socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Friedhelm Peters, Josef Koch (Hrsg.): Integrierte erzieherische Hilfen

Cover Friedhelm Peters, Josef Koch (Hrsg.): Integrierte erzieherische Hilfen. Flexibilität, Integration und Sozialraumbezug in der Jugendhilfe. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 320 Seiten. ISBN 978-3-7799-1218-7. 22,00 EUR, CH: 38,60 sFr.

Reihe: Edition Soziale Arbeit.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Hintergrund und Thema des Buches

Die Trias 'Integration, Sozialraumbezug und Flexibilität' sind derzeitige Konjunkturthemen in der Diskussion Sozialer Arbeit. Damit wird eine "Mischung aus erprobten Konzepten, theoretischen Reflexionen und konkreten Hoffnungen" (Peters/Koch 2004, S. 24) verbunden. Jedoch bleibt vielfach unklar, was genau darunter verstanden wird. Manchmal handelt es sich bei integrierten flexiblen Hilfen um ein zusätzliches Angebot im Kontext des ausdifferenzierten Jugendhilfesystems, manchmal wird mit dem im Alltag und der Praxis häufig synonym verwendeten Begriffe flexible Hilfen bzw. integrierte Hilfen eine neue Strukturqualität bezeichnet. Im vorliegenden Sammelband wird die Antwort vor dem Hintergrund des Projektverbundes INTEGRA der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen gesucht: Sie fällt eindeutig aus. Beim Begriff der "flexiblen, integrierten Hilfen" wird nicht von einem spezifischen Angebot neben anderen Angebotsformen ausgegangen, "sondern Flexibilität und Integration wird zu einem prägnanten Merkmal der gesamten Infrastruktur" (S. 23). Es geht um eine neue Strukturqualität erzieherischer Hilfen, um die Neugestaltung einer bedarfsgerechten und flexiblen, regionalisierten Jugendhilfe und zugleich um eine alternative, kooperative Steuerungs- und Modernisierungsstrategie gegenüber dem derzeitigen mainstream.

Neben einer theoretischen Reflexion des Konzeptes integrierter, flexibler, sozialräumlicher Erziehungshilfen im ersten Teil, werden im zweiten Teil des Bandes einige Ergebnisse aus der Sicht der INTEGRA-Begleitforschung vorgestellt und diskutiert.

Die Herausgeber

Dr. Friedhelm Peters, Professor am FB Sozialwesen, arbeitet an der FH Erfurt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Arbeitsformen und Institutionen Sozialer Arbeit, Theorie der Sozialen Arbeit, Qualitative Sozialforschung, Erzieherische Hilfen

Dipl. Päd. Josef Koch, arbeitet als Geschäftsführer der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) in Frankfurt/Main. Zwischen 1998 - 2003 war er Leiter des Bundesmodellprojekts INTEGRA. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Erziehungshilfen, Konzeptentwicklung und Selbstevaluation, Praxisforschung

Aufbau und Inhalte

Das 264-seitige Buch ist zweigeteilt. Die Beiträge im ersten Teil widmen sich der theoretischen Auseinandersetzung und differentiellen Herleitung zu den integrierten flexiblen Erziehungshilfen. Ihr Anspruch ist es, den Stand der Diskussion aufzuzeigen. Im zweiten Teil werden erste empirische Ergebnisse präsentiert und besprochen.

Im ersten einleitenden Beitrag von Josef Koch und Friedhelm Peters wird das Projekt 'Integrierte, flexible Erziehungshilfen' von seinen Anfängen bis zur Gegenwart dargestellt. Dies bietet einmal die Möglichkeit, die ganze Geschichte des Modellverbundes INTEGRA komprimiert und systematisch nachzulesen. In Anbetracht der relativ langen Verlaufszeiten und der mittlerweile vielen Diskussionen die durch INTEGRA angeregt bzw. ausgelöst wurden, ist dieser Beitrag eine wichtige Hinführung zum Thema. Darin werden die Ausgangssituation, die Projektstruktur, aber auch die einzelnen Aktivitäten zur Etablierung des Ansatzes erläutert. So erfährt der Leser/die Leserin beispielsweise, dass die Aufgabe des im September 1995 in Leipzig gegründeten Modellverbundes INTEGRA in der Förderung von Initiativen und Projekte liegt, "die integrierte, konsequent lebenswelt- und milieuorientierte, aushaltende und nicht-ausgrenzende Hilfen organisieren bzw. solche planen. INTEGRA solle dabei nicht primär nur Einzelprojekte unterstützen, sondern auch Regionen (Städte, Landkreise), die bereits diesbezügliche Erfahrungen gesammelt haben und/oder zumindest entsprechende politische Beschlusslagen vorweisen könnten. Diese Modellregionen werden durch das Projekt unterstützt und die Weiterentwicklung durch eine überregionale Vernetzung begleitet. Damit sollte INTEGRA eine Signalwirkung für weitere Regionen haben" (Koch/Peters 2004, S. 7). Das eigentliche Projekt begann zunächst mit einer dreijährigen Projektlaufzeit am 1.10.1998 und die Verlängerung um zwei weitere Jahre vom 01.10.2001 bis 30.09.2003 wurde mit einer neuen Schwerpunktsetzung durchgeführt.

Im Beitrag von Friedhelm Peters und Matthias Hamberger zu 'integrierte flexible, sozialräumliche Hilfen (INTEGRA) und den aktuellen Erziehungshilfediskurs' geht es um eine Systematisierung der gegenwärtigen Diskussionen und Teilstränge innerhalb der Diskussionen. Die beiden Autoren teilen dabei die Diskussionswelt der Kinder- und Jugendhilfe in INTEGRA-freundlich' d.h. in 'eher anschlussfähig' und INTEGRA-feindlich oder zumindest eher mit diesem 'Lager' nicht viel gemeinsam habend, als 'eher nicht anschlussfähig' ein. Indem sie dies tun, ordnen sie die Diskurse wie zur Sozialraumdebatte, zu den zwei Jugendberichten (8. und 11), zur Kriminalprävention, zur Ökonomisierung, zum KGSt-Gutachten uvm. Indirekt geben sie dem Leser/der Leserin noch einmal die Chance, gewisse Diskurse aus dieser konkreten INTEGRA-Sicht zu lesen (oder vielleicht noch einmal neu zu sehen). Daran an erarbeiten die beiden Autoren ein Profil integrierter, flexibler Hilfen in dem Modellprojekt. Sie liefern dabei Arbeitsdefinitionen und definieren unter den Stichworten Angebots- vs. Bedarfsorientierung, Flexibilität, Team als Kern flexibler Hilfen und Konsequente Regionalisierung und Öffnung der Hilfen in den Sozialraum die wichtigsten Strukturprinzipien dieses Paradigmas.

Die drei folgenden Beiträge widmen sich einmal mehr dem Themenkreis 'Sozialer Raum, Sozialraumorientierung und Sozialraumbudgetierung' - immer mit dem INTEGRA-Hintergrund. Eröffnet wird der Reigen von Wolfgang Hinte mit "Sozialraumorientierung, Budgets und die Praxis integrierter Erziehungshilfen", indem er (einmal mehr) die sozialräumlichen Finanzierungsmodelle auf folgende drei Quellen zurückführt: Sozialpädagogik (sozialraumorientierte soziale Arbeit), Politikwissenschaften (Verwaltungsreform), sowie Finanzwirtschaft (Konsolidierung). In seiner bildhaft-provokanten Sprache wischt er die derzeit diskutierten und mit neuen Finanzierungsmodellen verbundenen Befürchtungen wie Gefährdung des Wunsch- und Wahlrechts, der Träger-Monopole, oder der "Halluzination" (Hinte), dass über Jugendhilfe-Mittel Stadtentwicklung subventioniert wird, vom Tisch. Gleichzeitig zeigt er die Erfolgsfaktoren von Ansätzen auf, bei welchem "der Einzelfall seine zentrale Bedeutung zugunsten des ihn tragenden sozialen Raums" (Hinte S. 58) verliert ('vom Fall zum Feld').

Stefan Köngeter, Florian Esser und Hans Thiersch nehmen sich der Sozialraumorientierung an, indem sie sich fragen, ob es sich bei diesem Paradigmenwechsel um eine "Innovation" oder aber eine "Ideologie" handelt. Mit dem Ansatz von Martina Löw werden neuere Ansätze aus der Raumdiskussion aufgegriffen. Damit gelingt es mindestens drei Ebenen einer sozialraumorientierten sozialen Arbeit herauszuarbeiten: Sozialraum als erfahrener Raum, Präsenz im Nahraum, sowie die Abgrenzung des Sozialraums zum Planungsraum. Zu bedauern ist gleichzeitig, dass mit Perspektiven wie "Sozialraum als erfahrener Raum" (aus der handlungszentrierten Sozialgeographie) zwar mit raumtheoretischen Ansätzen argumentiert wird, dass es jedoch nicht gelingt, diese Perspektive vollständig durchzuhalten - dies zeigt sich insbesondere bei der Betrachtung des ganzen Bandes und die vielen nebeneinander stehenden Raum- bzw. Sozialraumbegriffen und -konzepten. Hier stehen den konzeptionellen Überlegungen von INTEGRA, neben den theoretischen Überlegungen aus benachbarten Disziplinen, neben den pragmatischen Umsetzungen, um nur drei Extreme zu benennen.

Mechthild Wolff zeigt in ihrem Beitrag auf, dass sich in der Debatte um Sozialraumorientierung Diskursverschiebungen vollzogen haben, da mit der Sozialraumorientierung ganz unterschiedliche Ziele verbunden werden. Die unterschiedlichen Logiken der Verwaltung auf der einen Seite und die der Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe auf der anderen Seite führen zu Spannungen, die die sozialpädagogischen Fachkräfte in ihrer Arbeit nicht mehr einlösen können. "So kann an dieser Stelle einerseits resümiert werden, dass es die Jugendhilfe offenkundig versäumt hat, ein sozialpädagogisches Verständnis in die Sozialraumkonzepte einzubringen. Dies wäre notwendig gewesen, um der Verwaltung die Definitionsmacht nicht allein zu überlassen und den Sozialraum nicht als statisches Modell stehen zu lassen. Ein sozialpädagogisch fundiertes Sozialraumverständnis wäre aber notwendig gewesen, weil es für die Jugendhilfe darauf ankommen muss, dort Bedingungen zu verbessern, wo die Menschen sind - d.h. im Sinne ihrer biografischen Landkarten" (Wolff S. 105f.). Andererseits darf sich die Jugendhilfe auch nicht auf die Gemeinwesenarbeit zurückziehen (lassen). Wolffs Schlussfolgerung lautet, dass es dringend eines neuen inhaltlichen Diskurses zwischen den gemeinsamen Zielen zwischen Verwaltung und Hilfen zur Erziehung bedarf.

Der theoretische Teil wird mit dem Beitrag von Friedhelm Peters "INTEGRA - ein kooperatives sozialpolitisches Steuerungsmodell als Alternative zu 'Wettbewerb' und 'Marktorientierung'?" geschlossen. Neben Fragen zur politischen Steuerung in der Jugendhilfe diskutiert Peters das 'neue Steuerungsmodell' (Verwaltungsmodernisierung) und arbeitet die Konsequenzen für INTEGRA heraus. Er stellt dabei die Frage, ob und inwiefern INTEGRA eine sozialpolitische Steuerungsoption jenseits von Markt und Wettbewerb darstellt. Peters kommt zum Schluss, "dass INTEGRA im wesentlichen auf Prinzipien beruht - Langfristigkeit, (Selbst-) Reflexionsfähigkeit, Vertrauen -, die 'Märkte' jenseits ihrer sonstigen Leistungsfähigkeit, gerade nicht erfüllen. Insofern ist INTEGRA eine Alternative" (S. 128).

Im zweiten Teil des Sammelbandes werden ausgewählte Ergebnisse aus der Umsetzung integrierter, flexibler und sozialräumlicher Erziehungshilfen aus der Sicht der INTEGRA-Begleitforschung vorgestellt und diskutiert. Chantal Munsch und Maren Zeller akzentuieren dabei die Betroffenenperspektive (sowohl der Fachleute als auch primär der Hilfeadressatlnnen). Heiko Hoettermann, Josef Koch und Friedhelm Peters thematisieren Sichtweisen und Handlungsorientierungen der Professionellen, insbesondere auch der Leitungsebenen in diesem Bereich, hinsichtlich des 'Managements' dieses Umorganisationsprozesses und veränderter organisierter Praxis.

Zielgruppen

Der Sammelband ist in einer verständlichen Sprache geschrieben und versammelt noch einmal die ganze (sowohl theoretische, wie konzeptionelle, als auch empirische) Bandbreite des INTEGRA-Projektverbundes. Neben den 'insider' der HzE-Diskussion eignet sich der Band deshalb auch für alle diejenigen, die durch ihre Profession mit der Lehre oder dem Studium der Themenkreise: Integration, Sozialraumbezug und Flexibilität konfrontiert sind. Gleichzeitig bietet er für Menschen, die sich mit Evaluation und wissenschaftlicher Begleitforschung beschäftigen, gute Einsichten.

Fazit

"Alle Artikel sind so geschrieben, dass sie jeweils für sich abgeschlossen und auch einzeln verständlich sind, was gewisse Überschneidungen in den einzelnen Beiträgen unumgänglich macht" (Peters/Koch S. 25) warnen die Herausgeber die Leserin/den Leser. Diese Einschätzung trifft denn auch zu. Dies könnte einerseits negativ gewertet werden, da die INTEGRA-tive Herangehensweise des Projektes eine gute Abstimmung der Konzepte und Ansätze eigentlich voraussetzt (wieso also die Doppelungen, aber auch Divergenzen innerhalb eines Buches?). Andererseits lässt die individuelle Gestaltung bzw. Herangehensweise der Beiträge die verschiedenen Positionen innerhalb des Projektverbundes beleuchten und machen viele Prozesse erst dadurch plausibel.

Alles in Allem ist und war INTEGRA ein Projekt, was in den letzten Jahren viele Diskussionen aufgenommen, andere erst angeschoben oder aber erst ermöglicht hat. Mit diesem Sammelband schließt dieses Projekt. Er bildet den ersten Teil dieses Abschlusses - der zweite Band wird unter dem Arbeitstitel "Hand- und Werkbuch INTEGRA" Einblicke in die Praxis des Umgestaltungsprozess liefern. Beide Bände müssen im Gesamtprozess gesehen werden und reihen sich in verschiedene Publikationen und Projektpapiere dieses Forschungsverbundes ein (www.igfh.de).

Auch wenn man mit den theoretischen Positionen nicht in allen Punkten einverstanden sein muss, ist dieser Band ein wichtiger Stein im Mosaik der deutschsprachigen Diskussion um integrierte erzieherische Hilfen.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Reutlinger
FHS St.Gallen - Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Institut für Soziale Arbeit und Räume IFSA
Homepage www.fhsg.ch/ifsa
E-Mail Mailformular


Alle 24 Rezensionen von Christian Reutlinger anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Reutlinger. Rezension vom 02.11.2004 zu: Friedhelm Peters, Josef Koch (Hrsg.): Integrierte erzieherische Hilfen. Flexibilität, Integration und Sozialraumbezug in der Jugendhilfe. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. ISBN 978-3-7799-1218-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1888.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung