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Mathias Schwabe, Martina Stallmann u.a.: Freiraum mit Risiko

Cover Mathias Schwabe, Martina Stallmann, David Vust: Freiraum mit Risiko. Niederschwellige Erziehungshilfen für sogenannte Systemsprenger. Klaus Münstermann Verlag (Ibbenbüren) 2013. 224 Seiten. ISBN 978-3-943084-13-9. D: 19,50 EUR, A: 20,10 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Um es gleich zu sagen: Ein informatives und gut lesbares Buch, empfehlenswert also, aber auch ein irritierendes Buch, über das gesprochen werden muss.

Die Autoren berichten sachkundig, klar strukturiert und mit dem Blick für das Wesentliche über die Befunde und Kontexte eines von ihnen realisierten Evaluationsprojektes. Zielgruppe dieses Projektes sind die in der Jugendhilfe vielfach und mit langer Tradition behandelten „Schwierigen, Schwierigsten, ganz besonders Schwierigen“, oder eben die „Systemsprenger/Innen“. Mehrere Meter Bücherregal füllen inzwischen die mal mehr programmatischen, mal mehr empirischen Beschäftigungen mit dem Dauerbrenner-Thema. Gute Übersichten zu Quellenlage bieten die Dokumentationen der Arbeitsgruppe Fachtagungen Jugendhilfe im Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin, die alleine in den letzten Jahren mehrere große Tagungen zum Thema ausgerichtet hat (einsehbar unter www.fachtagungen-jugendhilfe.de). Die Schlussfolgerungen dieser Debatten sind und bleiben strittig: Mehr Konsequenz und Strenge, weniger Struktur und mehr Freiraum oder gleich in´s Ausland oder auf´s Schiff – auf jeden Fall möglichst weit weg. So weit, so bekannt. Auch Mathias Schwabe hat sich dem Thema Zwang in der Erziehung schon mehrfach beschäftigt, durchaus kontrovers und streitbar – also nur noch ein Buch?

Aufbau und Inhalt

Was macht dieses Buch informativ und lesbar?

Zuerst die kurze aber pointierte und sachkundige Einführung in eben diese „unendliche Geschichte“ der Debatten über die, die „keiner mehr haben will“ (S. 19-32)

Danach werden in vier Kapiteln das evaluierte Projekt, die Arbeits- und Interaktionsformen, sowie die jungen Menschen selbst vorgestellt, sehr eindrucksvoll auch in drei Fallschilderungen.

Ausführlich diskutieren die Autoren und die Autorin als wesentlicher Kern des Buches „Chancen, Risiken und Grenzen bei der Betreuung von riskant agierenden Jugendlichen, insbesondere in niedrigschwelligen Betreuungsangeboten“. (S. 165-188) Hier zeichnet sich das Buch, wie schon die vorhergehenden Texte von Mathias Schwabe zu Eskalation und Deeskalation (2006) oder Zwang in der Heimerziehung (2008) durch präzise Sprache und fundierte Argumentation aus, sehr lesenswert z.B. in der „Systematischen Risikoanalyse bei riskant agierenden Jugendlichen in unterschiedlichen Hilfeformen“ (S. 172-184). Um verstehende Zugänge bemüht wird doch deutlich wird ausbuchstabiert, worum es geht: „(…) angesichts der besonderen Zielgruppe eine Haltung (zu entwickeln), die um die Permanenz und Unaufhebbarkeit vieler Risiken und damit auch der bestehenden Rechtsunsicherheit (was in Jugendhilfekontexten ausgehalten werden kann (C.S.)) weiß, sich aber gleichzeitig intensiv um Formen und Verfahren der Risikoeinschätzung und Risikovermeidung bemüht.“ (S.185) Hierzu werden „sieben unverzichtbare Eckpfeiler für ein halbwegs sicheres Risikomanagement“ vorgeschlagen – eine konkret praktische und doch reflektiert kritische Anleitung für ein Setting, das ebenso schwer verletzte wie riskant agierende junge Menschen ernsthaft Orte zum Über-Leben anbieten will, wohl wissend, dass diese ebenfalls begrenzt sind, also gesprengt werden können. Diese Mischung aus verstehendem Zugang und pragmatischer Handlungsorientierung verbunden mit einer in klareren Analyse der Ursachen und Bedingungen, die aus Kinder „Systemsprenger“ machen, zeichnen auch diesen Text aus. Hierzu gehört das Schlusskapitel, in dem die eigenen Befunde den „Ergebnissen anderer Studien zu Settings für sogenannte Systemsprenger“ gegenübergestellt werden.

Was irritiert dann an diesem Buch?

Das Vorwort von Hauptautor und Verleger, in dem durchaus einfühlend dargelegt wird, dass es dieses Buch „eigentlich“ gar nicht geben sollte. Trotz eines produktiven Evaluationsprozesses und bei aller Kritik vorzeigbaren Befunden zur 12-jährigen Arbeit eines „innovativen Erziehungshilfeprojektes (…) mit einer hochriskant agierenden Zielgruppe (…) überwiegt beim Träger am Ende der Evaluation und beim Lesen des Abschlussberichtes der Eindruck, sich damit nicht gut sehen lassen zu können.“ (S. 7)

Aber es ist nicht die Abwehr schlechter Evaluationsergebnisse, sondern die Angst vor medialer und politischer Verurteilung, weil es kurz vor geplanter Veröffentlichung zu einem „Vorfall“ gekommen ist, der dass Projekt in den Scheinwerfer von Politik und Medien geraten lässt. Also bitte keine Evaluationsbefunde, die auch noch Grenzen und Probleme dieses Projektes thematisieren – so das nachvollziehbare Kalkül „Wissenschaftliche Ergebnisse können eben nur im System Wissenschaft darauf hoffen differenziert wahrgenommen und diskutiert zu werden. Bei Systemen wie Politik oder Öffentlichkeit oder Medien muss Wissenschaft stets damit rechnen für andere Zwecke funktionalisiert zu werden.“ (S. 9)

Mathias Schwabe und Klaus Münstermann habe sich trotzdem entschlossen, den Evaluationsbericht zu veröffentlichen, und das ist gut so, denn nur so kann der Anspruch auf einen kritischen Diskurs mit rationalen Argumenten auf der Grundlage seriöser empirischer Befunde eingefordert und durchgesetzt werden. Und genau dieser selbstkritische Diskurs über die Konzepte und Erfahrungen in der Jugendhilfe mit jungen Menschen, die ihre Systeme sprengen, ist so bitter nötig angesichts der immer wieder aufgedeckten Skandale in den Haasenburgen und Friesenhöfen dieser Republik (für Quellen googeln nach Haaasenburg und Friesenhof). Nur wenn so fundiert und differenziert, wie es Mathias Schwabe, Martina Stallmann und David Vust getan haben, über ernsthafte Versuche berichtet wird, sich auf „hoch riskant agierende Jugendliche“ einzulassen, mit allen Risiken, Chancen und Grenzen, dann müssen die Mädchen und Jungen nicht zu Monstern stilisiert werden, die „keiner mehr haben will“, sondern es kann produktiv über gangbare Wege, diesen Jungen Menschen zu begegnen, gestritten werden.

Fazit

Eine gut lesbares Buch über eine gut gemachte wissenschaftliche Untersuchung zu einem ernsten und strittigen Thema, das ist alleine ist genug, die Lektüre zu empfehlen. Im angedeuteten Kontext einer immer noch und immer wieder berechtigt und unberechtigt skandalträchtigen Praxis der Jugendhilfe mit ihren Grenzgängern ist ein diese Buch besonders wichtig, da es genaues Hinsehen und abwägendes Bewerten dokumentiert. Dafür neben den Autoren auch den Mitarbeitenden und Verantwortlichen des Projektes, das nicht genannt werden will, Dank und Anerkennung – trotzdem.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schrapper
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Zitiervorschlag
Christian Schrapper. Rezension vom 02.08.2016 zu: Mathias Schwabe, Martina Stallmann, David Vust: Freiraum mit Risiko. Niederschwellige Erziehungshilfen für sogenannte Systemsprenger. Klaus Münstermann Verlag (Ibbenbüren) 2013. ISBN 978-3-943084-13-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18879.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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