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Harald Geißler, Robert Wegener (Hrsg.): Bewertung von Coachingprozessen

Cover Harald Geißler, Robert Wegener (Hrsg.): Bewertung von Coachingprozessen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2015. 346 Seiten. ISBN 978-3-658-04139-7. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

  • Wie kann die Qualität von Coachingprozessen bewertet werden?
  • Woher kommen die Kriterien?
  • Wessen Perspektive ist bei der Bewertung maßgeblich? Die der Klienten, wenn sie ein Coaching als hilfreich erlebt haben? Die eines Personalverantwortlichen, der signifikanten Veränderungen beim Coachee wahrnehmen kann?
  • Gibt es objektive Kriterien, an denen man sich orientieren kann?

Es ist inzwischen nicht mehr die Frage, ob Coaching ein erfolgreiches Beratungsformat ist. Es ist aber keineswegs klar, wodurch es erfolgreich ist. Die Antwort auf diese Frage ist auch die Coachingforschung bislang schuldig geblieben. Und die Praxis hält sich ohnehin an ihre Erfahrungswerte. Gleichwohl bleibt es ein Desiderat, sowohl für die Forschung als auch für die Praxis, dass die Frage beantwortet wird, woran die Qualität von Coachingprozessen gemessen werden kann.

Eben dieser Aufgabe widmet sich der vorliegende Band.

Herausgeber

Harald Geißler ist Lehrstuhlinhaber für Berufs- und Betriebspädagogik an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, selbst erfahrener Business Coach und Gründer der Forschungsstelle „Coaching-Gutachten“. Robert Wegener ist Politologe und Kommunikationspsychologe an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Leiter der internationalen Fachkongresse „Coaching meets Research“. Seit 2013 ist er Mitarbeiter von Harald Geißler.

Aufbau

Die Autoren haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Coaches das Transkript eines drei Sitzungen umfassenden Coachingprozesses zur Bewertung vorgelegt. Die Beiträge der AutorInnen sollten aus drei Abschnitten bestehen:

  1. einem ersten, in dem die allgemeinen Bewertungskriterien des Autors bzw. der Autorin dargestellt werden;
  2. einem zweiten, in dem die Sitzungen zusammenfassend dargestellt werden;
  3. und schließlich einen dritten, der die detaillierte Beurteilung des Coachings enthält.

Die beurteilenden Artikel der WissenschaftlerInnen bilden den zweiten Teil des Bandes, ein erster Teil gibt eine Antwort auf die Frage, „wer bei der Bewertung von Coachingprozessen das erste und wer das letzte Wort haben sollte.“ (S. 6)

Inhalt

Der einleitende Artikel von Geißler behandelt die Frage: „Wer sollte denn eigentlich bei der Bewertung von Coachingprozessen das erste und wer das letzte Wort haben? – Eine gegenstandskonstitutive Analyse.“ Es stellt sich eine Wer- und eine Was-Frage: Wer soll Coachingprozesse letztlich bewerten: Der Klient, der Coach selbst, ein unabhängiger Sachverständiger, Coach und Klient gemeinsam? Was sollte bei der Bewertung am meisten zählen: die Zufriedenheit des Klienten? Die Berufserfahrung der Coachingexperten? Kriterien der der Coachingforschung? Alles zusammen? Objektive Bewertungskriterien gibt es nicht – und wenn es sie gäbe, wären sie eine autoritäre Setzung, die für das Coaching inakzeptabel wäre. Letztlich kann die in der Überschrift gestellte Frage nur so beantwortet werden, dass „das letzte Wort“ nur in einem Dialog der Beteiligten, als Coach, Coachee und Experten aus Wissenschaft und Praxis gefunden werden kann. Im Verlauf verfolgt der Beitrag die Frage, was konstitutive Merkmale von Coaching sind und welche Bedeutung sie für die Bewertung von Coachingprozessen haben.

Teil II des Bandes enthält Bewertungen aus der Wissenschaft. Der Beitrag von Siegfried Greif wendet ein Ratingverfahren an, das sieben Wirkfaktoren unterscheidet: Wertschätzung/emotionale Unterstützung, Affektaktivierung, Förderung von Problemanalysen, Förderung von Selbstreflexion, Zielklärung, Ressourcenaktivierung, Unterstützung bei der Umsetzung. Das Wirkfaktorenmodell knüpft an die Arbeiten von Grawe und anderen zur Wirksamkeit von psychotherapeutischen Prozessen an. Hansjörg Künzli und Silvia Deplazes gehen der Veränderung subjektiver Theorien nach, die nach dem Muster Wenn-Dann in den Bereichen Situation - Handlung – Ergebnis – Folgen konstruiert sind.

Teil III und Teil IV befassen sich mit dem Coachingfall A (Die Transkripte beider Coachingfälle finden sich im Onlinematerial auf der Verlagsseite zum Buch: www.springer.com/de/book/9783658041397).

Elke Berninger-Schäfer greift in ihrem Beitrag „Systemisch lösungsorientierte Bewertungskriterien der Karlsruher Schule“ auf die von Grawe et. al. erhobenen Wirkfaktoren zurück und beurteilt das Coaching nach den Kriterien des Karlsruher Instituts für Coaching.

Michael Loebbert fokussiert auf die Qualität der Prozesssteuerung: „Wie gut gelingt die Steuerung eines Coachingprozesses?“ Dazu stellt er ein eigenes Phasenmodell für Coachingprozesse von, das dann die Folie der Bewertung bildet.

Ralph Schlieper-Damrich kombiniert die Gütekriterien, die Heß & Roth aufgestellt haben (Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität), mit Aspekten der Veränderungstheorie nach Prohaska und mit den Wirkfaktoren nach Grawe et. al. unter der Überschrift: „Multiperspektivische Wirksamkeitsbewertung eines innovativen weggestützten voice-to-voice Coachings“.

Astrid Schreyögg liefert die „Bewertung eines Coachingprozesses aus tiefenpsychologischer Sicht“. Auch sie kombiniert die Wirkfaktoren im Anschluss an Grawe mit einer Reihe eigener Kriterien zur Prozessbewertung.

Peter Szabo beschließt den Teil III mit dem Beitrag „Bewertung von Coachingprozessen: drei Sichtweisen mit unterschiedlichen Vorannahmen von Nützlichkeit“, die er den Kompetenzstufen der ICF entnimmt.

Teil IV ist überschrieben mit „Coachingfall A – ‚Vor einem großen Schritt nach vorn‘: Bewertung durch Klient und Coach“ und enthält einen Beitrag von Melanie Hasenbein mit dem Titel: „Rekonstrution eines Problemlösungsprozesses im Coaching aus Klienten- und Coachperspektive“. Sie analysiert vergleichend die Wahrnehmungsperspektiven, Deutungen und Bewertungen von Coach und Coachee im Coachingfall A.

Die Teile V, VI und VII behandeln den Coachingfall B in drei Bewertungsperspektiven: aus der Perspektive der Wissenschaft (Teil V), der der Praxis (Teil VI) und schließlich der der Klientin (Teil VII).

Eva-Maria Graf vollzieht die Ko-Konstruktion der Veränderung durch Coach und Klientin im Rahmen einer Linguistischen Evaluation eines Coaching-Prozesses nach.

Belinda Seeg und Astrid Schütz arbeiten mit dem Bamberger Coachingprozessmodell und den Wirkfaktorenmodell von Riedelbauch und Laux und analysieren mit diesem Repertoire den Coachingprozess B ebenfalls aus wissenschaftlicher Perspektive: Bewertung eines Coachings nach dem individuumszentrierten und ressourcenorientierten Bamberger Coachingansatz.

Teil VI wird von Uwe Böning mit dem Aufsatz „Worum geht es? Was ist das Problem? Was soll sich ändern?“ eingeleitet. Böning ist in diesem Band als Vertreter der Praxis eingeladen, zugleich aber ist er einer derjenigen, die sich besonders intensiv auch um die Ergebnisse der Coachingforschung kümmert (vgl. die Rezension zu Böning, Ergebnisse der Coachingforschung: www.socialnet.de/rezensionen/18906.php). Die von ihm entwickelten Beurteilungskriterien sind: Personenzentrierung, Beziehungsaspekt, Praxisbezogenheit, Zielerreichungsgrad, Zielorientierung, direktiver vs. non-direktiver Beratungsstil, Transfer und Nachhaltigkeit sowie Prozesshaftigkeit.

Martin Hagen und Sebastian Schlömmer analysieren den Prozess unter der Überschrift „Wege aus dem Arbeitsfrust – Lösungsfindung zwischen Selbstmarketing und Haltungsänderung“ nach den Kriterien Kontaktaufbau, Kontraktdefinition und Transfereinleitung und kommen zu dem Ergebnis, dass der analysierte Coachingprozess noch eine tiefere Ebene zeigt, in der es um Werte, Überzeugungen und Muster der Klientin geht.

Frank Strikker widmet unter der Überschrift „Kontakt, Kontext, Interventionen und Ressourcen – eine kriteriengeleitete Beurteilung eines Coachingprozesses“ auch den Kontextbedingungen des Coachings seine Aufmerksamkeit: Umgang mit den Medien Telefon und virtuellem Coaching und deren Bedeutung für die Interventionen.

Monika Wastian befasst sich ebenfalls mit den speziellen Bedingungen eines E-Coachingprozesses: „Wirkfaktoren auch im E-Coaching nutzen: Was passiert in der ‚Black Box‘ des virtuellen Coaching-Prozesses?“. Sie geht der Frage nach, ob in einem Online-Coaching dieselben Wirkfaktoren zum Tragen kommen wie in einem Face-to-face-Coaching.

Teil VII trägt die Überschrift „Coachingfall B – ‚Besser gesehen werden‘: Bewertung durch die Klientin“ und enthält einen Beitrag aus der Feder Robert Wegeners: „Veränderungsprozesse im Coaching. Eine auf der Erlebnisperspektive basierte Rekonstruktion der Entstehung funktionaler Deutungs- und Handlungsmuster“. Der Aufsatz analysiert die Wirkfaktoren von Coaching als eine Form von Unterstützung individueller Veränderungsprozesse.

Diskussion

Es ist ein spannendes Projekt, das die Herausgeber initiiert haben: Zum einen verschiedene Bewertungskriterien aufzuzeigen und zu reflektieren, um dann zum anderen Bewertungskriterien aus Wissenschaft, Praxis und Klientensicht auf zwei konkrete Coachingfälle anzuwenden, denn das ist der Realitätscheck für zunächst in der Theorie entworfene Konzepte. Diese multiperspektivische Arbeit zeigt auf jeden Fall eines: dass es Kriterien gibt, nach denen die Qualität von Coachingprozessen beurteilt werden kann, so dass die Bewertung aus der Subjektivität von Coach oder Coachee herausgelöst wird. Der Bogen, den der Band beschreibt, ist dabei weit: Er reicht vom reflektierten Erfahrungswissen der Praktiker über Ergebnisse aus der psychologischen Forschung bis hin zu einer linguistischen Analyse des speziellen „Diskurstyps ‚Coaching‘“.

Es gibt kein Ergebnis im dem Sinne, dass nun ein objektiver Kriterienkatalog für die Bewertung von Coachingprozessen vorläge - einer Objektivität kann man sich in hermeneutischen Prozessen ohnehin immer wieder nur prozessual, also diskursiv nähern. Aber eben dieser Diskurs wird durch das Buch erheblich und fachkompetent angereichert: Es lässt sich nun begründeter über Qualität im Coaching reden. Und das ist ein wichtiger, oder besser: unerlässlicher Schritt auf dem Weg zur Professionalisierung dieses Beratungsformates. Allen Professionals im Coaching sei deshalb dieses Buch empfohlen: als Vergewisserung, als Möglichkeit der Überprüfung der eigenen Praxis, als Argumentationshilfe in Fachdiskursen, als Verstärkung des Fundaments eigener Professionalität.

Fazit

Der Band behandelt die Frage, welche Kriterien für eine Bewertung von Coachingprozessen benannt werden können und sich als tragfähig erweisen. Neben denen der Wissenschaft kommen die der Praktiker zu Wort und schließlich auch die der Klienten selbst. Die eingangs gestellte Frage von Geißler, wer bei der Bewertung von Coachingprozessen des erste und wer das letzte Wort behalten soll, kann man zugespitzt mit „Niemand“ beantworten – oder eben: Alle. Denn der Diskurs wird weitergehen, und wie Coaching ein diskursiver Prozess ist, so auch die Verständigung über die Qualität von Coachingprozessen.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 10.02.2016 zu: Harald Geißler, Robert Wegener (Hrsg.): Bewertung von Coachingprozessen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-04139-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18907.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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