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Peter Loebell, Peter Buck (Hrsg.): Spiritualität in Lebensbereichen der Pädagogik

Cover Peter Loebell, Peter Buck (Hrsg.): Spiritualität in Lebensbereichen der Pädagogik. Diskussionsbeiträge zur Bedeutung spiritueller Erfahrungen in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 324 Seiten. ISBN 978-3-8474-0634-1. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Die Herausgeber und Autor/-innen dieses Sammelbandes stellen sich dem Versuch, einem komplexen und gleichzeitig schwer fassbaren Begriff pädagogische Konturen und eine wissenschaftstheoretische Fundierung zu geben: Spiritualität. Auf Basis eines erziehungswissenschaftlichen Theorierahmens, diskutieren Expert/-innen aus verschiedensten Professionen, welche pädagogische Bedeutung von spirituellen Erfahrungsmöglichkeiten in Bildungs- und Erziehungsfeldern ausgehen kann. Ebenfalls wird hinterfragt, inwiefern Spiritualität eine pädagogische Gegeninitiative zu standardisierten Messungen und vordefinierten Basiskompetenzen bereithält um den Aspekten der individuellen Selbstbestimmung und der Entwicklung von Identität (erneute) pädagogische Aufmerksamkeit zu geben.

In insgesamt 21 Beiträgen (inkl. Einleitung) werden dazu philosophische, religiöse wie auch empirische Positionen angeführt, deren gemeinsame Querschnitttheorie auf dem reformpädagogischen Ansatz von Rudolf Steiner beruht.

Herausgeber

Prof. Dr. disc. pol. Peter Loebell ist Professor für Lernpsychologie und Schulentwicklung an der Freien Hochschule Stuttgart. Seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte sind: Waldorfpädagogik, Lerntheorien, Visualisierung.

Prof. Dr. rer. Nat. Peter Buck ist emeritierter Professor für das Fach Chemie und ihre Didaktik am Institut für Sachunterricht an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

Aufbau

Der Sammelband: „Spiritualität in Lebensbereichen der Pädagogik. Diskussionsbeiträge zur Bedeutung spiritueller Erfahrungen in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen.“ untergliedert sich in vier Kapitel:

  1. Grundlagen zum Begriff der Spiritualität
  2. Erfahrungen mit Spiritualität
  3. Spiritualität in der Pädagogik
  4. Epistemische Einordnung

Stellvertretend für die einzelnen Schwerpunktbereiche, werden pro Großkapitel ausgewählte Artikel etwas genauer beleuchtet.

Zu 1 Grundlagen zum Begriff der Spiritualität

Peter Loebell eröffnet seinen Artikel mit zwei autobiografischen Berichten: Darin beschreiben Emil Nolde (Maler) und Oliver Sacks (Neurophysiologe) persönliche spirituelle Erfahrungen, deren gemeinsamer Kern eine erlebte sinnstiftende „Verbundenheit“ mit sich und anderen darstellt. Anschließend diskutiert Loebell die Frage, unter welchen Umständen spirituelle Erlebnisse besondere Auswirkungen im späteren Leben eines Menschen haben bzw. auf welche Weise Erziehung und Bildung zur Entstehung einer solchen spirituellen Grundhaltung beitragen können. Angelehnt an Fuchs (2010) erscheint es nach Loebell notwendig, Bildung und Erziehung nicht ausschließlich im Auftrag von überprüfbaren (Leistungs-)Ergebnissen zu sehen, sondern die „integrale Potenzialität“, die dem Individuum als solchem zukommt, und „nicht in Einzelprozesse zerlegt werden kann“. (Fuchs, 2010, S.126) möglichst verstehens- und prozessorientiert zu fördern. Spirituelle Erfahrungen entstehen demnach aus individuellen Erkenntnisprozessen, die der Lernende durch eine bewusste Hinwendung zu einem Gegenstand erleben und mit individueller Bedeutsamkeit verbinden kann (Loebell, 2000, 2004). Damit dies gelingt, braucht es nach Ansicht des Autors Lehrkräfte, die selbst offen und bereit sein müssen, die Welt auf eine (neue) Weise kennen zu lernen; eine Weise, die nach Loebell „seelisch“ ergreift. Letztlich bleiben spirituelle Erlebnisse aber unverfügbar; es kann nur ein Handeln sensibilisiert werden, dass dieses Erleben von Sinnhaftigkeit und individueller Erkenntnis ermöglicht. Dazu sollte sich Wissenschaftsgesinnung vom Staunen, über anfängliches Fragen bis zu Evidenzerfahrung an die Welterscheinungen annähern, um neben der Interessantheit auch eine tiefe Bedeutsamkeit der Dinge zu erfahren. Denn eine Lehrkraft die selbst nur gelernt hat auf Expertenwissen zu vertrauen, läuft nach Loebell Gefahr, das eigene Fragen zu verlernen (vgl. Loebell, 2013).

Zu 2 Erfahrungen mit Spiritualität

Peter Buck legt seinem Artikel „Lasses Kamm – Spiritualitätskeime?“ eine Erlebnisdarstellung zugrunde, in der ein Zweijähriger (Lasse) durch sein selbsttätiges, aktives Handeln in einen spirituellen Besinnungs- und Erkenntnisprozess kommt. Ausgangspunkt ist folgende Szene: Lasse begrüßt seinen Großvater, der einen schwarzen Kamm in seiner Hemdtasche trägt. Der Zweijährige fordert seinen Großvater auf, diesen herzugeben, bemerkt aber zusätzlich, dass seine Finger eine ähnliche physische Form wie Opas Kamm einnehmen können. Nach Buck generiert Lasse aus dieser Handlung folgende Erkenntnis: neben dem konkreten Kamm, gibt es auch einen abstrakten, transzendenten Kamm. Der Erkenntnismoment liegt somit im Gewahrwerden einer Gleichzeitigkeit der verschiedenen Anschauungen: der erinnerten Anschauung (Opas Kamm) und der aktuellen Anschauung (figuriert in Lasses Hand). Daraus ergibt sich nach Ansicht des Autors folgende Konsequenz: Durch Lasses selbstständige Handeln, Erproben und Anwenden, gewinnt der Junge eine neue, bildende Erfahrung. Angelehnt an Rudolf Steiner zeigt sich darin außerdem eine neue Form des Denkens, eines lebendigen (statt eines toten) Denkens, in der die Gegenwärtigkeit und Transzendenz des Erlebnisses im Zentrum steht.

Einen völlig anderen Ausgangspunkt wählt der Artikel „Wahrnehmung und Aufmerksamkeit für benachteiligte und Not leidende Kinder“ von Ingrid Classen-Bauer. Ausgehend von Steffensky Ansatz (dessen Artikel ebenfalls im vorliegenden Sammelband publiziert ist), dass Spiritualität eine gewisse Form an „Aufmerksamkeit“ (im Sinne einer subversiven Wahrnehmung) bezeichnet, muss auch das Leiden benachteiligter Kinder subversiv wahrgenommen. Den Bezug an Spiritualität findet man laut Classen-Bauer im Matthäusevangelium begründet: „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gereicht; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen, nackt und ihr habt mich bekleidet; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“ (Matth. 25, 40). Nach Ansicht der Autorin, ist dieses Leid(en) aber nicht nur auf Aspekte der Grundsicherung begrenzt; vielmehr geht es um eine grundlegende Sensibilität, die der Pädagoge/die Pädagogin allen Kindern gegenüber zeigen muss: es braucht eine Aufmerksamkeit, die den Professionist dazu veranlasst „hin zu hören“, um dem Kind zu helfen „gebildete Lebensträume und Gewissen zu haben und das Leben als sinnvoll zu erfahren.“ (Steffensky, 2016, S. 125). Diese „Pädagogik der Aufmerksamkeit“ fordert demnach ein sensibles Wahrnehmen, was in den Kindern vorgeht, ein Wahrnehmen, woran sie sich erfreuen, aber auch woran sie leiden. Der zweite pädagogische Auftrag ist nicht weniger zentral: Die Kinder sollen selbst empathiefähig werden, d.h. selbst Mitleid empfinden und zeigen können. Einen theoretischen Querverweis findet sich dazu in der Waldorfpädagogik. So bezeichnet auch Rudolf Steiner die Grundlage seiner Pädagogik als eine „Allgemeine Menschenkunde“, die eine allseitige Kenntnis des Menschenwesens und „nicht nur des irdischen, sondern auch des verborgenen seelischen und geistigen Menschen“ (Steiner, 1979) berücksichtigen und einbinden sollte.

Zu 3 Spiritualität in der Pädagogik

Edeltraud Röbe befasst sich in ihrem Artikel „Die spirituelle Dimension im frühkindlichen Entwicklungs- und Bildungsprozess – eine pädagogische Spurensuche“ mit der Frage, wie Kinder ihre Spiritualität artikulieren und eigenständig reflektieren können (Wuckelt, 2012) Ebenso wird diskutiert, welche Impulse es dazu aus der Pädagogik gibt. Pädagogisches Handeln wird dabei als ein Handeln im Hier und Jetzt verstanden, das die gegenwärtige kindliche Erfahrung so reich und bedeutsam wie möglich machen soll. Nach Röbe ist somit ein Verstehen von kindlichen Lebensäußerungen nur mit einem Verstehen des kindlichen Erlebens verbunden. Phantasien gelten in diesem Verständnis z.B. als Ausdruck des menschlichen Innenlebens, denn „sie binden den Bereich der Emotionalität [.] an bestimmte Beziehungen und verhindern damit, dass dieser unbestimmbar und frei flottierend das Subjekt überschwemmt. Emotionen bekommen eine Form, Sachbezüge emotionale Tiefe.“ (Schäfer, 1995, S. 136).

Zu 4 Epistemische Einordnung

Johannes Kiersch geht in seinem Artikel „Spiritualität auf der Suche nach Wirksamkeit – in pädagogischer Hinsicht“ davon aus, dass es keinen allgemein akzeptierten Konsens über die Möglichkeiten der Erkenntnis von Wirklichkeit gibt (Daston/Galison 2007, Majorek, 2002). Angesichts dieser Position wirkt das Werk „Philosophie über den Menschen“ (Steiner, 1983) auffallend aktuell, denn Steiner vertritt darin einen Begriff von Wirklichkeit, der reduktionistische Einengungen vermeidet: Spiritualität wird darin als ein Suchen nach einer schwer zu fassenden Wirklichkeit verstanden, da es „unzulässig sei, die auf einer ‚niederen Stufe‘ gewonnenen Gesetzmäßigkeiten auf eine ‚höhere Daseinsform‘ anzuwenden.“ Der verbreitete Einwand, es gehe bei Rudolf Steiner um ein „absolut“ gültiges Wissen und damit um eine außerwissenschaftliche Dogmatik, wird in diesem Artikel grundsätzlich in Frage gestellt, auch wenn nach Kiersch unter den Schülern Steiners immer wieder dogmatisierende Tendenzen zu bemerken sind (Kiersch, 2010b, 48f).

Diskussion

Der vorliegende Sammelband zeichnet sich durch einen mehrperspektivischen Themenzugang aus, dessen Schnittmenge in der Frage nach einer pädagogischen Bedeutung von Spiritualität liegt. Die einzelnen Beiträge versuchen dazu wissenschaftstheoretische Diskussionsansätze darzustellen, deren erziehungswissenschaftliche Absicherung je nach Autor und Inhalt aber unterschiedlich deutlich ausfällt. Einige Autor/-innen orientieren sich beispielsweise eher an biographisch-erfahrungsorientierten Aspekten, andere wiederum an paradigmatisch vergleichenden oder empirisch, konzeptionell fundierten Theorieansätzen. Aufgrund dieser unterschiedlichen inhaltlichen Zugänge wird erkennbar, wie breit der Themenkreis „Spiritualität“ reicht; die Autor/-innen zeigen gleichzeitig aber auch auf, dass eine erziehungswissenschaftliche Absicherung des Themenfeldes „Spiritualität in Lebensbereichen der Pädagogik“ herausfordernd bleibt.

Zielgruppen

Zielgruppen des Buchs sind Lehrkräfte, Lehramtsstudierende, Erzieher/Erzieherinnen und andere Professionsgruppen im pädagogischen Arbeitsfeld.

Fazit

Welche Bedeutung hat Spiritualität für Kinder und Jugendliche und welche Rolle spielt dabei Erziehung und Bildung? Diese komplexen und im erziehungswissenschaftlichen Diskurs häufig zu wenig beachteten Fragen, durchziehen den vorliegenden Sammelband. Deren Beantwortung war mit dem (Diskussions-) Ziel verbunden, eine Vielfalt an inhaltlichen und thematischen Zugängen darzustellen.

Das Ergebnis ist ein spannendes Werk, das dem Leser/der Leserin die pädagogische Bedeutung von Spiritualität näherbringt, aber auch neugierig macht, was Spiritualität bzw. spirituelles Erleben für jeden Einzelnen bedeuten kann.

Literatur

  • Daston, Lorraine/Galison, Peter (2007). Objektivität. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Fuchs, Thomas (2010). Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. 3. Auflage, Stuttgart: Kohlhammer.
  • Kiersch, Johannes (2010). Dogma und Wahrheit. In: Erziehungskunst 4/2010, S. 48f.
  • Loebell, Peter (2000). Lernen und Individualität. Elemente eines individualisierenden Unterrichts; Weinheim: Deutscher Studienverlag.
  • Loebell, Peter (2004). Ich bin, der ich werde. Individualisierung in der Waldorfpädagogik; Stuttgart: Verlag Freier Geistesleben.
  • Loebell, Peter (2013). Zur wissenschaftlichen Ausbildung von Waldorflehrer. In: Barz, Heiner (Hrsg.) Unterrichten an Waldorfschulen: Neue Perspektiven für WaldorflehrerInnen in Ausbildung, Forschung und Schulentwicklung.
  • Majorek, Marek B. (2002). Objektivität: ein Erkenntnisideal auf dem Prüfstand. Tübingen: Francke.
  • Schäfer, Gerd (1995). Bildungsprozesse im Kindesalter. Selbstbildung, Erfahrung und Lernen in der frühen Kindheit. München: Juventa.
  • Steffensky, Fulbert (2016). Spiritualität ist Aufmerksamkeit – Eine Übung in subversiver Wahrnehmung, Leverkusen: Verlag Barbara Budrich.
  • Steiner, Rudolf (1979). Allgemeine Menschenkunde als Grundlag der Pädagogik. Dornach: Verlag am Goetheanum.
  • Steiner, Rudolf (1983). Von Seelenrätseln. (GA 21). Dornach: Rudolf Steiner Verlag.
  • Wuckelt, Agnes (2012). Studie zum Verständnis und zur Entwicklung kindlicher Religiösität. Forschungsprojektantrag. März 2012 (Internetquelle 30-10-2012).

Rezensentin
Dr. phil. Katharina Fischer
Universität Passau, Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik
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Zitiervorschlag
Katharina Fischer. Rezension vom 05.05.2017 zu: Peter Loebell, Peter Buck (Hrsg.): Spiritualität in Lebensbereichen der Pädagogik. Diskussionsbeiträge zur Bedeutung spiritueller Erfahrungen in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-8474-0634-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18860.php, Datum des Zugriffs 21.01.2018.


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