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Dieter Birnbacher: Tun und Unterlassen

Cover Dieter Birnbacher: Tun und Unterlassen. Alibri Verlag (Aschaffenburg) 2014. 2., durchgesehene Neu- Auflage. 320 Seiten. ISBN 978-3-86569-172-9. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.
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Thema

Tun und Unterlassen als moralische, juristische und gesellschaftliche Herausforderungen sind die Themen des hier vorzustellenden Buchs. In der anthropologischen, aristotelischen Philosophie ist dem Menschen als zôon politikon das „Ineinsgehen von Streben und Vernunft“ eigen, also „praxis“; und sie zeigt sich als „energeia, als eigentliche Wirklichkeit (und) Tätigkeit“ (R.Elm, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Alfred Kröner-Verlag, Stuttgart 2005, S. 487ff). Max Weber hat für diese Übereinstimmung den Begriff der „Verantwortungsethik“ geprägt, mit dem er „eine sittliche Position (verdeutlicht), die im Gegensatz zur Gesinnungsethik nicht von den Maximen einer Handlung, sondern ihren Folgen in der Welt ausgeht“ (Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, Stuttgart 2009, S. 737f). Damit soll die Spannweite aufgezeigt werden, wie sie sich bei dem kontroversen Paar „Tun und Unterlassen“ für den menschlichen Diskurs ergibt. Um die Fallstricke, Sackgassen, Wegegabelungen, aber auch die Richtungen bei dieser philosophischen Nachschau nach den Bedeutungen und Wirkungen dieses Begriffspaares zu erkennen, genügt schon erst einmal, dem Volk aufs Maul zu schauen. In den Sprichwörtern nämlich zeigen sich die Imponderabilien: „Achte nicht bloß auf das, was andere tun, sondern auch auf das, was sie unterlassen!“ – „Alles Tun zu seiner Zeit!“ – „Jedermann recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann!“.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Philosoph und Ethiker von der Universität Düsseldorf, Dieter Birnbacher, hat 1995 im Reclam-Verlag ein Buch veröffentlicht, in dem er in drei Schritten die moralischen, gesellschaftlichen und juristischen Zugänge zu den Tugenden des Tuns und Unterlassens thematisiert hat. Da das Buch seit einiger Zeit vergriffen ist und vom Reclam-Verlag auch keine Neuauflage vorgesehen war, hat nun der zum Zusammenschluss „Assoziation Linker Verlage“ (AliVe) gehörende Aschaffenburger Alibri-Verlag eine durchgesehene Neuauflage gedruckt. Obwohl sich beim Nachdenken über den Unterlassensbegriff sowohl in der angelsächsischen, als auch der deutschen Diskussion einige Akzentverschiebungen ergeben haben, rekurriert der Autor bei der Neuauflage auf den drei Kernthemen des Buches: Der Analyse des Unterlassungsbegriffs, der Auseinandersetzungen mit der Kausalität von Unterlassungen und der Beurteilung von Unterlassungen im Vergleich mit (positiven) Handlungen. Unter Bezugnahme auf diese (kontroversen) Auseinandersetzungen kommt der Autor zu einer ersten Definition: „Eine Unterlassung setzt … voraus, dass eine Norm gilt, die ein bestimmtes Handeln fordert und der Unterlassene diese Handlung nicht ausführt“.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung stellt der Autor fest, dass es bei der Auseinandersetzung mit dem Begriffspaar „Tun“ / „Unterlassen“ um wohlvertraute und universale Verhaltensweisen des menschlichen, moralischen Denkens und Handelns geht, und damit um „die Tendenz, Tun und Unterlassen, Handeln und Geschehenlassen, aktives Eingreifen und passives Untätigbleiben moralisch deutlich verschieden zu beurteilen“. Er belegt dies mit der Erfahrung, die auch ein Sprichwort sein könnte: „Wer einen anderen vorsätzlich belügt oder betrügt, indem er ihm Märchen auftischt, wird gemeinhin strenger moralisch verurteilt als wer einen anderen durch das Verschweigen wichtiger Tatsachen wissentlich im Irrtum lässt“. In den nachfolgenden neun Kapiteln entfaltet Birnbacher diese These, indem er eine begriffliche Abgrenzung der Begriffe „Handeln“ und „Unterlassen“ vornimmt und dabei deutlich macht, dass solche Unterscheidungen nicht nur aus semantischen Gründen wichtig und notwendig, sondern auch als Richtschnur für eigenes Handeln und für die Beurteilung zum Tun Anderer wichtig sind. Bei der Auseinandersetzung mit der Frage „Wie trennscharf ist die Unterscheidung zwischen Handeln und Unterlassen?“ führt der Autor verschiedene, juristisch relevante Fälle heran und konfrontiert die Leser mit der Problematik von Ursache und Wirkung.

Ebenso bedeutsam ist die Frage: „Kommt Unterlassungen kausale Wirksamkeit zu?“. Er diskutiert das „Kausalitätsdilemma“, indem er die in den Rechtswissenschaften eingeführten und praktizierten Hilfskonstruktionen, wie z. B. „Unterlassungen als eine besondere Art von Handlungen“, oder als „hypothetische Kausalität“ zu betrachten, zurück weist und an Fallbeispielen aufzeigt, in welcher Weise Unterlassungen zu beurteilen sind: „Da es keinen tragfähigen Grund gibt, eine Kausalität von Unterlassungen in Frage zu stellen, gibt es auch keinen kausalitätstheoretischen Grund, dem Unterlassenden nicht dieselbe moralische Folgenverantwortung zuzuschreiben wie dem Handelnden“.

Weitere Begriffsverwirrungen können sich ergeben bei der Analyse der Begriffe „Unterlassen und Geschehenlassen“. Die Formel „Geschehenlassen = Unterlassen“ greift auf, was z. B. vom „aktiven Staatsbürger“ gefordert wird und sich im kategorischen Imperativ in der volksmundartigen Interpretation ausdrückt: „Was du nicht willst, das man dir tu´, das füg´ auch keinen andern zu!“. Darin steckt die Fähigkeit, Wissen und Wollen als humanes Denken und Tun zu praktizieren. Dass sich dabei zwischen dem „Ja-Ja“ und „Nein-Nein“ auch ein verantwortungsbewusstes und humanes Handeln einfügen kann, verdeutlicht der Autor am Fallbeispiel der Sterbehilfe, und damit auch dem Dilemma „killing“ oder „letting die“.

Mit der Frage „Ist die Unterscheidung zwischen Handeln und Unterlassen als solche moralisch bedeutsam?“ bringt der Autor als Alternative zum Standpunkt der kausalen Bedeutung von Unterlassungen „das Postulat eines Eigenwerts der Natürlichkeit“ ins Spiel, wie es etwa im juristischen (religiösen) Diskurs angewandt wird. Er weist jedoch darauf hin, dass, „wenn es eine Berechtigung dafür gibt, Handeln und Unterlassen unterschiedlich zu beurteilen, ( ) diese nicht in der inneren Struktur von Handeln und Unterlassen liegen (kann)“.

Wie sich aber „verborgene Parameter“ erkennen lassen, zeigt Birnbacher in einer Reihe von Beispielen auf, indem er Verhaltens- und Handlungsweisen auf Absichtlichkeiten und Unabsichtlichkeiten hin befragt, die psychischen Auswirkungen auf Beteiligte diskutiert und die Bedeutsamkeit von individueller und geteilter Verantwortung betont. Die Diskrepanz zwischen dem Prinzip „der Pflicht zur Nicht-Schädigung gegenüber der Pflicht zum Wohltun“ und der Auffassung, dass auch „Unterlassungen als Schädigungen gelten können“ verdeutlicht der Autor dadurch, dass er in drei Schemata Alternativen und Lösungsmöglichkeiten aufzeigt.

Die Motivationen für eine hypothetische, theoretische Auseinandersetzung mit den diskutierten Dilemmata bieten die aus dem angelsächsischen Diskurs übernommenen „hard cases“ an. Sie ermöglichen für die Aus- und Fortbildung interessante Diskussionen.

Es bleiben noch Fragen: „Differenzierungsgründe auf der Ebene der Normgebung?“. Während bisher weitgehend die individuellen und moralischen Aspekte bei der Unterscheidung von Tun und Unterlassen thematisiert wurden, wird die Fragerichtung verändert, „und zwar von den Handlungen und Unterlassungen selbst auf die Normen, die Handeln und Unterlassen gebieten, verbieten oder erlauben“. Zu den Aspekten der „Sozialmoral“ treten damit funktionale Rechts- und Normvorstellungen und Handlungspflichten. Dass diese Auseinandersetzungen für individuelles und kollektiven Moral- und Sozialverhalten bedeutsam sind, darauf verweisen sowohl Alltags-, als auch historische Erfahrungen zur Genüge.

Mit dem Slang „Butter bei die Fische“ könnte man die nächste Fragestellung überschreiben: „Unterforderung oder Überforderung?“, wenn es darum geht, wie die normgebundenen und geltenden Handlungspflichten übermittelt und glaubwürdig durchgesetzt werden können. Der Autor verweist auf „die Rollenabhängigkeit des Bestehens bzw. der Intensität von Handlungspflichten“, die im jeweiligen Rechtssystem verankert ist und erinnert gleichzeitig auf das Problem: „Wenn etwas in der gegenwärtig stark pluralisierten Gesellschaft moralisch ‚in Unordnung‘ ist, dann das System der Handlungspflichten aus zugeschriebenen, also nicht frei übernommenen Rollen“. Sein Lösungsvorschlag: „Eine kritische Ethik kann es bei dem bloßen Aufweis der bestehenden Rollenstrukturen nicht bewenden lassen“; vielmehr sollte es darum gehen, „Handlungspflichten aus übernommenen Rollen ceteris paribus (Also: „bei gleichen sonstigen Umständen“, JS) mit stärkeren moralischen Sanktionen zu versehen als Handlungspflichten aus zugeschriebenen Rollen und rollenunabhängigen Jedermannspflichten“.

Im letzten Kapitel diskutiert nun Dieter Birnbacher Denk- und Anwendungsmöglichkeiten bei der Diskrepanz von Tun und Unterlassen mit dem Beispiel: „Aktive und passive Sterbehilfe“, eine notwendige, höchst aktive, individuell und gesellschaftlich bedeutsame Auseinandersetzung.

Fazit

Mit den philosophischen, juristischen und ethischen Überlegungen über „Tun und Unterlassen“, die der Autor vor 20 Jahren in den gesellschaftlichen Diskurs gebracht hat und jetzt die Gesellschaft erneut mit einer Neuauflage konfrontiert, erinnert er daran, „dass der Grund für die moralische Differenzierung zwischen ansonsten vergleichbaren Handlungen und Unterlassungen nicht in dem bloßen Umstand liegen kann, dass in dem einen Fall ein Handeln, im anderen ein Unterlassen vorliegt“; es kommt vielmehr darauf an, die „durchgängige( ) Gültigkeit der normativen Handlungs-Unterlassungs-Differenzierung“ kritisch zu hinterfragen.

Die Argumentationen und Fallbeispiele sind geeignet, sie in der medizinischen und sozialwissenschaftlichen Aus- und Fortbildung von Ärzten einzusetzen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.07.2015 zu: Dieter Birnbacher: Tun und Unterlassen. Alibri Verlag (Aschaffenburg) 2014. 2., durchgesehene Neu- Auflage. ISBN 978-3-86569-172-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18946.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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