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Jürgen Reulecke, Barbara Stambolis (Hrsg.): 100 Jahre Hoher Meißner (1913 - 2013)

Cover Jürgen Reulecke, Barbara Stambolis (Hrsg.): 100 Jahre Hoher Meißner (1913-2013). Quellen zur Geschichte der Jugendbewegung. V&R unipress (Göttingen) 2015. 509 Seiten. ISBN 978-3-8471-0333-2. 69,99 EUR.
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Im Oktober 1913 trafen sich rund dreitausend junge und nicht mehr ganz so junge, aber dafür jugendbewegte Menschen auf dem damals noch einfach Meißner genannten Berg östlich von Kassel zum Ersten Freideutschen Jugendtag. Zweifellos stellt das Treffen ein, wenn nicht das herausragende Ereignis in der Geschichte der deutschen Jugendbewegung dar. Mit der so genannten Meißnerformel, dem symbolischen Bekenntnis zur Selbstbestimmung der Jugend wurde eine Art Manifest vorgelegt, das für lange Zeit den zentralen Bezugspunkt (nicht nur) der bürgerlichen Jugendbewegung bilden sollte. Freilich war die Meißnerformel nicht nur das Zeugnis eines besonderen Gemeinschaftserlebnisses, sondern avancierte auf Grund ihrer Bedeutungsoffenheit – „eigene Bestimmung“, „innere Wahrhaftigkeit“ und „innere Freiheit“ bedeuten, wie Walter Laqueur anlässlich des 100. Jubiläums des Meißnerfestes schrieb, verschiedenen Menschen eben verschiedene Dinge – schnell zu einem umstrittenen Gegenstand jugendbewegter Erinnerungspolitik.

Bereits wenige Jahre nach dem Meißnerfest lag eine ganze Reihe unterschiedlicher, häufig konkurrierender Deutungen und Vereinnahmungsversuche der Meißnerformel vor und daran hat sich auch bis heute nichts geändert. In besonderer Zuspitzung wurden die Deutungskontroversen anlässlich der runden Jahrestagen des Meißnerfestes deutlich, die eben nicht nur Gelegenheiten zu allerlei Feierlichkeiten am Ort des historischen Geschehens boten, sondern immer auch Anlass zu grundsätzlichen Kontroversen über das Selbstverständnis der Jugendbewegung waren.

Im Mittelpunkt der von Barbara Stambolis und Jürgen Reulecke herausgegebenen Quellenedition stehen der Meißnertag und vor allem der erinnerungspolitische Umgang mit diesem Großereignis. Als Beitrag zur Ideengeschichte der Jugendbewegung dokumentiert der Band damit weniger die mittlerweile recht gut dokumentierte Sozial- oder Organisationsgeschichte der Jugendbewegung, sondern vielmehr die Selbsthistorisierung (vornehmlich) jugendbewegter Akteure, womit der Blick auch auf die dahinter liegenden politisch-weltanschaulichen, sozialen und generationalen Positionen gerichtet wird. Allerdings ist der Band in seinem Zuschnitt mehr als die bloße Dokumentation vergangener Kontroversen, sondern bildet vielmehr selbst einen Teil jener historischen (Selbst-)Deutung. Dies nicht nur, weil die Herausgeberin und der Herausgeber – Barbara Stambolis ist Professorin an der Universität Paderborn, Jürgen Reulecke war Professor für Zeitgeschichte an der Universität Gießen – der Jugendbewegung seit vielen Jahren eng verbunden sind, sondern auch, weil sie in ihren einleitenden Beiträgen Deutungsangebote zu bestimmten Ereignissen der Jugendbewegungsgeschichte vorlegen.

Aufbau und Inhalt

Gegliedert ist der Band in insgesamt sieben Kapitel, die angefangen vom Meißnerfest selbst bis hin zur Hundertjahrfeier 2013 einer, wenn auch nicht immer trennscharfen chronologischen Ordnung folgen und unterschiedliche Textsorten: Zeitschriftenartikel und Buchbeiträge, faksimilierte Dokumente, Redebeiträge, private Aufzeichnungen und Schriftwechsel, Protokolle sowie 70 zeitgenössische Fotografien und Abbildungen versammeln.

Jedem Kapitel wird von den beiden Herausgebern eine kurze orientierende Einleitung als inhaltliche Rahmung vorangestellt.

Das erste, von Barbara Stambolis eingeleitete Kapitel beschäftigt sich mit dem Ereignis, seiner Vorgeschichte und dem „Nachklang“ im Ersten Weltkrieg und enthält unterschiedliche Quellentexte wie etwa die Einladung zum Meißnerfest, das Programm, einzelne Liederblätter und Reden, aber auch rückblickende Berichte und zeitgenössische, keineswegs nur wohlwollende oder unkritische Kommentare.

Das zweite Kapitel enthält Dokumente zum 10. Jubiläum der Meißnerformel im Jahr 1923, bei deren Kommentierung sich schon deutlich die markanten politischen Gegensätze innerhalb der Jugendbewegung herauskristallisierten und das für Jürgen Reulecke in seinem Einleitungsbeitrag den Versuch einer politischen Neuakzentuierung des Jahres 1913 markierte.

Daran schließen sich, wiederum von Barbara Stambolis eingeleitet, im dritten Teil Dokumente an, die in der Zwischenkriegszeit, also in der Bündischen Phase der Weimarer Republik und den ersten Jahren der NS-Diktatur entstanden waren.

Abschnitt vier versammelt unter dem Stichwort „Im Schatten nationalsozialistischer Unrechts- und Gewaltherrschaft“ (Jürgen Reulecke) Dokumente, die sich auf die Jubiläumsaktivitäten der Jahre 1946 und 1953 beziehen. Deutlich werden dabei vor allem die zunehmenden Differenzen zwischen der älteren Generation der Meißnerfahrer von 1913 und den jüngeren Vertretern, aber ansatzweise auch die bis heute nachwirkende Weigerung, sich (selbst-)kritisch mit den völkisch-nationalistisch-antisemitischen Wurzeln der Jugendbewegung und der Verstrickung nicht weniger ihrer Protagonisten mit dem NS-Regime auseinandersetzen wollten.

Der fünfzigste Jahrestag des Meißnerfestes im Jahr 1963 und die zu diesem Anlass stattfindenden Feierlichkeiten werden schließlich in dem abermals von Jürgen Reulecke kommentierten Abschnitt fünf dokumentiert. Neben der sich zum Dauerbrenner entwickelnden Frage nach der Deutungshoheit der „Pioniergeneration“ von 1913 zeigte sich deutlich, dass der sich in den frühen 1960er Jahren bereits abzeichnende gesellschaftliche Mentalitätswandel auch vor der Jugendbewegung nicht halt machen würde. Deutlich wurde dies etwa an den Konflikten, die sich an der Frage des Miteinanders der Geschlechter, dem Verhältnis zur DDR oder ganz allgemein dem politischen Selbstverständnis der Jungendbünde entzündeten.

Einen Sprung von 25 Jahren zur auch in der medialen Öffentlichkeit viel beachteten 75-Jahrfeier des Meißnerfestes macht dann Kapitel sechs. Es versammelt Dokumente zur „jugendbewegten Restgeschichte“ (Barbara Stambolis), das heißt der auch in die Organisation der Feierlichkeiten hereinspielenden Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der Jugendbewegung.

Der siebte und letzte Abschnitt des Bandes zielt schließlich auf die Hundertjahrfeier des Meißnerfestes im Jahr 2013, die sich durchaus prägnant von den vorangegangenen Jubiläen unterschied: zum ersten Mal fand die Organisation des Festes gänzlich ohne die Vertreter (seltener: Vertreterinnen) der Generation von 1913 statt und auch diejenigen, die in den sechziger Jahren noch maßgeblichen Einfluss hatten, gehörten gewissermaßen zum alten Eisen. Maßgeblich ging die Initiative zur Gestaltung der Feierlichkeiten diesmal dagegen von den Jüngeren, insbesondere Pfadfindergruppen aus, die 1913 praktisch noch keine Rolle in der Jugendbewegung spielten. In einer Hinsicht zeigte sich jedoch auch 100 Jahre nach dem Meißnerfest eine erstaunliche Kontinuität: die Gretchenfrage der Jugendbewegung, „gesellschaftlich-politisches Engagement oder parteipolitische Enthaltsamkeit?“ spielte ebenso wie die Frage nach dem angemessenen Umgang mit dem völkisch-nationalistischen Erbe der Jugendbewegung 2013 eine wichtige Rolle.

Diskussion und Fazit

Unter dem Strich ist der Band zweifellos gut geeignet für alle, die sich selbst ein Bild von der Geschichte der Jugendbewegung und vor allem den dabei entstandenen Selbst- und Fremddeutungen machen wollen.

Angesichts der Vielzahl an Wortmeldungen aus und zur Jugendbewegung, die in den letzten einhundert Jahren vorgelegt wurden, kann der vorliegende Band selbst auf 500 Seiten natürlich nur eine Auswahl bieten und der/die ein oder andere Leser_in wird einschlägige Texte vermissen. Die Herausgeberin und der Herausgeber versuchen dies durch Hinweise auf weitere Quellen, die entsprechenden Bestände im Archiv der Deutschen Jugendbewegung und weiterführende Literatur zu kompensieren.

Hervorzuheben ist, dass mit der Dokumentensammlung eine Vielzahl von Texten gebündelt vorliegen, die zwar zum Teil bereits an anderen Orten publiziert wurden, aber in dieser thematischen Dichte nicht ohne weiteres zugänglich sind. Obwohl man letztlich für eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema nicht darum herumkommen wird, die ungekürzten Originale selbst zur Hand zu nehmen, sind die abgedruckten Dokumente als erster Zugang in die mit den unterschiedlichen politischen Strömungen und Generationen verbundenen Sichtweisen auf das Phänomen Jugendbewegung jedenfalls gut geeignet.

Zu monieren ist allerdings, dass bis auf wenige Ausnahmen biografische Informationen zu den – zumeist männlichen – Verfassern der Quellentexte fehlen. Ohnehin fällt der Anmerkungsapparat zu den Dokumenten selbst eher schmal aus. Dies hätte gerade fachfremden Leser_innen die Einordnung der oft sperrigen und personen-, organisations- und bewegungsgeschichtlich durchaus voraussetzungsvollen Texte erleichtern können.


Rezensent
Prof. Dr. Sven Steinacker
Theorie und Geschichte Sozialer Arbeit, Hochschule Niederrhein - Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Sven Steinacker. Rezension vom 14.08.2015 zu: Jürgen Reulecke, Barbara Stambolis (Hrsg.): 100 Jahre Hoher Meißner (1913-2013). Quellen zur Geschichte der Jugendbewegung. V&R unipress (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-8471-0333-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18888.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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