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Ulrike Mattke (Hrsg.): Sexuell traumatisierte Menschen mit geistiger Behinderung

Cover Ulrike Mattke (Hrsg.): Sexuell traumatisierte Menschen mit geistiger Behinderung. Forschung - Prävention - Hilfen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 240 Seiten. ISBN 978-3-17-025847-1. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 38,50 sFr.
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Thema

Im Fokus des Sammelbandes steht das brisante und aktuelle Thema sexualisierte Gewalt an Menschen mit geistiger Behinderung. Durch die lange Tabuisierung von Sexualität und Behinderung erhielten und erhalten Menschen mit geistiger Behinderung noch immer nicht genügend Aufklärung bzw. Unterstützung, insofern sie bereits sexualisierte Gewalt erlebt haben.

Mit diesem Sammelband werden Erkenntnisse aus Forschung, Prävention und therapeutisch/ pädagogischer Arbeit präsentiert, um die Aufmerksamkeit auf das Thema zu richten und Fachkräfte mit Informationen sowie Best-Practice-Beispielen zu unterstützen. Die Publikation folgt dabei u.a. diesen Fragen: Wie hoch ist das Risiko für Menschen mit geistiger Behinderung sexualisierte Gewalt zu erleben? Wer sind die Täter_innen? Wie kann Prävention für die Personengruppe gelingen? Wie gestaltet sich das Vorgehen bei aufgedeckter sexualisierter Gewalt (Strafverfolgung, Beratung, Therapie)? Welche durch sexualisierte Gewalt ausgelöste Traumata zeigen Menschen mit geistiger Behinderung?

Herausgeberin

Prof. Dr. Ulrike Mattke hat seit 2002 die Professur für Allgemeine Heilpädagogik und theoretische Grundlagen der Heilpädagogik an der Hochschule Hannover inne. Zudem ist sie Supervisorin und Psychodrama-Leiterin; seit über 20 Jahren bietet sie Fortbildungen zu den Themenkomplexen Sexualität und Behinderung sowie sexualisierte Gewalt an.

Entstehungshintergrund

Sexualisierte Gewalt an Menschen mit geistiger Behinderung stellt ein tabuisiertes Thema dar, weil es einerseits das Thema Sexualität berührt, dass im Kontext geistige Behinderung vielfach noch abgesprochen wird. Andererseits erleben Menschen mit geistiger Behinderung Fremdbestimmung im Alltag, die die Entwicklung von Grenzen erschwert. Ulrike Mattke möchte mit der Publikation „eine kritische und rationale Diskussion auf der Basis von Theorie und Forschung“ (S. 9) führen.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband von Ulrike Mattke beinhaltet drei Teile mit insgesamt 13 Kapiteln:

Teil A Theorie und Forschung

  • 1. Sexualität bei Menschen mit Behinderung – immer noch ein Tabuthema? (Barbara Ortland)
  • 2. Lebenssituation und Gewalterfahrungen von Frauen mit sogenannter geistiger Behinderung in Deutschland (Monika Schröttle)
  • 3. Sexuelle Gewalt gegen Jungen und Männer mit einer so genannten geistigen Behinderung (Ahmed Amor)
  • 4. „Niemand glaubt mir“. Aspekte der Glaubhaftigkeit der Aussagen von Menschen mit geistiger Behinderung (Ulrike Werner)
  • 5. Folgen von sexueller Traumatisierung bei Frauen mit geistiger Behinderung (Barbara Leiersender)

Teil B Prävention

  • 6. Prävention professionell planen und wirkungsvoll praktizieren (Ulrike Mattke)
  • 7. Sexuelle Gewalt als Herausforderung für Einrichtungen der Behindertenhilfe (Ursula Sauder)
  • 8. Zusammenarbeit hilft! Vernetzung als Weg der Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt gegen Frauen mit Lernschwierigkeiten (Katharina Göpner & Rebecca Maskos)
  • 9. Sexualpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen an der Förderschule für geistige Entwicklung als Prävention sexueller Gewalt (Susan Leue-Käding)
  • 10. Schlafende Hunde wecken?! (Andrea Huber)

Teil C Hilfen

  • 11. Handlungsorientierungen in der pädagogisch-therapeutischen Begleitung sexuell traumatisierter Menschen mit geistiger Behinderung (Ulrike Mattke)
  • 12. Pädagogisch-therapeutische Begleitung sexuell traumatisierter Kinder mit geistiger Behinderung (Cornelia Schulte)
  • 13. „Den Wolf der Freude füttern“. Materialien und Methoden bei der Beratung von sexuell traumatisierten Frauen mit Lernschwierigkeiten (Anneke Bazuin)

sowie ein Vorwort und ein Autor_innenverzeichnis.

In Kapitel 1 setzt sich Barbara Ortland mit der Tabuisierung von Sexualität und der sexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung auseinander, um anschließend anhand einer von ihr durchgeführten Studie zur sexuellen Selbstbestimmung in Wohneinrichtungen Lebensbedingungen im Kontext Sexualität und geistige Behinderung zu erläutern.

Monika Schröttle schildert in Kapitel 2 Ergebnisse aus der Studie „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland“, indem sie Gewaltkontexte, Risikofaktoren und präventiv wirkende Maßnahmen zum Schutz von Frauen mit geistiger Behinderung referiert.

Daran schließt sich Kapitel 3 an, das sexualisierte Gewalt an Jungen und Männern mit geistiger Behinderung fokussiert. Ahmed Amor erörtert Risikofaktoren und thematisiert zusätzlich mögliche Folgen sexualisierter Gewalt bei Jungen und Männern. Abschließend erörtert er die Frage, ob Behinderung als Konsequenz erlebter Gewalt entstehen kann.

In Kapitel 4 erläutert Ulrike Werner den Komplex der Glaubhaftigkeit im Bezug auf geistige Behinderung. Bei erlebter sexualisierter Gewalt sieht sich das Umfeld oftmals mit Fragen nach der Glaubhaftigkeit von Menschen mit geistiger Behinderung konfrontiert, die mit Hilfe der Kriterienorientierten Aussagenanalyse zu bewerten sind. Zusätzlich werden Handlungsempfehlungen für die Gesprächsführung in der Praxis skizziert.

Das letzte Kapitel des ersten Teils, Kapitel 5, beschäftigt sich mit Traumatisierungserfahrungen von Frauen mit geistiger Behinderung. Barbara Leiersender erläutert mögliche Traumatisierungen anhand einer Fragebogenerhebung in Niedersachsen. Es wurden Beraterinnen in Frauenberatungsstellen nach ihren Erfahrungen mit Frauen mit geistiger Behinderung befragt. Die Ergebnisse werden dargestellt und im Vergleich zu Traumatisierungen von Frauen ohne Behinderung betrachtet.

Ulrike Mattke leitet in Kapitel 6 in den zweiten Teil mit dem Schwerpunkt Prävention ein. Zunächst werden theoretische Grundlagen von Prävention wie Täter_innenstrategien, Risikofaktoren/ Bedingungen sowie die Aufdeckung von sexualisierter Gewalt beschrieben. Anschließend werden Prävention in der Gesellschaft sowie Opfer- und Täter_innenprogramme benannt.

In Kapitel 7 zeigt Ursula Sauder das Konzept zum Umgang mit sexualisierter Gewalt der fundament-wohnen gGmbH auf. Das Konzept wurde von der Einrichtung formuliert und in der Praxis erprobt. Als wesentliche Aspekte eines gelingenden Konzepts werden die Träger_innen-Haltung, das Verhalten der Mitarbeitenden, Rahmenbedingungen, Krisenmanagement und Standards im Umgang mit Klient_innen herausgestellt.

Barrieren in der Suche nach Unterstützung werden in Kapitel 8 von Katharina Göpner und Rebecca Maskos skizziert. Frauen mit Lernschwierigkeiten erleben Barrieren im Zugang zu Unterstützungssystemen wie Frauenhäusern, Beratungsstellen und hinsichtlich „innere[r] Barrieren“ (S. 115f) bei Fachkräften in der Behindertenhilfe und im Beratungsbereich. Zum Abschluss des Beitrags werden Handlungsempfehlungen zur Beratung und Vernetzung formuliert, um Frauen mit Lernschwierigkeiten adäquate Unterstützung zu bieten.

Susan Leue-Käding setzt sich in Kapitel 9 mit schulischer Sexualerziehung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung auseinander, indem sie Schwierigkeiten der Vermittlung im schulischen Alltag benennt und Sexualaufklärung als Primärprävention herausstellt. Anschließend legt sie Methoden und Materialien zur Erarbeitung der Themen Identität, Körper und sexualisierte Gewalt dar, um ergänzend Sprache als wichtiges Instrument zur erfolgreichen Vermittlung der Inhalte aufzuzeigen.

Auf die schulische Vermittlung folgend wird die sexualpädagogische Arbeit in einer WfbM in Kapitel 10 durch Andrea Huber vorgestellt. Das sexualpädagogische Angebot richtet sich an Mitarbeiter_innen im Berufsbildungsbereich und erstreckt sich über acht Einheiten im ersten Jahr der Berufseingangsphase. Die inhaltliche Gestaltung wie auch der aus dem Angebot entstandene Film „Und dann auch noch Liebe“ werden erläutert.

In Kapitel 11 leitet Ulrike Mattke zum dritten Teil der Arbeit mit Titel „Hilfen“ über. Das Kapitel beschäftigt sich mit den Handlungsorientierungen Sicherheit, Achtung und Respekt, Selbstbestimmung, Bildung sowie Ressourcenorientierung. Anhand von Beispielen aus der pädagogischen Praxis beschreibt sie die konkrete Bearbeitung von Traumata anhand dieser Handlungsorientierungen.

Eine weitere Unterstützungsmethode in der Praxis ist die pädagogisch-therapeutische Begleitung von Kindern mit geistiger Behinderung, wie sie von Cornelia Schulte in Kapitel 12 erörtert wird. Mit Hilfe eines Fallbeispiels (ein elfjähriges Mädchen mit leichter geistiger Behinderung) aus der eigenen Praxis werden der Therapieverlauf und einzusetzende Methoden sowie Materialien erklärt. Das Kapitel endet mit Handlungsempfehlungen für den pädagogischen Umgang mit der Personengruppe.

Abschluss findet der Sammelband mit Kapitel 13, in dem Anneke Bazuin aus ihrer Arbeit in einer Beratungsstelle (‚Notruf für vergewaltige Mädchen und Frauen e.V. Hannover‘) berichtet. Nach einer kurzen Vorstellung der Beratungsstelle werden die zentralen Beratungsprinzipien, u.a. Vertraulichkeit und Hilfe zur Selbsthilfe benannt. Die Einflüsse der spezifischen Lebensbedingungen von Frauen mit geistiger Behinderung auf die Beratungsrealität werden skizziert; Materialien und Methoden zur traumatherapeutischen Beratung von Frauen mit Behinderung werden aufgezeigt.

Diskussion

Ulrike Mattke möchte mit dem Sammelband auf die spezifischen Problemlagen im Umgang mit sexuell traumatisierten Menschen mit geistiger Behinderung hinweisen. Weder das Thema noch die Personengruppe erhalten entsprechende Aufmerksamkeit in der Gesellschaft, obwohl die vorliegenden Zahlen zu sexualisierter Gewalt v.a. gegen Mädchen und Frauen mit geistiger Behinderung diese Auseinandersetzung und vermehrte öffentliche Aktionen „dringend erforderlich“ (S. 93) machen.

Die im Sammelband vereinte Darstellung von Theorie und Praxis zeigt vielfältige Aspekte des Themenkomplexes auf. Insbesondere die Thematisierung von sexualisierter Gewalt gegen Jungen und Männer mit geistiger Behinderung bietet Einblick in eine bislang wenig bearbeitete Problemstellung (siehe Kapitel 3). Auch die Ausführungen zur Glaubhaftigkeit (siehe Kapitel 4) bieten eine benötigte Ergänzung für die fachliche Auseinandersetzung, da sich erfahrungsgemäß regelmäßig Fragen zur Glaubhaftigkeit und zur Strafverfolgung ergeben.

Während die theoretischen Erläuterungen den größten Raum des Sammelbandes einnehmen, erhalten die Hilfen im Alltag weniger Platz – was vielleicht schlichtweg an dem noch geringen Angebot an Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen mit geistiger Behinderung zum Thema sexualisierte Gewalt liegen mag.

Den Beiträgen des Sammelbandes gelingt es, Wissen über und Kompetenzen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Kontext geistiger Behinderung von Kindheit bis Erwachsenenalter und unter Einbeziehung der Kategorie Geschlecht aufzuzeigen und schlüssig darzulegen.

Fazit

Es ist Ulrike Mattke und den zahlreichen Autor_innen gelungen, einen fundierten Einblick in den aktuellen Forschungsstand zu sexualisierter Gewalt an und auch zwischen Menschen mit geistiger Behinderung zu geben. Als Argumentationsgrundlage trägt das Werk dazu bei, das Thema stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken und die Notwendigkeit weiterer Forschung, Intervention und Konzeption von Bildungsangeboten sowie die Schaffung von Zugangsmöglichkeiten zu Beratung hervorzuheben.

Sexualisierte Gewalt an Menschen mit geistiger Behinderung stellt eine komplexe Problematik in der Behindertenhilfe dar, die weiterer Forschung und pädagogischer Begleitung bedarf. Für Leser_innen, die sich bislang wenig mit dem Komplex beschäftigt haben, bietet das Buch umfassende Informationen. Für Menschen, die sich bereits intensiver mit dem Thema beschäftigt haben, bietet das Buch eine umfassende Sammlung von Handlungsempfehlungen und Argumenten für eine verstärkte Thematisierung in Theorie und Praxis.

Das Buch kann Wissenschaftler_innen, Fachkräften und Studierenden sowie weiteren interessierten Leser_innen dringend empfohlen werden.


Rezensentin
Dr. Karoline Klamp-Gretschel
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Zitiervorschlag
Karoline Klamp-Gretschel. Rezension vom 01.07.2015 zu: Ulrike Mattke (Hrsg.): Sexuell traumatisierte Menschen mit geistiger Behinderung. Forschung - Prävention - Hilfen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-025847-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18854.php, Datum des Zugriffs 25.05.2019.


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ISSN 2190-9245

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