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Jörg-Peter Pahl, Volkmar Herkner u.a. (Hrsg.): Lexikon Berufsbildung

Rezensiert von Prof. Dr. Dirk Plickat, 14.12.2015

Cover Jörg-Peter Pahl, Volkmar Herkner u.a. (Hrsg.): Lexikon Berufsbildung ISBN 978-3-7639-5540-4

Jörg-Peter Pahl, Volkmar Herkner, Bernd Vermehr (Hrsg.): Lexikon Berufsbildung. Ein Nachschlagewerk für die nicht-akademischen und akademischen Bereiche. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2015. 2. Auflage. 856 Seiten. ISBN 978-3-7639-5540-4. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR, CH: 89,00 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7639-5683-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Thema

Mit der expansiven Entwicklung der Berufsbildung, Konnotationswechseln und der Ausweitung reklamierter berufspädagogischer Geltungsbereiche geht eine Zunahme fachsprachlicher Begriffe einher, die für erste solidere Klärungen bisher vorrangig den Weg der Recherche nach Themenfeldern, Berufsfeld oder Berufsbildungsinstitution erforderten. Trotz unterschiedlicher tools ist und bleibt die Netzrecherche mit oftmals schwer einschätzbaren Unschärfen behaftet. Das Lexikon Berufsbildung setzt aus berufspädagogischen Blickwinkeln auf den klassischen Weg des Nachschlagens. Vor mittlerweile etwa fünfzehn Jahren erschien die erste Auflage des Nachschlagewerkes „Betrifft: berufsbildung. Begriffe von A-Z“. Das Lexikon Berufsbildung bietet nun eine grundlegende Neubearbeitung mit erheblichen Erweiterungen des Spektrums. Zielkreis sind alle, die in berufsbildenden Kontexten nach Hilfen bei Begriffsklärungen suchen. Der augenscheinliche Bedarf für dieses ambitionierte Vorhaben spiegelt sich bereits in der Liste der mitwirkenden Autorinnen und Autoren – ein who is who deutscher Berufspädagogik.

Herausgeber

Jörg-Peter Pahl, Professor am Institut für Berufspädagogik und Berufliche Didaktiken der TU Dresden, ist wohl besonders auch durch seine intensiven Publikationstätigkeiten weit über berufspädagogische Fachkreise hinaus bekannt.

Aufbau

Nach dem Vorwort des Herausgebers beginnen die einzelnen Beiträge und folgen dem Alphabet. Weitere Hinweise zur Struktur sind nicht ausgewiesen. Ein Inhaltsverzeichnis mit einer Übersicht ist nicht vorhanden.

Inhalt

Die einzelnen Artikel sind kurz gehalten. Durchschnittlich steht um eine Druckseite zur Verfügung. Die ausgewiesene Referenzliteratur ist zumeist jüngeren Datums und bietet i.d.R. mindestens über zwei bis drei Belege Zugänge zu berufspädagogischen Kontextualisierungen. Als Folge der für diese Publikation mobilisierten berufspädagogischen Expertise wirken diese Referenzen durchgehend pointiert und verweisen auf Kernfelder eben der Fachdebatten, in deren Kontexten die jeweils erläuterten Begriffe zumeist seit den letzten gut eineinhalb Dekaden berufspädagogische Verwendung finden. Einige Beiträge überzeugen durch beeindruckende stilistische Sicherheit – vor allem in der Straffung. Durch die redaktionellen Vorgaben und den Zwang zur Kürze kann kompakt ein sehr weites Spektrum an Begriffen und Verständnissen abgehandelt werden. Zu den einzelnen Beiträgen kurz drei Beispiele.

  • Zum Begriff Erfahrungslernen bietet Jörg-Peter Pahl eine Herleitung mit Einordnungshilfen in Kontexte von durch Wissenschaft und Technik geprägte Arbeitsbereiche. In der Referenzliteratur werden Dewey, Krüger/Lersch und Schelten ausgewiesen.
  • Der Begriff Pfarrberuf als typischer zweiphasiger akademischer Beruf wird von Roland Biewald im Kontext neuerer kirchlicher Entwicklungen erläutert. Als Referenz dienen Karle, Pachmann und Wagner-Rau.
  • Zum Topoi Risikogesellschaft hat Udo Witthaus einen Text mit zusammenfassenden und einordnenden Erläuterungen erstellt. Referenzbezüge sind Beck, Beck/Gernsheim sowie Pluskwa/Matzen.

Die traditionelle Sackgasse klassischer Berufsausbildung wird durch Einbindung akademischer Arbeitsfelder und Berufswege zu überwinden versucht (geschätzt nach Durchsicht über zehn Prozent der Begriffe). Inwieweit für die Expansion in andere, eben nicht traditionell berufspädagogisch entwickelte und dominierte Bereiche jedoch überhaupt berufspädagogische Denk- und Deutungsmuster geeignet erscheinen, bleibt fraglich und wird leider nicht verhandelt.

Auffällig ist die ausgeprägte Dominanz einzelner Buchstaben, was sich in diesen Ausprägungen sonst nicht in pädagogischen rsp. erziehungswissenschaftlichen Lexika findet. Und, A bis G erstreckt sich zudem über gut den halben Umfang dieses Lexikons, was in Verbindung mit z.T. erheblichen Unterschieden in den informationsstrategischen Ausrichtungen der Beiträge dazu führt, dass beispielsweise die Berufsbildung für die Metall- und Elektroberufe in ihren Zugängen, Wegen, Ausrichtungen und Themenkreisen dominant erscheint, was jedoch faktische Diskussionslinien berufspädagogischer Fachdebatten spiegelt und letztlich wiederum standortpolitische Bedeutungen abbildet.

Diskussion

Jörg-Peter Pahl leitet seine Publikation bescheiden, ohne Ansprüche auf Vollständigkeit und mit dem Hinweis auf einen Zwischenstand ein. Bearbeitet wurde ein herkulisches Vorhaben, bei dem bereits die Bewältigung der logistischen Herausforderungen für einen einzelnen Herausgeber beeindruckt. Die Nutzungsmöglichkeiten dürften sich wohl erhöhen, wenn ein Verzeichnis die bearbeiteten Begriffe auflisten und Synonyma konsequenter ausgewiesen werden würden.

Wer schnelle Zugriffe zu Begriffen in berufspädagogischen Kontexten erwartet, dürfte mit dieser Publikation gut bedient sein.

Und gerade weil das besondere Engagement des Herausgebers schätzenswert und dem Lexikon große Verbreitung zu wünschen ist, abschließend noch ein kritischer Hinweis.

Das scheinbar Einfache der radikalen Reduktion auf eine alphabetische Ordnung erweist sich als nicht verhandelte Strukturfalle bei begrifflichen Komplexitäten von Theorien sog. „zweiten und dritten Grades“ (Froese), wenn sich diese nicht aus der Berufspädagogik herleiten. Der berufspädagogische Anteil an der Entwicklung von Wissenschaft als Profession erstreckt sich auf bedeutende Teile, bleibt aber Teilleistung. Somit erscheint der Ansatz des Einbindens akademischer Bereiche aus Blickwinkeln der Berufspädagogik diskussions- und legitimationsbedürftig. In diesem Kontext bleibt zunächst auf den Beitrag „Berufe“ dieses Lexikons zu verweisen, der die Erosion des Lebenskonzeptes Beruf thematisiert, was wiederum weitreichende Konsequenzen für die Berufspädagogik impliziert, welche auch in der Struktur dieser Publikation weitgehend unberücksichtigt zu bleiben scheinen, nicht jedoch in anderen Publikationen des Herausgebers. Was aus einer Logik expansiver Berufspädagogik hilfreich erscheinen mag, konfrontiert mit strukturellen Grenzen bei den Näherungen an akademische Bereiche, die sich eben nicht über die Leitkategorie „Beruf“ herleiten. Elemente aus Begriffs- und Aussagesystemen von Wissenschaft auf berufspädagogische Vorstellungen zu reduzieren, und eben dies erfolgt mit impliziter Logik, wenn an Wissenschaft als Profession berufspädagogische Verortungsversuche herangetragen werden, wirft daher sicher nicht unerhebliche wissenschaftstheoretische Fragen auf.

Oder anders formuliert – zurück zu Blankertz. Pluralisierung von Lernwegen mitsamt neuen Durchlässigkeiten für Bildungsgewinne herzustellen ist Aufgabe aller Bildungspartner. Für die Berufsbildung hat Jörg-Peter Pahl ein Werkzeugangebot des Dialoges vorgelegt. Zu hoffen bleibt auf konstruktive Repliken von Hochschulseite.

Fazit

Für schnelle Recherchen bietet dieses Lexikon sichere und solide Hilfestellungen sowie erste Zugänge. Mehr kann und sollte von einer solchen Publikation auch nicht erwartet werden.

Eine eigentliche Anschlussfähigkeit zu den akademischen Professionsfeldern wird sich daher nicht ohne Komplementaritäten zu zumindest erziehungswissenschaftlichen Handwörterbüchern und Enzyklopädien herstellen lassen, welche wiederum in der Ausrichtung der berücksichtigten Begriffe anderen, zumeist weniger leicht zugänglichen Systematiken folgen.

Rezension von
Prof. Dr. Dirk Plickat
Ostfalia, Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel, Campus Suderburg, Fakultät Handel und Soziale Arbeit, Forschungs- und Lehrfeld: Bildung und Beschäftigung. Nach langjähriger pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
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Es gibt 31 Rezensionen von Dirk Plickat.

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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 14.12.2015 zu: Jörg-Peter Pahl, Volkmar Herkner, Bernd Vermehr (Hrsg.): Lexikon Berufsbildung. Ein Nachschlagewerk für die nicht-akademischen und akademischen Bereiche. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2015. 2. Auflage. ISBN 978-3-7639-5540-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18884.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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