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Hartwig Hansen (Hrsg.): Höllenqual oder Himmelsgabe?

Cover Hartwig Hansen (Hrsg.): Höllenqual oder Himmelsgabe? Erfahrungen von Stimmen hörenden Menschen. Paranus Verlag (Neumünster) 2015. 200 Seiten. ISBN 978-3-940636-33-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Das Hören von Stimmen, die andere Personen nicht hören, gilt als klassisches Symptom einer Psychose, welches nach üblichem fachpsychiatrischen Verständnis also beseitigt werden muss. Wie aber stellt sich die Situation und das Erleben aus der Perspektive der Betroffenen dar? Der vorliegende Sammelband gibt hierzu einen Einblick.

Herausgeber

Hartwig Hansen hat bereits mehrere Bücher als Herausgeber veröffentlicht, in deren Mittelpunkt die an einer Psychose erkrankten Menschen und/ oder ihre Angehörigen stehen und deren Anliegen es ist, diese selbst zu Wort kommen zu lassen. Damit ist auch der Anspruch des hier zu rezensierenden Buches umrissen.

Entstehungshintergrund

Die Anregung zu diesem Sammelband ging von einem Betroffenen aus, die Idee wurde von dem Herausgeber sowie dem Vorstand des Netzwerkes Stimmenhören aufgegriffen und über das Netzwerk verbreitet. Der gemeinsame Schreibaufruf stellte zentrale Fragen:

  • Wie kamen die Stimmen in mein Leben?
  • Worüber erzählten/erzählen sie?
  • Wie habe ich sie gedeutet und was bedeuten sie mir heute?
  • Wie habe ich herausgefunden, was sie „mir sagen wollen“?
  • Hatten/haben sie eine „Botschaft“?
  • Wie hat sich mein Leben durch die Stimmen verändert?
  • Gibt es für mich einen Grund oder einen „Sinn“ für mein Stimmenhören in meinem persönlichen Leben?
  • Wie habe ich dies erkannt?
  • Wer oder was hat mir auf meinem Weg geholfen?
  • Was ist mir besonders wichtig im Umgang mit meiner Stimmenhörer-Erfahrung?
  • Wie geht es mir heute mit alldem? (S. 14)

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Der Herausgeber rahmt mit der Einleitung „Zwischen den Polen“ (nämlich Höllenqual oder Himmelsgabe) und dem Schlusswort „ Der persönliche Fingerabdruck“ 18 Berichte von Stimmenhörern und Stimmenhörerinnen, 8 Männern und 10 Frauen, ein. Im abschließenden „herzlichen Dank an die Autorinnen und Autoren dieses Buches“ werden diese kurz vorgestellt, wobei die Unterschiedlichkeit sowohl vom Alter her – zwischen 73 und 32 Jahren – als auch von dem Lebenshintergrund her deutlich wird.

Die unter Entstehungshintergrund aufgeführten Fragen finden sich als Hintergrund für die Berichte. Diese sind so vielstimmig wie die Stimmen selber, es gibt kein verallgemeinerbares Muster. Dennoch ziehen sich bestimmte Erfahrungen durch:

  • Vor allem wird durchgehend festgestellt, dass ein Interesse für die Inhalte der Stimmen seitens der Fachdisziplin nicht erfahren wurde. Teilweise war der Herausgeber der erste, der nach den Inhalten fragte (S. 12) und das trotz wiederholter auch stationärer Aufenthalte.
  • Auch wenn die Erfahrungen mit zum Teil wiederholten und lang dauernden psychiatrischen Behandlungen sowohl im stationären wie im ambulanten Bereich nicht im Fokus stehen, wird deutlich, dass diese teils als belastend, zumindest aber teilweise als wenig hilfreich erlebt werden.
  • Jede und jeder ist gefordert, seinen ganz persönlichen Weg im Umgang mit seinen/ihren Stimmen zu finden, insbesondere wenn diese anhaltend zu ihm/ihr reden. Dies ist insbesondere deswegen notwendig, weil ein Leben in der gemeinsam geteilten Realität – das, was man den Alltag nennt – und selbst bestimmt eine Art Arrangement erfordern. Hierfür ist der Austausch mit Personen mit gleichen Erfahrungen hilfreich.

Welche Herausforderungen dieses Erleben im Detail bedeutet und wie es den einzelnen gelingt, ist Gegenstand der einzelnen Berichte. Ich greife zwei heraus, obwohl alle Berichte uneingeschränkt lesenswert sind und insgesamt die Vielfältigkeit verdeutlichen.

  1. Christian Derflinger kann präzise angeben, wann seine Stimme, die er Horst nennt, erstmalig auftauchte, womit ein erster psychotischer Schub verbunden war. Inzwischen möchte er Horst nicht mehr missen, auch wenn dieser ihn „vollquassele“. Voraussetzung ist für ihn, dass Derflinger zwischen ihm und sich unterscheiden kann und nur das tue, was er selber wolle. Das Leben ist damit anstrengend, aber auch bereichert.
  2. Laura Vogt beschreibt Stimmen hören so: „Ich vergleiche es mit einem kleinen Radio im Kopf. Zu diesem Radio habe ich keinen Zugang, kann es also nicht ausstellen oder den Sender wechseln.“ Ihre Versuche, mit ihnen zu reden oder Vereinbarungen zu treffen, scheiterten: „. die Stimmen reden, wann es ihnen gefällt.“ (S. 116-117) Sie beschreibt ein aktuelles Erleben folgendermaßen: „Die Stimmen donnerten auf mich ein. Sie surrten wie ein Insektenschwarm um mich, unwahrscheinlich viele und extrem laut. Sie redeten wild und hektisch durcheinander, sodass ich kein Wort verstehen konnte. Sie sprachen tonlos, als würden sie flüstern, aber in einer immensen Lautstärke.“ Auch wenn Vogt die Stimmen häufig nicht versteht, ist sie zu folgendem Schluss gekommen: „Ich begreife, dass die Stimmen Dinge in Worte hüllen, für die ich keine Worte fand; Dinge, die ich mir selbst nicht eingestehen möchte, die aber ein Teil von mir sind; Bedürfnisse, die ich mich nicht auszusprechen getraute. Sie waren in einer Zeit Begleiter, als ich in der realen Welt von wichtigen Bezugspersonen verlassen wurde.“ (S.124) Daraus resultiert die Aufforderung an uns Nicht-StimmenhörerInnen: „Offenes und ehrliches Interesse oder auch einfach nur für jemanden da zu sein vermag enorm viel zu bewirken.“ (S. 125).

Diskussion

Höllenqual oder Himmelsgabe? fragt der Titel dieses Bandes nach den Erfahrungen von Stimmen hörenden Menschen. Es wird deutlich: es kann beides und einiges dazwischen sein und stellt für jede und jeden eine ganz persönlich zu bearbeitende Herausforderung dar. Neben der inhaltlichen Vielfältigkeit ist herauszuheben, dass Stimmen zu hören weder idealisiert noch verdammt wird, sondern als persönliche Möglichkeit, als „persönlicher Fingerabdruck“, gesehen werden kann. Die Publikation fordert heraus, sich für diese persönlichen Welten zu interessieren, sei es indem man die Berichte liest, sei es, indem man sich im Kontakt mit Betroffenen diesen Seiten nicht verschließt, sei es, dass sie Betroffene anregt zu prüfen, inwieweit sie Anregungen aus den Berichten anderer Betroffener entnehmen können. Den Autorinnen und Autoren ist für ihre Bereitschaft zu danken, die Leser und Leserinnen in diesen Prozess hineinzunehmen, der zu einer Enttabuisierung beitragen könnte.

Fazit

In einem vielstimmigen Band werden sehr unterschiedliche Erlebnisweisen und Umgangsformen mit Stimmen hören von Betroffenen vorgestellt und damit auch ermutigt, für diese Seite offen zu sein. In Zeiten, in denen Recovery und Empowerment in der Arbeit mit psychotisch erkrankten Menschen eine besondere Bedeutung bekommen hat, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Kurzum: eine empfehlenswerte Lektüre!


Rezensentin
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 20.08.2015 zu: Hartwig Hansen (Hrsg.): Höllenqual oder Himmelsgabe? Erfahrungen von Stimmen hörenden Menschen. Paranus Verlag (Neumünster) 2015. ISBN 978-3-940636-33-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18950.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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