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Bernhard Pörksen, Andreas Narr (Hrsg.): Die Idee des Mediums (Journalismus)

Cover Bernhard Pörksen, Andreas Narr (Hrsg.): Die Idee des Mediums. Große Reden zur Zukunft des Journalismus. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2015. 272 Seiten. ISBN 978-3-86962-146-3. D: 19,80 EUR, A: 20,30 EUR, CH: 33,50 sFr.
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Thema

„Ich wünsche mir mehr Journalisten und Politiker, die den Mut haben, den Menschen zu sagen, wie ernst die Lage wirklich ist“. Auf den Artikel von Bernd Ulrich: „Warum sagen sie nicht, was ist?“ in der Wochenzeitung DIE ZEIT Nr. 18 vom 29. April 2015, hat sich eine engagierte Leserbriefaktion entwickelt. Da wird einerseits beklagt: „Wir Deutschen werden behandelt wie unmündige Kinder“; andererseits kommt das Gefühl zum Ausdruckt, man könne angesichts des Trommelfeuers politischer, wirtschaftlicher, technologischer Umwälzungen, verrückt werden und eine Überlastungsdepression bekommen, wenn man sich als Normalbürger bemühe, alles zu verstehen und einzuordnen. Die theoretischen Diskussionen und praktischen Tipps, wie das Individuum und das Gesellschaftswesen Mensch mit den Wirkungen, Einflüssen und Entwicklungen der „vierten Macht im Staate“ umgehen solle, wie eine demokratische öffentliche Meinung sich artikulieren müsse und welche ethischen und professionellen Maßstäbe an Presse und Journalistik zu setzen seien, bestimmen die Aufmerksamkeit für den demokratischen Umgang mit den wichtigen Menschenrechten der Gedanken-, Gewissens-, Meinungsfreiheit und Würde (Bernard Pörksen, Die Beobachtung des Beobachters. Eine Erkenntnistheorie der Journalistik, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18326.php).

Entstehungshintergrund und Autoren

Die Situation ist paradox. In den Zeiten der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt fluten die Informationen zu allen persönlichen und gesellschaftlichen Bereichen lokal und global in Blitzeseile um die Erde und bieten den Menschen ungeahnte Möglichkeiten des Wissens und der Teilhabe am Geschehen in der Welt; gleichzeitig aber bewirken die medialen und technologischen Mächte und die sozialen Netzwerke Abhängigkeiten und Manipulationen bisher unbekannten Ausmaßes. Die Aufmerksamkeit der Konsumenten gegenüber Nachrichten, Informationen, Berichten und Dokumentationen wird vielfach darauf gerichtet, wie „sensationell“ die Meldungen daher kommen, aufbereitet und in den Vordergrund gerückt werden. Die „Meinungsmacher“ in den Printmedien, den Rundfunk- und Fernseh-Anstalten und im Internet bestimmen, so die Analyse, in zunehmendem Maße nicht nur öffentliche Meinung, sondern auch demokratische Politik. Deshalb wird von der „vierten Macht“ im Staat gesprochen, als einer, neben den legitimierten Mächten der Legislative, Exekutive und Judikative entstandenen, nicht eindeutig verfassungsgemäß definierten Einfluss- und Wirkungssphäre. Die Forderungen nach einer „Ethik der öffentlichen Meinung“ werden konterkariert durch das „Nachrichten-Stakkato und (die).Temposchäden des digitalen Zeitalters“. Den von Interessen geleiteten, gewollten und manipulativen Entwicklungen stehen Bemühungen gegenüber, die nach den Theorien und Praktiken der Bedeutung des Mediums fragen.

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Universität Tübingen und der Journalist, Leiter des SWR Studios in Tübingen und Mitbegründer der "Tübinger Mediendozentur", Andreas Narr, geben den Sammelband „Die Idee des Mediums“ heraus, in dem einflussreiche Medien- und Meinungsmacher mit „Reden zur Zukunft des Journalismus“ zu Wort kommen. Ihr Zugang ist dabei nicht die angesagte populistische Euphorie über die (ungeahnten) Möglichkeiten des Mediums, auch nicht die fatalistische Auffassung von der Allmacht der unbezähmbaren und unkontrollierbaren Medien, sondern ein wissenschaftlicher. Es sind Fragen danach, wie sich in den Zeiten der „fatale(n) Stille“ einerseits und den Kassandrarufen zu den Diskrepanzen zwischen Untergang und Veränderung der Medienlandschaft andererseits die Geistes- und Sozialwissenschaften artikulieren und positionieren: „Wie lässt sich die Idee des Mediums neu bestimmen?“ – „Welche Form medialer Vermittlung begünstigt Qualität?“ – „Brauchen wir einen entschleunigten Journalismus?“ – „Auf welche Weise lässt sich das Überleben der Qualitätszeitungen sichern?“ – „Wie bewahrt sich der Journalismus jene kritisch-kreative Unberechenbarkeit, die in unersetzbar macht?“.

Die Beiträge entstammen einer Initiative, die 2003 an der Eberhard Karls Universität in Tübingen entstand: Die „Tübinger Mediendozentur“. In Zusammenarbeit zwischen der Universität und dem SWR Studio Tübingen soll durch Gastvorträge von prominenten Medienvertretern, in Workshops, Studienprojekten und Praktika der wissenschaftliche, journalistische Nachwuchs gefördert werden.

Aufbau und Inhalt

Im Vorwort benutzt Bernhard Pörksen die Metapher „fatale Stille“, indem er feststellt, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften die Qualitätsmedien benötigen, sich aber nicht ausreichend für sie einsetzen. In seiner Analyse verdeutlicht er die seiner Meinung nach fatale Entwicklung im Wissenschaftsbereich, die sich in vermehrtem Maße im „Typus des Wissenschaftsmanagers (zeigt), der mit enormen Drittmitteleinwerbungen, zahlreichen Forschungsprojekten und Spezialaufsätzen punktet…“, sich als „Indikatorenexistenz“ darstellt und die wünschenswerte „Autorenexistenz in Gestalt des reizbaren Intellektuellen“ verdrängt.

Der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin und Journalist Ulrich Deppendorf hatte 2013 die „Tübingen Mediendozentur“ inne. In seinem Beitrag „Die gnadenlose Republik. Das Verhältnis von Journalismus und Politik“ setzt er sich mit mehreren Beispielen der Berichterstattung und medialen Darstellung auseinander, etwa mit der Entstehungsgeschichte und Wirkung des von ihm und Bettina Schausten mit dem damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff am 4. Januar 2012 geführtem ARD-Interviews, dem „Fall Brüderle“, den Hintergründen, die zum Rücktritt des Bundespräsidenten Horst Köhler geführt haben, und anderen Skandalen, Affären und Situationen. Er diskutiert zum einen die vielfältigen Imponderabilien, Abhängigkeiten, Politik- und Moralpositionen der Journalisten; zum anderen mahnt er an, „dass wir als politische Journalisten neben den Politikern auch eine besondere Verantwortung für die politische Diskussionskultur … haben“. Die Gazetten melden, dass Ulrich Deppendorf nach der 298. Sendung „Bericht aus Berlin“ am 19. April 2015 in den Ruhestand gegangen ist. Man kann davon ausgehen, dass er weiterhin, in welcher Funktion und Aufgabe auch immer, beim journalistischen und wissenschaftlichen Mediendiskurs beteiligt sein wird.

Mathias Döpfner hat als Medienmanager und Vorstandsvorsitzender von Axel Springer SE, einem der in Deutschland bedeutendstem und einflussreichstem Medienunternehmen, seit 2002 dazu beigetragen, dass der Konzern aus seiner ökonomischen und unternehmerischen Schieflage heraus kam und sich mittlerweile zu einem hoch profitablen Unternehmen entwickelt hat. Mit seinem 2011 erschienenem Buch „Die Freiheitsfalle“ setzt er sich für eine offene Gesellschaft ein. Mit seinem Beitrag „Abschied vom Pessimismus“ plädiert er dafür, dass der Journalismus die Herausforderungen der digitalen Revolution aufnehmen solle, weil er davon profitiere. Er schockiert die Zuhörer seines Vortrags erst einmal mit einer makabren (Flugzeug-)Geschichte, bevor er sich mit der Krise der Medienbranche auseinander setzt. Das Menetekel formuliert er so: „Dumm, wenn man auf die falschen Piloten setzt. Noch dümmer, wenn die nicht weitblickend, sondern blind sind. Hilfreich, wenn man auf die Intelligenz der Massen vertraut“. Entlang dieser irritierenden Feststellungen setzt er sich mit den wesentlichen Aspekten des medialen Wandels auseinander, thematisiert die aktuellen Bedrohungen der Digitalökonomie und argumentiert, „warum und wie der Journalismus in der digitalen Welt noch besser sein kann als in der analogen“. Den Kassandrarufen und pessimistischen Einschätzungen, dass das Verlagswesen vor dem Untergang stehe, es sei denn es gelänge, alles neu und anders zu machen, setzt er mit seinen Argumentationen zwei Thesen entgegen: „Wir werden nicht untergehen, denn es ändert sich weniger als wir denken“ und „Wir dürfen eben nicht alles anders machen als bisher, denn sonst gehen wir wirklich unter“. Diese erst einmal provokanten, konservativ anmutenden Behauptungen belegt er mit seiner Überzeugung: „Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte. Egal ob auf Papier oder auf elektronischem Papier“. Das Bild des „Gospels“ benutzt er, um die wesentlichen Grundlagen journalistischen Arbeitens zu beschwören: Groove (Bewegung), Spirit (Geist) und Soul (Seele).

Der (Enthüllungs-)Journalist Hans Leyendecker war 2012 Tübingen Mediendozent. Er ist Mitbegründer des Netzwerks „Recherche“, Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Schriftsteller. Mit seinem Vortrag „Die Zukunft der Enthüllung – Wut, Macht, Medien“ fragt er: „Wo bleibt die Aufklärung?“. Er nimmt das „Zeitungssterben“ in den USA zum Anlass, um die allzu eilfertigen und oberflächlichen Parallelziehungen hin zur Entwicklung der deutschen Medienlandschaft zu kritisieren und zu widerlegen. Er setzt sich dabei mit Entwicklungen auseinander, wie sie nicht unwesentlich vom „Lügenblatt“, wie die öffentlich vielfach wahr genommene Benennung für die Bildzeitung bezeichnet wird, wahr genommen wird, weil Wahrheiten verbogen, verbuddelt oder schöngeschrieben werden. Im Gegensatz dazu zeigt er auf, dass „Enthüllungsjournalismus ( ) mehr sein (muss) als die Auswertung von Ermittlungsakten oder das Verfassen von Kommentaren“: es brauche nämlich „journalistische Aufklärer, die ergebnisoffen ans Werk gehen“. Dabei unternimmt er keine Schuldzuweisungen, sondern packt den Journalismus an die eigene Nase: „Die wirkliche Gefahr für den Journalismus geht vom Journalismus aus, von den Medien selbst, von einem Journalismus, der den Journalismus und seine Kernaufgaben vernachlässigt, der Larifari an die Stellung von Haltung setzt… denn Haltung gibt … Halt, Autorität kommt von Autor und Qualität kommt von Qual“.

Der Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT, Giovanni di Lorenzo, fragt mit seinem Beitrag „Vierte Gewalt oder fiese Gewalt?“, indem er über die Macht der Medien in Deutschland nachdenkt. In (s)einer bekannten Angelegenheit reflektiert der Autor erst einmal über die Erfahrung: „Wer bekannt ist, ein wichtiges Amt ausführt, und einen Fehler macht, muss sich auch Kritik gefallen lassen“. Seine Analyse über die Frage „Wie mächtig sind die Medien in Deutschland?“ bleibt bei diesem selbstbekennenden Lapsus anlässlich der Europawahl 2014 nicht stehen, sondern er diskutiert, weshalb die Einschätzung seiner Meinung nach richtig und für die Profession wichtig ist, dass kritischer Journalismus für das Funktionieren der Demokratie als „Rückgrat der politischen Öffentlichkeit“ (Jürgen Habermas) gilt. Wie Leyendecker registriert di Lorenzo, dass die öffentlichen Wahrnehmungen über die Presseberichterstattung in Deutschland einer besorgniserregenden Tendenz zum unnötigen Gleichklang unterliegt. Seine Ursachenforschung fokussiert er dabei nicht auf Schuldzuweisungen an Medien- und Wirtschaftsunternehmen, Regierungsmitglieder oder sonstige Mächte, sondern er findet den verflachenden Konformitätsdruck in der Mitte der Journalisten und Meinungsmacher. Im „permanente(n) Klima der Skandalisierung“ verschwinde das Prinzip der Verhältnismäßigkeit, und es entstehe eine für einen seriösen Journalismus völlig unangebrachte Tendenz zur Rechthaberei, Anpasserei und übertriebener Kompromisserei: „Wir brauchen Journalisten, die sich angesichts eines zuweilen gewaltigen, öffentlichen Konformitätsdrucks den Mut bewahren, unbequeme Ansichten zu vertreten“. Giovanni di Lorenzo war 2009 erstmals Tübinger Mediendozent mit seinem Beitrag „Journalismus in der Krise – Warum es sich lohnt, auf Qualität zu setzen“.

Die Journalistin und Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel ist seit 2014 Chefredakteurin der Zeitschrift „WirtschaftsWoche“. Mit ihrem Vortragstext „Die Glühlampen des Netzzeitalters. Journalismus: die Zukunft eines lebhaft totgesagten Berufs“ schaut sie in differenzierter Weise auf das Wirkungs-, Wandlungs- und Wundermedikament „Nostalgie“ und identifiziert darin einerseits ein Mittel, um optimistisch(er) in die Zukunft schauen zu können; andererseits aber auch ein Gift, das klares Denken zu verwirren vermag. Mit diesem Spagat erkennt sie im Journalismus eine Text- und Kontrollgruppe zur Verifizierung oder Falsifizierung der These, dass die altbewährte, bei der Verbreitung von journalistischen Informationen immer wieder neu betonte und aufgelegte „Gewissheit“, dass Auflagenhöhe einer Zeitung oder Zeitschrift den Anzeigenerlösen entspricht, angesichts des Strukturwandels nicht mehr funktioniert: „Alles ändert sich: die Märkte, die Nutzer und die Prozesse“. Sie diskutiert die journalistische Herausforderung, dass das Internet nicht Sargnagel wird, sondern Emanzipationsmedium sein kann, indem sie Journalisten und Meinungsmacher auffordert, das Instrument richtig zu spielen. Es ist nicht der technisierte, rationalisierte, roboterisierte, algorithmisierte und unverbindliche, sondern der menschliche Journalismus, der für die Zukunft des Berufs spricht und sich in fünf Aspekten darstellt: An der Freude des Suchens und dem Glück des Findens; dem journalistischen Kontext und der Suche nach Orientierung; der Freude am Argument und der Kunst der Debatte; dem lokalen und globalen Bewusstsein; und der Sensibilisierung für Stilfragen und der Kraft des Erzählens.

Der am 12. Juni 2014 verstorbene Journalist und Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, war 2011 Tübinger Mediendozent. Die Herausgeber widmen dem Sammelband seinem Andenken und drucken seinen Beitrag „Die Idee der Zeitung. Wie die digitale Welt den Journalismus revolutioniert“ ab. Mit einem Blick zurück in die von ihm erlebte Zeit der tonnenschweren Bleiplatten, der Setzer und Metteure, der Auseinandersetzung mit den notwendigen Modernisierungs-, Veränderungs- und Wandlungsprozessen, den Kritiken und Euphorien, und den (von ihm nicht mehr erlebbaren) Visionen, sah er eine Entwicklung voraus: „Wir erleben im Augenblick eine industrielle Revolution, nicht etwa nur der Zeitung oder der Bücher, wir erleben in Wahrheit eine industrielle Revolution im Bereich des Geistes, im Bereich des Denkens“. Wie sich diese Entwicklung vollzieht, welche Fallstricke und Chancen sich dabei verknüpfen, verwirren und verirren können, erzählt er mit der Geschichte, die ihm der ehemalige Chief Executive Officer von Google, Eric Schmidt, übermittelt hat. Schmidt fragte den Google-Mitarbeiter, der die im wissenschaftlichen Betrieb bekannte und benutzte Praxis, dass derjenige, der am meisten zitiert werde, wichtig und kompetent sei, auf die Google-Praxis übertragen habe: „Welche Seite kommt am häufigsten vor, welche Nachricht wird am häufigsten gelesen?“. Schmidt fragte eines Tages den Mitarbeiter, ob sein Computer, der aus diesen Algorithmen die Google-Seite erstelle, eigentlich Vorurteile oder gesellschaftliche oder politische Präferenzen habe. Der Programmierer antwortete: „Ja, ich gestehe, er liebt Hockey, weil ich ihm so programmiert habe“. Und siehe da, bei der Nachprüfung stellte sich eindeutig und nachweisbar heraus, dass beim Googeln der Eindruck entstehe, Hockey sei der wichtigste Sport in der Welt. Mit dieser Hellsichtigkeit verweist Schirrmacher auf den Zusammenhang von Print- und digitalen Medien und die Verantwortung von Verlegern und Meinungsmachern. Ob seine Vorhersage Zukunftsbedeutung hat oder nicht, wird sich zeigen müssen: „Ich glaube, wenn man sagt, die Zeitung ist bedroht, müsste man immer dazu sagen: Damit sind wir alle bedroht“.

Der Spiegel-Reporter und Experte für alte und neue Medienwelt, Mitbegründer des Reporter-Forums, einer Initiative zur Ausbildung und Qualitätssicherung im Journalismus, Cordt Schnibben, berichtet mit seinem Beitrag „Breaking News“ über die Initiative, „aus der Kritik an der Zeitung eine Zeitung (zu) machen“. Am Beispiel der in den USA häufig angeklickten Websites „Reddit“ und „BuzzFeed“ zeigt er die Möglichkeiten und Gefahren von Visionen und Illusionen bei der öffentlichen Berichterstattung, Nachrichten- und Informationsvermittlung auf. Es ist die Wegegabelung, die sich zum einen in dem Versprechen auftut, dass die Teilnahme und Teilhabe an der digitalen Öffentlichkeit Partizipation ermögliche, zum anderen aber der Gefahr unterliege, an der eigenen Ausspähung beteiligt zu sein. Weil es das „Print“ in seiner traditionalistischen Form gar nicht mehr gebe, nicht einmal mehr bei den traditionellen Zeitungen, helfe weder eine Vogel-Strauß-Politik, auch kein Aussitzen, oder ein Don Quijote-Kampf; vielmehr müsse die Zeitung „zum Menschen als Individuum eine Beziehung aufbauen, nicht mehr zum Menschen als Masse“ (Jeff Jarvis); sie solle multimedial sein und, da wird es dann doch nostalgisch, den „Marktplatz einer Stadt“ abbilden.

Die Gründerin und Chefredakteurin der Zeitschrift „Emma“, Alice Schwarzer, war 2010 Tübinger Mediendozentin. In ihrer Rede „Eine Frage der Haltung“ plädiert sie für einen Journalismus aus Leidenschaft. Neben ihrem mutmachenden Bekenntnis, dass für sie der „Journalismus einer der schönsten Berufe der Welt sein kann – wenn man nur will“, konfrontiert sie die Studierenden und Zuhörer mit dem, was Journalisten (wie natürlich auch viele andere Berufstätige, wenn sie nicht selbstbewusst und selbstbestimmt, sondern abhängig, oder gar mit vorauseilendem Gehorsamkeitsdenken tätig sind) gefährdet: Meinungsvermittlung, Eitelkeit, Voreingenommenheit, zu starke Identifikation. Das sind alles Medaillen mit zwei Seiten, die nur dann professionell und glaubhaft wirksam oder verhindert werden können, wenn es gelingt, eine „journalistische Verantwortung“ zu praktizieren. Dann können Begriffe und Leuchtzeichen aufleuchten, die die Autorin als Qualitätsmerkmale für guten Journalismus benennt: Informationsdichte, Neugier, Offenheit, sprachliche Kreativität – und auch Humor.

Den Schlussbeitrag im Sammelband liefert der Fernsehjournalist, Produzent, Dokumentarfilmer, Medienkritiker und Honorarprofessor an der Berliner Humboldt-Universität, Roger Willemsen, mit seiner Rede zur Lage des Fernsehens: „Das blinde Medium“. In seiner bekannten, humorvollen und treffenden Redeweise provoziert er die Zuhörer mit der Verballhornung eines Kurt Tucholsky-Satzes: „Ich hasse das Fernsehen, und ich darf es hassen, denn ich liebe es“. In seiner kritischen Nachschau über die gewordene und gemachte Wirklichkeit des Fernsehens vermisst er das, was er als unverzichtbar für jede künstlerische Artikulationsform erachtet, „nämlich die Selbstreflexion des Mediums“. Nicht in der Fernsehkritik, nicht in der Thematisierung und Diskussion über Ausdrucksmittel und -gattungen, auch nicht „als Analyse der Werte, die unsere filmische Vergewisserung über die Außenwelt bis in die Nachrichten hinein bestimmen“, findet Willemsen das, was er als den wichtigsten Auftrag und die zu vermittelnde Erwartungshaltung erhofft: Medium der Aufklärung zu sein. Dabei wird die Frage existent: Was ist eine Nachricht? Ist es etwas, was die Konsumenten nicht überfordern darf, oder unterfordert? Wann aber werden von den Fernsehverantwortlichen, -produzenten und -machern solche (ungebührliche) Fragen artikuliert? Dass Willemsen das coram publico und dazu auch noch geprintet tut und es wagt, persiflierend und ungeschützt von der Radikalisierung des Fernsehens im Harmlosen zu sprechen, zeigt eine Form des Qualitätsjournalismus, die es zu befürworten und zu befördern gilt.

In einem Nachwort macht sich Andreas Narr Gedanken zum Experiment der Tübinger Mediendozentur. Sein Nachdenken darüber, welche Überlegungen, Anlässe und Zielsetzungen am Anfang (2003) standen, sich im Laufe von mehr als einem Jahrzehnt etabliert und verändert haben, und welche Perspektiven sich für die Zukunft des Journalismus und der Journalisten-Ausbildung ergeben, münden in der unbestreitbaren und förderungswürdigen Erkenntnis: „Wir brauchen einen engagierten Nachwuchs und furchtlose selbstbewusste Journalisten als ordnende Taktgeber in einer sich immer schneller drehenden digitalen Welt“.

Fazit

Die Redebeiträge sind bei den öffentlichen Vorträgen der Tübinger Mediendozentur und anderen Veranstaltungen gehalten worden. Sie rahmen ein, fokussieren und begleiten das theoretische und lehr- und lernpraktische Anliegen, den medialen Diskurs um Wahrheit, Wahrnehmung, Wirkung, Wachheit, Wagnis und Wahn einer öffentlichen Meinungs- und Informationsbildung sach-, fachgerecht und professionell zu ermöglichen und so die „Idee des Mediums“ human (weiter) zu entwickeln.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.06.2015 zu: Bernhard Pörksen, Andreas Narr (Hrsg.): Die Idee des Mediums. Große Reden zur Zukunft des Journalismus. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2015. ISBN 978-3-86962-146-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18933.php, Datum des Zugriffs 25.07.2017.


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