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Meltem Avci-Werning: Prävention ethnischer Konflikte in der Schule

Cover Meltem Avci-Werning: Prävention ethnischer Konflikte in der Schule. Ein Unterrichtsprogramm zur Verbesserung interkultureller Beziehungen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2004. 268 Seiten. ISBN 978-3-8309-1389-4. 29,90 EUR.

Reihe: Texte zur Sozialpsychologie - Band 9.
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Fremdsein ist eine schlimme Erfahrung...

... diese Feststellung ergänzt Jean Paul Sartre mit dem Rat: Aber wir sollten sie uns nicht nehmen lassen! Damit wird das janusköpfige, existenzielle Erleben eines jeden Menschen, im Umgang mit der Fremdheit in den verschiedenen, individuellen und kollektiven Ausprägungen zu einer existenziellen Aufgabe!

Die Strecke, nein - das Labyrinth des Umgangs mit dem Fremdsein und den Fremden, vor allem in der schulischen Bildung und Erziehung in der Bundesrepublik Deutschland, ist lang und verschlungen. Von den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK), die in der Zeit von 1964 bis 1971 zu Initiativen zur Ausbildung von LehrerInnen für den Unterricht mit ausländischen Kindern und Jugendlichen führte, über verschiedene Modellversuche, wie sie zur "Ausländerpädagogik" in den 1970er bis der 80er Jahre in mehreren Bundesländern initiiert wurden, dem groß angelegten, medienunterstützten Lehrerkolleg "Ausländische Kinder in der Schule" (1980), bis hin zu den neueren curricularen Konzepten zum Interkulturellen und Globalen Lernen, immer ging und geht es dabei um eine Herausforderung für die Mehrheitsgesellschaft, aus deren Sichtweise und Interessenlage und motiviert von der schulischen Problemlösung "exotischer Einzelfälle im sonst gleichförmigen Schulalltag" (Uwe Sandfuchs, 1981). Gleichzeitig jedoch wird bereits im Lehrerkolleg 1980 postuliert: "Ausländische Kinder haben das gleiche Recht auf eine optimale Förderung ihrer Fähigkeiten wie deutsche Kinder". Außerdem wird bereits hier die Erkenntnis formuliert, dass ihre Ausgangslage, ihre Lernbedingungen und ihre Bildungsvorstellungen unterschiedlich seien. In der Zeit der sich immer interdependenter entwickelnden Welt, die wir nur allzu gerne und schönmalerisch als "Eine Welt" bezeichnen, sind jedoch die "exotischen Einzelfälle" zum Normalfall in den multikulturellen Gesellschaften der Erde geworden. Spätestens seit in unseren Köpfen die Tatsache gelandet ist, dass wir zu einer multikulturellen Gesellschaft geworden sind - Heiner Geißler, 1992: "Die Frage ist nicht mehr, ob wir mit Ausländern zusammen leben wollen, sondern nur noch wie" - haben sich auch die Erwartungshaltungen in der Mehrheitsgesellschaft gewandelt: Nicht mehr Anpassung und Assimilationsforderungen an die Minderheiten in der Gesellschaft stehen im Vordergrund, sondern die Hoffnung auf den "Reichtum der kulturellen Vielfalt" beginnt langsam zu keimen. In dieser Sachlage entsteht ein Phänomen, dass sich die unterschiedlichen Individuen und Gemeinschaften der Mehrheit und der Minderheiten als jeweils "zentrale Gruppe" wahrzunehmen beginnen und die selbst definierten Maßstäbe für Werte und Normen im gesellschaftlichen Leben über die der anderen zu stellen versucht. Dadurch sind Konflikte vorprogrammiert.

Kontakte, Kooperationen und Informationen über andere ethnische Gruppen

Bei dieser Situationslage setzt die Dipl.-Psychologin, Psychotherapeutin und Schulpsychologin in Hannover, Meltem Avci-Werning, an. In ihrer Dissertation geht sie der Frage nach, wie sich Konflikte zwischen ethnischen Gruppen verhindern lassen und was die Schule bei ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag dazu beitragen könne und müsse. Mit der von ihr in Praxisversuchen in der Schule entwickelten Methode KOOP-INFO werden Kontakte zwischen den Angehörigen der verschiedenen ethnischen Gruppen durch Kooperation erzeugt, durch die Vermittlung von Informationen über andere ethnische Gruppen. Die heterogene Zusammensetzung der jeweiligen (Klein)Gruppen in den dritten und vierten Klassen der Grundschule funktioniert freilich nur dann, wenn in der jeweiligen Klasse SchülerInnen verschiedener kultureller Herkunft zusammen sind; doch das ist - zumindest noch in der Primarstufe - mittlerweile ja fast überall der Fall. Dort, wo die Klasse noch weitgehend homogen, also überwiegend aus deutschstämmigen SchülerInnen besteht, wird mit der Methode nicht gearbeitet werden können. Die Autorin hat, wohl auch aufgrund ihrer eigenen kulturellen Herkunft, für ihre Unterrichtsversuche Themen über Deutschland und die Türkei ausgewählt. Da die Beispiele und Materialien als exemplarisch verstanden werden können, dürfte es LehrerInnen nicht allzu schwer fallen, entsprechend der verschieden kulturellen Zusammensetzung der SchülerInnen, Inhalte auch aus anderen Ländern als der Türkei auszuwählen und anzuwenden. Dieser, von Avci-Werning bezeichnete "kooperative Gruppenunterricht" erinnert an Lernformen, wie sie z. B. von Integrierten Gesamtschulen, etwa der IGS Göttingen-Geismar, in der Sekundarstufe I und II erprobt werden. Damit weist die KOOP-INFO-Methode über die Anwendungs- und Einsatzmöglichkeiten in der Grundschule hinaus.

Lernversuche in 23 Grundschulen des Ruhrgebietes

Für die (interkulturelle) Unterrichtsforschung von besonderer Bedeutung dürfte die Darstellung der Lernversuche in 23 Grundschulen des Ruhrgebietes sein, die von der Autorin von Februar bis Mai 1995 durchgeführt und evaluiert wurden. Vor allem die Werte, wie sie bei den ermittelten Variablen "Sympathieurteil", "Länder-Paarvergleich" und "Ethnozentrismus", aber auch bei "Selbstwertgefühl" und "Ingroup-Outgroupurteile", zu Tage treten, können den interkulturellen, erziehlichen Diskurs zur gesellschaftlichen Integration bereichern. Untersuchungen zu sozialpsychologischen Wirkfaktoren beim Zusammenleben und -lernen von Schülerinnen und Schülern verschiedenkultureller Herkunft sind bisher nur selten zu finden. Die Einbindung der diskutierten Theorien, etwa der Theorie der sozialen Identität von Tajfel und Turner, der Kontakthypothese von Allport und der Ansatz der Intergruppenängstlichkeit von Stephan und Stephan, in die Hypothesenbildung der Arbeit - und die praktische Einführung der kooperativen und informativen Ansätze in ein Lern- und Unterrichtskonzept der Grundschule ist verdienstvoll. Die Ergebnisse der Studie, bei der die Autorin immerhin 1.227 SchülerInnen im Alter von 8 bis 12 Jahren einbezogen hat, sind überzeugend:

  • Kinder bewerten ethnische Gruppen unterschiedlich und bevorzugen dabei die eigene Gruppe.
  • Durch die Einführung von Formen des kooperativen Gruppenunterrichts lassen sich deren Einstellungen zu anderen ethnischen Gruppen verbessern.
  • Die Selbsteinschätzung der Kinder erhöht sich signifikant.
  • Die Informationsteile tragen dazu bei, ethnozentristische Einstellungen zu reduzieren und die Bereitschaft zum friedlichen Zusammenleben zu erhöhen.
  • Die Intergruppenbeziehungen werden durch INFO und KOOP verbessert.

Fazit

Eine "Psychologie der interkulturellen Beziehungen in der Schule" ist noch nicht geschrieben. Meltem Avci-Werning hat mit ihrer Arbeit einen soliden Baustein dafür geliefert.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.08.2004 zu: Meltem Avci-Werning: Prävention ethnischer Konflikte in der Schule. Ein Unterrichtsprogramm zur Verbesserung interkultureller Beziehungen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2004. ISBN 978-3-8309-1389-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1890.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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