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Thomas Kirn, Liz Echelmeyer u.a.: Imagination in der Verhaltenstherapie

Cover Thomas Kirn, Liz Echelmeyer, Margarita Engberding: Imagination in der Verhaltenstherapie. Springer (Berlin) 2015. 2., vollst. überarbeitete Auflage. 283 Seiten. ISBN 978-3-662-44897-7. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 56,00 sFr.
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Thema

Das in 2. Auflage 2015 erschienene Buch beschäftigt sich mit Techniken, die die Verhaltenstherapie im Kontext der sogenannten „dritten Welle“ der Kognitiven VT (KVT) erweitern: Imaginationsmethoden. Den Autoren geht es einerseits darum, Imaginationsmethoden sinn- und planvoll in die Verhaltenstherapie zu integrieren, andererseits an Beispielen für bestimmte Störungen dieses Ansinnen zu konkretisieren.

Autor und Autorinnen

Dr. Kirn und Liz Echelmeyer sind niedergelassene psychologische Psychotherapeuten in freier Praxis, Margarita Engberding arbeitet in der Psychotherapie-Ambulanz an der Uni Münster. Alle Autoren sind zudem als Dozenten und SupervisorInnen in der Ausbildung zur Verhaltenstherapie tätig.

Entstehungshintergrund

Den Autoren ist es ein Anliegen, den mittlerweile vielfältigen Imaginationsmethoden eine theoretische und praktische Heimat in der Verhaltenstherapie zu geben, indem sie solche Methoden in den Kontext von Plan- und Zielanalyse sowie konsequenter Methodenwahl und Therapieevaluation integrieren wollen. Sie grenzen sich hierbei ausdrücklich von einem wenig theoriegeleiteten, fast esoterischem Einsatz solcher Methoden ab.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile untergliedert:

  • Teil I stellt in drei Kapiteln die psychologischen und methodischen Grundlagen der verhaltenstherapeutischen Arbeit mit Imagination vor.
  • Teil II beinhaltet in fünf Kapiteln analog der Problemanalyse sensu Bartling , wie imaginative Methoden in allen Phasen der Diagnostik und der Auswahl von Veränderungsschritten ergänzend zu anderen Verfahren der Verhaltenstherapie (VT) eingesetzt werden können.
  • Teil III schließlich stellt quasi als Praxisteil in acht Kapiteln prominente Störungen des Erlebens und Verhaltens von Menschen vor und fokussiert hierbei auf sinn- und planvollen Einsatz imaginativer Methoden.

Der interessiert Leser sei auf das ausführliche Inhaltsverzeichnis unter www.springer.com/de/book/9783662448977 verwiesen.

Zu Teil I

Die drei Kapitel des ersten Teils beschäftigen sich mit einer Grundlegung von Imagination als Methode der Verhaltenstherapie. Die Autoren berücksichtigen die Erfahrungen in anderen Therapieschulen, kritisierten hierbei aber den weitgehend theoriefreien, eklektisch unreflektierten Einsatz. Dem gegenüber stellen Sie ein Konzept vor, dass Erfahrungen der Hypnotherapie, des NLP und des Focusing sowie des Katathymen Bilderleben berücksichtigt, aber hierüber hinausgeht. Im Sinne der Bio-Informationstheorie von Lang halten sie insbesondere die Prozesse für bedeutsam, unter denen Imaginationsinstruktionen zu emotionalen Reaktionen führen. Vorstellungskomponenten werden im Langzeitgedächtnis netzartig gespeichert und miteinander verknüpft. Hieraus werden Konsequenzen für die Gestaltung verbaler Imagination-Instruktionen abgeleitet, die neben einem „image Cue“ eine genaue Beschreibung der Situation und der Handlungsoptionen beinhalten sollte und (3.) durch ein „action set“ abgerundet werden – der Klient soll nicht von außen eine Situation beobachten, sondern aktiv in die Situation hineingehen, damit veränderungsrelevante Emotionen erfahrbar werden können. Dementsprechend spielen drei Bedingungskomplexe für das Entstehen relevanter emotionaler Inhalte ein Rolle: Entspannung und Aufmerksamkeits-fokussierung für innere Prozesse, Lebhaftigkeit und Detailgenauigkeit der Vorstellungen, sowie Kontrollierbarkeit der Vorgänge. Die Autoren erläutern dies auch mithilfe von Beispiel-Formulierungen für Imaginations-Induktionen.

Richtig beschäftigt sich das 2. Kapitel des Buches mit Voraussetzungen für die Arbeit beim Klienten und Therapeuten. Dass dabei die Beziehung zwischen beiden bedeutsam ist, versteht sich von selbst- gleichfalls die Notwendigkeit, den Klienten über den Stellenwert von Imagination in der Veränderungsarbeit aufzuklären und zur Mitarbeit zu motivieren. Erst danach thematisieren die Autoren -unterstützt wieder durch Beispiele- die Gestaltung von Imaginationsinstruktionen. Im 3. Kapitel des 1. Teils wird dann der Problemlöse-Ansatz benutzt, um die Methode sinnvoll in ein gesamttherapeutisches Konzept zu integrieren.

Zu Teil II

Ausgeführt wird dies im 2. Teil des Buches. Problemdefinition, Konkretisierung im situa-tiven Kontext, Pläne und Ziele sowie Veränderungsschritte und deren Dimensionierung… dies wird immer unterstützt durch Beispiele systematisch entwickelt ganz im Sinne bewährter verhaltenstherapeutischer Vorgehensweise.

Zu Teil III

Im Teil III des Buches wird das vorher entwickelte Konzept und Instrumentarium auf bestimmte Störungen angewandt und anhand von Therapiebeispielen anschaulich gemacht.

Hierbei werden folgende Störungen kapitelweise vorgestellt: Stress und chronische Spannungszustände, Depression, Angststörungen, Zwänge, Posttraumatische Belastungs-störungen, Schlafstörungen, Schmerz und Essstörungen.

Die Unterkapitel sind ähnlich aufgebaut- worauf am Beispiel „Stress und chronische Spannungszustände“ näher eingegangen werden soll.

Die Autoren stellen zunächst definitorisch den Begriff „Stress“ klar, und stellen knapp in Anlehnung an Henry die situationsspezifischen neuroendokrinologischen Konsequenzen dar, berichten Stresstypen und -bewältigungsstrategien. Sie belegen den Einsatz von Imagination in der diagnostischen Phase mithilfe von Stresstagebüchern oder dem Stress-Barometer, bevor sie beim Thema Stressbewältigung wie vorher auch schon anhand von Beispielen das Procedere anschaulich machen. Hierbei flechten Sie Übungen und Geschichten ein, die anleitend für Klienten bei Überbelastung sinnvoll sind. Ausführliche Transkripte von Imaginationsanleitungen werden vorgestellt und hierbei auch auf körperliche Besonderheiten eingegangen- Beispiel: Entspannung durch Imagination von Atmung oder Herzschlag und Körperreise. Die Vielfalt vorgestellter Übungen ist instruktiv.

Diskussion

Die Berücksichtigung mentaler Bilder in der Verhaltenstherapie ist wegen deren Wissenschaftsverständnis sicherlich eine schwierige Thematik. Zweifelsfrei spielen sie in der Entwicklung von gestörten Verhalten und Erleben eine zumindest vermittelnde Rolle -gleichwohl ist ihre valide Erfassung problematisch. Gerade deshalb ist das Anliegen der Autoren wertzuschätzen, Imagination als Methode sinnvoll in einen Gesamtzusammenhang verhaltenstherapeutisch fundierter Veränderungsarbeit zu integrieren. Dies gelingt auch wegen der vielen Beispiele überwiegend überzeugend, auch wenn die Autoren (bewusst) gewisse Redundanzen nicht vermeiden können oder wollen. Die Darstellung ist in jedem Fall inspirierend und kann helfen, auch eine kreative Methode zu erproben und zielführend anzuwenden.

Fazit

Dem „Neuling“ auch in Ausbildungskontexten kann das Buch uneingeschränkt empfohlen werden, dem Psychotherapie-Praktiker (etwa jemanden mit Erfahrungen in der schema-therapeutischen Anwendung von Imagination oder dem hypotherapeutisch Geschulten) wird das Buch kaum einen Erkenntnisgewinn vermitteln können, gleichwohl die kreative Anwendung von Imagination anregen.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 16.07.2015 zu: Thomas Kirn, Liz Echelmeyer, Margarita Engberding: Imagination in der Verhaltenstherapie. Springer (Berlin) 2015. 2., vollst. überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-662-44897-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18908.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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