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Lydia Schmieder: Leben mit einem beeinträchtigten Kind

Cover Lydia Schmieder: Leben mit einem beeinträchtigten Kind. Eine entwicklungspsychologische Untersuchung von Selbstberichten der Eltern. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 116 Seiten. ISBN 978-3-658-08177-5. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 75,00 sFr.

Reihe BestMasters.
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Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um eine prämierte Masterarbeit, die im Fach Psychologie am Psychologischen Institut der Universität Wiesbaden angefertigt und zur Veröffentlichung in der „BestMasters“-Reihe empfohlen wurde. Mit dieser Reihe zeichnet der Springer Verlag Masterarbeiten aus, die an „renommierten Hochschulen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz“ verfasst wurden. Die mit einer Höchstnote bewerteten Masterarbeiten wurden von Gutachtern zur Veröffentlichung empfohlen und behandeln Themen aus den Fachgebieten der Naturwissenschaften, der Psychologie, Technik und Wirtschaftswissenschaften. Die Reihe soll insbesondere Nachwuchswissenschaftlern ein Forum und eine Orientierung bieten (vgl. http://www.springer.com/series/13198).

Am Anfang meiner Rezension möchte ich herausstellen, dass dem Gleitwort von Werner Greve (Psychologieprofessor und Betreuer der Arbeit) eigentlich nichts weiter hinzufügen ist: „So zeigt die Arbeit von Frau Schmieder ein hohes Maß an ernsthafter Wissenschaftlichkeit: Sie ist professionell geschrieben, sie ist reflektiert und selbstkritisch, das Argumentationsniveau ist durchgängig sehr hoch, sie behandelt eine klare Fragestellung und ist dabei doch offen für unerwartete Fundstücke, sie ist deduktiv, aber neugierig, sie ist risikofreudig, aber vorsichtig- sie ist wirklich gelungen“ (2014).

Thema

Die Masterarbeit ist eingebettet in ein Forschungsprojekt „LEBen“ (Leitung: Prof. Werner Greve; Sabine Hellmers; M.Sc.) über „Bewältigungsprozesse in der Konfrontation mit belastenden Erfahrungen, kritischen Lebensereignissen und Entwicklungsproblemen“). Mittels Online-Befragungen wird dort u.a. auch untersucht, wie Eltern, deren Kinder mit einer Behinderung aufwachsen, diese Situation bewältigen, welche Strategien sie entwickeln und in welchen Lebenslagen sie leben.

Aufbau und Inhalt

Einblick in den Aufbau bietet die Verlagsseite www.springer.com.

Ausgehend von dem „Zwei- Prozess- Modell der Entwicklungsregulation“ (Brandstädter, 2007; 2011), werden „akkomodative“ und „assimilative“ Prozesse der intrapsychischen Auseinandersetzung mit „kritischen“ Lebensereignissen im Verlauf der gesamten Lebensspanne in einem theoretischen Grundlagendiskurs beschrieben und diskutiert. Das Ziel der Arbeit sei „der deduktive und explorative Versuch“ diese theoretischen Annahmen „in Anwendung auf eine spezielle Zielgruppe“ (Eltern mit einem beeinträchtigten Kind) „wiederfinden zu können, sowie Ansatzpunkte aufzuspüren, an denen dies nicht gelingen mag“ (37). Dies soll durch die qualitative Auswertung von Selbstberichten von Eltern mit einem behinderten Kind geschehen.

Erst relativ spät (46) und zunächst etwas undeutlich formuliert, wird die Leserin gewahr, dass es sich bei dem ausgewerteten Datenmaterial nicht um Daten handelt, die im Rahmen der Masterarbeit erhoben wurden (z.B. über narrative Interviews), sondern um insgesamt 20 (ausgewertet wurden davon 18) aktuelle (z.T. in der 6. Auflage) öffentlich publizierte Bücher (2008-2013) überwiegend von Frauen, die ihre Erfahrungen als Mütter eines Kindes mit einer Beeinträchtigung literarisch be- und wohl auch verarbeiten. Neun dieser Kinder erhielten die Diagnose Down-Syndrom (in vier Fällen in Kombination mit weiteren Diagnosen), andere Kinder hatten eine Beeinträchtigung im Autismus-Spektrum- und/oder im Epilepsieformen-Bereich.

Die Autorin sieht den Vorteil dieser Art der Datenerhebung darin, dass dadurch eine nicht-reaktive Datenerhebung gelungen sei.

Die Studie ist deduktiv und zugleich methodisch qualitativ angelegt. Die Autorin nähert sich der Thematik aus einer großen theoretischen Distanz und kann durch die Art Datenerhebung auch keinen unmittelbaren Kontakt zu der „Zielgruppe“ (Elternschaft mit einem behinderten Kind) aufbauen. Dieser Umstand schwächt leider etwas den Wert dieser Publikation - nicht den Wert und die Qualität der Masterarbeit.

Die Art der Datenerhebung ist legitim und auch ökonomisch, sollte aber, wie in dem Forschungsprojekt „LEBen“ auch realisiert, nur einen Baustein im Rahmen einer erweiterten Forschungsmethodik darstellen.

Als praxisrelevantes Fazit schlägt die Autorin vor, dass die Eltern beeinträchtigter Kinder in Kursen angeleitet werden könnten, eine achtsame, nicht wertende Haltung einzunehmen. Ferner sieht sie den Wert des „expressiven Schreibens“ in Form der Anfertigung von Selbstberichten als eine effektive Möglichkeit, kritische Lebensereignisse, wie die Behinderung eines Kindes, zu verarbeiten und darüber „möglicherweise das Person-Umwelt-Passungsgefüge zu reorganisieren“ (111).

Diskussion

Inhaltlich fragt sich der Rezensent, weshalb der „Klassiker“ der Stigmaforschung schlechthin, Erving Goffman („Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität“, 1967/2010, engl. Orig. 1963) nicht ebenfalls in den theoretischen Diskurs mit einbezogen wurde. Auch eine Diskussion der Thematik und Einordnung der Ergebnisse (etwa als personenbezogene Kontextfaktoren) auf dem Hintergrund der ICF („International Classification of Functioning, Disablity and Health“ (WHO, 2001 ) wäre eine nahliegende interessante theoretisch- und praxisrelevante Erweiterung, die das Thema in der aktuellen Forschung im Bereich der Rehabilitation verankern könnte.

Fazit

Zusammenfassend ist diese Arbeit außergewöhnlich und im Rahmen psychologischer theoretischer Diskurse absolut ein Gewinn. Für Praktiker, insbesondere im Bereich der Rehabilitation und Sozialpädiatrie, ist sie eher bedingt empfehlenswert.


Rezensent
Prof. Dr. Jürgen Benecken
Prof. für Klinische Sozialarbeit in der Entwicklungsrehabilitation an der HS Merseburg
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Zitiervorschlag
Jürgen Benecken. Rezension vom 09.09.2015 zu: Lydia Schmieder: Leben mit einem beeinträchtigten Kind. Eine entwicklungspsychologische Untersuchung von Selbstberichten der Eltern. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-08177-5. Reihe BestMasters. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18846.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


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