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Joachim Bauer: Selbststeuerung (freier Wille)

Cover Joachim Bauer: Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens. Karl Blessing Verlag (München) 2015. 238 Seiten. ISBN 978-3-89667-539-2. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Eine bewusste, achtsame und selbstfürsorgliche Haltung schafft Lebenskraft

In den Ratgebern, Erziehungsprinzipien und Tugenddiskussionen wird immer wieder auf die anthropologische Festlegung verwiesen, dass der Mensch kraft seiner Intellektualität und der ihm von Natur aus gegebenen Vernunftfähigkeit dafür prädestiniert ist, zwischen Gut und Böse unterscheiden und ein gutes, gelingendes Leben führen zu können; und zwar sowohl individuell als auch kollektiv. Die kulturellen und gesellschaftlichen Aspekte zeigen sich vor allem darin, dass die Fragen, wie der Mensch mit sich und seiner Umwelt umgeht, äußerst differenziert und unterschiedlich beantwortet werden. Im wissenschaftlichen Diskurs bringen dabei alle Fachdisziplinen ihre Auffassungen über die Existenzweisen der Menschen ein (Bruno Latour, Existenzweisen. Eine Anthropologie der Moderne, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17792.php, Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13124.php). Es sind philosophische, anthropologische, erziehungs- und kulturwissenschaftliche, psychologische, biologische, soziologische und gesellschafts-politische Positionen, die jeweils den Fokus darauf richten, wie das Selbst des Menschlichen individuell und gesellschaftlich wirkt und sich als Erkenntnisprozess zum Ausdruck kommt. Im kybernetischen und soziologischen Diskurs wird „Selbstreferenz“ als Begrifflichkeit benutzt und „als ein Moment informeller Selbststeuerung und Selbstprogrammierung sozialer Systeme“ verstanden (Niklas Luhmann) und im Zusammenhang mit den gefühlten und tatsächlichen Empfindungen der Menschen über Sicherheiten und Unsicherheiten im eigenen Leben und dem lokal- und global-gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen gebracht (Hans Hoch / Peter Zoche, Hg., Sicherheiten und Unsicherheiten. Soziologische Beiträge, www.socialnet.de/rezensionen/18195.php). Die Ergebnisse und Auswirkungen lassen sich besichtigen und erleben in den jeweiligen kulturellen Identitäten, Traditionen, Sitten- und Moralvorstellungen, wie auch in den kollektiven Zuschreibungen: „Der Deutsche ist…“, „Der Chinese ist…“, Der Afrikaner ist…“. (Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php, sowie: Asfa-Wossen Asserate, Deutsche Tugenden. Von Anmut bis Weltschmerz, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/15390.php).

Entstehungshintergrund und Autor

„Mit Selbststeuerung lässt sich im Leben vieles, ohne sie nichts erreichen“; mit dieser apodiktischen Feststellung wird gewissermaßen eine Menschen- und Weltschau mit dem Blick auf die Entwicklungen und Verwicklungen des menschlichen Selbst(bewusst)Seins eingeleitet: „Freiheit durch Selbststeuerung“. Es sind Aufforderung zum Selbstdenken und nicht andere für sich denken zu lassen (Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php); es geht um die Nachschau nach den Ursachen von Verhaltensweisen, die sich artikulieren in konsumtiven und unverbindlichen Einstellungen wie: „Ich will alles, und das sofort!“. Dem gegenüber stehen Herausforderungen, wie sie sich zum Beispiel in dem (nobelpreisgekrönten) Rat ausdrücken: „Was mehr wird, wenn wir teilen“ (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php), und in der antiken philosophischen „autarkeia“ grundgelegt ist, nämlich, dass „autark ein Individuum, eine Gemeinschaft oder eine Tätigkeit (ist), die auf nichts anderes angewiesen ist, weil sie alles, was sie benötigt, selbst hat oder sich selbst beschaffen kann (F. Ricken, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 89f).

Der Arzt, Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer lehrt an der Universität Freiburg. Er ist bisher mit zahlreichen Publikationen hervorgetreten, die sich mit Fragen nach dem Gedächtnis des Körpers, den Gefühlsentwicklungen, Glücksvorstellungen und -erwartungen befassen. Sein Blick richtet sich dabei auf die neuesten Erkenntnisse aus der Neurobiologie, wenn er dazu auffordert, sich wieder den Fähigkeiten zuzuwenden, die uns als anthrôpos gegeben sind, nämlich „unser Leben in Einklang mit längerfristigen Zielen und Wünschen zu bringen“ und Abstand vom „Momentanismus“ zu nehmen.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert sein Buch in sechs Kapitel: Im ersten geht es um „Freiheit durch Selbststeuerung“, im zweiten um die Herausforderung „Selbststeuerung (zu) lernen“, im dritten wird Selbststeuerung als „Leben gegen den Strom“ aufgezeigt; im vierten diskutiert der Autor die verschiedenen Imponderabilien, wie es zur „sublime(n) Unterwanderung des freien Willens“ kommen kann; im fünften wird zur „Aktivierung der Selbststeuerung“ aus medizinischer Sicht aufgerufen, im sechsten werden Kriterien diskutiert, die für „persönliche Gesundheit“ bedeutsam sind, um schließlich im Schlusskapitel darauf zu verweisen, dass die (Neu-) Entdeckung des freien Willens nicht bedeutet, dass sich der Mensch neu erfinden müsse: „Der Ort des freien Willens ist die reale Welt“.

Es sind also keine Wolkenkuckucksheime und kein Utopia, mit denen der Autor darstellt, dass Selbststeuerung Selbstfürsorge bedeutet und dies anhand von neurobiologischen Grundlagen „für triebhafte, spontan und überwiegend automatisch ablaufende(n) Verhaltensweisen“ aufzeigt. Es ist der Präfrontale Cortex, den Bauer als Ort des freien Willens identifiziert und verdeutlicht, „dass alles menschliche Fühlen, Denken und Handeln neurobiologische Korrelate hat“. Diese Forschungsergebnisse haben im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs (auch) zur „Verneinung der menschlichen Entscheidungsfreiheit“ geführt. Dieser Auffassung widerspricht der Autor vehement und verweist auf die Gefahren, die sich durch eine Ideologie des Determinismus ergäben, nämlich zur Lähmung von jeder Initiative, Kreativität und Entschlossenheit im individuellen und kollektiven Dasein der Menschen.

Weil nämlich soziale Erfahrungen die Gehirnentwicklung des Menschen formen, kommt es darauf an, Selbststeuerung nicht als ein Glücks- oder Zufallsprodukt zu verstehen, sondern als eine Bildungs- und Lernherausforderung zu begreifen. Bauer setzt sich dabei mit einer Reihe von Experimenten und Versuchen auseinander, wie Selbstkontrolle und Selbststeuerung gelernt und erfahren werden kann (vgl. dazu auch: Walter Mischel, Der Marshmallow-Test. Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18473.php). Wenn die Kompetenz zur Selbststeuerung also weder in den Genen liegt, noch von sonst woher geliefert werden kann, sondern gelernt und erworben werden muss, kommt natürlich der Bildung und Erziehung in der familiären, schulischen und Erwachsenenbildung eine besondere Bedeutung zu. Sein Plädoyer für eine „Erziehung zu Selbstkontrolle“ sollte deshalb eine allgemeine Aufmerksamkeit bewirken.

„Selbststeuerung ist schön!“. Diese Behauptung gilt es zu beweisen. Dabei zu Hilfe kommt ohne Zweifel das in den Zeiten der Kapitalismus- und Globalisierungskritik wachsende Bewusstsein, dass ökonomische Wachstums- und Neokolonialisierungs-Ideologien die Menschheit nicht zu einer humanen Weiterentwicklung bringen, sondern in den Untergang führen. Nachhaltigkeitsdenken und -handeln heißt, gegen den bequemen, ökonomistischen und konsumtiven Mainstream leben. Der zunehmende „Verlust der gesunden Balance“, wie sie sich in allen Bereichen des menschlichen Lebens zeigt, führt ja mehr und mehr „zur süchtigen Gesellschaft“, zumindest in den westlichen Industrieländern und Schwellenländern. Da ist sicherlich ein Blick darauf zu richten, wie sich die Situation in Deutschland darstellt. Die Freiburger Arbeitsgruppe hat kürzlich in einer repräsentativen Untersuchung herausgefunden, dass nur etwa die Hälfte der Befragten eine positive Antwort darauf geben kann, ob man sich bemühen solle, bei der Lebensführung bestimmte, eigene Vorstellungen durchzusetzen; für die andere Hälfte der Bevölkerung sind solche Ziele illusorisch und nicht zu verwirklichen. Das bedeutet doch, dass Lebensziele wie humane Gegenwartsbewältigung und gar Zukunftsbewusstsein an Verführungen, wie etwa die Medien und Konsum abgegeben werden (vgl. dazu: Andreas Hartmann / Oliwia Murawska, Hg., Representing the Future. Zur kulturellen Logik der Zukunft, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18833.php).

Da gilt es, sich mit dem „Unbewussten“ auseinander zu setzen und aus der Sicht der Neurowissenschaften das Unbewusste ins Bewusstsein zu bringen. Mit der Freudschen Arbeitshypothese: „Wo Es war, soll Ich werden“ thematisiert der Autor „die sublime Unterwanderung des freien Willens“. Weil unser Denken, Fühlen und Handeln durch äußere Einflüsse verändert werden kann, ist es wichtig, die daraus entstehenden Mechanismen und Wirkungen kennen zu lernen; etwa die Bedeutung der Spiegelneurone, wie sie auf ganz bestimmte Verhaltensweisen reagieren und Verhalten beeinflussen.

Selbststeuerung ist kein Selbstzweck! Vielmehr soll sie dazu beitragen, die humane Bestimmung des Menschen zu verwirklichen, ein gutes, gelingendes Leben als Individuum und Gemeinschaftswesen zu führen. Dass dabei die gesundheitliche Bedeutung eine entscheidende Rolle einnimmt, lässt die Frage nach Public- und Global-Health laut werden (siehe dazu: Oliver Ranzum / Hajo Zeeb / Olaf Müller / Albrecht Jahn, Hrsg., Global Health. Gesundheit und Gerechtigkeit, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18229.php). Dabei ist die Auseinandersetzung fällig, wie sich die traditionelle und Schulmedizin auf die Erkenntnisse einstellt und wirkt, dass „Lebensstil, Ernährung und ausreichende Bewegung ( ) zur gesunden Lebensführung (gehören)“. Dabei verschreibt Joachim Bauer ein ganz und gar anderes Medikament: Einen anderen Menschen, also einen Perspektivenwechsel. Und neben dem Arzt des Vertrauens den eigenen „inneren Arzt“.

Dazu nimmt der Autor das „Hoheitsgebiet der Selbststeuerung: Die persönliche Gesundheit“ in den Blick. Er geht er nicht in erster Linie auf die Möglichkeiten und Defizite im Gesundheitssystem ein, sondern verweist auf die Freiheitsgrade, die Menschen haben und die es ihnen ermöglichen (können), „durch die Gestaltung unserer persönlichen Lebensgewohnheiten Einfluss auf die Gesundheit zu nehmen“, und zwar sowohl im gesunden, als auch im kranken Zustand. Dazu gehören sowohl selbst auferlegte, als auch gegebene und verordnete Stressoren, Süchte und Überforderungen. Bauer plädiert dabei für ein evidenzbasiertes Bewusstsein, das ermöglicht, Risikofaktoren einzuschätzen, aber auch Krankheiten als Chance für Veränderungen wahrzunehmen.

Fazit

Der Blick von Joachim Bauer auf die neurobiologischen Grundlagen der evolutionären Fähigkeit des Menschen zur Selbststeuerung zeigt die vielfältigen Möglichkeiten und Bedingtheiten auf, wie der freie Wille als Humanum durchgesetzt werden kann; und zwar nicht per Ordre mufti, sondern durch „eine bewusste, achtsame und selbstfürsorgliche Haltung … (die) die immunologische Abwehr und die körpereigenen Heilkräfte stärkt“. Dadurch wird die Bedeutung der Selbststeuerung „zu einem anthropologischen Desiderat ersten Ranges“, der es dem Menschen ermöglicht., zu sich selbst zu finden und ein wirkliches, gutes und gelingendes Leben führen zu können.

Für die Rezeption der interessanten und empfehlenswerten Arbeit – und zwar nicht nur für den neurobiologischen, sondern auch für den gesellschafts- und sozialwissenschaftlichen Diskurs – ist es sehr hilfreich, dass Joachim Bauer in seinen Anmerkungen meist ausführliche und umfangreiche Erläuterungen, Quellenverweise und Interpretationen anbringt. Sie ermöglichen sowohl fachbezogene als auch disziplinübergreifende Einsichten und bieten vielfältigen Diskussionsstoff.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.05.2015 zu: Joachim Bauer: Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens. Karl Blessing Verlag (München) 2015. ISBN 978-3-89667-539-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18891.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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