socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Gerd Gehrmann, Klaus D. Müller (Hrsg.): Aktivierende soziale Arbeit mit nicht-motivierten Klienten

Cover Gerd Gehrmann, Klaus D. Müller (Hrsg.): Aktivierende soziale Arbeit mit nicht-motivierten Klienten. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2007. 208 Seiten. ISBN 978-3-8029-7480-9. 22,50 EUR.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8029-7540-0 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Einführung in das Thema

In zahlreichen methodischen Ansätzen der Sozialen Arbeit wird die Kooperation der Klientinnen und Klienten ganz einfach vorausgesetzt. Tatsächlich hat gerade professionelle Sozialarbeit aber oft in Situationen mit Klienten zu tun, in denen deren Kooperation keineswegs vorausgesetzt werden kann, sondern im Gegenteil unwahrscheinlich ist. Für die respektvolle und aussichtsreiche Bewältigung solcher Ausgangssituationen sind besondere Fertigkeiten vonnöten, die zuletzt eher selten in der Literatur thematisiert wurden - und wenn, dann auch beschönigend. So wird von "aktivierender" und "motivierender" Sozialarbeit gesprochen, die Zwangssituation als Ausgangspunkt aber nur wenig in den Blick genommen.

Entstehung

Der Band von Gerd Gehrmann und Klaus D. Müller erhebt den Anspruch, praktische Arbeitshilfen für erfolgreiches Arbeiten mit "nicht-motivierten" Klienten zu liefern. Wesentliche Beiträge kommen aus dem Umfeld des Studiengangs der FH in Linz, der sich schwerpunktmäßig mit Sozialarbeit im behördlichen Kontext beschäftigt.

Aufbau, Inhalte, Gliederung

Nach einer kurzen Einleitung der Herausgeber beschäftigt sich Marianne Gumpinger mit älteren Ansätzen aus der Methodengeschichte der Sozialarbeit. Sie weist nach, dass ein aktivierender Ansatz keineswegs neu ist, sondern schon in den 1950er- und 1960er-Jahren diskutiert wurde. Sie weist nach, dass praktikable und respektvolle Varianten der Einzelfallhilfe in der amerikanischen und deutschsprachigen Casework-Literatur breiten Raum gefunden haben und sich ein Anknüpfen daran lohnen könnte.

Irene Hiebinger stellt den sozialökologischen Ansatz und das "Life-Model" vor. Sie integriert eine Reihe von Hinweisen für eine ressourcenorientierte Diagnostik und eine Gesprächsführung, die Klienten zur Nutzung ihrer Möglichkeiten hinführt.

Die Herausgeber stellen in einem kurzen Beitrag das "Person in Environment"-Konzept vor. Schließlich erläutern sie Charakteristika einer motivierenden Sozialen Arbeit unter dem Schlagwort des "Neuen Denkens" in der Sozialarbeit mit folgenden Charakteristika:

  • Sicht der Klienten als Partner
  • Orientierung an den Stärken, nicht an den Problemen
  • Respekt der Personen, Lebensstile und Lebensentwürfe
  • Empathie und Akzeptanz gegenüber Klienten
  • Rollenklärung
  • Begrenzte und realistische Ziele
  • Bekämpfen destruktiver Gedanken
  • Prinzip Hoffnung
  • Prinzip Humor

In einem weiteren Kapitel stellen die Herausgeber ihre "aktivierende und motivierende Methode" vor, die einen Phasenablauf unter Einschluss von Druckausübung als Aktivierungsmittel vorsieht. Elemente von lösungsorientierter Gesprächsführung, dem "Motivational Interview" nach Miller und Rodnick und anderen Ansätzen werden in das Konzept der Autoren eingearbeitet.

Elisabeth Paulischin stellt die aktivierende Familienarbeit der Sozialpädagogischen Familienhilfe vor, Uwe Säuberlich beschäftigt sich mit der durchaus relevanten Frage, wie SozialarbeiterInnen für neue Konzepte motiviert werden können.

Im Schlusskapitel schließlich werden einige Arbeitshilfen gegeben, die von diagnostischen Instrumenten bis zu Gesprächstechniken reichen. Für Assessments werden Netzwerkkarten und Ökogramme empfohlen. Dann werden Gesprächstechniken für den Umgang mit Widerstand vorgestellt: verschiedene Techniken des Spiegelns; die Betonung der Entscheidungsfreiheit und Selbstkontrolle; paradoxe Intervention. Konfrontative Techniken dienen der Bekämpfung destruktiver Gedanken und von Schwarzmalerei. Schließlich wird das Krisenthermometer als Instrument der Selbststeuerung der Klienten beschrieben.

Zielgruppen

Der Band ist sowohl für PraktikerInnen der professionellen Sozialarbeit als auch für Studierende gedacht.

Tauglichkeit, Lesbarkeit

Der Band ist alles in allem gut lesbar und die vorgestellten Praxishilfen sind zur Erweiterung des Repertoires professioneller Arbeit gut geeignet.

Fazit

Der vorliegende Band enthält eine Reihe von nützlichen Techniken und Hinweisen, die zur methodischen Grundausstattung von SozialarbeiterInnen gehören sollten. Die Herausgeber bedienen sich dabei bei respektabler Quellen. Insofern kann der Band zur Erweiterung des professionellen Repertoires empfohlen werden, und das nicht nur für SozialarbeiterInnen, die mit KlientInnen in Zwangskontexten zu tun haben.

Eine Schwäche des Buches ist sein nicht ganz stringenter Aufbau. Konzeptuelle Beiträge wechseln mit eher praktisch orientierten ab, die Reihenfolge der Kapitel folgt keinem erkennbaren Konzept, und selbst die im Buch verstreuten Beiträge der Herausgeber sind nicht durchgängig aufeinander bezogen. Dem entspricht die eher unbefriedigende theoretische und konzeptuelle Integration der referierten Konzepte. Es ist auch nicht ganz klar, was die "aktivierende und motivierende Methode" von dem unterscheiden soll, was bereits seit Jahrzehnten als Standard professioneller Einzelfallhilfe in der Sozialarbeit gelten kann. Marianne Gumpinger weist in ihrem Beitrag zu Recht darauf hin, dass solche Attribute die wünschenswerte Verankerung in der Methodengeschichte ersetzen.

Sieht man von diesen Schwächen ab, kann der vorliegende Band von Nutzen sein und sollte ermutigen, bei einigen Autorinnen und Autoren weiterzulesen, deren Konzepte hier verarbeitet wurden, zum Beispiel bei Chris Trotter, bei William R. Miller und Stephen Rollnick, bei Jona Rosenfeld, bei Albert Ellis, bei Helen Perlman und einigen anderen.


Rezensent
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der Auflage von 2005.


Alle 17 Rezensionen von Peter Pantuček-Eisenbacher anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 05.04.2005 zu: Gerd Gehrmann, Klaus D. Müller (Hrsg.): Aktivierende soziale Arbeit mit nicht-motivierten Klienten. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2007. ISBN 978-3-8029-7480-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1895.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung