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Miriam Haller, Sabine Kampmann u.a. (Hrsg.): Altern

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 19.06.2015

Cover Miriam Haller, Sabine Kampmann u.a. (Hrsg.): Altern ISBN 978-3-8376-2751-0

Miriam Haller, Sabine Kampmann, Thomas Küpper, Jörg Petri (Hrsg.): Altern. transcript (Bielefeld) 2014. 100 Seiten. ISBN 978-3-8376-2751-0. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,20 sFr.
Querformat. Zeitschrift für Zeitgenössisches, Kunst, Populärkultur, Heft 7.

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Balance, Ballistik oder Basar?

Mit der gewählten, etwas chuzpig daherkommenden Frage soll zuerst einmal auf eine Zeitschrift aufmerksam gemacht werden, die sich „Querformat“ nennt und doch im „Hochformat“ erscheint. Der Titel jedoch ist schon Programm; denn das Herausgeberteam der Zeitschrift erhebt den Anspruch, „quere“ Perspektiven auf zeitgenössische Phänomene, internationale Kunstentwicklungen und populärkulturelle Phänomene wissenschaftlich aus der Sicht der Kunst-, Design- und Medienwissenschaft, der Philosophie, Soziologie, Gender und Postcolonial Studies zu lenken. Mit der typographischen und künstlerischen Gestaltung ist die Zeitschrift, so das Herausgeberteam, „damit selbst ein Wissenschafts-, Kunst- und Designobjekt“.

„Querformat“ wurde 2008 von den Kunst- und Kulturwissenschaftlerinnen Sabine Kampmann von der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste, Alexandra Karentzos von der Technischen Universität Darmstadt, den Kunstwissenschaftlerinnen Birgit Käufer und Alma-Elisa Kittner, dem Fotografen Thomas Küpper und dem Medienwissenschaftler Jörg Petri von der Hochschule Rhein-Waal erstmals herausgegeben. In der jährlich erscheinenden Zeitschrift wurden bisher folgende Themenschwerpunkte publiziert: „Nippes“ (2008), „Die Zigarette – danach“ (2009), „Weichspüler. Wellness in Kunst und Konsum“ (2010), „Tattoo“ (2011), „Küssen“ (2012), „Anziehen. Transkulturelle Moden“ (2013) und „Altern“ (2014).

Herausgeberteam und Schwerpunktsetzung

Sabine Kampmann, Miriam Haller (vom Centrum für Alternstudien der Universität Köln), Thomas Küpper (textuell) und Jörg Petri (visuell) zeichnen für das Heft verantwortlich. Die provokante Feststellung, dass es das Alter gar nicht gäbe, löst sich durch die Erklärung auf, dass die Frage, ab wann man alt ist, von einer Vielzahl von relationalen, individuellen und gesellschaftlich konnotierten Antworten abhängt. Dass Altern ein natürlicher und evolutionärer Prozess ist, gilt im philosophischen und rationalen Denken der Menschen als selbstverständliche Erkenntnis. Weil Altern erlebbar ist! Wie Menschen, möglichst gesund und geistig frisch das Altwerden erleben können, wird in zahlreichen nützlichen wie dubiosen Ratgebern vorgestellt und verordnet. Im wissenschaftlichen Diskurs haben, je nach Fragestellung, die Gerontologie, die Anthropologie, die Philosophie, die Soziologie, die Psychologie, die Medizin, die Biologie, ja sogar die Ökonomie die Wortführer- und Forschungshoheit für die Fragen des Alterns und des Sterbens übernommen (vgl. dazu: Helmut Luft / Monika Vogt, Gutes Altern. Verborgene Chancen und Hindernisse, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18943.php). So wie Menschen danach streben, ein gutes, gelingendes und glückliches Leben zu führen, und es als anthropologische und ethische Herausforderung wichtig ist, jedem Menschen auf der Erde ein würdiges, gerechtes und friedliches Leben zu ermöglichen, kommt es also auch darauf an, die je individuell unterschiedlichen Prozesse des Alterns nicht auszusitzen, abzuwarten oder zu ignorieren, sondern sich bewusst zu machen, dass Alterungsprozesse „Reifungsprozesse von der Wiege bis zur Bahre“ sind (siehe dazu auch: Franz Peter Waiblinger, Hrsg., Lucius Annaeus Seneca,., De brevitate vitae , 2009, www.socialnet.de/rezensionen/17725.php).

Mit dem Jahresthema „Altern“ in der Zeitschrift „Querformat“ werden die künstlerischen, ästhetischen und kulturellen Zusammenhänge von Alter, Bildern und Medien thematisiert, und damit gewissermaßen eine Querverbindung zu den gerontologischen Diskursen gezogen. Damit kommen die Kunst- Medien- und Kulturwissenschaften ins Spiel; und sie eröffnen zum Diskurs des Alterns ergänzende bis subversive Sicht- und Erlebnisweisen. Das zeigt das Herausgeberteam an historischen und aktuellen Kunstobjekten auf; wie etwa mit dem Gemälde „Vanitas“ (The old coquette) des italienischen Barockmalers Bernardo Strozzi (um 1637), und mit Tina Schwichtenbergs Buchprojekt „Enzyklopädie der Gerontologie“ (2008). Das Heft ist in Zusammenarbeit mit Studierenden und Lehrenden der Forschungsinitiative „Alter(n) als kulturelle Konzeption und Praxis“ der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, Design-Studierenden der Hochschule Rhein-Waal und AltersforscherInnen und Senior-Studentinnen und Studenten der Universität Köln entstanden.

Aufbau und Inhalt

Im Biographie-Verzeichnis werden 41 Autorinnen und Autoren genannt, die mit Texten und Abbildungen zum Gelingen der ästhetischen Annäherung an das Altern beigetragen haben. Ihre Beiträge können in der Rezension nicht alle gewürdigt werden. Der Rezensent erachtet es jedoch als notwendig und angemessen, sie in alphabetischer Reihenfolge zu nennen: Karen von den Berg; Max Bolze; Jennifer Brozek; Astrid Costard; Meike Dackweiler; Nils Dahl; Janna Derwahl; Cordula Endter; Alina Fieberg; Irma Gatter-Weiss; Ingeborg Gerlach; Peter Granser; Marie Gunreben; Tobias Hainz; Miriam Haller; Monika Hartkopf; Nicolas Haverkamp; Heike Heinemann-Bollig; Wilma Hurskainen; Stephanie Jung; Sabine Kampmann; Elena Kletter; Thomas Küpper; Christiane Mahr; Barbara Maubach; Caroline Neubert; Diana Palavandishvili; Jörg Petri; Ursula Pietsch-Lindt; Sina Pommeranz; Jutta Rech-Garlichs; Jana Helena Redweik; Renate Sauer; Julia Schiel; Caroline Schuster-Cordone; Sven Schwabe; Annegret Soltau; Kathleen Spengler; Magdalena Skorupa; Aagje Swinnen; Eva Styn; Ulrich Teiner; Inga Tran; Gerda Wieschermann; Julia Ziegenbein; Irina Zikuschka.

Caroline Schuster Cordone reflektiert mit ihrem illustrierten Beitrag „Von wollüstigen Alten und spiritueller Mutterschaft“ die historischen und aktuellen, kontroversen und normgebundenen Darstellungsformen und literarischen Zugänge über Weiblichkeit, Körperbild und Alter in der Neuzeit. Die durch die medizinischen Fortschritte veränderten, „natürlichen“ Entwicklungen, Mutter zu werden, wie auch der fortschreitende Verjüngungswahn durch Medizin und Kosmetik, fordern zu einer kritischen und humanen Auseinandersetzung heraus.

Max Bolze und Nils Dahl nehmen den gesellschaftlichen Diskurs um „Rente mit …“ auf, indem sie am Beispiel von „alternden“ Fußballprofis deren „Rente mit 35“ thematisieren, und damit die „gemachten“, gesellschaftlichen Bilder und Stereotypen den „Wirklichkeiten“ gegenüber stellen.

Aagje Swinnen setzt sich mit „100 Light Years“ mit Bildern, Projektionen, Vorstellungen und Wirklichkeiten über 100jährige auseinander. Im verfilmten Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ und in Fotodokumentationen über Menschen diesen Alters, die sogar Eingang in Museumspräsentationen gefunden haben, werden die wirklichen, verschobenen und skurrilen Aspekte des hohen Alterns deutlich; aber auch die Chancen, „den Hundertjährigen nicht nur aufmerksam zu(zu)hören, sondern auch (zu) versuchen, mit ihren Augen zu sehen“.

Elena Kletter und Sven Schwabe erzählen über „Die Occupy-Omas von Pankow“, indem sie über die Aktiviäten von alten Berlinern informieren, die gegen den Beschluss des Ost-Berliner Bezirksamts Pankow protestierten, die von ihnen frequentierte Seniorenbegegnungsstätte zu schließen. Die sich daraus entwickelte Hausbesetzung der Alten hat eine bundesweite Aufmerksamkeit und Solidarität gefunden, die zur Veränderung der tradierten Altersbilder beitragen.

Marie Gunreben und Christiane Mahr schauen mit ihrem Beitrag „Junges Ich in alter Haut“ auf Altersbilder und literarischen Alterserzählungen: „Die Metaphern der Maske und des fremden Leibes befähigen … zu einer besonderen, von der Last der Materie befreiten epistemologischen Position, wird doch das Alter gleich zweifach ausgelagert: in den Körper und in die Schrift“.

Meike Dackweiler und Eva Styn zeigen mit ihrem Beitrag „Die verliebte Alte in Kunst und Literatur“ auf, dass die heute kaum noch als Skandal empfundene Situation „Alte Frau liebt jungen Mann“ kein neues Phänomen darstellt, sondern sich in Darstellungen und Erzählungen bis in die Antike zurückverfolgen lässt.

Cordula Endter und Inga Tran analysieren mit „Bitte recht freundlich!“ Gründe und Anlässe, sich mit Altersbildern an dem 2010 ausgeschriebenem Fotowettbewerb des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend „Altersbilder. Neue Perspektiven – Neue Chancen“ zu beteiligen.

Inga Gerlach, Barbara Maubach und Miriam Haller diskutieren mit dem Beitrag „Wir sind Gespenster“ am Beispiel des Fellini-Films „Ginger und Fred“ die Formen, wie „widerspenstige Alte“ zur Gesellschafts- und Medienkritik beitragen können: „Wenn sie (die Gespenster, JS) gesehen werden, verändern sie den Blick auf die Gegenwart“.

Nicolas Haverkamp fragt, wie Altersbilder in Comics dargestellt werden. Am Beispiel von Dagobert Duck, Miraculix und Grampa Simson verdeutlicht er die vielfältigen Ausdrucksformen und Präsentationsbilder, wie: „Weisheit und Würde des Alters“, „Defizitmodelle des Alter(n)s“ und „Liebe im Alter“. Indem sie gängige, oftmals auch negative Klischees, Bilder und Motive parodieren, ins Groteske bringen und ironisieren, tragen sie zu Veränderungen des Alternsdiskurses bei – ohne erhobenem, moralischen Zeigefinger!

Magdalena Skorupa bietet mit ihrem Beitrag „Alter(n)bilder in Bewegung“ kulturelle Praktiken zur Selbst-Bildung bei der Identifizierung mit dem Altern und den individuellen und gesellschaftlichen Altersvorstellungen an. Sie zeigt kulturgeragogische („Kulturgeragogik“) Konzepte und Möglichkeiten auf, wie es durch „Kunst und Kultur, sowie (durch) die kulturelle Praxis … (gelingen kann), das Individuum dazu an(zu)regen), sich auszuprobieren und eigene, neue Bilder vom Alter zu entwerfen“.

Ein fünfköpfiges Team um Astrid Costard u.a. stellen in ihrem Beitrag „Wohnzimmergeschichten“ Ergebnisse der im Rahmen der Kölner KinderUniversität im September 2013 im Rautenstrauch-Joest-Museum gezeigten Ausstellung: „Großmutter, warum hast du so dunkle Schränke?“ vor. Dabei kommen interessante Einsichten, Blick- und Perspektivenwechsel zutage, etwa der Alten auf die Jungen und umgekehrt, wie auch auf sich selbst.

Ein achtköpfiges Autorenteam um Miriam Haller setzt sich mit der Frage: „Wie geht´s mit dem Sterben, Herr van Wonderen?“ mit den Erzählungen in Gerbrand Bakkers Roman „Oben ist es still“ auseinander. Es sind Schilderungen um Nützlichkeit und Last beim Altwerden des Vaters, die der Sohn in funktionalen wie irritierenden, zweckorientierten und emotionalen Formen beantwortet.

Karen van den Berg bringt und interpretiert in ihrem Beitrag „When I´m no longer young & beautiful“ alternative Bilder von alten Menschen, in denen sich Würde und Selbstachtung jenseits der Erfolgssemantik zeigen. Mit ihren Fragen – „Wie gewinnen wir, wenn wir rausgefallen sind aus den gesellschaftlichen Kapitalströmen und Anerkennungsmustern und offensichtlich nicht in der Lage sind, über uns selbst zu bestimmen, wie gewinnen wir dann Selbstachtung, Würde und Identität?“ – regt sie zum Nachdenken und zu Auseinandersetzungen über ein würdevolles Altern an.

Tobias Hainz und Stefanie Jung nehmen in Ihrem Beitrag „Intrigen, Ehre, Pflichtbewusstsein“ die Charakterdarstellungen in der Fernsehserie „Game of Thrones“ zum Anlass, über Kompensationsstrategien gegen altersbedingte Beeinträchtigungen und Benachteiligungen nachzudenken. Sie machen deutlich, dass die von den Darstellern gespielten Defizit- und Lösungskonzepte eher nicht mit den Wirklichkeiten der Alterungsprozesse übereinstimmen: „Die einseitige Verklärung des Alters als Lebensphase, die zahlreiche Chancen zur Aktivität bereithält, ist nicht gerechtfertigt, da körperliche Defizite nicht ignoriert werden können und einen wahrnehmbaren negativen Einfluss auf die Möglichkeit zu sozialer Teilhabe haben“.

Jörg Petri stellt im Schlussbeitragfest: „Wenn man ‚alt‘ drückt, wird alles, wie es war…“. Damit kommt zu Wort, was vielfach bei Alterungsprozessen entweder bedeutungsvoll überhöht, oder bedeutungslos vernachlässigt wird: „Das Alter gleicht einem auf einer Schallplatte gespielten Ton“; denn jedes Alter ist nur ein Punkt auf der Rille der Zeit! Er reflektiert mit seinem Essay den Entstehungsprozess des Zeitschrift-Themas und zieht Vergleiche zu den je unterschiedlichen, individuellen Alterungsprozessen, der „Durchdringung des Alten mit dem Neuen“.

Fazit

Der Wunsch des Herausgeberteams im Editorial der Zeitschrift für Zeitgenössisches, Kunst und Populärkultur – „Querformat“ – dass die Leserinnen und Leser bei der Lektüre des Themas „Altern“ Freude haben mögen, zum Nachdenken angeregt werden und für sich und ihr gesellschaftliches Umfeld Lebensperspektiven finden, kann als erfüllt bezeichnet werden. „Altern medial produziert“ ist ja kein Thema aus dem Wolkenkuckucksheim, sondern stellt sich als positive wie gleichzeitig problematische Wirklichkeit dar. Dies zu erkennen, leistet die Zeitschrift in vorzüglicher und unterhaltsamer Weise!

Hingewiesen werden mag in diesem Zusammenhang auf den Bericht, der – subjektiv ausgewählt – einige neuere, wissenschaftliche Literatur über „das Ende des Lebens“ vorstellt: Jos Schnurer, 11.11.2013, www.socialnet.de/materialien/163.php.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.06.2015 zu: Miriam Haller, Sabine Kampmann, Thomas Küpper, Jörg Petri (Hrsg.): Altern. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2751-0. Querformat. Zeitschrift für Zeitgenössisches, Kunst, Populärkultur, Heft 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18960.php, Datum des Zugriffs 10.06.2023.


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