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Karen Hagemann, Konrad Jarausch (Hrsg.): Halbtags oder ganztags? Zeitpolitiken von Kinderbetreuung [...]

Cover Karen Hagemann, Konrad Jarausch (Hrsg.): Halbtags oder ganztags? Zeitpolitiken von Kinderbetreuung und Schule nach 1945 im europäischen Vergleich. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 514 Seiten. ISBN 978-3-7799-2974-1. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Herausgeberin und Herausgeber

Karen Hagemann und Konrad H. Jarausch sind national und international als Historiker/in mit Schwerpunkt auf der modernen deutschen und europäischen Geschichte renommiert. Karen Hagemann ist zudem als Genderforscherin ausgewiesen. Für ihre vorliegende Publikation haben sie 16 weitere Wissenschaftler_innen aus unterschiedlichen europäischen Staaten gewonnen.

Entstehungshintergrund

Der Band vereint die Ergebnisse zweier interdisziplinärer Forschungsprojekte: eines deutsch-deutschen Projektes, das am Zentrum für Zeithistorische Forschung an der Universität Potsdam angebunden war und von der VW-Stiftung gefördert wurde, und eines vergleichenden europäischen Projektes. Nach einem ersten workshop 2006 in Potsdam und weiteren Tagungen wurde 2011 ein englischsprachiger Band veröffentlicht, dem die nun vorliegende, modifizierte und aktualisierte deutschsprachige Veröffentlichung folgte.

Aufbau

Der umfangreiche Band ist in drei Hauptteile gegliedert.

  1. Im Einleitungsteil wird das Konzept der Zeitpolitik als neuer Ansatz in der vergleichenden Analyse von Systemen frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung sowie schulischer Bildung vorgestellt, die theoretischen und methodischen Ansätze des Bandes sowie die Ergebnisse des Projektes gebündelt.
  2. Im zweiten Teil werden historische Rahmenbedingungen der Zeitpolitiken in Kindergarten, Vor- und Grundschule in Nord- und Westeuropa sowie Osteuropa beleuchtet, wobei vor allem die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie sowie die Auswirkungen von Zeitpolitiken auf die Geburtenraten thematisiert.
  3. Der dritte Teil schließlich enthält Fallstudien aus zwölf ausgewählten Ländern, in denen drei grundsätzlich verschiedene Systeme von Zeitpolitik realisiert werden: Ganztagsschulsysteme mit Ganztags- oder Teilzeit-Kinderbetreuung in Nord- und Westeuropa, Halbtags- und Teilzeitsysteme in Kinderbetreuung und Schule in Westmitteleuropa und Halbtagsschulsysteme mit Ganztags-Kinderbetreuung in Osteuropa.

Eine in sechs Themengruppen aufbereitete Auswahlbibliographie rundet den Band ab.

Inhalt

Im ersten Teil des Bandes wird in zwei Beiträgen von Karen Hagemann und Kimberley J. Morgan ein grundlegendes Verständnis von Zeitpolitik vermittelt. Hierfür werden Konzepte, Methoden und Erkenntnisse aus Erziehungswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Geschlechterforschung miteinander in Beziehung gesetzt. Zeitpolitik wird als zentraler Ansatz zweier eng miteinander verbundenen Probleme betrachtet: dem Bedarf an einem qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungs- und Schulsystem, das zur Verbesserung der Chancengleichheit von Kindern beiträgt, und der besseren Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit als einem Beitrag zur Chancengleichheit von Frauen und Männern (vgl. S. 22). Somit bildet Zeitpolitik die Schnittstelle von fünf Politikfeldern: Arbeit, Soziales, Bildung, Familie und Geschlecht (ebenda). Dabei verfolgen Herausgeber_in und Autor_innen vor allem das Ziel, die häufig als konkurrierend betrachteten Interessen von Kindern, Eltern (vor allem: Müttern) und Gesellschaft zusammen zu führen (vgl. S. 15). Von besonderem Interesse ist für sie dabei die Frage, wie und warum sich im deutschsprachigen Raum das Halbtagsmodell in Kindergarten, Vor- und Grundschulbereich als „europäischer Sonderweg“ entwickelt hat, und welche historischen und kulturellen Faktoren hierfür ausschlaggebend waren.

Der zweite Teil des Bandes umfasst drei historisch-vergleichende Studien: Ute Gerhard befasst sich mit Familienpolitiken in Nord- und Westeuropa und fokussiert dabei das Verhältnis von Familienrecht und Geschlechtergerechtigkeit. Der Beitrag von Jacqueline Heinen befasst sich unter der Überschrift „Von der Gleichheit zur Differenz?“ mit osteuropäischen Familienpolitiken. Livia Sz. Oláh schließlich betrachtet Familienpolitik als Bevölkerungspolitik und vergleicht im gesamteuropäischen Kontext die Zusammenhänge von Frauenerwerbsarbeit, Geburtenraten und Zeitpolitik im Bereich des Kindergartens, der Vor- und Grundschule.

Der dritte Teil des Bandes enthält die bereits erwähnten zwölf Fallstudien, die wiederum entsprechend den zeitpolitischen Grundtypen (s.o.) in drei Gruppen zusammen gefasst wurden Jede einzelne dieser Studien umfasst historische Informationen, empirische Daten und aktuelle Entwicklungstrends und ist eingebettet in gesellschafts- und geschlechtertheoretische Analysen.

Diskussion und Fazit

Der hier vorgestellte Sammelband bietet eine vorzügliche Einführung in das komplexe interdisziplinäre Forschungsfeld der Zeitpolitik und stellt zugleich eine wahre „Fundgrube“ an empirischen Daten sowie politischen Informationen dar. Jeder Beitrag ist in sich abgerundet und verständlich, zugleich bieten alle Beiträge zusammen ein umfassendes Kompendium rund um europäische Entwicklungen im Bereich der Bildungs-, Familien- und Geschlechterpolitik. Das Buch eignet sich zum Selbststudium ebenso wie für Lehrzwecke.


Rezension von
Prof. em. Dr. Hildegard Mogge-Grotjahn
Bis März 2017 Professorin für Soziologie am Fachbereich 1: Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie an der Evangelischen Fachhochschule RWL in Bochum
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Zitiervorschlag
Hildegard Mogge-Grotjahn. Rezension vom 28.08.2015 zu: Karen Hagemann, Konrad Jarausch (Hrsg.): Halbtags oder ganztags? Zeitpolitiken von Kinderbetreuung und Schule nach 1945 im europäischen Vergleich. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2974-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18954.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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