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Gerhard Klas, Philip Mader (Hrsg.): Rendite machen und Gutes tun? ( Mikrokredite)

Cover Gerhard Klas, Philip Mader (Hrsg.): Rendite machen und Gutes tun? Mikrokredite und die Folgen neoliberaler Entwicklungspolitik. Campus Verlag (Frankfurt) 2014. 217 Seiten. ISBN 978-3-593-50112-3. 19,90 EUR.
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Thema

Mikrokredite werden in den Medien oft als Wunderwaffen gegen die Armut in der 3. Welt gepriesen. Unter dem Stichwort „Social Business“ wirbt die Mikrofinanzindustrie für eine angeblich humane Marktwirtschaft. Doch der schöne Scheint rügt. Drei Jahrzehnte nach Gründung der weltbekannten Grameen Bank durch Muhammad Yunus haben sich die Heilsversprechen der Mikrofinanzindustrie nicht erfüllt. Im Gegenteil: Mikrokredite mit teilweise exorbitant hohen Zinsen bürden Menschen mit unsicheren Existenzen und wenig Chancen zusätzliche Schulden und Risiken auf. In dem Buch wird gezeigt, warum der Versuch, Armut mit Schulden zu bekämpfen, gescheitert ist, und wie eine nachhaltigere Entwicklungszusammenarbeit aussehen sollte.

Herausgeber

Gerhard Klas ist Journalist und Sachbuchautor. Dr. Philip Mader ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie an der Universität Basel.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand in Folge der Fachtagung „Drei Jahrzehnte neoliberale Entwicklungspolitik und Mikrofinanz: Eine Bilanz“. Sie wurde im August 2013 unter dem Dach des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung (MPIfG) in Köln durchgeführt.

Aufbau

Das Buch enthält neben der Einleitung der Herausgeber sechzehn bewusst sehr kurz gefasste Beiträge der ReferentInnen der oben genannten Tagung, die den folgenden Unterthemen zugeordnet worden:

  1. Versprechen und Realitäten der Mikrofinanz
  2. Neue Entwicklungen und falsche Alternativen
  3. Schulden und die neoliberale Kolonisierung von Lebenswelten
  4. Anhang: Mikrofinanz: Fragen und Antworten (F.A.Q.)

Ausgewählte Inhalte

Einleitung der Herausgeber: „Durch unsere Mikrokredite leisten wir langfristig Hilfe zur Selbsthilfe. Wir haben mehr als zwei Millionen Menschen dabei unterstützt, den Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit und Armut zu durchbrechen und sich eine eigene Existenz aufzubauen. Wir meinen es also ernst mit unserem nachhaltigen Handeln und gesellschaftlicher Verantwortung. Und wir wollen damit auch dokumentieren, dass Markt und Moral keine Gegensätze sind, sondern zum Wohle aller miteinander harmonieren.(Dr. Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank AG, in seiner Rede auf der Aktionärshauptversammlung am 26. Mai 2009)

Das Buch entstand, um ein Gegengewicht zur nach wie vor dominanten Darstellungsweise der Mikrofinanzkonzerne in ihren Werbeprospekten und Präsentationsfilmen zu bieten. Drei Jahrzehnte nach Gründung der weltbekannten Grameen Bank durch den Nobelpreisträger Muhammed Yunus aus Bangladesch, mehren sich die Stimmen von WissenschaftlerInnen und JournalistInnen, die keine belastbaren Beweise für die in den Massenmedien berichteten Erfolge des „Social Business Microfinance“ finden konnten. Einer wirklichen Auseinandersetzung mit dieser Kritik versuchen die Public-Relation-Akteure der Mikrofinanzindustrie mit hohlen Phrasen auszuweichen: Selbstmordwellen unter MikrokreditteilnehmerInnen sind unglückliche Einzelfälle, Zinsen bis zu 195 Prozent gibt es nur bei schwarzen Schafen, absichtliche Täuschung der Kunden über extrem hohe Zinsen ist die Ausnahme von der Regel. Glaubt man den Vertretern der Mikrofinanzindustrie, so funktioniert das Geschäftsmodell bis auf ein paar Ausnahmen gut. Der Mikrokredit löst selbst im Idealfall die wirtschaftsstrukturellen Probleme der Armut nicht. Hinzu kommt jedoch, dass die meisten Kredite von den Armen gar nicht für Geschäftszwecke, sondern für Konsum und Versorgung eingesetzt werden (müssen).

Maren Duvendack beschäftigt sich mit der Beweislage zur positiven Wirksamkeit von Mikrokrediten. Sie beschreibt, mit welchen Methoden die Mikrofinanzforschung bisher gearbeitet hat, und erläutert die wegweisende Studie ihrer Forschungsgruppe, die 2011 alle verfügbaren Untersuchungen auswertete und zu folgendem Fazit gelangte. Es ist unklar, ob und unter welchen Umständen Mikrofinanz einen Nutzen für die Armen hat. Die Autorin hinterfragt, wie robust und zuverlässig die Ergebnisse viel zitierter Forschungsarbeiten sind, auf die die Mikrofinanzanhänger ihre Behauptungen der Armutsreduktion und der Frauenemanzipation stützen. Sie gelangt dabei zu dem Fazit, dass es bisher weder für positive noch für negative Effekte überzeugende Beweise gibt.

Anschließend diskutiert Christa Wichterich die Ursachen und Folgen der jüngsten Mikrofinanzkrisen in Indien. Kein anderes Land, außer Bangladesch, verkörpert so sehr die vermeintlichen Erfolge der kommerziellen Mikrofinanz, bis die Selbstmorde zahlreicher SchuldnerInnen dem Goldrausch im Jahr 2010 ein Ende setzten. Die Überschuldung und Verzweiflung der KreditnehmerInnen waren aber keine indischen Sonderentwicklungen, sondern haben systematische Ursachen, die auch in anderen Ländern, wie z.B. Bolivien, Bosnien-Herzegowina, Marokko und Pakistan zu beobachten sind.

Gerhard Klas beschreibt auf Basis von vor Ort Recherchen die Krisendynamiken im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh. Dort gab es schon 2006 mehrere Selbstmorde überschuldeter KreditnehmerInnen, die von der internationalen Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen wurden. Er zeichnet außerdem die Reaktionen der Mikrofinanzkonzerne nach.

Werner Raza untersucht die lokale wirtschaftliche Entwicklung im Kontext der Mikrofinanz. Die bisherigen Erfahrungen sind nach Meinung des Autors insgesamt enttäuschend. Daran ändern auch die von der Mikrofinanzindustrie bemühten Erfolgsbeispiele wenig. Auf der Habenseite anzuführen ist sicherlich, dass Mikrokredite in Einzelfällen eine kurzfristige Einkommens- und Konsumstabilisierung bewirken können. Das geschieht allerdings oft zum Preis der längerfristigen Verschuldung armer Haushalte. Die Mikrofinanzindustrie lenkt Finanzmittel in die falschen Wirtschaftsaktivitäten, nämlich solche mit geringer Wertschöpfungsintensität, geringem Innovationspotential und niedriger Produktivität. Marktbasierte Bottom-Up-Entwicklungsstrategien funktionieren auch deshalb nicht, weil die notwendige Rolle eines aktiven und langfristig agierenden öffentlichen Sektors systematisch unterschätzt wird. Ein aktiver Staat, der für Bildung, Gesundheit und funktionierende Infrastruktur sorgt, ist eine unerlässliche Voraussetzung für erfolgreiche Entwicklung. Ein reformierter Finanzsektor, der lokal eingebettet ist, auf langfristige strukturelle Transformation orientiert und um genossen- oder gemeinwirtschaftliche Elemente ergänzt ist, kann einen wichtigen Beitrag für lokale Entwicklung leisten. Ein grundlegender Wandel der heutigen Mikrofinanzindustrie wäre dazu eine unabdingbare Voraussetzung.

Mit dem seit einigen Jahren zu beobachtenden Strategiewechsel der Mikrofinanzindustrie setzt sich Sophie Sabrow auseinander. Unter dem Leitsatz der sogenannten financial inclusion sollen arme Menschen mit Finanzdienstleistungen, die über den Kredit hinausgehen, ganz allgemein in den Finanzierungssektor eingebunden werden. Auf der Grundlage schriftlicher Veröffentlichungen von drei repräsentativen Organisationen arbeitet die Autorin heraus, wie sich die Deutungsmuster verändert haben. Es wurden die folgenden für den Sektor der Mikrofinanzindustrie zentralen Organisationen betrachtet: (1) Association for Social Advancement (ASA) aus Bangladesch, die selbst Kredite vergibt und als Pionier gilt, (2) Accion International, ein globales Netzwerk, das als Berater und Anteilseigner eine wichtige Dachorganisationund (3) Consultative Group to Assist the Poor (CGAP), 1995 von der Weltbank gegründet, versteht sich als Denkfabrik, die Standards und Best-Practices für Mikrofinanzindustrie entwickelt. Nach Ansicht der Autorin erhärtet sich auf Grund ihrer Analyse der Verdacht, dass es sich bei dem Strategiewechsel der Mikrofinanzkonzerne mehr um „Mythos und Zeremonie“ als um eine strategische Verbesserung handelt. Doch muss keineswegs eine bewusste Täuschungsabsicht seitens der Organisationen vorliegen. Die Legitimation, die sich durch die Anpassung an gesellschaftliche Leitbilder ergibt, wirkt auch nach innen: Sie ist für die Organisation sinnstiftend. Sie birgt aber die Gefahr, dass sie sich dabei immer weniger am Ausgangsziel der Armutslinderung orientiert.

Thomas Gebauer analysiert wie seit den 1970er Jahren die Idee gesellschaftlicher Verantwortung durch eine überhöhte Form von Eigenverantwortung vertrieben wurde, die selbst den Ärmsten der Armen unternehmerische Rationalität abverlangt. Mikrokredite verstärken die Vereinzelung der Menschen, privatisieren gesellschaftlich verursachte Not und unterminieren Formen gemeinsamen Bemühens um politische Einflussnahme. Das Prinzip der Solidarität ersetzen sie durch das Prinzip der Konkurrenz. Mit der wirtschaftlichen Globalisierung ist diese rendierteorientierte Wirtschaftsform bis in den letzten Winkel der Welt ausgeweitet worden. An dieser Entwicklung haben auch die „Öffentliche Entwicklungszusammenarbeit“ (Official Development Assistance, ODA) und selbst private Hilfsorganisationen Anteil gehabt. In den letzten dreißig Jahren hat der entwicklungspolitische Mainstream „Entwicklung“ immer weniger im Kontext der Förderung von sozialen Gemeinwesen verstanden, sondern darauf gezielt, bislang vom Markt vernachlässigte Bevölkerungsanteile in unternehmerische Wertschöpfungen einzubeziehen. Dabei avancierten Mikrokredite und andere Mikrofinanzprodukte zu gefeierten Hoffnungsträgern für die Überwindung der Armut. Es gibt kaum eine entwicklungspolitische Strategie, die nicht auf eine solche Finanzialisierung der Armut gesetzt hätte. Das es nun zu einem Umdenken kommt, ist höchst überfällig. Mit der Propaganda für die Eigenverantwortung, der jeder „emotionale Anker“ (Sennet 2005) abhanden gekommen ist, wächst das Risiko für das, was in dem neoliberalen Lebensentwurf gar nicht vorgekommen ist: das Scheitern. Mit Nachdruck verweist die WHO heute darauf, dass die Depression zur Weltkrankheit Nr. 1 geworden ist. Da es immer Menschen geben wird, die zu arm, zu alt oder zu jung sind, um sich aus eigener Kraft zum Beispiel Gesundheit oder Bildung zu leisten, bedarf es eines Solidarausgleichs. Diejenigen, die wirtschaftlich besser gestellt sind, müssen auch für die Bedürfnisse der Mittellosen eintreten.

Zielgruppen

Zielgruppen sind Ökonomen und Sozialwissenschaftler, sowie Akteure in der Entwicklungspolitik und Armutsbekämpfung in den Ländern der 3. Welt.

Fazit

Mit dem Buch melden sich Kritiker der Mikrofinanzindustrie zu Wort. Die sechzehn Beiträge sind alle von kompetenten AutorInnen geschrieben und liefern auf der Basis umfangreicher Recherchen eine Vielzahl von Argumenten gegen die vielgepriesenen Versprechungen der internationalen Mikrofinanzkonzerne. Aufgezeigt werden auch Perspektiven im Hinblick auf politische Veränderungen in der Armutsbekämpfung in der 3. Welt.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 11.06.2015 zu: Gerhard Klas, Philip Mader (Hrsg.): Rendite machen und Gutes tun? Mikrokredite und die Folgen neoliberaler Entwicklungspolitik. Campus Verlag (Frankfurt) 2014. ISBN 978-3-593-50112-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18923.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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