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Frank Arens: Kommunikation zwischen Pflegenden und dementierenden [...]

Cover Frank Arens: Kommunikation zwischen Pflegenden und dementierenden alten Menschen. Eine qualitative Studie. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2004. 185 Seiten. ISBN 978-3-935964-59-3. 18,00 EUR.

Reihe: Mabuse-Verlag Wissenschaft - 76.
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Zur Thematik des Buches

Die Pflege und Betreuung Demenzkranker ist für viele Pflegenden ein äußerst problematisches Tätigkeitsfeld, sind doch in diesem Bereich viele Gewissheiten aus dem Alltag bezüglich der zwischenmenschlichen Beziehungen und Interaktionsmuster nicht gültig bzw. bedürfen einer demenzspezifischen Überformung. Die hierdurch hervorgerufenen Ungewissheiten machen somit den Umgang mit Demenzkranken geradezu zu einer Terra incognita, einem fremden Wissensgebiet. Unsicherheit, Zweifel an dem eigenen Tun und tendenzielles Rückzugsverhalten sind oft die Folge. Der ständig wachsende Orientierungs- und Wissensbedarf im Bereich Umgang mit Demenzkranken wird seit einigen Jahren mit einer Vielzahl an überwiegend spekulativen Gedankenkonstrukten wie Validation, Mäeutik u. Ä. bedient, die jedoch bisher den Nachweis ihrer Effektivität und Effizienz nicht erbracht haben. Parallel zu den Ansätzen werden vereinzelt auch Untersuchungen über die Kommunikation mit Demenzkranker durchgeführt. Die vorliegende Veröffentlichung wurde 2001 beim Fachgebiet Pflegewissenschaft der Universität Osnabrück im Rahmen eines Pflegeforschungsprojektes als 1. Staatsexamensarbeit erstellt. Der Autor ist Krankenpfleger und Diplom-Pflegelehrer und arbeitet an den Berufsbildenden Schulen im Fachbereich Pflege in Varel.

Inhalt

Die Arbeit ist in sieben Abschnitte unterteilt.

In den ersten Kapiteln werden der gesellschaftliche Kontext (demografischer Wandel u. a.) und der theoretische Bezugsrahmen expliziert, wobei u. a. eingehend das Konzept von Habermas über die Lebenswelt als Handlungsleitendes Modell der Untersuchung genauer erläutert wird. Im Mittelpunkt der Studie steht die Frage, wie Pflegende mit "der Kommunikation von Emotionen dementierender alter Menschen" umzugehen vermögen.

Mittels der teilnehmenden Beobachtung von elf Beobachterinnen in mehreren Krankenhäusern, Altenheimen und eines ambulanten Dienstes in Norddeutschland wurde die "Pflegekommunikation" ermittelt, wobei besonders die Aspekte Umgang mit Gefühlen, Störungen, Konflikten und Machtverhältnissen im Fokus der Untersuchung standen.

Die Auswertung des Datenmaterials wird durch die Typisierung der Demenzkranken strukturiert, denn Arens unterteilt sie in die vier Kategorien "stumme und schwierige", "stumme und nicht schwierige", "nicht stumme und schwierige" und die "nicht stumme und nicht schwierige" demenzkranke Personen. Bei jeder dieser Gruppe wird das Datenmaterial analysiert gemäß den Gesichtspunkten Thematisierung, Ausdruck und Deutung von Emotionen und anhand von verschiedenen Fällen exemplifiziert.

Den Abschluss der Arbeit bilden ein Vergleich mit anderen Ergebnissen aus diesem Bereich und eine abschließende Diskussion.

An einigen Fallbeispielen fällt der Sachverhalt besonders auf, dass zu wenig oder manchmal auch gar nicht mit den Demenzkranken bei Pflege- und Betreuungshandlungen geredet wird.

Kritische Würdigung

Der Autor wagt sich mit seiner Studie über Kommunikation mit Demenzkranken in teils unerforschtes Neuland, denn der vorliegende Wissensstand ist noch im Werden, liegt doch wissenschaftliche Erkenntnis im engeren Sinne noch nicht vor. Im gegenwärtigen Umbruch der Psychologie von einer geisteswissenschaftlich orientierten Disziplin zu einer naturwissenschaftlich ausgerichteten Teildisziplin einer biologischen Verhaltenswissenschaft (u. a. Neuropsychologie) gilt es u. a. auch, bestehenden Wissensstände kritisch zu hinterfragen. Hierzu gehören auch die Themen Wahrnehmung, Interaktion und Kommunikation.

Der Autor baut in der Entwicklung seines Referenzrahmens nicht auf die gegenwärtig gängigen Kommunikationsansätze auf, sondern entwickelt ein eigenes Modell, wobei er sich von Habermas und seiner Theorie des kommunikativen Handelns leiten lässt. Warum der Autor für die Analyse mikrosozialer Prozesse (Kommunikation) auf ein sozialphilosophisches Konzept auf der Ebene gesellschaftlicher und damit makrosozialer Prozesse zurückgreift, das dazu noch im Bereich des Vagen und Spekulativen verbleibt, wird nicht erläutert oder abgeleitet. Damit setzt er sich jedoch dem Vorwurf aus, willkürlich und dem Gegenstand nicht angemessen vorzugehen. Eine Erfassung und Durchdringung des Gegenstandes erfordert jedoch ein Mindestmaß an Adäquatheit der Begriffe, Methoden und Analyseschritte.

In diesem Kontext wirkt auch die Erklärung des Begriffes "dementierende alte Menschen" fachlich nicht überzeugend, wird doch die Kategorie "dement" als "statisch" und die Kategor‘e "dementierend" als "dynamisch" klassifiziert (Seite 67). Hier fehlt dem Autor anscheinend das Wissen über die Krankheitsbilder der Demenzen, denn ein Charakteristikum der Demenzen ist der progrediente Verlauf. Also beinhaltet "dement" immer auch die "Dynamik" des Verlaufes der Erkrankung.

Sieht man von diesen theoretischen und methodischen Schwächen der Untersuchung einmal ab, so bietet die vorliegende Publikation eine Reihe von praktischen Fallbeispielen über den Umgang mit Demenzkranken in Krankenhaus und Heim, die u. a. für Reflexion und Sensibilisierung in Fortbildungsveranstaltungen Verwendung finden können.

Fazit

Die vorliegende Studie kann als ein Versuch aufgefasst werden, einen komplexen psychosozialen Sachverhalt unter fachlichen Aspekten der Pflege erfassen zu wollen. Neue Erkenntnisse werden nicht vermittelt, Impulse für die Praxis in den Heimen enthält die Arbeit auch nicht. Es ist eine Examensarbeit, die in ihrer Zweckgebundenheit zugleich auch ihre Grenzen aufzeigt.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 24.05.2005 zu: Frank Arens: Kommunikation zwischen Pflegenden und dementierenden alten Menschen. Eine qualitative Studie. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2004. ISBN 978-3-935964-59-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1883.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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