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Karlheinz Thimm: Soziale Arbeit im Kontext Schule

Cover Karlheinz Thimm: Soziale Arbeit im Kontext Schule. Reflexion – Forschung – Praxisimpulse. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-3247-5. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,10 sFr.
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Autor

Der Autor ist Professor für Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Berlin und zugleich ausgewiesener Experte für Soziale Arbeit an Schulen.

Thema

Sein neues Buch gibt eine Orientierung wie eine moderne Schule durch die Ausstattung mit Sozialer Arbeit/Schulsozialarbeit Gestaltungsräume gewinnt, um auf gesellschaftlich bedingte Herausforderungen und individuelle Problemlagen der Schülerinnen und Schüler angemessen reagieren zu können.

Aufbau

Die Soziale Arbeit im Kontext Schule wird im Rahmen von zehn Kapiteln dargestellt, wobei bei einigen Kapiteln Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genannt werden.

Inhalt

Kapitel 1: Schule als System und Lebenswelt – Zielgruppe Schülerinnen und Schüler. In diesem Einführungskapitel werden die aktuellen Rahmenbedingungen von Schule und Gesellschaft erörtert, auf veränderte Sozialisationsbedingungen eingegangen und von dorther die Probleme der Zielgruppe beschrieben und analysiert (z.B. hohe Leistungsanforderungen, herkunftsspezifische Selektion, Risikofaktor Armut). Jugendhilfe hat in dieser Situation, u.a. Selbstkompetenzen und die Gemeinschaftsfähigkeit junger Menschen zu fördern. Dies geschieht durch Unterstützung einer lebensweltbezogenen Lernkultur unter Berücksichtigung von schulischen Ganztagskonzepten, von Inklusion und kommunalen Bildungslandschaften sowie durch die, mit breitem Handlungsspektrum ausgerüstete, Soziale Arbeit.

Kapitel 2: Sozialarbeit an der (Grund-)Schule. Ausgehend von generellen Gegebenheiten Sozialer Arbeit an Schulen wird eine Problemanalyse der Zusammenarbeit von Sozialer Arbeit und Schule dargestellt: Strukturelle Probleme, konzeptionelle Probleme, Akzeptanzprobleme, Rollenprobleme, Kooperationsprobleme, Skepsis gegenüber Wirkungskontrolle. Weiterhin wird das Leistungsprofil, die Aufgaben und Zuständigkeiten dieser Sozialen Arbeit genannt. In der Bilanz dieses Kapitels werden zwölf Merkmale einer guten Sozialarbeit an Schulen vorgestellt wie z.B.: Priorität des Kindeswohl, hinreichendes Wissen über die jeweils andere Profession, definierte Informations- und Abstimmungswege.

Kapitel 3: Konfliktpädagogik in der Schule. Im Zusammenhang mit konflikttheoretischen Grundlagen wird ein Berliner Forschungsprojekt an sechs Sekundarschulen vorgestellt. Zu den erzielten Erkenntnissen gehört u.a., dass professionelle Schulakteure mehr Konflikte sehen als Schülerinnen und Schüler. Differenzierungsnotwendigkeiten, Konfliktursachen und Konfliktinterventionen werden untersucht. Als Konsequenzen aus diesem Projekt werden u.a. Umgang mit dem Thema im schulischen Leitbild, eine Bestandsaufnahme der Konflikthäufigkeit und eine Konzeptentwicklung zur Bearbeitung von Konflikten genannt. Zur Konfliktkonzeptentwicklung gehört eine Konfliktkultur, die auch Organisationsveränderungen einschließt. Für Konfliktlösungen als Aufgabenfeld für Lehrkräfte und die Schulsozialarbeit werden vier Formate vorgeschlagen: Konfliktbeschreibung und -analyse, Konfliktaufbereitungsgespräche mit Schülerinnen und Schülern, Vertiefung der Konfliktbearbeitung, Regelerstellung und Intervention bei Regelverstößen.

Kapitel 4: Auszeitgestaltung an Schule. Unter Auszeit werden verordnete oder eigeninitiierte Zeiten außerhalb des Unterrichtes verstanden. Einerseits soll z.B. das Recht auf störungsfreien Unterricht für die Schulklasse und die Lehrkraft eingehalten werden, andererseits geht es um die Stabilisierung der störenden Schülerin/des Schülers und die Reflexion dieses Verhaltens. Auszeit ist so gesehen eine Grenzsetzung, die im standardisierten Trainingsraumkonzept ihre deutlichste Ausprägung findet. Es geht dort allerdings nicht um Schuldbearbeitung, sondern um die Möglichkeit einer besseren Zusammenarbeit. Eine andere Auszeitgestaltung findet sich in der „Pädagogik des sicheren Ortes“ und zielt auf Entlastung, Beruhigung, Schutz und Ermutigung. Diese Pädagogik findet insbesondere dort ihren Niederschlag, wo psychisch belastete Kinder zur Schule gehen. Der Autor verweist auf eine Nähe zur Trauma- und Individualpädagogik. Die Auszeitverfahren benötigen standardisierte Prozesse, Einbindung in das Schulkonzept und spezielle Ausbildungen für die professionellen Akteure.

Kapitel 5: Schuldistanz – Erklärungsmodelle und Handlungsstrategien. Unterschieden wird nach Gelegenheits-, Regel- und Intensivschwänzern. wobei im Extremfall auch der Schulausstieg zu konstatieren ist. Der Höhepunkt des Schulabsentimus liegt liegt im 8. und 9. Jahrgang. Die Schulformen weisen unterschiedliche Absentismusraten auf (z. B. Hauptschule 14,5 Prozent; Gymnasium 4,7 Prozent). Interessanterweise ist die Absentismusrate in den neuen Bundesländern niedriger als in den alten Ländern. Absentismus als Prozess des Abdriftens mit einer Vielzahl von Bedingungsfaktoren hat seine Ursachen in den Passungsproblemen zwischen familialer Herkunft und Schule, in der Schule selbst, in Peergruppen, in der Familie und in der Person der Schülerin bzw. des Schülers. Die notwendigen Handlungsstrategien umfassen zehn Einzelschritte: z.B. Interesse und Zuwendung, Kontaktaufbau und Kontakt halten, gute und realistische, d.h. erreichbare, Ziele finden. Die Schulsozialarbeit als Leistung der Jugendhilfe unterstützt den Abbau von Absentismus z.B. durch Beobachtung früher Symptome, Fallverstehen, Konfliktlösung, Einbindung der Eltern, Bewältigungshilfen. Schulsozialarbeit als erste Adresse für Schuldistanz ist aber nach Auffassung von Thimm strukturell und fachlich nicht tragend.

Kapitel 6: Vernetzung und Kooperation am Beispiel Schuldistanz. In gewisser Fortsetzung des vorhergehenden Kapitels werden jetzt sozusagen die wichtigen Außenbeziehungen der Schule und der Sozialen Arbeit in der Schule erörtert, auch um notwendige präventive Konzepte mit Kooperationspartnern umzusetzen. Ziel der Kooperation ist es, eine gemeinsame Abstimmung zu erreichen, um so einen Gesamtprozess herzustellen in dem Schnittstellen und Verantwortungszentren erkennbar sind. Zwei Fallbeispiele werden vorgestellt anhand derer Gelingensfaktoren für eine Fallkooperation erarbeitet werden.

Kapitel 7: Zusammenarbeit mit Eltern – Gestaltung von Bildungs- und Erziehungspartnerschaften. Grundsätzlich befürwortet Thimm eine Abkehr von dem Begriff „Elternarbeit“ zugunsten von den Begriffen „Zusammenarbeit mit Eltern“ oder „Bildungs- und Erziehungspartnerschaft“. Damit werden Eltern als eigenständige Subjekte gewürdigt mit Kenntnissen, Ideen und Rechten. Auf diesem Hintergrund ist eine kooperationsinteressierte Schule anzustreben, die eben entsprechende Haltungen und Kontaktformen ausbildet. Eine besondere Beachtung finden in diesem Kapitel die sogenannten „schwer erreichbaren“ Eltern, die eine genaue und differenzierte Sehweise benötigen und keineswegs einer Etikettierung anheim fallen dürfen. Eine Darstellung von Arbeitsprinzipien und Methoden für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit unter der besonderen Berücksichtigung der Sozialen Arbeit an der Schule schließt die Thematik ab.

Kapitel 8: Häusliche Gewalt und (Grund-) Schule (mit Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen e.V./Mitarbeit Brigitte Seifert). Mit diesem Kapitel nehmen sich Autorin und Autor ein schwieriges Handlungsfeld vor. Die Wirkung häuslicher Gewalt kann zu traumatischen Ereignissen führen, die in der Folge Schulversagen, Rückzug, Überanpassung, Aggressivität oder mangelnde Konzentration bei Schülerinnen und Schülern hervorrufen. Gleichzeitig sind die Folgen für den von Gewaltausübung betroffenen Elternteil zu bedenken wie Angst, Ohnmacht, Wut und Selbstwertprobleme. Die Herausforderungen für die Professionellen sind entsprechend hoch; zu bedenken sind z.B. Elternrecht und Kinderschutz wie auch wechselnde Wirklichkeitskonstruktionen seitens der Beteiligten. Zwei Fallbeispiele, Hülya und Sascha, erläutern die Komplexität. Für Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, mit dem betroffenen Kind sowie den betroffenen Eltern bietet dieses Kapitel umfangreiche Informationen und dokumentiert sensible Gesprächsabläufe. Den Abschluss bilden Hinweise zur kollegialen Fallreflexion, in denen belastete Situationen besprochen und Handlungsschritte abgestimmt werden.

Kapitel 9: Berufsorientierung von Jugendlichen als Thema für Eltern und Schule. Begonnen wird mit dem Hinweis, dass Berufsorientierung in ein komplexes Gefüge von Herkunftsmilieus, Lebenslagen, Bildungslaufbahnen und Selbstkonzepten eingewoben ist. Die berufspädagogische Unterstützung seitens der Schule konzentriert sich dabei auf Orientierungsgrundlagen in der Breite (z.B. formelles Wissen über Arbeitswelten). Hinzu kommen erweiterte Erfahrungsräume (z.B. außerschulische Probierräume) und weitgreifende bildungsbiografische Konzepte mit dem Ziel ein berufliches Selbstkonzept zu entwickeln (z.B. Begleitung durch Mentoren, projektorientierte Zugänge, Unterstützung von benachteiligten Schülerinnen und Schülern). Einen Schwerpunkt in diesem Kapitel bilden die Bildungs- und Erziehungsleistungen in der Familie bzw. durch die Eltern: „Je mehr soziokulturelles Kapital (in der Familie, d.Verf.), umso eher gelingt die positive Begleitung der schulischen und beruflichen Karrieren der Töchter und Söhne“ (S. 182). In Leipzig geben ca. 96 Prozent der befragten Jugendlichen an, dass ihre Familien die entscheidende Rolle im Berufsorientierungsprozess gespielt haben. Deshalb ist im Rahmen der Elternarbeit/Bildungspartnerschaft eine Vorbereitung der Eltern erforderlich. Für einmündungsgefährdete Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern wird der FuN-Ansatz vorgestellt (Berufs- und Lebensplanung Familie und Nachbarschaft). Die Evaluation dieses Ansatzes zeigt eine überwiegende Zufriedenheit der Jugendlichen und ihrer Eltern. Ein Effektenvergleich zu Jugendlichen ohne Teilnahme an diesem Projekt bleibt allerdings moderat.

Kapitel 10: Was bewirkt Veränderungen bei Menschen? Systemische Rahmung für professionelle Entwicklungsbegleitung. Das Schusskapitel befasst sich mit Professionalität im Rahmen der Sozialen Arbeit. Ausgangspunkt ist die zentrale Bedeutung der Veränderung sowohl im Handeln der Professionellen als auch im Alltagshandeln der Klienten. Für die Soziale Arbeit beschreibt Thimm einen polarisierten Handlungsraum in welchem ein berufliches Pendel-Verständnis herrscht (z.B. zwischen eigenverantwortlicher Fachlichkeit und abhängiger Zuarbeit, zwischen Entscheidung, Abwägung und Kompromiss, zwischen Nähe und Distanz). „Die sozialpädagogische Professionalität definiert sich in diesem Geist mäeutisch“ (S. 200). Auf diesem Hintergrund wird ein „Veränderungstheoretisches systemisches Rahmenmodell“ entwickelt. Am Beispiel der sozialpädagogischen Familienhilfe werden u.a. praxisrelevante Faktoren aufgelistet (Aushalten von Differenzen und Austragen von Konflikten, Gewinnen und Erhalt von Vertrauen, mitgehendes Begleiten in brenzligen Situationen, Aktivieren von Fachdiensten). „Veränderungsmodelle können ordnen, ermöglichen hypothetische Erklärungen, geben Planungsanregungen und leiten eine von Kriterien bestimmte strukturierte Auswertung an“ (S. 217).

Diskussion

Die vorliegende Veröffentlichung hat den Vorzug, trotz Praxisnähe nicht Theoriefern zu sein. Der Autor beschreibt problemorientierte Kernleistungen der Sozialen Arbeit in der Schule im engeren Sinne. Diese Vorgehensweise ist sehr hilfreich für das Handeln und Reflektieren seitens der professionellen Akteure zumal es Thimm nicht an Praxisimpulsen, wie es im Buchtitel heißt, mangeln lässt. Eine Soziale Arbeit in der Schule im weiteren Sinne bedeutete allerdings auch eine Themenerweiterung, die sich nicht findet: z.B. Ansätze der Jugendarbeit, sozialräumliche Handlungskonzepte, Organisation, Planung und Steuerung, Schulentwicklung.

Das Schlusskapitel ist suboptimal. Es bezieht sich auf die allgemeine Sozialarbeit und verlässt damit eben den Kontext Schule. Das vorgestellte Professionalisierungs- bzw. Handlungsmodellmodell der Sozialen Arbeit geht richtigerweise auf Ungewissheitsbedingungen ein, vernachlässigt aber durch diese im Vordergrund stehende Fallarbeit Bedingungen, die gewiss sind (bezogen auf Soziale Arbeit an Schulen: z. B. Forschungsergebnisse zur Wirkung Sozialer Arbeit an Schulen, Professionalisierungsvoraussetzungen, Arbeitsbedingungen, Qualitätsentwicklung).

Fazit

Das Buch stellt einen Leitfaden für eine problem- und konfliktorientierte Soziale Arbeit an Schulen dar. Für Studium, Lehre und Praxis sehr empfehlenswert.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 16.07.2015 zu: Karlheinz Thimm: Soziale Arbeit im Kontext Schule. Reflexion – Forschung – Praxisimpulse. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3247-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18880.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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ISSN 2190-9245

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