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Gudrun Quenzel: Entwicklungs­aufgaben und Gesundheit im Jugendalter

Cover Gudrun Quenzel: Entwicklungsaufgaben und Gesundheit im Jugendalter. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 272 Seiten. ISBN 978-3-7799-2903-1. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,10 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Gudrun Quenzel arbeitet seit mehreren Jahren über die gesundheitliche Lage von Kindern und Jugendlichen. Mit Klaus Hurrelmann war sie im Leitungsteam der letzten Shell Jugendstudie.

„Ausgangspunkt dieses Buches ist die Erkenntnis, dass die psychische, körperliche und soziale Entwicklung von Menschen eng mit ihrer Gesundheit verwoben ist. …Die vorliegende Arbeit will einen Beitrag leisten, dieses Zusammenspiel von Entwicklung und Gesundheit besser zu verstehen. Sie tut dies am Beispiel des Jugendalters, da diese Lebensphase durch einen hohen Entwicklungsdruck gekennzeichnet ist und als Wendepunkt im Gesundheits- und Krankheitsgeschehen im Lebenslauf gilt.“ (Alle Zitate sind dem rezensierten Buch entnommen.)

Es handelt sich um eine Habilitationsschrift, die „im anregenden Umfeld der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld entstanden“ ist.

Was macht das Jugendalter zu einer vulnerablen Lebensphase?

Im 1. Kapitel wird die gängige Annahme, es handele sich um eine besonders gesunde Lebensphase, hinterfragt. Schwere somatische Krankheiten stehen nicht im Vordergrund, jedoch besteht das Risiko für psychische Auffälligkeiten bei nahezu einem Viertel der 14-17jährigen. (Alle Aussagen im Buch sind korrekt belegt, in dieser Rezension wird auf Belege verzichtet.) Ein aussagekräftiger Indikator für das gesundheitliche Wohlergehen der Jugend ist die individuelle Bewertung der eigenen Gesundheit durch die Jugendlichen. „Es mehren sich die Hinweise, dass das Jugendalter eine Lebensphase mit erhöhter gesundheitlicher Vulnerabilität ist.“

Die Jugendgesundheitsforschung hat gezeigt, dass sich etwa zum Zeitpunkt der Pubertät das Gesundheitsverhalten rasch ändern kann, die sportliche Betätigung geht zurück, bei Mädchen deutlicher als bei Jungen, es werden risikoreiche Verhaltensweisen erprobt (legale und illegale Drogen). Jungens verunfallen vermehrt, im Straßenverkehr sterben sie beinahe dreimal so häufig wie junge Frauen. Wie hängen diese Befunde zusammen?

„Insgesamt will die vorliegende Arbeit zeigen, dass es ohne die systematische Berücksichtigung des Ansatzes der altersspezifischen Entwicklungsaufgaben nicht möglich ist, ein Verständnis des Gesundheitszustands und des Gesundheitsverhaltens zu erlangen. Die drei zentralen Forschungsfragen sind.“

  • Wie wirken sich die jugendtypischen Bewältigungsprobleme auf die Gesundheit aus?
  • Welche Wechselwirkungen können bei der Bewältigung der verschiedenen Entwicklungsaufgaben beobachtet werden?
  • Was sind Ursachen von Bewältigungsproblemen?

Zur Bearbeitung dieser Fragen wird die Aufteilung in acht Kapitel vorgestellt: Das zweite Kapitel Sozialisation, Entwicklungsaufgaben und Gesundheit im Jugendalter stellt den Stand der gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnisse vor.

Als „querstehende“ Aufgabe gilt das Akzeptieren körperlicher Veränderung.

Dann werden jeweils kapitelweise die Aufgaben dargestellt, der Aufbau sozialer Bindungen, das Qualifizieren, das Regenerieren, also die Gestaltung der Freizeit und das Partizipieren, das heißt, eigene Werteorientierung zu entwickeln und im sozialen Nahbereich, in der Zivilgesellschaft oder in politischen Institutionen mitzuwirken. Im letzten Kapitel wird auf die Bedeutung des Ansatzes der Entwicklungsaufgaben für die Gesundheitswissenschaften und „auf die praktische Bedeutung der Ergebnisse für die Prävention und Gesundheitsförderung in der Lebensphase Jugend eingegangen.“

Sozialisation, Entwicklungsaufgaben und Gesundheit im Jugendalter

Im 2. Kapitel werden zentrale Themen der Jugendgesundheitsforschung vorgestellt und die theoretischen Modelle, derer die Autorin sich bediente. Der Lifespan Development Ansatz (Hendry und Kloep 2002), das Modell der Salutogenese von Antonovski von 1997 und das Sozialisationsmodell von Hurrelmann von 2010.

Danach werden die leitenden Fragen differenzierter ausformuliert, etwa danach, welche Formen von Bewältigungsproblemen bei welchen Entwicklungsaufgaben auftreten, ob es oder soziale oder Geschlechterunterschiede gibt. Ein Beispiel: „Wie interagieren die verschiedenen Entwicklungsaufgaben miteinander und welche Folgen hat dies für das gesundheitliche Wohlbefinden?“

Anschließend wird das Vorgehen bei der Literaturrecherche beschrieben, die genutzten Quellen und Stichwörterkombinationen, nach denen gesucht wurde. Dabei liegt der Fokus auf der Altersspanne von 13 bis 18 Jahren. Zeitlich war die Recherche auf Studien aus den Jahren 2000 bis 2013 beschränkt. Die so ermittelten Studien werden unter Verwendung der beschriebenen theoretischen Modelle ausgewertet.

Akzeptieren körperlicher Veränderungen

„umfasst die produktive Auseinandersetzung mit der körperlichen Entwicklung, die damit eng verbundene Erarbeitung neuer Geschlechtsrollen und die Umstrukturierung der geschlechtlichen Identität.“

Diese neue Geschlechtsidentität vermittelt sich über den Körper und bedingt „eine Auseinandersetzung mit den kulturellen Codierungen des Körpers, den geschlechtlichen Machtbeziehungen und den damit verbundenen Verhaltensweisen.“ Dieser „durch die Entwicklung entfremdete Körper“ muss neu angeeignet werden.

Das Entwickeln einer neuen Ich-Identität gelingt besser, wenn diese Veränderungen des eigenen Körpers denen der Peers gleichen. Viele Vergleiche mit ihnen finden statt. Vor allem die veränderten Verteilungen des Körperfetts machen den Mädchen zu schaffen, sie streben das gängige androgyne Schönheitsideal an und werden, ohne ihr aktives Zutun, ihm immer weniger ähnlich. Entsprechend ist ihre Körperwahrnehmung, fast die Hälfte der 15-Jährigen empfindet sich als zu dick, auch wenn sie über ein Normalgewicht verfügen. Dabei gehen Jungen wohlwollender mit dem neuen Ich um: Dennoch fühlen sich fast 30% von ihnen, bei Normalgewicht, zu dick, aber auch 15,7% als zu dünn.

Das Abweichen der körperlichen Veränderungen vom durch die Peergroup vorgegebenen Normalmaas und darauf folgende sexualisierte Hänseleien können die Akzeptanz des eigenen Körpers erschweren und das Selbstwertgefühl vermindern. Diese Neigung, die Wahrnehmung durch die anderen zu internalisieren und sich des eigenen Körpers zu schämen, betrifft eher das weibliche Geschlecht. Etwas unglücklich wird es in der Literatur als „objektiviertes Körperbewusstsein“ beschrieben. Es gibt Belege dafür, dass die sinkende körperliche Aktivität der Mädchen in der Pubertät auch mit Kommentaren über ihre Größe oder ihr Gewicht zusammenhängen. Positiv wirken sich ein gutes Verhältnis zur Mutter und ein ausgeprägtes Wissen über körperliche Vorgänge aus. Die Entwicklung eines positiven Verhältnisses zum neuen eigenen Körper gelingt jungen Männern leichter.

Unzufriedenheit mit dem sich ändernden Körper kann, vor allem bei Mädchen zu Essstörungen führen. Diese Magersucht wird in einigen Studien als Versuch gesehen, sich von christlichen Vorstellungen über das Frausein abzuwenden, und dabei Rituale wie das Fasten aufzugreifen. Für andere drückt das Hungern ein Autonomiebestreben aus, in dem „der schlanke Körper symbolisch für…die Werte Disziplin, Stärke und Willenskraft„ steht.

Auch sehr frühe oder sehr späte körperliche Entwicklungen können Bewältigungsprobleme bereiten, dabei stehen der Vergleich mit und ein mögliches Anderssein als die Peers im Vordergrund. Ein gutes Selbstwertgefühl schützt vor der Übernahme der Abwertungen, die durch die Peers erfolgen. Diese erfolgen vor allem, wenn die gefundene Geschlechtsidentität nicht dem Durchschnitt entspricht. Insbesondere junge Männer, die ihre eigene Identität noch suchen, sind Hänseleien und Häme der Peers ausgesetzt. Denen „dient die Abwertung von anderen vor allem der Herstellung der eigenen Geschlechtsidentität.“

Dieses Kapitel wird, wie die folgenden auch, mit der Zusammenfassung der Ergebnisse abgeschlossen, welche die „Risikofaktoren bei der Entwicklungsaufgebe ‚Akzeptieren körperlicher Veränderungen‘ und gesundheitliche Folgen von Bewältigungsproblemen“ auch graphisch darstellt.

Aufbau sozialer Bindungen

Diese Entwicklungsaufgabe „umfasst die emotionale und soziale Ablösung von den Eltern, den Aufbau enger Kontakte zu Freunden und Gleichaltrigen und das Eingehen einer vertrauensvollen, intimen Partnerschaft, die den persönlichen Wunschvorstellungen entspricht.“

Die Fähigkeit, „qualitativ hochwertige Beziehungen zu Gleichaltrigen“ aufzubauen, erleichtert das Bewältigen aller Entwicklungsaufgaben, weil es im Vergleich und im Austausch mit den anderen leichter wird, eigene Standpunkte zu finden, etwas auszuprobieren, Emotionen wahrzunehmen und Konflikte zu bewältigen. Nach der Shell-Jugendstudie von 2010 haben gut 30% der 12- bis 18-jährigen keinen festen Freundeskreis. Während zu Beginn der Pubertät die Bedeutung der Mutter als Vertraute und Unterstützerin eine große Rolle spielt, verschiebt sich die Bedeutung hin zu Bindungen zu den Peers. Ein gutes Verhältnis zu den Eltern begünstigt dabei den Beziehungsaufbau sowohl in der Aufnahme von Freundschaften, als auch bei romantischen Beziehungen. Andererseits können Freundschaften helfen, die Auswirkungen schlechter Beziehungen zu den Eltern zu kompensieren.

Freundschaften, die sich als Stütze bei der Bewältigung der anstehenden Aufgaben zeigen, brauchen eine gewisse „Qualität“. Bei Jugendlichen, denen es daran mangelt, sind „häufiger depressive Symptome, negative Einstellungen gegenüber der Schule, ein niedriges Selbstwertgefühl und eine geringe Selbstkompetenz zu beobachten.“

Beim Aufbau intimer Beziehungen zeigt sich ein klarer Unterschied zwischen den Geschlechtern: „Bei Mädchen dient der neue Freund in der Regel als Gesprächsstoff, sodass die alten Freundinnen auf diese Weise am Beziehungsleben teilhaben können. Jungen erleben dagegen die Paarbeziehung eher als eine von der alten Clique getrennte Welt und sprechen wenig über diese. Hierdurch kann es bei ihnen stärker zu Konflikten und Konkurrenzverhältnissen zwischen alten Freunden und neuer Partnerschaft kommen.“

Frühe sexuelle Kontakte haben eine große Bedeutung für das körperliche Wohlbefinden. Eine Studie zeigt, dass ein verfrühter Beginn mit einer unterdurchschnittlichen Kompetenz und Bindungsfähigkeit einhergeht, während sexuelle Erfahrungen im Alter von 17 Jahren oder später mit überdurchschnittlicher Kompetenz und Bindungsfähigkeit einhergehen. Als früh gilt das Alter von 14 Jahren oder früher. Sieben Prozent der Mädchen und vier der Jungen geben in diesem Alter sexuelle Kontakte an. Später bedauern diese Teenager, dass sie zu jung für ihre sexuellen Kontakte gewesen seien. Eines der Risiken besteht darin, dass der erste Geschlechtsverkehr ohne Verhütung stattfindet, dies ist bei acht Prozent der Jugendlichen der Fall. Hervorgehoben werden Jugendliche, die über wenig psychische Ressourcen für das Eingehen von stabilen Bindungen verfügen. Sie haben vermehrt ein problematisches Verhältnis zu ihren Eltern. Gelingt es ihnen, eine gute Bindung zu den Peers aufzubauen, so können vor allem sie davon profitieren. Problematisch sind „auch die Strategien, die fehlenden sozialen Bindungen durch sehr frühe sexuelle Beziehungen zu kompensieren.“ Mit 17 Jahren verfügen bei beiden Geschlechtern jeweils zwei Drittel über sexuelle Erfahrungen.

Qualifizieren

Hier geht es um die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten, die durch den „Erwerb von Bildungstiteln und Ausbildungsabschlüssen“ belegt wird. In unserer Gesellschaft gelten diese als wichtigster Faktor, Prestige, Einfluss und Wohlstand zu erreichen. Entsprechend groß ist bei allen Jugendlichen, die noch zur Schule gehen, die Sorge einen Arbeitsplatz zu finden oder zu verlieren: Über 60% der Gymnasiasten und über 70% der Hauptschüler geben diese Ängste an.

Es besteht ein Druck, möglichst hohe Abschlüsse anzustreben, was in der Praxis zu Misserfolgserfahrungen führen kann. Diese drücken sich neben schlechten Schulleistungen in „Kopfschmerzen, Unterleibsschmerzen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Schwindelgefühl“ aus. Diese Beschwerden als solche sind nicht von der sozialen Schicht abhängig, zeigen sich aber häufiger bei Mädchen.

Die schulischen Misserfolge sind bei Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten überproportional vertreten. Ihre niedrig ausgeprägte Selbstwirksamkeitserwartung wirkt sich negativ auf den schulischen Erfolg aus. Es besteht ein Zusammenhang zwischen schulischen Misserfolgen und Einschränkungen des psychischen Wohlbefindens, meist in Form von Depressionen, welche erneut den Glauben an die eigene Leistungsfähigkeit senken. Einige Studien weisen darauf hin, dass Misserfolge mit einem erhöhten Alkohol- und Zigarettenkonsum einhergehen.

Schüler und Schülerinnen, die das Gefühl haben, sie könnten ihre schulische Leistungsfähigkeit nicht beeinflussen, sehen wenig Sinn im weiteren Schulbesuch. Dies erschwert die Entwicklung eines gesundheitsfördernden Kohärenzsinns nach Antonovski. Jungen sind stärker beeinträchtigt, da sie für sich in ihrem Bewusstsein stärker eine zukünftige Rolle im Erwerbsleben sehen.

Die Lockerung elterlicher Kontrolle führt häufig zu einem Schlafdefizit. Geschlechterrollen werden „im Klassenzimmer ausgehandelt“. Dabei zeigten sich in Studien Hinweise auf die Unvereinbarkeit von Männlichsein und schulischen Leistungen. Desinteresse an ihnen fühlt sich eher männlich an. Mädchen hingegen können über schulische Leistungen weibliche Identität beweisen.

Die gesundheitlichen Folgen der Probleme bei der Bewältigung der Aufgabe Qualifizieren treten vor allem dann auf, wenn die Erwartungen, beispielsweise die der Eltern, zu hoch waren. Die gesundheitlichen Beschwerden hängen stärker mit den schulischen Misserfolgen zusammen, als mit der sozialen Schicht. Dabei reagieren Mädchen eher psychosomatisch, die jungen Männer zeigen externalisierte Reaktionen: Sie stören im Unterricht, schwänzen, sie nehmen Drogen. Ihr soziales Wohlbefinden muss dadurch nicht gestört sein, es kann auch, vor allem durch das steigende Ansehen bei den Peers, gebessert werden. In manchen Cliquen ist derjenige Anführer, der am meisten Risiken auf sich nimmt, sei es im Drogenkonsum, oder wegen seines risikoreichen Fahrverhaltens. Für ihn selbst sind diese Verhaltensweisen Quellen gesundheitsförderlichen Wohlbefindens.

Regenerieren

Dieser eben angesprochene Widerspruch zwischen objektiv und langfristig schädlichem Verhalten und dem großen Wohlbefinden, das es subjektiv und im Jetzt schafft, und damit gesundheitsfördernd ist, durchzieht dieses Kapitel. Ein großes Angebot steht Jugendlichen offen: Sie haben reichlich Taschengeld und Freizeit, Fernsehen und Medien stehen zur Wahl, ein Zugang zu legalen und illegalen Drogen ist gegeben. „Aus salutogenetischer Perspektive leisten damit Substanzkonsum, Medienkonsum und waghalsige Aktivitäten auch einen Beitrag zur Gesundheit, weil sie bei vielen Jugendlichen das psychische Wohlbefinden und die soziale Integration erhöhen.“

Aus der Fülle der verlockenden Angebote, deren Wirkungen im Einzelnen im besprochenen Buch ausführlich beschrieben sind, greife ich beispielhaft den Medienkonsum heraus: Weibliche Jugendliche verbringen etwa 4 Stunden täglich, männliche 4,5 Stunden vor einem Bildschirm, Fernsehen und Computerspielen zusammengenommen. Dabei haben Hauptschüler einen höheren Schnitt als Gymnasiast/innen, wobei „männliche Jugendliche aus Elternhäusern mit einem niedrigem sozioökonomischen Status oder geringem schulischen Erfolge überproportional viel Zeit mit Computerspielen verbringen.“

Der Medienkonsum kann „kippen“, wenn ein Kontrollverlust, Entzugserscheinungen und ein zunehmendes Desinteresse an anderen Tätigkeiten eintreten. Der erhöhte Medienkonsum kann zu einem Schlafdefizit und einem sinkenden subjektiven Gesundheitsempfinden führen, bei Jungen eher durch Computerspiele, bei Mädchen eher durch Handybenutzung. Dass die körperlichen Aktivitäten im Übergang von der Kindheit zur Jugendzeit abnehmen, wurde schon gesagt. Auf der anderen Seite konnte gezeigt werden, dass eine Abnahme des Fernsehkonsums mit einer Erhöhung der körperlichen Aktivität einhergeht.

Die bisherigen Aussagen betreffen die Quantität des Medienkonsums, in der wissenschaftlichen Debatte stehen auch die Inhalte, die vermittelt werden. Eine Reihe von Studien kam zum Schluss, dass sie „aggressive Gedanken, Gefühle und gewalttätige Fantasien fördern und die Fähigkeit zu Empathie sowie zum prosozialen Verhalten einschränken.“ Ob Computerspiele Gewalttaten tatsächlich erhöhen, ist umstritten. Es fehlen auch Belege, ob nicht umgekehrt eine Vorliebe für sie auf eine Gewaltaffinität des Spielers hinweist. Allerdings scheinen sie sich negativ auf die Konzentration bei Schulaufgaben auszuwirken.

In den Gesundheitswissenschaften wird davon ausgegangen, dass „der Einsatz von Hilfsmitteln zur Entspannung funktional für die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben ist.“ Gelingen diese schlecht, so können die Hilfsmittel auch eine kompensatorische Funktion übernehmen, im Sinne des Kohärenzgefühls nach Antonovski.

Fehlende Ressourcen im sozialen, emotionalen und kognitiven Bereich sind Faktoren für das Auftreten von Bewältigungsproblemen. „Verstärkt wird die Neigung zu Risikoverhaltensweisen dabei vor allem durch eine insbesondere im Jugendalter zu beobachtende hohe Affektgesteuertheit, das Ausblenden von Gefahren, mangelnde Unterstützung durch die Eltern und einen Rückzug in die Peergroup.“

Partizipieren

Die Studienlage über die gesundheitsrelevanten Zusammenhänge öffentlichen Agierens und der Gesundheit Jugendlicher ist deutlich magerer, als bei den anderen Aufgaben. Es geht um moralische und politische Aktivitäten, die helfen, eigene Bedürfnisse und Interessen im öffentlichen Bereich zu vertreten. Partizipation wird „zunehmend international als Voraussetzung für gesundes Aufwachsen und als grundlegende Determinante für die Lebensqualität diskutiert.“

Dem stehen die Ergebnisse der Shell-Studien gegenüber, nach denen sich fast dreiviertel der Jugendlichen nicht über Politik informieren, es über die Hälfte unwichtig findet, sich politisch zu engagieren und ein gutes Viertel der Meinung sind, dass man gegen das, was die Mächtigen in Arbeitswelt und Gesellschaft wollen, am Ende doch nichts tun kann. Kern der salutogenetischen Theorie nach Antonovski sind die drei Aspekte der Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit von Veränderungen. Sie werden über die Teilhabe erreicht. Das Vorhandensein einer Selbstwirksamkeitserwartung trägt zur Bildung des Kohärenzgefühls bei.

Notwendige Teilhabe- oder Partizipationsmöglichkeiten für Jugendliche werden von diesen nicht gesehen. Untersuchungen im Schulbereich zeigen, dass sie Beteiligungsmöglichkeiten vor allem dann nicht sehen, wenn unterrichts- und lehrerbezogene Aspekte betroffen sind, wahrscheinlich deswegen, weil sie auch real nicht vorhanden sind. Hier gibt es einen sozialen Gradienten; die Beteiligungsmöglichkeiten sind „in Abhängigkeit von der sozialen Herkunft und der besuchten Schulform ungleich verteilt.“

Über die Folgen für das gesundheitliche Wohlbefinden und die Partizipation gibt es eher theoretische Überlegungen als empirische Belege, diese zeigen jedoch, dass mit der tatsächlichen Teilnahme das Gefühl, gesund zu sein, steigt und die Beschwerdelast sinkt.

Die Bedeutung des Ansatzes der Entwicklungsaufgaben für die Gesundheitswissenschaften

In der Zusammenfassung und Diskussion weist die Autorin daraufhin, dass hier in Form einer Forschungssynthese vorliegende Befunde zusammengeführt und analysiert wurden. So war es ihr möglich, ein detailliertes Bild der Gesundheitsrisiken und -chancen im Jugendalter zu zeichnen. Der Ansatz, die gesundheitliche Lage einer Altersgruppe über Bewältigungsprobleme bei deren Entwicklungsaufgaben aufzuzeigen, weist auf ein vielfach größeres Gesundheitsrisiko hin, als das bisher im Fokus der Jugendgesundheitsforschung stehende Gesundheitsverhalten.

Es folgt eine Zusammenfassung der in den einzelnen Kapiteln erarbeiteten Ergebnisse. Diese eignen sich gut, auch für den eiligen Leser, um einen Überblick über das Gesamtwerk zu erlangen.

Über die Ursachen von Bewältigungsprobleme listet sie fünf Bereiche auf, von einem Mangel an Wissen, etwa über die körperlichen Veränderungen, zu dem Mangel an persönlichen, sozialen und materiellen Ressourcen, Intrarollenkonflikten, und den Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Aufgaben, und Person-Rolle-Konflikten.

Sie weist darauf hin, dass die Arbeit einem pathogenetischen Argumentationsmuster verhaftet ist, weil die verfügbaren Befunde negative Folgen für die Gesundheit darstellen, während Studien über die gesundheitlichen Ressourcen weitgehend fehlen. Es folgen einige Anregungen, wie die Gruppen, die über weniger Ressourcen verfügen, gezielt gestärkt werden können.

Zum Schluss wird empfohlen, diesen Forschungsansatz auch auf andere Altersgruppen anzuwenden und es gibt eine Reihe von Beispielen für Entwicklungsaufgaben der älteren Menschen, die die Rezensentin als Vertreterin der Generation der geburtenschwachen Jahrgänge in Deutschland mit großem Interesse las.

Diskussion

Diese Monographie fasst die aktuelle Studienlage des weiten Feldes sehr gut zusammen. Sie ist in einem flüssigen, gut lesbaren Stil geschrieben, weswegen in dieser Rezension oft direkt zitiert wird. Der Aufbau ist geschickt gewählt, in dem den körperlichen Veränderungen während der Pubertät eine Querschnittsfunktion zu gemessen wird. Dieser Aspekt, dass auch das Wachsen als solches eine Aufgabe ist, wird in den Gesundheitswissenschaften nicht seiner Bedeutung entsprechend bedacht. Auch die gewählte Reihenfolge der zu bewältigenden Aufgaben erschließt sich während der Lektüre: Während dem Motto gemäß, erst die Arbeit, dann das Vergnügen, die Rentnerin eine andere Reihenfolge gewählt hätte, trägt die von der Autorin gewählte Reihenfolge zum Verständnis der jüngeren Generationen bei, insbesondere die Bedeutung der vielen Entscheidungen, die im Kapitel „Regenieren“ aufgezählt werden. Es zeigt sich, dass sich die Entwicklungsaufgaben, die Jugendliche zu bewältigen haben, von Generation zu Generation unterscheiden können.

Fazit

Dem Auszug aus dem Rückseitentext ist zuzustimmen: “In Form einer systematischen Synopse wird die Fülle an Einzelstudien aus der Jugendgesundheitsforschung eine kohärente Form gebracht und der Zusammenhang zwischen der Bewältigung von altersentsprechenden Entwicklungsaufgaben und Gesundheit differenziert herausgearbeitet.“ Dies ist innovativ. Ich betrachte die Lektüre als einen Gewinn.


Rezensentin
Prof. Dr. Eva Luber
MSc
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Zitiervorschlag
Eva Luber. Rezension vom 16.11.2015 zu: Gudrun Quenzel: Entwicklungsaufgaben und Gesundheit im Jugendalter. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-2903-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18956.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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