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Theo Wehner, Stefan Güntert (Hrsg.): Psychologie der Freiwilligenarbeit

Cover Theo Wehner, Stefan Güntert (Hrsg.): Psychologie der Freiwilligenarbeit. Motivation, Gestaltung und Organisation. Springer (Berlin) 2015. 220 Seiten. ISBN 978-3-642-55294-6. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Freiwilligenarbeit bzw. ehrenamtliche Tätigkeit sind schon länger Gegenstand der psychologischen Forschung (v.a. in der Sozialpsychologie). Angesichts dramatischer gesellschaftlicher Entwicklungen aber gewinnt diese Thematik aktuell brisante Bedeutung. In bisherigen Veröffentlichungen stehen meist pragmatische Fragen, wie beispielsweise die erfolgreiche Gewinnung von Ehrenamtlichen, deren Integration in soziale Einrichtungen, die längerfristige Bindung an eine Einrichtung oder die Anerkennungskultur im Vordergrund. Es gibt jedoch kaum Bezüge zur arbeits- und organisationspsychologischen Forschung. Dabei könnte gerade diese Teildisziplin der Psychologie eine wichtige Ergänzung und Erweiterung darstellen. Das arbeits- und organisationspsychologische Wissen für eine „gut gestaltete Freiwilligentätigkeit“ nutzbar zu machen, ist das Ziel des Sammelbandes von Wehner und Güntert.

Herausgeber

  • Prof. Dr. Theo Wehner, ETH Zürich, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie und Leiter des Zentrums für Organisations- und Arbeitswissenschaften
  • Dr. Stefan T. Güntert, ETH Zürich, Oberassistent am Zentrum für Organisations- und Arbeitswissenschaften

Entstehungshintergrund

Die Züricher Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Theo Wehner forscht seit gut 15 Jahren auf dem Gebiet der Freiwilligenarbeit.

Der vorliegende Sammelband bündelt die theoretischen Grundlagen und zentralen empirischen Befunde, die im Umfeld dieser Arbeitsgruppe entstanden sind. Insgesamt 15 Kolleginnen und Kollegen haben neben den beiden Herausgebern zu diesem Werk beigetragen.

Aufbau

Der Sammelband ist in vier Teile mit insgesamt 15 Kapiteln gegliedert.

  • In Teil I geht es vorrangig um eine Begriffsbestimmung, die Kriterien von Freiwilligenarbeit und deren Abgrenzung zur Erwerbsarbeit.
  • Die Beiträge in Teil II befassen sich vorranging mit Motiven, die einem freiwilligen Engagement zugrunde liegen können, während es
  • in Teil III um die Bedeutung organisatorischer Rahmenbedingungen und die erfolgreiche Gestaltung von Freiwilligenarbeit geht.
  • Auf Freiwilligenarbeit im gesellschaftlichen Kontext und aktuelle Entwicklungen wird schließlich in Teil IV eingegangen.

Zu Teil I

Wie lässt sich Freiwilligenarbeit definieren, worin unterscheidet sie sich von Erwerbsarbeit? Diese Fragen sind der Schwerpunkt von Teil I des Sammelbandes (Kapitel 1-3).

Zu Beginn (Kapitel 1; Wehner, Güntert, Neufeind & Mieg) steht eine klare Positionierung, d.h. eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Begriff der Freiwilligenarbeit. Neben einer Abgrenzung zu anderen Bezeichnungen und einer kritischen Haltung gegenüber dem reinen Freiwilligenmanagement (mit deutlichen „Professionalisierungsbestrebungen und einem manageriellen Zugriff“) nehmen die Autoren Bezug auf den Tätigkeitsbegriff von H. Arendt und die Tätigkeitstheorie von A. N. Leontjew, womit sie die üblichen Definitionen um die philosophische und kulturhistorische Perspektive zu erweitern suchen. Das Motiv der Sinngenerierung wird für die Freiwilligenarbeit als zentral erachtet. Vor diesem Hintergrund bevorzugen die Autoren den Begriff frei-gemeinnützige Tätigkeit.

Die zwei folgenden Beiträge fügen sich in diesen theoretischen Rahmen. Zunächst wird auf der Grundlage empirischer Studien aufgezeigt, wo die Besonderheiten der Freiwilligenarbeit im Vergleich zur Erwerbsarbeit liegen und wo sich daraus mögliche Konfliktpotentiale ergeben (Kapitel 2; Güntert).

Anschließend befassen sich Mösken, Dick & Wehner damit, welche Kriterien spezifisch für Freiwilligenarbeit auszumachen sind, wenn persönliche Konstrukte zu Erwerbsarbeit, Freiwilligenarbeit und „ideale Arbeit“ (erfasst über narrative Grid-Interviews) analysiert und verglichen werden (Kapitel 3).

Zu Teil II

Teil II(Kapitel 4-7) widmet sich der zentralen Frage nach den Beweggründen für frei-gemeinnützige Tätigkeiten. Auf der Basis empirischer Studien und praktischer Projekte werden theoretische Zugänge diskutiert, die aus Sicht der Autoren einen Beitrag zum besseren Verständnis der Beweggründe und damit besseren Gestaltung und Organisation von Freiwilligenarbeit leisten können. Empfehlungen für die Praxis werden daraus abgeleitet.

Da Freiwilligenarbeit bei einer Person gleichzeitig durch mehrere Motive bestimmt sein kann, wird in Kapitel 4 (Oostlander, Güntert & Wehner) der funktionale Ansatz, (ursprünglich aus der Einstellungsforschung) als Analyseinstrument und theoretischer Rahmen vorgeschlagen und an einem konkreten Beispiel dargestellt.

Freiwilligenarbeit aus Sicht der Selbstbestimmungstheorie (Kapitel 5; Güntert) rückt dagegen die Motivationsqualität in den Fokus und beschreibt, welche Wirkungen selbstbestimmte im Unterschied zu kontrollierten Arten der Motivation auf Zufriedenheit, Engagementbereitschaft und Indikatoren psychischer und physischer Gesundheit haben können.

In der gängigen Freiwilligenforschung wurden bisher gerechtigkeitsbezogene Motive vernachlässigt, so die These der Autoren von Kapitel 6 (Jiranek, Wehner & Kals). Sie setzen sich damit auseinander, welchen Beitrag die Gerechtigkeitspsychologie für die Freiwilligenforschung leisten kann und plädieren dafür, die Beweggründe für Freiwilligenarbeit um „Soziale Gerechtigkeit“ als eigenständiges Motiv im funktionalen Ansatz zu erweitern.

Gelungene Freiwilligenarbeit wird gemeinhin mit erhöhtem Wohlbefinden und besserer Gesundheit der freiwillig Tätigen assoziiert. Wie dies theoretisch erklärt werden kann und vor allem mit der Erkenntnis, dass sich dieser Zusammenhang einer einfachen Erklärung entzieht und entscheidend von kontextuelle Faktoren abhängig ist, wird im letzten Kapitel dieses Abschnitts diskutiert (Kapitel 7; Ramos & Wehner).

Zu Teil III

Mit „Gestaltung und Organisation“ ist Teil III (Kapitel 8-11) des Sammelbandes überschrieben, der den Blick auf die Organisationen und deren Rahmenbedingungen richtet, in die Freiwillige mit ihrer Arbeit eingebunden sind.

Wie Non-Profit-Organisationen (NPO) Aufgaben und Rahmenbedingungen gestalten sollten, um ein nachhaltiges Engagement der Freiwilligen zu fördern, damit befasst sich Kapitel 8 (von Schie, Güntert & Wehner). Die Autoren stellen dar, wie ein Transfer von arbeits- und organisationspsychologischen Konzepten auf Freiwilligenarbeit sinnvoll möglich ist und geben auf der Grundlage von empirischen Befunden entsprechende Empfehlungen für eine mögliche Umsetzung in NPO.

Kapitel 9 (Jiranek, van Schie, Kals, Humm, Strubel & Wehner) fokussiert auf das Gerechtigkeitserleben im organisationalen Kontext und untersucht, ob die für die Erwerbsarbeit bekannten Auswirkungen auf Einstellungen und Arbeitsverhalten auch für die organisierte Freiwilligenarbeit gelten und daher für ein nachhaltiges Engagement von Bedeutung sind.

Über den organisationalen Kontext hinaus geht das Thema von Kapitel 10 (Brauchli & Wehner) in dem untersucht wird, ob und wie sich Freiwilligentätigkeit auf die Vereinbarkeit unterschiedlicher Lebensbereiche auswirkt – ob sie eher als Belastung oder als Bereicherung empfunden wird, ob Freiwillige ihre unterschiedlichen Lebensbereiche besser vereinbaren als Personen, die nicht freiwillig engagiert sind – und welche Faktoren dabei von Bedeutung sind.

An einer speziellen Domäne der Freiwilligenarbeit, der Palliative Care in der Schweiz, zeigen Gentile, Wehner & Wächter schließlich in Kapitel 11 auf, welche besonderen Anforderungen an die Koordination von Freiwilligen dieser Bereich stellt und welche organisationalen Aufgaben (Koordination, Orientierung, Motivation) und Handlungsfelder identifiziert werden können.

Zu Teil IV

Teil IV des Sammelbandes – „Gesellschaftlicher Kontext“ – greift einige aktuelle Themen auf:

  • Neue Formen der Freiwilligenarbeit an den Beispielen Eventfreiwilligenarbeit und dem sog. Voluntourismus – Chance oder Bedrohung? (Kapitel 12; Neufeind, Güntert & Wehner),
  • das „Schweizer Milizsystem“ unter der Lupe - Motivation und Erfolgsfaktoren für die Zufriedenheit mit der Miliztätigkeit (Kapitel 13; Ketterer, Güntert, Oostlander & Wehner),
  • Motive von (potentiell) Freiwilligen im Vergleich Deutschland-Schweiz – Gemeinsamkeiten und Unterschiede und deren mögliche Erklärungen (Kapitel 14; Strubel, Kals, Jiranek & Wehner),
  • und schließlich wird im letzten Kapitel (Kapitel 15; Neufeind, Ketterer & Wehner) die Frage nach möglichen strukturellen und kulturellen Faktoren, die sich auf die Motivation Freiwilliger auswirken mit einem Vergleich der Freiwilligenarbeit beim Roten Kreuz in drei Ländern (Deutschland, Frankreich und Schweiz) untersucht.

Diskussion

Wie im Vorwort der Herausgeber beschrieben, handelt es sich „…nicht um einen herkömmlichen Sammelband“ (S. VII) – der Inhalt gründet auf der rund 15jährige Forschungstätigkeit und Zusammenarbeit in der Arbeitsgruppe um Theo Wehner an der ETH Zürich. So spiegeln die einzelnen Beiträge eine gemeinsame theoretische Grundlage und Herangehensweise wider: Die Nutzbarmachung von arbeits- und organisationspsychologischem Wissen für die Analyse, Bewertung und Gestaltung der Freiwilligenarbeit, wobei explizit nicht der ökonomische Aspekt von Freiwilligenarbeit thematisiert wird. Philosophische und kulturhistorische Überlegungen erweitern zusätzlich den Blick auf die frei-gemeinnützige Tätigkeit und rücken Konzepte wie beispielsweise Sinnstiftung oder Gerechtigkeitserleben in den Blickwinkel, wenn es um ein besseres Verständnis der Motivation zur Freiwilligenarbeit geht.

Ein möglichst breites Verständnis für die Einflussfaktoren, für die Erfahrungen und für die Konsequenzen von Freiwilligenarbeit zu entwickeln, ist das Ziel der Herausgeber. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der individuellen Ebene – der Motivation der freiwillig Tätigen. Aber auch die Kenntnis der organisationalen Rahmenbedingungen und der zu erfüllenden Aufgaben sind nach Meinung der Autoren eine notwendige Grundlage für gut gestaltete Freiwilligenarbeit und werden deshalb ebenso behandelt wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen und neue Engagementformen.

Alle Kapitel gründen auf empirischen Studien, womit insgesamt eine sehr umfängliche Datenbasis vorhanden ist. Aus den jeweiligen Befunden werden Hinweise oder Empfehlungen für die Praxis abgeleitet. Jedoch geht es den Autoren ausdrücklich nicht darum, konkrete Maßnahmen zur Umsetzung in die Praxis zu liefern. Wer also eine Art „Tool-Kit“ erwartet, wird enttäuscht. Wie überhaupt der Sammelband vor allem für wissenschaftlich arbeitende und forschende Kolleginnen und Kollegen (aus anderen Teildisziplinen der Psychologie oder benachbarten sozialwissenschaftlichen Disziplinen) interessant sein dürfte. Auch Studierende profitieren ganz gewiss von den profunden Beiträgen was durch die gute didaktische Gestaltung (z.B. Einführung für jedes Kapitel, statistische und methodische Begriffe im Serviceteil) unterstützt wird und den Sammelband auch zu einem Lehrbuch macht.

Die Herausgeber benennen auch Praktiker als Zielgruppe (hierzu zählen sie die Freiwilligen selbst, wie auch berufliche Mitarbeitende und Führungsverantwortliche in NPO) und versprechen Denkanstöße, neue Perspektiven und Einsichten. Die einzelnen Empfehlungen sind vielleicht für einen „Profi“ der Praxis nicht unbedingt neu, aber das praktische Handeln erfährt einen theoretischen Hintergrund, wird reflektiert und kann in seinen möglichen Auswirkungen besser verstanden werden, was wiederum zu einer größeren Zufriedenheit aller Beteiligten führen sollte. Jedoch setzt die Lektüre des Sammelbandes m.E. bei den Praktikern ein wissenschaftliches Grundverständnis oder zumindest eine hohe Motivation voraus, sich in Terminologie und empirische Herangehensweise einzulesen.

Auch wenn sich die Inhalte des Sammelbandes auf die Schweizer Forschergruppe und deren theoretischen Zugang beschränken und im internationalen Vergleich neben der Schweiz nur Deutschland und Frankreich herangezogen werden, so ist es doch ein sehr lesenswertes Buch, das einen Überblick vermittelt sowie eine Perspektivenerweiterung darstellt und sicherlich genug Anregungen für weitere Forschungstätigkeit liefert.

Fazit

Ein anspruchsvoller aber gut lesbarer Sammelband, der arbeits- und organisationspsychologisches Wissen für ein besseres Verständnis und eine bessere Gestaltung von Freiwilligenarbeit nutzbar macht. Vor allem wissenschaftlich Tätige und Studierende finden interessante theoretische Ansätze, empirische Fragestellungen und Anregungen für neue Perspektiven. Explizit kein „Tool-Kit“– aber der Sammelband liefert für wissenschaftlich interessierte Praktiker einen theoretischen Hintergrund und generelle Handlungsempfehlungen für eine motivierende Aufgabengestaltung und regt an, das eigene Tun in der Zusammenarbeit mit Freiwilligen anders zu reflektieren.


Rezensentin
Prof. Dr. Angelika Weber
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage fas.fhws.de
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Zitiervorschlag
Angelika Weber. Rezension vom 19.10.2015 zu: Theo Wehner, Stefan Güntert (Hrsg.): Psychologie der Freiwilligenarbeit. Motivation, Gestaltung und Organisation. Springer (Berlin) 2015. ISBN 978-3-642-55294-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18883.php, Datum des Zugriffs 20.05.2019.


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