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Ute Reeh: Was Kunst kann

Cover Ute Reeh: Was Kunst kann. Kunst am Bau als Prozess und als Katalysator für Schulentwicklung ; [mit vielen Übungen für die eigene Praxis ; ausgezeichnet mit dem Schulpaupreis NRW 2013]. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 208 Seiten. ISBN 978-3-407-62898-5. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Kunst am Bau als Prozess und als Katalysator für Schulentwicklung. Partizipative Schulprojekte in Partnerschaft mit Künstler/innen. Inklusion; Schulen mit gemeinsam vertiefter Identität und Architektur als Raum für ästhetische Erfahrung.

Autorin

Ute Reeh, geboren 1958 in München, studierte Biologie, Kunsterziehung und freie Kunst mit den Schwerpunkten Performance, Skulptur und Video an der HbK in Kassel und der Kunstakademie Düsseldorf. Sie war Meisterschülerin bei Nam June Paik. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Zeichnungen, Performances, Videos, Skulpturen im öffentlichen Raum und die Form von Prozessen. Von 1998 bis 2008 begleitete sie als Künstlerin eine grosse Gesamtschule und definierte diese Form künstlerisch-systemischer Arbeit als Schulkunst. 2009 initiierte sie den Modellversuch Schulkunst. 2013 wurde sie für dessen Referenzprojekt mit dem Schulbaupreis NRW ausgezeichnet.

Entstehungshintergrund

Mit ihrem Buch „Schulkunst – Kunst verändert Schule“ (Beltz 2008) hatte Ute Reeh ein erstes Mal ihr Konzept der Kooperation von Künstlern mit Schulen einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. In der Zwischenzeit (2013) wurde das Referenzprojekt des Modellversuchs mit dem Schulbaupreis NRW ausgezeichnet und Ute Reeh scheint im Aufbau eines Netzwerkes für Schulkunst gut voranzukommen. So kann sie in ihrem neuen Buch „Was Kunst kann – Kunst am Bau als Prozess und als Katalysator für Schulentwicklung“ auf eine schon viel breitere Basis realisierter partizipativer Projekte verweisen und ihre Thesen – und diejenigen ihrer Partner und Beiräte – auf einen grossen Schatz an Erfahrungen abstützen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist aus 16 Kapiteln aufgebaut, den roten Faden durch den Text bildet der „Modellversuch Schulkunst“, welchen Ute Reeh 2009 auf der Basis einer zehnjährigen Erfahrung als „Schulkünstlerin“ und Initiatorin von partizipativen Projekten lancieren konnte. Am prominentesten wird das preisgekrönte Projekt an der Alfred-Herrhausen-Förderschule in Düsseldorf vorgestellt, bei dem die Schülerinnen und Schüler in Zusammenarbeit mit Ute Reeh, dem Architekten Jo Meyer sowie einer Gruppe von Architekturstudent/innen der FH Düsseldorf unter Leitung von Pablo Molestina eine hölzerne Aussenterrasse entworfen und gebaut hatten. „Die Terasse ist unser Abitur“, sagte eine der Förderschülerinnen selbstbewusst vor einer grösseren Runde erwachsener Expert/innen, als die Terasse noch in der Planung steckte; und meinte damit auch: „Wir können und müssen es also auch schaffen!“.

Wie im ersten Buch kommen die Kapitelüberschriften als suggestive, Neugier weckende Statements daher: „Schule als soziale Plastik sehen“, „Gross denken“, „Noch grösser denken“, „Alle sind beteiligt, jeder anders“. Der Rhythmus der Kapitelfolge ist – sofern man das Buch linear liest – demjenigen der beschriebenen sozialplastischen Prozesse nachempfunden. In den ersten fünf geht es um Annäherung an und genaue Wahrnehmung von Situationen der Schulgemeinschaften in ihren Behausungen. Es folgen drei Kapitel, in denen es um die Entwicklung neuer Perspektiven und utopischer Ideen geht. Nach einem Kapitel (10) über die Beteiligung aller Akteure thematisieren drei Kapitel die Unbestimmtheit, Unerwartetes und die Angst. Dieser Teil kommt zur rechten Zeit, man ist als Leser froh um diese explizite Wendung der Medaille. Dass auch der Erzählung über das (partielle) Scheitern sorgfältig dargestellte Erfahrungen und Analysen einen glaubhaften Hintergrund verleihen, ist exemplarisch für den Umgang mit Geschichten, mit Menschen und ihren Lebensräumen, mit gewachsenen sozialen Gefügen, welchen Ute Reeh pflegt und darstellt in ihrem Buch. Vandalismus im Schulhof, und im Beispiel besonders dramatisch während der beginnenden, heiklen Bauphase eines Projekts, kann architektonisch und sozial „produziert“ sein: wenn die Kleinsten im Schulhaus hinter einem Zaun zuschauen müssen, nicht helfen dürfen, und nicht verstehen, weil sie noch kein „Projekt im Projekt“ haben. Wer dieses Bild sieht und die Krise darauf beziehen kann – und wer sollte das besser können als eine bildende Künstlerin? – der wird umgekehrt auch dazu beitragen können, dass „es wieder anders wird“. Und so handeln die letzten Kapitel von Wendungen, von Improvisation im Projekt, von Selbstermächtigung und wachsendem Selbstvertrauen, bei Kindern und Jugendlichen genauso wie bei Schulleitern.

Neben den dokumentierenden Fotos der Projekte wird das Buch begleitet durch Zeichnungen der Autorin und Künstlerin. Nach dem Prinzip der Resonanz sucht sie darin die Prozesse in und zwischen den Systemen, die Suchbewegungen von Menschen und Gruppen, gestisch zu fassen. Dass sie dabei mit beiden Händen zeichnet, kann man gut sehen im Spiel mit und gegen Symmetrie, an unterschiedlichem Druck und Duktus der zwei Seiten. Die Zeichnungen pendeln zwischen freiem gestalterischem Ausdruck und zupackenden Versuchen der Verallgemeinerung und Schematisierung fliessender Prozesse, was dem Inhalt des Buches formal und inhaltlich auf schöne Weise entspricht. Jedes Kapitel endet mit einer „Übung“, welche mit Gruppen von Schüler/innen, dank der Angaben zu Zeit-, Raum- und Materialbedarf sowie zur Gruppengrösse, leicht nachzumachen ist. Ute Reeh setzt solche Settings sowohl in den Projekten mit Kindern und Jugendlichen ein als auch mit interessierten Erwachsenen, denen sie ihre Arbeitsprinzipien erläutert. Viele der Übungen verlangen eine vorübergehende Aufgabe von Kontrolle („Augen zu“, „beidhändig zeichnen“ etc.) und enden mit sorgfältig moderierten Austauschrunden. Sie dürften Sozial- und Kunstpädagogen durchaus bekannt vorkommen, erhalten aber durch den spezifischen Kontext der geschilderten Schulkunstprojekte eine neue, auf konkrete und materialisierte Veränderungsprozesse bezogene Bedeutung.

Diskussion

Reehs Konzept von Schulkunst tritt uns in dieser Publikation noch klarer, durch viele Perspektiven quasi gefestigt, entgegen. Drei Kunsttheoretiker, Reimar Stange, Heinz Schütz und Georg Mallitz verorten am Schluss des Buches Reehs Schulkunst historisch in der Entwicklung partizipativer Kunst seit dem Barock, als Weiterentwicklung des Fördersystems „Kunst am Bau“ seit den Krisenjahren anfangs des 20. Jahrhunderts sowie, philosophisch, vor dem Hintergrund einer aktuellen Auslegung des antiken Begriffs der „Chora“, einer Art Ermöglichungsraum, wie wir heute sagen würden. Sehr knapp und dicht bringt Mallitz` „Ausgangspunkt und Ziel der Arbeit von Ute Reeh“ auf den Nenner: der gemeinsame Raum wird „performativ freigesetzt“; Mittel dazu ist eine „kollektiv-plastische Sichtbarmachung“. Was in dieser Formulierung abstrakt erscheint, wird in Ute Reehs neuem Buch anschaulich und oft auch unterhaltsam erzählt. In und zwischen den Geschichten gelungener Projekte blitzen dabei immer wieder Sätze auf, die es in sich haben: „Im Grunde ist das Projekt eine fundamentale Systemkritik“, findet der Pädagoge Otto Seydel, der Reehs Projekte als ein Mitglied des vielfältig zusammengesetzten Beirats begleitet. An anderer Stelle denkt der Musiker und Architekturtheoretiker Christopher Dell darüber nach, wie Kinder und Jugendliche in Schulkunstprojekten zwar nicht „funktionalisiert“ würden, sich aber eine Funktion im sozialen und gestalterischen Gefüge erarbeiteten, etwas, was ihnen normalerweise weder zugetraut noch zugestanden würde.

Fazit

Ohne dies explizit zu erwähnen setzt Ute Reeh viele der Postulate um, welche in der Bildungspolitik unter dem Stichwort,Kompetenzorientierung“ diskutiert werden. Das Thema ist deswegen so aktuell, da in Deutschland, Österreich und in der Schweiz im Zuge der Inklusion und der Entwicklung von Ganztagesschulen viel umgebaut und umstrukturiert wird. Ute Reeh wirbt dafür, dass diese Prozesse von guten Künstlerinnen und Künstlern begleitet werden und sich aus so definierter Kunst am Bau als Prozess ein dreifacher Gewinn ergibt: eine Chance für gelebte und ernst genommene Inklusion, Schulen mit gemeinsam vertiefter Identität und Architektur als Raum für ästhetische Erfahrung. „Was Kunst kann“ richtet sich an Pädagog/innen aller Fachrichtungen und Arbeitsfelder, an Bildungspolitikerlinnen, Schulbehörden, aber auch an Städteplaner/innen, Architekt/innen, Kurator/innen und Künstler/innen.


Rezension von
Prof. Bernhard Chiquet
Dozent für Fachdidaktik Kunst & Design an der Fachhochschule Nordwestschweiz; Fachexperte für Bildnerisches und Technisches Gestalten am Pädagogischen Zentrum PZ.BS Basel
Homepage www.fhnw.ch
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Zitiervorschlag
Bernhard Chiquet. Rezension vom 03.06.2015 zu: Ute Reeh: Was Kunst kann. Kunst am Bau als Prozess und als Katalysator für Schulentwicklung ; [mit vielen Übungen für die eigene Praxis ; ausgezeichnet mit dem Schulpaupreis NRW 2013]. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. ISBN 978-3-407-62898-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18869.php, Datum des Zugriffs 19.09.2020.


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