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Fritz Jansen, Uta Streit (Hrsg.): Fähig zum Körperkontakt

Cover Fritz Jansen, Uta Streit (Hrsg.): Fähig zum Körperkontakt. Körperkontakt und Körperkontaktstörungen - Grundlagen und Therapie - Babys, Kinder & Erwachsene - IntraActPlus-Konzept. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2015. 309 Seiten. ISBN 978-3-642-41117-5. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Eine der am meisten übersehenen Störungen ist die sog. Körperkontaktstörung. Empirische Befunde und Erfahrungen aus der Therapiepraxis zeigen, dass es diese Störung gibt: die Unfähigkeit von Babys und Kindern, Blick- oder Körperkontakt mit ihren Eltern aufzunehmen. Die Befunde zeigen auch, dass mit der Blockade der Fähigkeit zum Körperkontakt und damit die Störung der Bindungsfähigkeit die Wahrscheinlichkeit von späteren Auffälligkeiten im Sozialverhalten erheblich steigt. Man weiß heute, dass über das Sozialverhalten eine Körperkontaktstörung Einfluss auf alle Lebensbereiche nehmen kann z.B. auf das Spiel- und Lernverhalten, auf den Umgang mit Gleichaltrigen oder auf das Verhalten bei Konflikten. Diese Störung stellt damit eine „weitflächige Bedrohung der seelischen Gesundheit dar!“ (Klappentext)

Herausgeber und Herausgeberin

Dr. Fritz Jansen ist Lehrtherapeut für Verhaltenstherapie, seit 1998 in eigener Praxis. Gemeinsam mit Uta Streit führt er im Rahmen einer eigenen Fortbildungseinrichtung für Verhaltenstherapie Seminare und Vorträge für verschiedene Berufsgruppen durch.

Uta Streit ist approbierte Psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Autorenteam

Das Autorenteam wird ergänzt durch sieben weitere Autoren, die am Buch beteiligt sind bestehend aus Kinderärzten, Psychologen, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten:

  • Kerstin Andes,
  • Kirsten A. Hinrichsen,
  • Hendrik Karpinski,
  • Dr. Sabine Nantke,
  • Ruth Seidler-Mälzer,
  • Wolf- Dietrich Smikalla und
  • Karina Wolf.

Alle Autoren werden im Abschnitt Autorenbiografie am Anfang des Buches vorgestellt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Hardcover Format erschienen. Auf 309 Seiten verteilen sich 18 Kapitel. Diese sind von unterschiedlichen Autor*innen verfasst. Zur besseren Orientierung sind die einzelnen Kapitel am Schnitt des Buches farblich (grau) markiert. Im Buch befindet sich am linken oberen Seitenrand die Kapitelüberschrift, am rechten oberen Seitenrand befinden sich die Seitenzahlen und der Titel des jeweiligen Abschnitts, in dem man gerade liest. Der Fließtext ist in Spaltenform gedruckt. Er ist in zahlreiche Unterkapitel untergliedert, zentrale Begriffe sind durch Fettdruck hervorgehoben. 120 Abbildungen, teilweise in Farbdruck, erläutern bzw. ergänzen den Text, sie sind entsprechend der Kapitelnummerierung durchnummeriert. In grau hinterlegten Textboxen befinden sich Zusatzinformationen. Jedes Kapitel beginnt mit einem eigenen Inhaltsverzeichnis auf einer DIN A 4 Seite und endet mit der jeweils verwendeten Literatur.

  1. Körperkontaktstörungen – ein erstes Verstehen (Fritz Jansen, Uta Streit)
  2. Die Bedeutung von Körperkontakt und Körperkontaktstörungen (Fritz Jansen, Uta Streit)
  3. Auswirkungen einer Körperkontaktstörung auf das Verhalten in Alltagssituationen (Kerstin Andes, Karina Wolf, Uta Streit, Sabine Nantke)
  4. Der Einfluss von frühem Körperkontakt auf Gesundheit und Entwicklung (Uta Streit)
  5. Entstehung und Aufrechterhaltung einer Körperkontaktstörung (Fritz Jansen, Uta Streit)
  6. Zusammenhang zwischen Störungen der sensorischen Integration und Körperkontaktstörungen (Uta Streit, Sabine Nantke, Kirsten Anne Hinrichsen)
  7. Die Körperbezogene Interaktionstherapie (KIT) – ein Therapiebaustein des IntraActPlus-Konzepts (Fritz Jansen, Uta Streit)
  8. Studien zur Wirksamkeit der Exposition mit Körperkontakt (Uta Streit, Fritz Jansen)
  9. Prävention und Therapie von Körperkontaktstörungen in Zusammenhang mit Störungen der sensorischen Integration (Sabine Nantke, Uta Streit, Kirsten Anne Hinrichsen)
  10. Körperkontaktstörungen bei Frühgeborenen verhindern, erkennen und behandeln (Sabine Nantke, Uta Streit)
  11. Autismus und Körperkontaktstörungen (Fritz Jansen, Uta Streit)
  12. Regulationsstörungen im Säuglingsalter und Körperkontakt (Uta Streit, Sabine Nantke)
  13. Störungen des Sozialverhaltens und Körperkontaktstörungen (Uta Streit, Fritz Jansen)
  14. Essstörungen und Körperkontaktstörungen (Kerstin Andes, Karina Wolf)
  15. Traumatisierungen und Körperkontaktstörungen (Kerstin Andes, Karina Wolf)
  16. Die Bedeutung des Körperkontakts für Sprachentwicklung und Sprachtherapie (Ruth Seidler-Mälzer)
  17. AD(H)S, Körperkontaktstörung und Körperbezogene Interaktionstherapie (KIT) (Wolf-Dietrich Smikalla)
  18. Ethische Aspekte zur Körperbezogenen Interaktionstherapie (KIT) (Hendrik Karpinski)

Das erste Kapitel Körperkontaktstörungen – ein erstes Verstehen von Fritz Jansen und Uta Streit befasst sich mit Körperkontakt als Voraussetzung für Gesundheit und möglichen Körperkontaktstörungen. Es wird beschrieben wie diese entstehen und aufrechterhalten werden. Darüber hinaus werden Beispiele für Körperkontaktstörungen gegeben.

Im zweiten Kapitel Die Bedeutung von Körperkontakt und Körperkontaktstörungen von Fritz Jansen und Uta Streit geht es um die unterschiedlich hohe Bewusstheit im Zusammenhang mit Körperkontakt. Körperkontakt zu erleben bedeutet mehr positive Erfahrungen, positive Gefühlszustände und Gesundheit. Körperkontakt vermindert Stress und wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus, Körperkontakt hemmt die Schmerzwahrnehmung. Es geht auch um den Körperkontakt bei Menschen mit einer Körperkontaktstörung, um positive Gefühlszustände im Körperkontakt und allgemeine Zufriedenheit und um ein „Angenommen-werden ohne Leistung“ als Grundlage sozialer Selbstsicherheit. Auch der Gebende von Körperkontakt kann zu mehr Gesundheit, Selbstsicherheit und Lebensqualität kommen. Körperkontakt trainiert soziale Fähigkeiten und der Kontakt selbst ist eine soziale Fähigkeit. In diesem Kapitel geht es auch um Körperkontakt und dessen Störung in Zusammenhang mit dem Hormon Oxytocin, welches als Bindungs- oder Kuschelhormon gilt. Die Autor*innen führen aus, dass Körperkontaktstörungen die Oxytocinausschüttung beeinträchtigen oder blockieren. Es wird erläutert, wie Oxytocin und Bindung zusammengehören, wie Oxytocin Stress und Schmerz vermindert. Oxytocin hat einen positiven Einfluss auf soziales Vertrauen, es verbessert den Blickkontakt, es erhöht die emotionale Empathie und das Hormon verbessert das Lernen bei Belohnung. Körperkontaktstörungen gelten als Verursacher von Verhaltens- und emotionalen Störungen und es gibt auch einen Zusammenhang von Körperkontaktstörung und der Entwicklung von Sprache.

Im dritten Kapitel Auswirkungen einer Körperkontaktstörung auf das Verhalten in Alltagssituationen von Kerstin Andes, Karina Wolf, Uta Streit und Sabine Nantke folgt nach einer Einleitung die Erläuterung der Beobachtungsmerkmale für Körperkontaktstörungen sowohl bei Säuglingen, Kleinkindern, Kindergartenkindern und Schulkindern als auch bei Erwachsenen. Dabei wird das Verhalten in Zusammenhang mit Körperkontakt, mit Gefühl in körperlicher Nähe und mit dem Aktivierungsniveau (Überaktivierung und Unteraktivierung) im Körperkontakt, im Blickkontakt in körperlicher Nähe und im emotionalen Schwingen in körperlicher Nähe betrachtet. Das Kapitel endet mit der Beschreibung von Beobachtungsmerkmalen für Körperkontaktstörungen bei Erwachsenen und bei Säuglingen.

Im vierten Kapitel Der Einfluss von frühem Körperkontakt auf Gesundheit und Entwicklung von Uta Streit geht es um Körperkontakt nach der sog. Känguru-Methode, um den positiven Einfluss des Körperkontakts auf die Gesundheit, den positiven Einfluss von Körperkontakt auf die Selbstregulation, den positiver Einfluss von Körperkontakt auf die Befindlichkeit der Mutter und die Eltern-Kind-Interaktion und den positiven Einfluss von Körperkontakt auf Lernen und Entwicklung.

Das fünfte Kapitel Entstehung und Aufrechterhaltung einer Körperkontaktstörung von Fritz Jansen und Uta Streit behandelt unzutreffende oder ungünstige Erklärungsmodelle. Dabei geht es um die oft vergessene, aber sehr wichtige Unterscheidung zwischen Entstehung und Aufrechterhaltung. Für die Autor*innen sind zwei Fragen zentral: wie ist die Körperkontaktstörung entstanden und wie wird sie aufrechterhalten. Kernproblem des Körperkontakts ist die Aufrechterhaltung einer Körperkontaktstörung und der Vermeidung von Körperkontaktsituationen. Köperkontakt ist konditioniert z.B. unangenehme Gefühle oder unangenehme Alltagserfahrungen.

Im sechsten Kapitel Zusammenhang zwischen Störungen der sensorischen Integration und Körperkontaktstörungen von Uta Streit, Sabine Nantke und Kirsten Anne Hinrichsen werden Störungen der sensorischen Integration besprochen. Es gibt einen Zusammenhang von Körperkontaktstörungen mit dem taktilen System in Bezug auf Tast- bzw. Berührungssinn, taktile Überempfindlichkeit, taktile Überempfindlichkeit und von Körperkontaktstörung, mit dem vestibulären System in Bezug auf den Gleichgewichtssinn, auf die vestibuläre Überempfindlichkeit und auf Anzeichen einer vestibulären Unterinformiertheit und Körperkontaktstörung, mit dem propriozeptiven System in Bezug auf die Eigenwahrnehmung, auf Anzeichen einer propriozeptiven Störung und Körperkontaktstörung, mit dem auditiven System und einer Körperkontaktstörung, mit dem visuellen System und einer Körperkontaktstörung und mit dem Geschmacks- und Geruchssinn. Am Ende des Kapitels kommen die Autor*innen zu dem Schluss, dass ein guter Körperkontakt die sensorische Integration unterstützt.

Im siebten Kapitel mit dem Titel Die Körperbezogene Interaktionstherapie (KIT) – ein Therapiebaustein des IntraActPlus-Konzepts von Fritz Jansen und Uta Streit wird die körperbezogene Interaktionstherapie vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine Expositionstherapie. Diese Therapieform nutzt eine genetisch gegebene Fähigkeit. Es wird beschrieben, wie der typische Verlauf von Expositionstherapien ist. Expositionstherapien sind hoch effektiv, weil die Hemmung der Amygdala als wesentliche Ursache für den Therapieerfolg von Expositionstherapien gilt. Hier werden auch grundlegende Mechanismen von Expositionstherapien erläutert. Im Einzelnen werden nun verschiedene Therapiepartner für die Körperbezogene Interaktionstherapie vorgestellt. Bereich 1 beschreibt einen intuitiven Therapieversuch bei Säuglingen und Kleinkindern, Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. Bereich 2 befasst sich mit der Systematischen Therapie. Es wird erläutert, was zwischen Anfang und Ende einer Exposition geschieht und welche Möglichkeit der zeitlichen Beschleunigung es gibt. Anschließend wird ein Beispiel der Übertragung auf die Körperbezogene Interaktionstherapie erläutert. Zu beachten sind der Schwierigkeitsgrad und die Anzahl der einbezogenen sensorischen Kanäle. Es wird erläutert, dass man die KIT in Sitz- und Liegepositionen machen kann und dass eine Überempfindlichkeit in einem oder mehreren Sinnessystemen berücksichtigen werden sollte. Im Sekundenfenster stellt sich ein Feedback ein. Anschließend werden Grundlegendes zur Dauer der Exposition und Pausen sowie der Dauer innerhalb der Exposition thematisiert. Wichtig ist, dass die Expositionen positive Gefühle aufbauen. Immer wieder kann es zu Widerständen und Machtkämpfen von Kindern kommen. Deshalb ist auch die Vorbereitung auf eine Körperbezogene Interaktionstherapie zentral. Zu beachten sind dabei die Prüfkriterien, ob die Therapie im Einzelfall grundsätzlich erfolgreich ist. Im Bereich 3 geht es um den Nutzen des Körperkontaktes für andere Fördermaßnahmen, im Bereich 4 um die Vernetzung mit anderen verhaltenstherapeutischen Maßnahmen und um Gegenindikationen und mögliche Nebenwirkungen.

Das Kapitel acht Studien zur Wirksamkeit der Exposition mit Körperkontakt von Uta Streit und Fritz Jansen stellt entsprechende Studien vor. Untersucht wurde die Wirksamkeit des Exposition von Körperkontakt in Bezug auf Autismus (von Saposnek (1972) und Rohmann und Hartmann (1985)), in Bezug auf Störungen des Sozialverhaltens (von Vollmer (1999) Welch et al. (2006) und Wimmer, Vonk und Bordnick (2009) und in Bezug auf Regulationsstörungen im Säuglingsalter (von Streit, Nantke et al. (2014)). Es gab auch Studien ohne Prüfung der Ergebnisse auf Signifikanz.

Das neunte Kapitel Prävention und Therapie von Körperkontaktstörungen in Zusammenhang mit Störungen der sensorischen Integration von Sabine Nantke, Uta Streit und Kirsten Anne Hinrichsen behandelt die Veränderung des Aktivierungsniveaus bei überempfindlichen Menschen wie z.B. eine taktile, vestibuläre oder auditive Überempfindlichkeit sowie die Überempfindlichkeit in anderen Sinnessystemen. Hier geht es auch um die Veränderungen bei unteraktivierten Menschen z.B. bei einer vestibulären Unterinformiertheit oder propriozeptiven Störung. Zum Einsatz kommt auch eine videounterstützte Elternanleitung.

Das zehnte Kapitel Körperkontaktstörungen bei Frühgeborenen verhindern, erkennen und behandeln von Sabine Nantke und Uta Streit handelt von Frühgeborene als besondere Risikogruppe für Körperkontaktstörungen. Körperkontakt nach der Geburt ist wichtig und es gibt Unterschiede zwischen normaler Geburt und Frühgeburt. Weitere Risikofaktoren sind die Unreife des autonomen Nervensystems des zu frühgeborenen Säuglings und auch Sorgen und Stress der Eltern. Es folgt die Beschreibung wie einer Körperkontaktstörung bei Frühgeborenen vorgebeugt wird z.B. durch Körperkontakt in Form der Känguru-Methode. Zu beachten sind zu diesem Zeitpunkt auch Besonderheiten des Säuglings. Probleme in der frühen Kommunikation mit dem Frühgeborenen sind nicht selten und es gibt auch Situationen, in denen Körperkontakt noch nicht möglich ist oder in unangenehmen Situationen stattfindet. Nicht zu vernachlässigen ist dabei auch der Umgang mit Schwierigkeiten im Körperkontakt im weiteren Verlauf. Das zehnte Kapitel schließt mit Erfahrungen aus der Videoarbeit nach dem IntraActPlus-Konzept im Frühgeborenen- und Säuglingsbereich.

Das 11. Kapitel Autismus und Körperkontaktstörungen von Fritz Jansen und Uta Streit geht auf das Thema Oxytocin und autistische Störungen ein. Man hat herausgefunden, dass Autismus mit einem erniedrigten Oxytocinspiegel einhergeht. Die Funktion des Oxytocinsystems hängt von den Genen und auch das Beziehungsverhalten ab. Ein Kernsymptom von Autismus ist eine unangemessene Verarbeitung von Sinnesreizen. Bei Nichtgebrauch können sich Synapsen zurückbilden oder Hirnareale auch verkleinern. Das Kapitel endet mit Schlussfolgerungen für eine Therapie des Autismus.

Das 12. Kapitel handelt von Regulationsstörungen im Säuglingsalter und Körperkontakt. Autorinnen sind Uta Streit und Sabine Nantke. Dabei geht es um Körperkontakt bei Säuglingen mit Regulationsstörungen, die Wechselwirkung mit Störungen der sensorischen Integration und der Diagnostik bei Säuglingen mit Regulationsstörungen nach dem IntraActPlus-Konzept.

Das 13. Kapitel wurde geschrieben von Uta Streit und Fritz Jansen und handelt von Störungen des Sozialverhaltens und Körperkontaktstörungen.

Das 14. Kapitel von Kerstin Andes und Karina Wolf behandelt die Themen Essstörungen und Körperkontaktstörungen.

Das 15. Kapitel mit dem Titel Traumatisierungen und Körperkontaktstörungen von Kerstin Andes und Karina Wolf führt das Thema Traumatisierungen aus. Besonders wird dabei auf Traumatisierungen bei Pflege-und Adoptivkinder eingegangen.

Das 16. Kapitel Die Bedeutung des Körperkontakts für Sprachentwicklung und Sprachtherapie von Ruth Seidler-Mälzer betrachtet ausführlich die Sprachentwicklung und es wird beschrieben, wann diese beginnt. Die Eltern-Kind-Kommunikation im 1. Lebensjahr spielt eine wichtige Rolle. Dabei geht es um den Aufbau der Fähigkeit zum gemeinsamen Gespräch und um den Körperkontakt, diese sind ein wesentlicher Bestandteil der vorsprachlichen Kommunikation. Entwicklungsstörungen sind eine ernste Gefahr für den vorsprachlichen Dialog und die spätere Sprachentwicklung. Diese haben Einfluss auf die Eltern-Kind-Beziehung und Auswirkungen auf spätere therapeutische Beziehungen. Das Kapitel endet mit den therapeutischen Konsequenzen für die Behandlung bei sprachgestörten Kindern, den bisher gezogene Konsequenzen für die Arbeit an der Beziehung und in Zukunft zu ziehende Konsequenzen für die Arbeit am Körperkontakt. Anschließend folgt ein Fallbeispiel zu KIT in der Sprachtherapie.

Das 17.Kapitel AD(H)S, Körperkontaktstörung und Körperbezogene Interaktionstherapie (KIT) von Wolf-Dietrich Smikalla handelt von AD(H)S in Bezug auf die Störung des Körperkontakts und das Neurotransmittersystem. Diese Störungen beeinflussen sich gegenseitig. Das Kapitel endet mit Ausführungen zur Therapie.

Mit dem 18. Kapitel Ethische Aspekte zur Körperbezogenen Interaktionstherapie (KIT) von Hendrik Karpinski endet das Buch. Dabei geht es um den Prozess zur Entscheidung beim Einsatz von KIT, die sich auch oft als medizinische Indikation ergibt. Patient*innen sollten die Möglichkeit der Zustimmung haben, gerade bei Kindern ist dies ein sensibles Thema. Hier haben sich der sog. „Informed Consent“ und „Informed Assent“ etabliert. Dabei geht es darum, dass fundierte und ausreichende Informationen gegeben werden, damit die Einwilligung auf dieser Grundlage gegeben wird. Zwischen der Aufklärung und der Maßnahme sollten 24 Stunden liegen. Bei beiden Formen ist die Selbstbestimmung zu bewahren. Ganz zentral ist hierbei auch die Qualität der Einfühlung in das Kind. Insgesamt geht es auch um das Thema Lebensqualität. Lebensqualität ist ein wichtiges Entscheidungskriterium für die Anwendung der KIT. Aus der Situation heraus sind die Chancen für die Lebensqualität des Kindes mit den möglichen Risiken abzuwägen. Auch kontextgebundene Faktoren haben ihren Platz wie z.B. familienbedingte Faktoren, wirtschaftliche oder finanzielle Faktoren. Das Kapitel endet mit einer Zusammenfassung und je einer Checkliste als Entscheidungshilfen für Eltern und für Therapeuten. Im Anhang findet man Fragebögen zum Körperkontakt.

Diskussion

Es ist empirisch belegt: es gibt zunehmend eine Störung des Körperkontaktes. Damit ist die Unfähigkeit von Babys und Kindern gemeint, Blick- oder Körperkontakt mit ihren Eltern aufzunehmen. Diese Störung kann bis ins Erwachsenenalter reichen. Die Befunde zeigen zudem, dass mit der Blockade zur Fähigkeit zum Körperkontakt auch die Bindungsfähigkeit gestört ist. Auf dieser Grundlage steigt die Wahrscheinlichkeit von späteren Auffälligkeiten im Sozialverhalten erheblich. Das ist von Bedeutung, weil über das Sozialverhalten die Körperkontaktstörung Einfluss auf alle Lebensbereiche wie z.B. das Spiel- und Lernverhalten, den Umgang mit Gleichaltrigen oder dem Konfliktverhalten nehmen kann. Diese Störung stellt also eine umfassende Bedrohung der seelischen Gesundheit dar.

Die Autor*innen stellen in ihrem Buch theoretische Grundinformationen dar. Es wird aufgezeigt, was die Ursachen für Körperkontaktstörungen sind und welche Wege der Hilfe es gibt. Diese Informationen sind mit empirischen Ergebnissen unterfüttert. Im Zusammenhang mit der KIT werden auch ethische Aspekte beleuchtet.

Das Buch hat den Anspruch verständlich geschrieben zu sein, denn es zielt auf die Praxis ab. Dieser Anspruch ist hoch gegriffen und nicht immer erfüllt. Es gibt zwar zahlreiche Erklärungen, dennoch bleibt der Eindruck, das Wesentliche nicht zu fassen zu bekommen.

Neben der Zielgruppe der Fachpraktiker erheben die Herausgeber*innen den Anspruch, das Buch auch für interessierte und betroffene Eltern geschrieben zu haben. Auch diesem hohen Anspruch werden sie nicht gerecht, denn es bedarf schon eines gewissen Grundverständnisses, um die komplexen Sachverhalte und Zusammenhänge zu verstehen.

Schon im Titel wird das IntraActPlus-Konzept benannt und auch im Buch wird mehrfach darauf hingewiesen, konkrete Erläuterungen, was sich genau dahinter verbirgt, habe ich aber bedauerlicherweise nicht gefunden, scheinbar wird es als bekannt vorausgesetzt. Leider ist es mir auch nicht gelungen, sachdienliche Hinweise zum Konzept im Internet zu recherchieren. Was ich zudem im Buch vermisst habe ist eine Einleitung, die den Zusammenhang zwischen den 18 sehr umfassenden Kapiteln erläutert.

Leider wurde auch auf ein Stichwortverzeichnis verzichtet, sodass es auch nicht möglich ist, gezielt nach Stichworten und Erklärungen zu suchen.

Fazit

Die Autor*innen bezeichnen Körperkontaktstörungen als eine weitflächige Bedrohung der seelischen Gesundheit. Diese Störung soll eine der am meisten übersehenen Störungen sein. Vorgestellt werden empirische Befunde und Erfahrungen aus der Therapiepraxis, die zeigen, dass es diese Störung gibt: die Unfähigkeit von Babys und Kindern, Blick- oder Körperkontakt mit ihren Eltern aufzunehmen. Die Befunde zeigen auch, dass mit der Blockade der Fähigkeit zum Körperkontakt und damit die Störung der Bindungsfähigkeit die Wahrscheinlichkeit von späteren Auffälligkeiten im Sozialverhalten erheblich steigt. Im Buch wird darauf verwiesen, dass über das Sozialverhalten eine Körperkontaktstörung Einfluss auf alle Lebensbereiche nehmen kann z.B. auf das Spiel- und Lernverhalten, auf den Umgang mit Gleichaltrigen oder auf das Verhalten bei Konflikten. Das Buch führt aus, was man tun kann, wenn diese Störung vorliegt. Es richtet sich an Fachleute und Eltern. Letztere müssen sich beim Kauf des Buches auf ein Fachbuch einstellen, welches ausführlich erklärt, diese Erläuterungen führen aber nicht unbedingt zum Vereinfachen und Verstehen der dargestellten Sachverhalte. Vielleicht hätte ein Kapitel, welches sich gezielt an Eltern richtet, dieses Ziel eher erfüllt. Dieses sucht man leider vergeblich.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 21.12.2015 zu: Fritz Jansen, Uta Streit (Hrsg.): Fähig zum Körperkontakt. Körperkontakt und Körperkontaktstörungen - Grundlagen und Therapie - Babys, Kinder & Erwachsene - IntraActPlus-Konzept. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2015. ISBN 978-3-642-41117-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18904.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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