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Matthias Berking: Training emotionaler Kompetenzen

Rezensiert von Dr. Kirsten Oleimeulen, 09.09.2015

Cover Matthias Berking: Training emotionaler Kompetenzen ISBN 978-3-642-54016-5

Matthias Berking: Training emotionaler Kompetenzen. Springer Medizin (Heidelberg) 2015. 3., vollst. überarbeitete Auflage. 188 Seiten. ISBN 978-3-642-54016-5. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 56,00 sFr.
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Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-662-54272-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Unsere Gefühlswelt

Wenn wir Kinder beobachten, fällt uns oft auf, wie dramatisch sie ihre Gefühle ausdrücken: Durch lautes Lachen, herzergreifendes Weinen oder wutentbranntes Brüllen. Erwachsene kommen gewöhnlich viel ausgeglichener daher. Gleichwohl wissen wir auch von uns selbst, wie heftig Emotionen uns aufwühlen und antreiben können. Aber wir haben gelernt, sie besser zu verbergen als die Kinder. In den letzten Jahren haben die Wissenschaften eine alte Vermutung empirisch untermauert: Unsere Emotionen bestimmen unser Denken und Handeln stärker als unser sich so erhaben dünkender Geist das oft zugestehen will. Viele Theologen, Philosophen und Soziologen haben diese Einsicht Jahrhunderte lang vielleicht geahnt, aber verdrängt (Wahl 2000). Aber es war auch ein Philosoph, David Hume, der einst von der Vernunft als der „Sklavin der Leidenschaften“ sprach (Hume 1878, S. 195). Die moderne Gehirnforschung bringt das auf die Formel vom „Primat der Affekte“ (Zajonc 1984 ) oder drückt es so aus: „Die Verdrahtung des Gehirns wurde an dem entsprechenden Punkt unserer Evolutionsgeschichte so gestaltet, dass die Verbindungen von den emotionalen Systemen zu den kognitiven Systemen stärker sind als die Verbindungen in umgekehrter Richtung“ (LeDoux 1998,S. 22).

Differenzierung: Emotionen, Gefühle, emotionale Kompetenzen

In der Fachliteratur werden die Begriffe Emotion und Gefühl häufig synonym verwendet. Dennoch verbinden sich mit ihnen je unterschiedliche Akzente. Der Begriff der Emotion wird eher als Überbegriff für die Prozesse physiologischer Erregung verwendet, die unmittelbar und ohne bewusste Steuerung mit bestimmten körperlichen Reaktionen einhergehen. Der Ausdruck Gefühl steht für Emotionen, bei denen über diese körperlichen Reaktionen auch das bewusste subjektive Erleben mit gemeint ist. Der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux (2010) unterscheidet zwischen Emotionen als körperlich wahrnehmbaren Erregungszuständen und Gefühlen als solchen Emotionen, die ins Bewusstsein dringen und in ihrer Bedeutung bewertet werden. Zwischen Wahrnehmung einer körperlichen Reaktion und subjektivem Erleben mit Bewertung dieser Reaktion besteht also ein Unterschied. Emotionale Kompetenz bezeichnet eine Fähigkeit, die erlernt werden kann. Generell finden sich vier Aspekte, die diese Fähigkeit beschreiben: die eigenen Gefühle kennen, mit den eigenen Gefühlen umgehen, sie ausdrücken und sich in die Gefühle anderer hineinversetzen können. Mit diesen vier Aspekten der emotionalen Kompetenz verbinden sich vor allem kognitive und habituelle Fähigkeiten, nämlich der bewusste und gezielte, überlegte und „trainierte“ Umgang mit unseren Gefühlen. Daneben sollte ein erweitertes Verständnis von emotionaler Kompetenz stärker Berücksichtigung finden: Emotionale Kompetenz als Gespür und „Sensibilität für die eigene Befindlichkeit, das heißt die Empfänglichkeit für das eigene Innen“ (Müller-Commichau 2005, 13).

Autor

Prof. Dr. Matthias Berking ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Supervisor. Nach dem Studium der Psychologie an der Universität Göttingen und ein paar Jahren klinisch-praktischer Tätigkeit arbeitete promovierte er 2004 er an der Universität Göttingen. Anschließend war er an der University of Washington und der Universität Bern als wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt. 2008 habilitierte er an der Universität Bern bei Prof. Grawe und Prof. Znoj. Prof. Berking ist ausgebildet in kognitiver Verhaltenstherapie (AWKV), Ratio-Emotiver Therapie (DIREKT), Allgemeiner Psychotherapie (Universität Bern, Prof. Grawe) und dialektisch-behavioraler Therapie (Behavioral Technology, Seattle, USA). Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Bereiche Psychotherapieforschung, Emotionsregulation bei psychischen Störungen, Psychotherapiemotivation, „Neuropsychotherapie“ und Ressourcenaktivierung, sowie die Nutzung moderner Kommunikationsmedien zur Förderung von Effektivität und Effizienz psychotherapeutischer Verfahren. Prof. Berking ist Autor zahlreicher international anerkannter Publikationen zum Thema Psychotherapieforschung und Emotionsregulation bei Patienten mit psychischen Störungen. Darüber hinaus ist er Gutachter bei zahlreichen Fachzeitschriften und hat mittlerweile über vier Millionen Euro Drittmittel eingeworben. 

Aufbau

Das Buch „Training emotionaler Kompetenzen“ setzt sich aus drei Teilen zusammen.

Zu I. Theoretischer Teil

1. Einleitung. Aufgrund der vielfachen Erfahrungen mit den Defiziten von Klienten/-innen im Bereich der „allgemeinen Emotionsregulation“ scheint es lohnenswert, die emotionalen Kompetenzen von Klienten/-innen systematisch zu erfassen und bei Bedarf gezielt zu fördern.

2. Ausgangspunkt: Emotionsregulation und psychische Gesundheit. Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass sämtliche Kompetenzen aus dem TEK- Modell querschnittlich mit Maßen der psychischen Gesundheit assoziiert sind und den zukünftigen Gesundheitszustand vorhersagen. Darüber hinaus lässt sich nachweisen, dass eine Zunahme emotionaler Kompetenzen während psychotherapeutischer Behandlung mit einer Abnahme der psychopathologischen Symptomatik assoziiert ist.

3. Die Ursachen für einen dysfunktionalen Umgang mit Gefühlen. Nachdem der Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und Defiziten im Bereich der Emotionsregulation empirisch gut belegt ist, stellt sich die Frage nach der Entstehung und der Entwicklung dieser Vorgänge. Die Wurzeln für die Entwicklung psychischer Störungen reichen in der Regel weit in die Vergangenheit zurück. Neben genetischen Faktoren, Verlauf von Schwangerschaft und Geburt, Verfügbarkeit und Verhalten der Eltern sowie das Erleben von unkontrollierbarem Stress führen auch defizitäre Lernmöglichkeiten in der späteren Kindheit zur Entwicklung psychischer Störungen.

4. Implikationen für die Praxis: Das Training Emotionaler Kompetenzen (TEK). Im TEK werden den Klienten/-innen sieben „emotionale Kompetenzen“ vermittelt, die auch Basiskompetenzen genannt werden um auszudrücken, dass sie bei den meisten negativen Gefühlen hilfreich sein können. Dazu zählen: Muskelentspannung, Atementspannung, bewertungsfreie Wahrnehmung, Akzeptieren/Tolerieren, Selbstunterstützung, Analysieren und Regulieren.

Zu II. Praktischer Teil

5. Der Einstieg ins Training. Zu Beginn des Trainings geht es darum, die Teilnehmer/-innen in Bezug auf Sinn und Inhalte des Trainings zu orientieren und die Erwartungen der Teilnehmenden mit dem Angebot abzustimmen. Dazu werden downloadbare Power-Point-Folien angeboten und das Training als „Stressreduktionsprogramm“ dargestellt, in der Annahme, dass dieses Konzept leichter zugänglich ist, als „Gefühle“ und „Emotionen“.

6. Psychoedukation Teil 1: Ableitung der TEK-Kompetenzen. Dieser Teil wird eingeleitet mit der Erklärung, dass der erste Schritt zu einem konstruktiven Umgang mit Stress und negativen Gefühlen darin besteht, erst einmal genau zu verstehen, was Stressreaktionen und negative Gefühle überhaupt sind, welche Funktion sie haben und wie sie ablaufen. Daraus lässt sich dann ableiten, wann wir unsere emotionalen Reaktionen beeinflussen sollten und wie wir das am besten machen können.

7. Muskel- und Atementspannung. Es folgt nun die praktische Vermittlung der einzelnen Komponenten. Die Basiskompetenz 1 beruht auf der bewährten Methode der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobsen (2006), bei der einzelne Muskelgruppen zunächst angespannt und dann wieder entspannt werden. Die Basiskompetenz 2 legt ihren Schwerpunkt auf eine lange und ruhige Ausatmung. Die beiden Basiskompetenzen werden miteinander kombiniert.

8. Bewertungsfreie Wahrnehmung. Das Wechseln vom „Modus des Bewertens und Reagierens“ in den „Modus der bewertungsfreien Wahrnehmung“ stellt den Kern der Basiskompetenz 3 dar. Im TEK wird die Kompetenz der nicht-bewertenden Wahrnehmung in zwei Schritten geübt. Im ersten Schritt konzentrieren sich die Teilnehmer/-innen mit ihrer Aufmerksamkeit auf die Empfindung des Atmens in der Bauchgegend und nehmen den Atem wahr, ohne ihn zu beeinflussen. Nach einer Weile schließt sich der zweite Schritt an und die Klienten/-innen lösen ihre Aufmerksamkeit vom Atem und öffnen sie für alle Wahrnehmungen, die wir in diesem Moment gerade machen.

9. Psychoedukation Teil 2: Zur Relevanz regelmäßigen Trainings. Nachdem die Bedeutung regelmäßigen Übens und dessen neurophysiologische Wirkung erklärt wurde, können den Teilnehmenden viele Unterstützungsangebote gemacht werden. Dazu zählen: Materialien und CDs mit Übungsanleitungen, tägliche Übungsvorschläge auf das Handy, tägliche E-mails, unsere Übungskalender und Übungskalender als Einlage für Time-Planer.

10. Akzeptanz und Toleranz gegenüber den eigenen Gefühlen. Gefühle werden hauptsächlich von Gehirnregionen reguliert, auf die wir mit unserem Willen keinen direkten Einfluss haben. Bei Akzeptanz und Toleranz von Gefühlen hat das Gehirn die Chance, die Informationen, die in dem Gefühl liegt, zu integrieren. Dieses Gefühl kann dann seine Signalfunktion erfüllen und ggf. gehemmt werden. Wir müssen also bei einem Gefühl erst einmal ankommen, bevor es verändert werden kann.

11. Effektive Selbstunterstützung in emotional belastenden Situationen. Unter Stress beginnen Menschen, sich selbst zu beschimpfen oder zu beschuldigen. Diese Attacken gegen sich selber stellen eine Bedrohung dar und aktivieren dadurch die Amygdala. Der Selbstkritik schließen sich oft zusätzliche belastende Gefühle wie Schuld oder Scham an. Um diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen ist es wichtig, sich in schwierigen Situationen liebevoll zu unterstützen und zu ermutigen und aufzumuntern.

12. Analysieren emotionaler Reaktionen. Wenn wir anhaltende gestresst sind, werden die Areale, die für die bewusste Analyse der Situation verantwortlich sind, durch Stresshormone wie Cortisol in ihrer Funktionsfähigkeit beeinträchtigt. Wir können dann die Situation nicht mehr gut analysieren, verlieren den Überblick und erleben Kontrollverlust. Wenn der/die Klient/-in aber verstanden hat, warum wir Stress oder bestimme Gefühle haben, können wir diese Gefühle viel leichter positiv beeinflussen. Emotionen entstehen also als Folge von Bewertungen der aktuell wahrgenommenen Situation in Bezug auf unsere Erwartungen, Ziele, Wünsche und Bedürfnisse.

13. Regulieren emotionaler Reaktionen. Stress beeinträchtigt auch diejenigen Areal im Gehirn, die für die Lösung komplexer Probleme verantwortlich sind, durch Stresshormone wie Cortisol in ihrer Funktionsfähigkeit. Dies löst ein Gefühl der Hilflosigkeit aus. Grundlage dieser Basiskompetenz ist ein Problemlösetraining.

14. Einsatz der TEK-Kompetenzen zur Bewältigung von potenziell besonders problematischen Gefühlen. Da die emotionalen Reaktionen Stress, Angst, Scham, Ärger, Schuld, Traurigkeit und Enttäuschung sowie depressive Stimmung für die psychische Gesundheit von besonderer Bedeutung sind, wird der konstruktive Umgang mit ihnen zum Schluss noch mal gesondert trainiert.

Zu III. Evaluation und Ausblick

15. Rückmeldungen aus der Praxis. Die Erfahrungen in der Supervision zeigen, dass (vor allem verhaltenstherapeutische) Trainer zuweilen Schwierigkeiten haben, die Bedeutung der Kompetenzen „nicht-bewertende Wahrnehmung“ und „Akzeptieren“ und „Aushalten“ zu verstehen und den Patienten zu vermitteln. Eine weitere Schwierigkeit besteht für einige Trainer darin, eine gute Balance zu finden zwischen dem Fordern und Fördern von Veränderungen und dem ressourcenorientierten und wertschätzenden Bestätigen der Patienten.

16. Wirksamkeit des Trainings. Insgesamt sprechen viele Befunde für die Wirksamkeit des Trainings in Risiko- und klinischen Populationen. Weitere Studien sind allerdings dringend nötig, um die Effektivität des Trainings in anderen Risiko- oder Störungsgruppen zu untersuchen.

17. Aktuelle Weiterentwicklungen. Die aktuellen Weiterentwicklungen des Trainings Emotionaler Kompetenzen (TEK) beziehen sich vor allem auf die optimale Integration des TEK in übergeordnete Behandlungsprogramme, auf Maßnahmen, die es den Patienten erleichtern, die TEK-Übungen auch nach der Therapie noch selbständig durchzuführen und auf störungsspezifische Versionen des TEK.

18. Schlusswort. Wie wir mit unseren Emotionen umgehen, wird entscheidend dafür sein, wie erfolgreich, gesund und zufrieden wir im Leben sein werden.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Psychologische und Ärztliche Psychotherapeuten/-innen, Klinische Psychologen/-innen, Psychiater/-innen sowie Mitarbeiter/innen in Beratungsstellen.

Fazit

Die Fähigkeit, konstruktiv mit den verschiedensten belastenden Gefühlen umgehen zu können, ist zentral für die Sicherung der intrapsychischen Funktionsfähigkeit und damit Voraussetzung für eine effektive Auseinandersetzung mit der Umwelt. „Das Training emotionaler Kompetenzen“ (TEK) ist das erste ausreichend fundierte Training in Deutschland, mit dem die Defizite systematisch und störungsübergreifend verbessert werden können. Das detaillierte Trainingsmaterial mit kleinschrittigen Handlungsanweisungen, exakten Beschreibungen und Erläuterungen zu Folienvorschlägen sowie der Analyse von schwierigen Trainingsmomenten mit Lösungsvorschlägen und vielen kostenlosen Online-Materialien machen TEK zu einer alltagstauglichen Methodenerweiterung mit geringem Vorbereitungsaufwand. Da es keine psychotherapeutische Einrichtungsstelle ohne Klienten/-innen mit psychischen und psychiatrischen Symptomen gibt, darf dieses Trainingsmanual keinem dort Tätigen unbekannt sein.

Rezension von
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
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Es gibt 96 Rezensionen von Kirsten Oleimeulen.

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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 09.09.2015 zu: Matthias Berking: Training emotionaler Kompetenzen. Springer Medizin (Heidelberg) 2015. 3., vollst. überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-642-54016-5. Mit Online-Material. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18848.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


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