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Ralph Buchenhorst (Hrsg.): Von Fremdheit lernen

Cover Ralph Buchenhorst (Hrsg.): Von Fremdheit lernen. Zum produktiven Umgang mit Erfahrungen des Fremden im Kontext der Globalisierung. transcript (Bielefeld) 2015. 299 Seiten. ISBN 978-3-8376-2656-8. D: 32,99 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Thema

Der Buchtitel kennzeichnet das Thema im Grunde ausreichend, wobei nur anzumerken ist, dass Fremdheit (F.) sehr weit gefasst wird als „eine Befindlichkeit, die in sozialen Beziehungen genau dann produziert wird, wenn Individuen und Gemeinschaften auf Artefakte, Handlungen oder Kommunikationen treffen, die sie nicht in ihre etablierten kulturellen und epistemischen Ordnungen integrieren können“, so der Herausgeber (11). Angemerkt sei außerdem, um nicht falsche Erwartungen zu wecken, dass die Globalisierung nicht explizit zum Thema gemacht wird.

Herausgeber und Hintergrund

Ralph Buchenhorst, habilitiert in Kulturphilosophie und Kulturwissenschaften, fungiert als Senior Research Fellow am Research Cluster/ Graduate School „Society und Culture in Motion“ an der Universität Halle-Wittenberg. Eben dort wurde 2013 ein Workshop unter dem Titel „Bewilderment as an Opportunity for Learning“ veranstaltet, auf den die vorliegende Publikation zurückgeht. Von den elf Autor/inn/en des Bandes sind denn auch sechs Mitglieder der Universität Halle-Wittenberg.

Aufbau und Inhalt

Der Herausgeber hat die Beiträge nach fünf Themenschwerpunkten geordnet:

  1. F. in Bildungs- und Erziehungsprozessen,
  2. F. im Rechtsdiskurs,
  3. Literarische und literaturtheoretische Verarbeitung von F.,
  4. Das Fremde in Kunst und Kulturtheorie,
  5. Erzeugung und Verarbeitung von F. bei Erstkontakten und im Tourismus.

Einleitend erläutert Buchenhorst Aufgabenstellung und Ziele der Publikation (17, 25) und gibt eine Vorschau auf die einzelnen Beiträge.

Rainer Kokemohr interpretiert eine Unterrichtsstunde, die er an einer afrikanischen Landschule verfolgt hat. Das Verständnis des naturwissenschaftlich inspirierten Experiments verschließt sich, so seine auf eine ethnologische Beobachtung gestützte These, den Beteiligten umso mehr, als die sonst schon hinderliche Differenz zwischen Alltagsdenken und wissenschaftlichem Denken durch eine kulturell bedingte „Differenz der Wahrnehmungsordnungen“ zusätzlich verschärft wird. Vf. sieht jedoch auch die Chance „virtueller Entgrenzung“, wenn die jeweiligen Ordnungen und ihre Ansprüche thematisch würden (64f.). Christiane Thompson fragt nach dem systematischen Ort von Befremdung in der Bildungstheorie, wozu sie exemplarisch drei neuere Studien heranzieht. Ihre Bilanz: In diesen wird die einfache Vorstellung korrigiert, dass die Konfrontation mit dem F. schon zu einer bildenden Erfahrung führe (83). Erklärtes Ziel des Aufsatzes von Merle Hummrich ist „die methodologische Grundlegung der erziehungswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kultur und Interkultur“ (91), wobei sie sowohl kulturvergleichende Bildungsforschung als auch die interkulturelle Pädagogik im Auge hat. Sie warnt davor, das Fremde als fremd anzuerkennen, weil dadurch das Eigene der Irritation entzogen werde (95). Es wird daran erinnert, dass der Forschungszugang in den „Machtdiskurs von Eigenem und Fremdem eingebunden“ sei (109).

Armin Höland zeigt an historischen und aktuellen Beispielen, wie Rechtssysteme durch neue soziale Entwicklungen oder Bewegungen, aber auch durch als skandalös empfundene Vorfälle herausgefordert und zu Reformen veranlasst werden. Er verwendet hierfür auch den Begriff der Befremdung. An diesen Beitrag schließt der von Winfried Kluth an, der die Konsequenzen von vier Konfliktkonstellationen, u.a. die Kontroverse um die Knabenbeschneidung, für das Rechtsystem und die Gesellschaft diskutiert.

„Befremdung und Marginalität in einigen autobiographischen Texten aus dem 18. Jahrhundert“ hat Werner Nell seinen literaturwissenschaftlichen Beitrag überschrieben. Er fokussiert die Schwierigkeiten von sozial „Peripheren“, bei der Undurchschaubarkeit ihrer Erfahrungen innerhalb der Dominanzgesellschaft den literarischen Kohärenzansprüchen zu genügen (153). Der Aufsatz von Alfonso de Toro hat Konzepte von Diaspora zum Gegenstand. Er stellt die eigenen Konzepte von „performativ-hybrider Diaspora“ und Identität vor, für die Inszenierung, Verhandlung, Nomadizität kennzeichnend sein sollen, bevor er verschiedene daran anschlussfähige Diasporakonzepte, speziell auch für die Maghreb-Migration, referiert (Derrida, Lévinas, Stuart Hall, Robin Cohen, A. Khatibi, A. Memmi, Ben Jalloun).

Marcio Seligmann-Silva widmet sich dem Werk des brasilianischen Außenseiters Arthur Bispo do Rosario (1909 – 89), um Exklusionsmechanismen des sozialen Systems und der herrschenden Ästhetik zu verdeutlichen, aber auch die Möglichkeit einer die Grenzen zwischen „normal“ und „pathologisch“ überschreitenden Kunstproduktion zu zeigen. Ralph Buchenhorst erörtert die Konsequenz kulturtheoretischer Debatten über F. und Differenz für Politiken der Differenz im Prozess der Globalisierung. Er sieht dabei „die Schwierigkeit kulturtheoretischer Ansätze, ein Drittes über den Dualismus von strengem Identitätsdenken und hyperkultureller Relativierung hinaus zu entwerfen“ (230).

Die Ermordung von James Cook durch Indigene aus Hawai und die kontroverse Deutung dieses Vorfalls nimmt der Ethnologe Christoph Brumann zum Anlass für Überlegungen über Konfliktanlässe bei Erstkontakten mit weltabgeschiedenen Ethnien, wie es sie früher gab. Von ganz anderer Qualität sind die Kontakte zwischen heutigen Touristen und Einheimischen in der Himalaya-Region, Gegenstand eines Projekts von Alfred Schäfer. Er charakterisiert die „Erfahrungsdiskurse“ beider Seiten in dem modischen Tourismusgebiet Ladakh.

Diskussion

Die Fragestellung, die die Beiträge aus verschiedenen Disziplinen zusammenhalten soll, ist vage, was offenbar schon für den Workshop mit dem Titel „Bewilderment as an Opportunity for Learning“ galt. Abgesehen davon, dass „bewilderment“ nicht gleichbedeutend ist mit dem deutschen Wort Befremdung, wird Befremdung in den Beiträgen nicht nur weit gefasst, sondern willkürlich verwendet. Man kann die Herausforderung des Rechtssystems durch neue gesellschaftliche Entwicklungen als Befremdung bezeichnen (111). Nur verliert das Wort damit jede konzeptionelle Schärfe für subjektwissenschaftliche Untersuchungen. Der Herausgeber war so klug, im Buchtitel das Wort Befremdung nicht mehr zu verwenden. Aber das inhaltliche Problem ist damit nicht beseitigt. Dahinter lassen sich strukturelle Ursachen vermuten. – Ein „Research Cluster“ (siehe oben) ist ein Zugeständnis an die heutigen Marktzwänge und eben tatsächlich nicht mehr als ein Cluster unter einem modischen Label.

Vielleicht sollte der genannte Workshop dazu dienen, mögliche Forschungsfragen aus den beteiligten Fächern zu skizzieren, was die unproduktive Abstraktheit einiger Beiträge für dritte erklären mag. In zwei, drei Aufsätzen wird jedoch ein akademisches Ritual zelebriert, das sich im Jonglieren mit Theorieelementen erschöpft. Davon hebt sich z.B. der Beitrag von Rainer Kokemohr wohltuend ab, der seine Gedanken von einem konkreten Beispiel aus entwickelt und damit einen Anstoß zum Weiterdenken gibt. Als Leser des Bandes würde man sich das öfter wünschen.

Fazit

Einzelne Beiträge können für spezielle Untersuchungen und Erörterungen (etwa in Seminararbeiten) von Nutzen sein. Im Übrigen sollte man keine allzu spannende Lektüre erwarten. Angemerkt sei auch, dass der Verweis auf die Globalisierung im Untertitel viel zu viel verspricht. Ein unmittelbarer Bezug dazu ergibt sich nur in den Aufsätzen über Diaspora und über Tourismus.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 14.07.2015 zu: Ralph Buchenhorst (Hrsg.): Von Fremdheit lernen. Zum produktiven Umgang mit Erfahrungen des Fremden im Kontext der Globalisierung. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2656-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18957.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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