit Ansprüche an Gesellschaftskritik verbunden sind.“ – „Die Systemtheorie hat aber dennoch ‚Stärke‘ in Sachen Kritik erwiesen -und zwar im spezielleren Zusammenhang von Organisation und Kritik… Eine wirkliche Stärke der Systemtheorie in der theoretischen Erfassung von Bedingungen von Organisationskritik erwies sich dann aber im vergleichenden Blick auf Entwicklungen im Mainstream organisationssoziologischer Theoriebildung. Denn, wenngleich sehr unterschiedlich (und in Einzelfragen dann sehr unterschiedlich kritikrelevant), haben diese Entwicklungen eines gemeinsam: Sie weichen den Organisationsbegriff in einer Weise auf, die es unmöglich macht, Organisationen als gesellschaftlich besondere und zumal als einheitlich adressierbare und damit auch kritisierbare Sozialsysteme zu verstehen und zu beschreiben.“
  • Zuletzt im Sammelband erscheint die Arbeit zu „Adressenkonflikte. Zur Systemtheorie familialer und psychischer Konflikte“ von Roland Schleiffer. Die Argumentation wird eingeleitet mit der Feststellung: „Da die beim Beobachten gemachten Unterscheidungen immer als kontingent, d.h. als auch anders möglich, zu beobachten sind, sind sie miteinander zu vergleichen und somit auch zu kritisieren. Insofern bedeutet Kritik nicht das Gegenteil von Affirmation, sondern lässt sich – mit Luhmann – verstehen als Beobachtung von Beobachtungen auf deren Kontingenz hin“. Schleiffer verdeutlicht dies im Folgenden am Beispiel psychischer und familialer Konflikte. Der wissenschaftliche Beobachter sucht in durchaus kritischer Absicht über die Funktion des Konflikts aufzuklären im Sinne einer funktionalen Analyse. Mit dieser Theorietechnik, die das Schema „Problem/Problemlösung“ einsetze, „um Vorhandenes als kontingent und Verschiedenartiges als vergleichbar zu erfassen“ (Luhmann) ist mit Schleiffer der Frage nachzugehen, für welches Problem ein bestimmter Konflikt eine Problemlösung bietet. Eine Antwort auf diese Frage sollte dann Veränderungschancen eröffnen. Die im Aufsatz gemachten Überlegungen sollen nicht nur den theoretischen Wert einer differenztheoretisch inspirierten funktionalen Analyse, sondern auch ihren praktischen Nutzen aufzeigen. Insbesondere die Theoriefigur der Adresse bzw. des Adressaten erweise sich als hilfreich, wenn es gilt, die komplexen Verhältnisse anlässlich der strukturellen Kopplung sozialer und psychischer Konflikte und Probleme zu klären, ohne solch hybride Begriffe wie etwa psychosozial oder gar biopsychosozial verwenden zu müssen. Familienkonflikte können so als Adressenkonflikte gegenbeobachtet und – durch die funktionale Analyse – weniger als Problem, sondern als Problemlösung behandelt werden.

Diskussion

Dieser größtenteils soziologisch gehaltene Sammelband reagiert offenkundig auf eine reflection gap. Systemtheoretisch versierte Forscher und Praktiker wissen um die kritischen Potentiale der soziologischen Systemtheorie, ohne dass diese aber bisher systematisch zusammengetragen wurden. Das Buch zeigt auf beeindruckende Weise die Vielfalt systemtheoretischer Überlegungen auf. Die Beiträge machen eine Reihe von interessanten Vorschlägen zur Weiterentwicklung der soziologischen Systemtheorie im Hinblick auf Reflexionsnotwendigkeiten innerhalb der unter dem Primat funktionaler Differenzierung stehenden Weltgesellschaft. Beiträge von Reflexionstheorien aus der Kultursoziologie, der systemischen Therapiewissenschaft und insbesondere der Systemischen Sozialen Arbeit in ihrer Vermittlungsposition zwischen Gesellschaft und Individuum hätten nach Ansicht des Rezensenten dem Band sehr gut getan. Dies kann jedoch verschmerzt werden, sofern man für den kritischen Blick aus dem Krähennest auf die Gesellschaft zu Recht zuerst einen soziologischen Zugang favorisiert und so die zentrale Problemstellung durchgängig im Auge behalten werden kann, was bei einem inter- bzw. transdisziplinär gehaltenen Band sicherlich schwieriger gewesen wäre.

Dass das Kritikpotenzial unterschiedlich beurteilt würde, war schon aufgrund der Vielzahl der involvierten Theoriemodule nicht anders zu erwarten (verschiedene Positionen zur Soziologie, verschiedene gesellschaftliche Ordnungsebenen von Teilsystemen, Organisation und Interaktion). Jede Theorie hat ihre Stärken und Schwächen. Dies gilt auch und womöglich erst recht für Supertheorien.

Fazit

Das Buch ist ohne Frage für Studien der Gesellschaft, d.h. der Sozialwissenschaften, insbesondere für Forscher und Lehrende, sicherlich weniger für Einsteiger wie Studierende der ersten Semester, sehr zu empfehlen. Das Vorwort und die Einleitung informieren ausgezeichnet und systematisch über die Ausgangsfrage und Absichten des Bandes, der mit einem lesenswerten Aufsatz von Luhmann startet und einem praxisbezogenen Aufsatz von Schleiffer endet. Die durchaus sehr unterschiedlichen Beiträge passen dennoch thematisch gut zusammen und zeichnen sich durch teilweise brillant hergestellte Zusammenhänge und Einsichten aus. Deshalb ist das vielleicht nicht immer leicht lesbare Buch für jeden, der sein Denken auffrischen, sein Handeln reflektieren oder gar einmal eingenommene Haltungen kontingent stellen möchte, ein ganz erheblicher Zugewinn. – Mit der Systemtheorie, dieses Bild mag man auch noch mitnehmen aus der Lektüre, verhält es sich nicht anders als mit Schwarzpulver: es kommt darauf an, wie man damit umgeht. In Anlehnung an Epiktet sei also gesagt: es sind nicht die Dinge, die uns Systemtheoretiker beunruhigen, sondern die Kommunikationen, die sich auf diese Dinge beziehen.


Rezensent
Dr. Jan V. Wirth
Derzeit Habilitation an der Universität Bielefeld / PH Freiburg und Gastprofessor an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, Praxisberater / Supervisor (www.systeams.org), Dipl.-Sozialpädagoge/-arbeiter (FH)
Homepage www.systeams.org
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Zitiervorschlag
Jan V. Wirth. Rezension vom 07.08.2015 zu: Albert Scherr (Hrsg.): Systemtheorie und Differenzierungstheorie als Kritik. Perspektiven in Anschluss an Niklas Luhmann. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-2970-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18827.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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