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Ulrich Deinet, Michael Janowicz (Hrsg.): Berufsperspektive Offene Kinder- und Jugendarbeit

Cover Ulrich Deinet, Michael Janowicz (Hrsg.): Berufsperspektive Offene Kinder- und Jugendarbeit. Bausteine zur Personal- und Berufsentwicklung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-3270-3. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

„Die Attraktivität der OKJA (d.h. der offenen Kinder- und Jugendarbeit, PUW) ist leider unglaublich schlecht“, sagt ein/e ungenannte/r Experte/Expertin in einem Interview im Rahmen der vorliegenden Veröffentlichung (S. 118). Schon 1993 schrieb Martin Nörber („Nachwuchsprobleme“ in der „Profession Jugendarbeit“; in: Sozialmagazin 3/1993: 36-43): „Viele Bereiche der sozialen Arbeit klagen seit einiger Zeit über fehlenden ehrenamtlichen Nachwuchs und über kaum noch qualifizierte hauptamtliche Bewerber für die pro­fessionellen Tätigkeiten. Allseits bekannt ist die Rede vom ‚Erziehernotstand‘, ‚Altenpflegernotstand‘ und vom ‚Pflegekräftemangel‘. Dass dies nicht nur vordergründiges träger- und berufspolitisches Lamentieren, sondern ein – vielschichtig begründetes – reales Problem ist, wird kaum noch bestritten. Einige Beobachtungen und Erfahrungen in der Jugendarbeit verweisen – neben der Diskussion um die Ehrenamtlichkeit – seit einiger Zeit auf ein ähnliches Problem in diesem Arbeitsfeld und provozieren die Frage: Droht hier ein weiterer ‚Notstand‘ bzw. eine neue ‚Professionskrise‘?“ Die Klage ist bald 25 Jahre alt, das Gespräch darüber aber wird auch jetzt (noch) und intensiv geführt, wie das irgendwann einmal zwischen 2012 und 2014 geführte Interview, aus dem das eingangs zitierte Statement stammt, verdeutlicht.

Der vorliegende, von Ulrich Deinet und Michael Janowicz herausgebrachte Band verspricht, neue Hinweise für dieses Gespräch zu liefern. In der Einführung schreiben die beiden Herausgeber, dass sie „einen – bislang eher vernachlässigten – Blick auf das Arbeitsfeld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) richten, der insbesondere die Entwicklung und die Berufsperspektiven des Personals in den Fokus nimmt“ (S. 7). Dabei beziehen sie sich auf Erkenntnisse aus dem von 2012 bis 2014 durchgeführten Modellprojekt „Berufsperspektive Offene Kinder- und Jugendarbeit“, das durch den Landschaftsverband Rheinland (LVR) initiiert sowie finanziert und vom Jugendamt der Landeshauptstadt Düsseldorf durchgeführt wurde. Die wissenschaftliche Begleitung übernahm die von Deinet geleitete Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung (FSPE) der Hochschule Düsseldorf. Auf der Grundlage empirischer Erhebungen (Interviews, Gruppendiskussionen, quantitative Befragungen usw.) wurden Antworten zu den das Design des Projekts bestimmenden Leitfragen geliefert: Wie attraktiv ist die OKJA (für Berufseinsteiger/innen)? Welche besonderen Herausforderungen stellen sich beim Berufseinstieg in das Arbeitsfeld? Welche Möglichkeiten der Weiterentwicklung und Qualifizierung im Feld sind gegeben? Wie wirkt sich eine lange Verweildauer der Fachkräfte auf die Arbeit aus? Welche Perspektiven existieren für berufserfahrene und älter gewordene Mitarbeiter/innen?

Herausgeber

Dr. Ulrich Deinet, Dipl-Pädagoge, ist Professor für Didaktik/Methodik an der Hochschule Düsseldorf, Leiter der Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung (FSPE) und Mitherausgeber des Online-Journals Sozialraum.de. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Kooperation von Jugendhilfe und Schule, Sozialräumliche Jugendarbeit, Sozialraumorientierung sowie Konzept- und Qualitätsentwicklung.

Michael Janowicz, Dipl. Sozialpädagoge, M.A. „Kultur, Ästhetik, Medien“, ist Referent bei der Arbeitsstelle „Kulturelle Bildung in Schule und Jugendarbeit NRW“ an der Akademie Remscheid; zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung (FSPE) an der Hochschule Düsseldorf.

Aufbau

Die Herausgeber unternehmen „in diesem Buch den Versuch, möglichst vielfältige Aspekte rund um das Thema der Berufsperspektiven in der OKJA einzubeziehen“. Dabei „steht vor allen Dingen der Gedanke des Transfers im Vordergrund, also der Wunsch, Anregungen für Fachkräfte im Feld sowie für Verantwortliche in Führungspositionen zu schaffen“ (S. 9). In diesem Sinne ergibt sich auch die Gliederung des Bandes in drei Abschnitte, wobei die Befunde des Projekts insbesondere im zweiten Abschnitt des Bandes dargestellt und in den abschließenden Empfehlungen reflektiert werden.

Zu Abschnitt 1

Der erste Abschnitt („Aktuelle Situation des Feldes, Herausforderungen, Rückblick“) enthält eine Reihe von eher einordnenden Beiträgen zur Lage und Verfasstheit der offenen Kinder- und Jugendarbeit generell.

  • „Herausforderungen und Organisationsebenen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit als Grundlagen für die Entwicklung einer Berufsperspektive für das Arbeitsfeld“ (S. 12-24) von Ulrich Deinet und Michael Janowicz,
  • „‚Noch Luft nach oben …‘ Ein Gespräch zur Personalentwicklung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit“ von Katja Müller (S. 25-37),
  • „(Offene) Kinder- und Jugendarbeit als Berufsfeld. Empirische Befunde zur Entwicklung der Personalsituation“ von Jens Pothmann (S. 38-55).
  • Und abschließend „‚Da wirst Du nicht alt!‘ – Die Diskussion um Rolle und Perspektive von Jugendarbeiter/innen in den 1980er-Jahren und ihre Relevanz für die aktuelle Situation“ nochmals von Ulrich Deinet (S. 56-65).

Zu Abschnitt 2

Im zweiten Abschnittdes vorliegenden Bandes („Das Modellprojekt“) beschreiben die Herausgeber zunächst den fachlichen Hintergrund, die bearbeiteten Ebenen sowie die durchgeführten methodischen Schritte des Projekts (S. 68-73).

Michael Janowicz („Empirische Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung im Düsseldorfer Modellprojekt ‚Berufsperspektive Offene Kinder- und Jugendarbeit‘“) stellt dann die Ergebnisse der empirischen Bestandsaufnahme aus der Perspektive der beteiligten Akteursgruppen (Student*innen, Berufseinsteiger*innen, Leitungskräfte, besonders berufserfahrene Fachkräfte und Mitarbeiter*innen der Steuerungsebene) einbeziehen (S. 74-113). Unter anderem weist Janowicz darauf hin, dass die für die offene Kinder- und Jugendarbeit spezifischen Inhalte im Studium „nur schwach vertreten“ sind (S. 75). Der Praxisbezug sei „zu gering“, das Studium bereite alleine (ohne Praxiserfahrungen) „kaum“ auf die Arbeit in der OKJA vor; in einem Experteninterviewheißt es dazu wörtlich: „Die Dinge, die man in der Praxis lernt, die kriegt man nicht im Studium mit. Das ist einfach so. Deswegen war für mich die Kombination aus Theorie (Studium) und Praxis (Honorartätigkeit) der entscheidende Aspekt. Das hat genau die richtige Ergänzung gegeben“ (S. 76). Die offene Kinder- und Jugendarbeit spielt bei der Studienwahl überwiegend keine Rolle (S. 89), sie bildet keinen Referenzrahmen, der Menschen motivieren könnte, sich für eine berufliche Tätigkeit eben dort zu entscheiden. Das aufgrund der Reformen der einschlägigen Studiengänge nunmehr fehlende Anerkennungsjahr stelle sich als zentrale Problematik beim Berufseinstieg dar (S. 80).

Hanna Obert („‚Man kriegt so viel mit in diesem Arbeitsfeld …‘ – Die bundesweite Sicht von Führungskräften großer Träger auf Berufsperspektiven in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit“) ergänzt die Befunde, indem sie eine bundesweite Befragung und einen Workshop mit Führungskräften (von großen Trägern der Kinder- und Jugendarbeit einbringt, die Ergebnisse analysiert und die zentralen Befunde zusammenfasst (S. 114-145).

Marina Stenert (Mitarbeiterin in der Abteilung Jugendförderung beim Jugendamt der Stadt Düsseldorf) beschreibt die Erfahrungen aus „Einführungskurs für neue Mitarbeiter/innen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Düsseldorf – Ein Erfahrungsbericht aus der Pilotphase“ (S. 146-155), einem aus acht Themen zusammengesetzten Kursprogramm (Auftrag und übergeordnete Strukturen der OKJA (in Düsseldorf), Aktuelle Herausforderungen für die OKJA, Sozialraumorientierung als zentraler Handlungsgrundsatz, Sozialraumorientierung in der OKJA, OKJA als Arbeitsfeld im Kontext der Jugendhilfe, OKJA als professionelles Handlungsfeld, Konzeptionelle Besonderheiten der OKJA in Düsseldorf, Projekt- und Konzeptentwicklung; S. 148ff), der in seiner Gesamtheit von den Teilnehmer*innen mit der Note „1,5“ bewertet wurde und „abschließend als erfolgreich eingestuft werden“ kann (S. 154).

Im den Abschnitt abschließenden Beitrag stellen Stefan Glaremin und Wendelin Dutenhöfer („Personalentwicklung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit am Beispiel eines Großstadtjugendamts“) bestehende Bausteine der Personal- und Qualitätsentwicklung beim Jugendamt der Stadt Düsseldorf vor (S. 156-165). Glaremin (Abteilungsleiter Kinder- und Jugendförderung beim Jugendamt der Landeshauptstadt Düsseldorf) und Dutenhöfer (Koordinator für Kinder-und Jugendförderung im selben Jugendamt) setzen sich in ihrem Beitrag unter anderem mit dem Älterwerden in und dem Ausstieg aus der offenen Kinder- und Jugendarbeit auseinander: Sie weisen darauf hin, dass Perspektivseminare zur beruflichen Weiterentwicklung (z.B. ein Seminar „50plus – ich gestalte mein weiteres Berufsleben“) mit Angeboten des betrieblichen Gesundheitsmanagements und weiteren Aspekte zur Personalentwicklung (z.B. Coachingangebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Vereinbarungen zur Teilzeitarbeit im Jugendamt, Elternzeit und Beurlaubung sowie Maßnahmen zur Familienförderung oder Stundenreduzierung für ältere Mitarbeiter/innen) verschränkt werden müssen (S. 163). Interessant dürfte dabei die implizite Aufforderung sein, damit nicht erst ab dem grenzalter 50 zu beginnen, sondern deutlich früher, z.B. durch ein Seminar „30plus – ich gestalte mein weiteres Berufsleben“ (S. 160).

Zu Abscchnitt 3

Im dritten Abschnitt („Erweiterter Blick und Empfehlungen“) werden unterschiedliche Aspekte und Erfahrungen beleuchtet, die, so jedenfalls die Herausgeber, auch für die offene Kinder- und Jugendarbeit von Bedeutung sein könn(t)en:

  • Hildegard Pamme berichtet über Personalentwicklung im Allgemeinen Sozialen Dienst (S. 168-183),
  • Caterin Mende bringt Überlegungen zur erfolgreichen Gewinnung und langfristigen Bindung neuer Mitarbeiter*innen ein (S. 184-197),
  • Heide Buberl-Mensing steuert Überlegungen zum Feld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit aus der Sicht der Supervision bei (S. 198-207) und
  • Ulrich Deinet reflektiert „Neue Ansätze zur Organisationsentwicklung von Einrichtungen, Teams und Trägern in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit“ (S. 208-223).
  • Er, Michael Janowicz, (Professor für Verwaltung und Organisationswissenschaft an der Hochschule Düsseldorf) und Martina Leshwange (Fachberaterin Jugendarbeit im Landesjugendamt Rheinland) legen schließlich eine Reihe von „Empfehlungen“ vor, mit denen der Band abgeschlossen wird (S. 224-235).

Zielgruppen

Sicher: Der vorliegende Band ist für jede/n interessant, der/die im Handlungsfeld insbesondere der offenen Kinder- und Jugendarbeit tätig ist und Anregungen sucht, dort tätige Fachkräfte zu gewinnen, weiterzuentwickeln (Personalentwicklung zu betreiben) und angemessene Strukturen zu gestalten, um z.B. in der Kooperation mit Hochschulen das Feld zu bestellen. Im Kern aber wendet sich der Band an ein eher überschaubares Publikum: die in Großstädten tätigen Verantwortlichen, die die offene Kinder- und Jugendarbeit zu entwickeln und zu gestalten haben (d.h. die Geschäftsführer*innen freier Träger von Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit und in den Jugendämtern für dieses Arbeitsfeld zuständige Abteilungsleiter*innen oder Jugendreferent*innen).

Diskussion

Es sind die abschließenden Empfehlungen, die neben den im zweiten Abschnitt ausgebreiteten Befunden den vorliegenden Band für die Weiterentwicklung der offenen Kinder- und Jugendarbeit insbesondere in (groß-) städtischen Kontexten aufschlussreich machen. Die beiden Herausgeber sowie Reinhard Liebig und Martina Leshwange kommen rasch auf den Befund zu sprechen, dass die Befragungen der unterschiedlichen Akteure (Studierende, Berufseinsteiger/innen, Führungskräfte u.a.) „nicht vollkommen neue Erkenntnisse hervor(bringen)“: „Bestätigt hat die Befragung von Führungskräften mit Personalverantwortung aus dem gesamten Bundesgebiet die Annahme, dass die Entwicklungen und Herausforderungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Düsseldorf auch in anderen Kommunen ähnlich zu beobachten sind“ (S. 224).

Michael Janowicz hatte in diesem Sinne z.B. schon in seinem Beitrag zusammenfassend konstatiert, dass sich „ein deutliches Bild“ abzeichne: „Das Arbeitsfeld der OKJA bzw. ihre spezifischen Inhalte sind in den Studiengängen nur schwach vertreten. Das wird von fast allen befragten Akteuren bemängelt“. Zudem formulierten die befragten Leitungskräfte recht übereinstimmend die Einschätzung, „dass den jungen Kolleg/innen beim Einstieg in die OKJA noch viele Kompetenzen fehlen würden“ (S. 91). In Bezug auf die Ausbildung, Studium und Berufseinstieg fällt die Bilanz, so Deinet, Janowicz, Liebig und Leshwange in ihren abschließenden Empfehlungen, ernüchternd aus: Einmal mehr wird bestätigt, dass (auch die offene) Kinder- und Jugendarbeit in den Studiengängen der Sozialen Arbeit „keine große Rolle“ spielt (S. 224).

Für die Attraktivität des Arbeitsfeldes aber, so lässt sich ein Teil der in Empfehlungen mündenden Überlegungen bündeln, kommt dem Transfer zwischen Praxis und Hochschulen eine erhebliche Bwdeutung zu. Hochschulen und berufliche Praxis, so Deinet, Janowicz, Liebig und Leshwange, „haben sich in den letzten Jahren leider weiter auseinanderentwickelt“. Die Entwicklungen im Hochschulbereich nach dem Bologna-Prozess haben aus Sicht der Praxis „zu einer Unüberschaubarkeit“ der sehr unterschiedlichen Studien- und Praxisordnungen geführt (S. 230). Die erleichtert nicht den Zugang der Praxis, mit Hochschulen ins Gespräch zu kommen, welche Anforderungen an künftige beruflich in der offenen Kinder- und Jugendarbeit tätige Fachkräfte zu stellen sind.

Aus Sicht der Praxis sei nicht davon auszugehen, „dass es an den Hochschulen Lehrkräfte gibt, die von sich aus auf die OKJA zugehen“; daher kommt die berufliche Praxis „nicht umhin, nach geeigneten Ansprechpartner/ innen an den jeweiligen Ausbildungsstätten zu suchen“ (S. 230). Jugendämter und große freien Träger müssten stärker auf die Wissenschaft zugehen und fundierte Kontakte herstellen. Die empirischen Ergebnisse zeigten, dass Praktika für Student*innen „wesentliche Türöffner“ in die offene Kinder- und Jugendarbeit darstellen, aber sie in geeigneter Form anzubieten, sie fachlich hochwertig zu begleiten und sie im Rahmen einer institutionalisierten Kooperation zwischen Praxis und Hochschulen zu etablieren, „das scheinen nach wie vor große Herausforderungen zu sein“ (S. 231). Die Beliebigkeit und Zufälligkeit, mit der z.B. Praktikumsstellen besetzt werden, „müsste zugunsten einer zielorientierten Akquise, einer strukturierten Kommunikation zwischen Hochschule und Praxis überwunden werden“ (S. 230). Auch die Anfragen von Trägern mit dem Ziel, bestimmte fachliche Themen durch studentische Semester- oder Abschlussarbeiten bearbeiten zu lassen, erscheint „zwar theoretisch denkbar und auch für die Studierenden interessant, allerdings passen insbesondere die zeitlichen Rahmen oft nicht zusammen“ (S. 231f).

Deinet, Janowicz, Liebig und Leshwange regen deshalb an (ohne freilich den Weg zu skizzieren, wie dies geschehen kann), die Zahl der Praxisforschungs- und Transferprojekte im Feld der OKJA zu erhöhen. Sicher ist es richtig, darauf hinzuweisen, dass dies z.B. im Rahmen der Erstellung neuer Kinder- und Jugendförderpläne möglich sei, und es ist sicher auch zutreffend, dass dies zugleich dabei helfen kann, die in der Praxis „häufig“ vorhandenen „starke(n) Defizite“ bei der Ausarbeitung von Konzeptionen und Plänen auszugleichen, sich also an dieser Stelle eine Unterstützung durch die Hochschulen für die Praxis „mehr als sinnvoll“ erweisen werde. Auch könne es zu einem Geschäft auf Gegenseitigkeit werden, denn von der Praxis begleitete Forschungsprojekte könnten „die Angebote der Hochschulen attraktiver machen und bei den interessierten Studierenden dem häufig beklagten Mangel an Praxisbezug entgegenwirken“ (S. 232). Offen bleibt freilich auch hier, wie der Kontakt hergestellt, wie das Interesse in der den Hochschulen an einem auch dort wenig wohlbetrachteten und kaum mehr akzeptierten Arbeitsfeld geweckt und belastbare Arbeitsbeziehungen zwischen ungleichen Partner*innen aufgebaut werden können. Der hohen Attraktivität vermeintlich (!) auf fröhliche Beratung und schickes Case Management abstellenden Arbeitsgebiete wie dem Allgemeinen Sozialen Dienst hat die offene Kinder- und Jugendarbeit eben nur wenig entgegenzusetzen. Ihr Dilemma, einerseits auf akademisch gut qualifizierten Nachwuchs angewiesen zu sein und zugleich andererseits doch zu wissen, dass es an der Qualifikation aufgrund einer nur gering ausgeprägten Bewusstseins für die besonderen Arbeitsanforderungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit in der hochschulischen Lehre mangelt, ändern solche Empfehlungen eben noch nichts. Konsequent ist es daher nur, mit Deinet, Janowicz, Liebig und Leshwange zu wissen, was auch der Einführungskurs vermittelt habe, dass es nämlich „sehr hilfreich sein (kann), in einem solchen Kurs auch ‚Defizite‘ aus dem Studium auszugleichen“ (S. 225).

Vielleicht ist es an diesem Punkt zunächst ein Weg, an die großen Träger der offenen Kinder- und Jugendarbeit zu appellieren, z.B. die (wachsende) „Vielschichtigkeit des Arbeitsfeldes transparenter (zu) machen“ (S. 225).

Fazit

Ja, der von Deinet und Janowicz herausgegebene Band ist zu empfehlen: Hier liegt eine aufschlussreiche Sammlung von Beiträgen vor, die Impulse für die Personal- und Organisationsentwicklung in der offenen Kinder- und Jugendarbeit großer Städte liefert. Den eingangs angedeuteten (Selbst-) Anspruch der beiden Herausgeber, möglichst vielfältige Aspekte rund um das Thema der Berufsperspektiven in der offenen Kinder- und Jugendarbeit einbeziehen zu wollen, erfüllt die Publikation. Die Veröffentlichung bestätigt die in der Praxisberatung bereits vielfältig gewonnenen Erkenntnisse in Bezug auf die Attraktivität des Arbeitsfeldes, Zugänge und berufliche Entwicklungsperspektiven. Sie verweist darauf, dass das Thema „Älterwerden“ in der offenen Kinder- und Jugendarbeit nicht zwingend ein Problem für die Fachkräfte selbst sein muss, dass das Arbeitsfeld also auch vielfältige Optionen für berufliche Zufriedenheit bietet.

Zugleich verweist sie implizit auch auf eine Blindstelle: Offene Kinder- und Jugendarbeit findet – wie Kinder- und Jugendarbeit genuin – eben nicht nur in Großstädten statt, sondern überwiegend eben dort nicht. Es ist an der Zeit, die Wahrnehmung der Bedarfslagen für eine zeitgemäße Ausbildung von Fachkräften der (auch offenen) Kinder- und Jugendarbeit in den vielen Klein- und Mittelstädten und im ländlichen Raum zu öffnen und dort ebenso die aktuellen Anforderungen an die Personal- und Organisationsentwicklung unter oft sehr prekären (durch Befristungen, Erwartungen an ehrenamtliche Tätigkeit und schwache/fragile Mittelausstattung gekennzeichneten) Bedingungen zu reflektieren. Auch dafür bietet der vorliegende Band ausreichend „Munitionierung“ im Sinne einer Anregung für ein eigenständiges Forschungsprojekt, das – im Übrigen endlich einmal – auch die Differenz zwischen offener Kinder- und Jugendarbeit in Ost- und Westdeutschland mit in den Blick nehmen könnte.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 06.11.2017 zu: Ulrich Deinet, Michael Janowicz (Hrsg.): Berufsperspektive Offene Kinder- und Jugendarbeit. Bausteine zur Personal- und Berufsentwicklung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3270-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18915.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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