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Sabine Andresen, Jan David Gade u.a.: Prävention in der Grundschule

Cover Sabine Andresen, Jan David Gade, Katharina Grünewalt: Prävention in der Grundschule. Wirkung, Wahrnehmung und Sichtweisen von Kindern und Erwachsenen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 224 Seiten. ISBN 978-3-7799-2268-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch untersucht breit angelegt im Bielefelder Raum die Wirkungen des an Grundschulen durchgeführten Präventionsprogramms (der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück) „Mein Körper gehört mir“.

Aufbau

Die empirische Studie wird in sieben Kapiteln vorgestellt.

  1. Das erste Kapitel ist als Einleitung konzipiert (S. 9-12).
  2. Das zweite Kapitel rahmt die Studie in theoretische Kontexte: von Verletzlichkeit bis Handlungsfähigkeit reicht der Bogen (S. 13-32).
  3. Im dritten Kapitel wird das Studiendesign vorgestellt (S. 33-48).
  4. Das vierte Kapitel konturiert die Erfahrungen der Fach- und Lehrkräfte (S. 49-97), während
  5. das fünfte Kapitel die Sicht der Eltern fokussiert (S. 98-131).
  6. Im sechsten Kapitel wird die Perspektive der befragten Kinder dargestellt (S.132-159).
  7. Im Schlusskapitel erfolgt die Zusammenschau der Perspektiven der beteiligten Akteure (s. 160-175).

Literatur und Anhang (mit den Evaluationsbögen) beschließen den Band.

Inhalt

Sabine Andresen, Jan Davd Gade und Katharina Grünewalt evaluieren das Präventionsprogramm der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück mit dem Titel „Mein Körper gehört mir“, das seit Jahren an Grundschulen in Bielefeld durchgeführt wird. Im ersten Kapitel wird in das Thema der Prävention sexueller Gewalt an Kindern eingeführt und die Studie vorgestellt. Grundlage der Studie war die seit 20 Jahren in Bielefeld an dortigen Grundschulen eingeführte Tradition, das Präventionsprogramm der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück aufzuführen.

Das zweite Kapitel nimmt eine theoretische Rahmung der Inhalte vor. Darin wird Prävention als Herausforderung aufgefasst (so auch der gleichnamige Titel des Kapitels). Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Verletzlichkeit und die Handlungsfähigkeit. In Zusammenschau mit dem Capability Approach werden verschiedene Dimensionen der Prävention diskutiert. In einem Unterkapitel werden das Präventionsprojekt und Schlussfolgerungen für eine Evaluation des Netzwerkes in Bielefeld in Zusammenhang mit der vorliegenden Evaluation gebracht. Zur theoretischen Rahmung (sowohl des Evaluationsprojekts als auch zum vertiefenden Verständnis) werden relevante Diskussionen aus der Forschung vorgestellt: hier beziehen sich die dargestellten Stränge auf Definitionen sexueller Gewalt an Kindern, deren mitunter heterogen verwendete bzw. operationalisierte Kriterien hier diskutiert werden. Dazu zählen ebenfalls Befunde zur Prävalenzrate des diskutierten Phänomens, aber auch Erörterungen zu Präventionsprogrammen. Im letzten Unterkapitel des 2. Kapitels wird das Präventionsprogramm „Mein Körper gehört mir“ ausführlich dargestellt mit besonderem Schwerpunkt auf sozialräumlicher Netzwerkperspektive.

Im dritten Kapitel wird das Studiendesign der hier vorgelegten Evaluationsstudie vorgestellt. Mit unterschiedlichen Methodenzugängen (quantitativ und qualitativ) sind Fragebögen und Interviews konzipiert. In der differenzierten Darstellung der Erhebungsinstrumente werden die Fragebögen insbesondere für die Kinderbefragungen eingesetzt, deren inhaltlicher Aufbau und verwendeten Skalen gesondert vorgestellt werden. Ergänzt wird diese Befragung durch Perspektivenabfragen der Schulleitungen und einem Fragebogen an die Familien zur Erfassung des sozioökonomischen Status. In der qualitativen Erhebung kommen verschiedene Verfahren zum Einsatz, so u.a. Gruppendiskussionsverfahren und Leitfadeninterviews. Ebenso werden Feldzugang, Feldnotizen und Samplebeschreibungen dargestellt. Getrennt davon werden im Anschluss die Auswertungsergebnisse vorgestellt. Ein eigenes Unterkapitel widmet sich der Methodenreflexion, das von einem knapp skizzierenden Abschnitt zur Forschungsethik abgelöst wird.

Das vierte Kapitel stellt Evaluationsergebnisse aus den Befragungen (der vorgestellten Methoden und Verfahren) der Fach- und Lehrkräfte dar. Aufgeschlüsselt nach einzelnen Fachgruppen werden die Befunde aus den (unterschiedlich angewendeten) Befragungsmethoden dargestellt. Beginnend mit den TheaterpädagogInnen, die ihre Sicht in der Gruppendiskussion darlegten, werden Gelingensbedingungen von Prävention, Grenzen der eigenen Arbeit, aber auch die eigene Rolle konturiert: „Aus Sicht der Theaterpädagog_innen hängt folglich sehr viel von der Einstellung, der inneren Haltung und dem konkreten Unterrichtsgeschehen ab“ (S. 55). Befunde aus den Interviews mit den Bielefelder Lehrkräften rahmen Prävention entlang der Fragen, wer als AdressatIn der Prävention anzusehen ist, um ein Nutzenrelation (wer profitiert), wie die Thematik in den Unterricht eingebettet werden kann etc. Die einzelnen Dimensionen werden in der vorgestellten Reihenfolge dargestellt. Auffällig ist hier die kritische Einschätzung der AutorInnen: „Ein möglicher Nutzen für die Eltern wird in keinem der Interviews verhandelt. Über die Gründe dafür könnte an dieser Stelle nur spekuliert werden, weil das Interviewmaterial kaum Hinweise dazu liefert, Gleichwohl ist dieser Befund interessant, auch weil sexuelle Gewalt häufig im familiären Umfeld geschieht, insofern wäre zu klären, ob eine gezielte Verständigung zwischen Lehrkräften und Eltern über Prävention mit Blick auf die Entwicklung und Etablierung einer Kultur des Hinschauens eine positive Wirkung erzielen würde“ (S. 58). In einem weiteren eigenen Abschnitt wird das Potenzial der Kindersprechstunde als Baustein von Prävention diskursiv erläutert. Die AutorInnen vermerken dazu, dass zum einen die Sprechstunde nicht an jeder Schule stattfand, zum anderen dabei Perspektiven unterschiedlicher Qualifikationsstufen und -tiefen eingefangen wurden. Innerhalb dieses Abschnitts werden heterogene Themen der Prävention angesprochen, die z. T. in großem Ausmaß die Arbeit der Beratungsstellen beeinflussen, die Situation der Beratungsstellen jedoch wird erst am Schluss eingeordnet. Im letzten Abschnitt des vierten Kapitels werden Sichtweisen der Schulleitungen vorgestellt.

Im fünften Kapitel werden elterliche Perspektiven auf Prävention thematisiert. Nach einer kurzen methodischen Einführung werden die auf Eltern bezogenen Teilergebnisse des Evaluationsprojekts dargestellt. Neben einer Fragebogenerhebung werden Befunde aus Interviews dargestellt. Während die Fragebogenerhebung auf die Erfragung des sozioökonomischen Status und des Bildungshintergrunds der Eltern (bzw. der beteiligten Kinder) zielte, dienten die Interviews der Erfassung elterlicher Perspektiven auf die komplexe Thematik. In der Darstellung der Analyse der Interviews werden mehrere Themenbereiche isoliert, die nachfolgende im Band ausführlich vorgestellt werden. Dazu zählen zum einen die Ambivalenz der Adressierung (an wen richtet sich das Projekt) und des Nutzens für die Eltern. Hoher Nutzen wird demnach den eigenen Kindern zugewiesen. Weitere identifizierte Diskurse rekurrieren auf das Sprechen über das Projekt, die Verantwortlichkeit für Prävention sexueller Gewalt gegen Kinder, aber auch Ängste und Ambivalenzen der Eltern sowie Befähigung und Sensibilisierung der Eltern. Methodisch angemessen werden zudem Darstellungen de Eltern der Vergleichsgruppe einbezogen.

Das sechste Kapitel stellt Erfahrungen und Einschätzungen der Kinder vor. Quantitative schriftliche Befragungen (Fragebogen) erfassen damit die Sichtweisen der beteiligten Kinder. Neben der Darstellung der Erhebungsphase inklusive der dabei gewonnenen Eindrücke und Beobachtungen werden im Anschluss daran ausgewählte Ergebnisse beschrieben und analysiert. In weiteren Unterkapiteln werden Indikatoren für Präventionsarbeit (Wissen und Handlungsoptionen) ausführlich vorgestellt. Das Kapitel wird mit Ausführungen zu weiterführenden Perspektiven für Präventionsarbeit mit Kindern abgeschlossen.

Im siebten Kapitel rahmen die AutorInnen Herausforderungen für die Prävention sexueller Gewalt gegen Kinder auf der Basis relevanter Themen aller Akteure. Darin werden insbesondere 7 Themen identifiziert, die an und von Gelingensbedingungen präventiver Arbeit partizipieren. Neben einem angemessen sprachlichen Umgang zu Themen von Sexualität und sexueller Gewalt lassen sich Präventionselemente des Projekts identifizieren. Mangel an Eindeutigkeit sowie Interesse und Verantwortung der Erwachsenen zählen ebenso dazu wie Zeitpunkt der Projektdurchführung und dem Alter der Kinder. Zusammenhänge lassen sich ebenfalls auffinden zu elterlicher Prävention und dem Geschlecht des Elternteils sowie zur „Schuldfrage“ in der Prävention von sexueller Gewalt. Die AutorInnen beschließen sowohl das Kapitel als auch den Band mit einigen Hinweisen zu den aus ihrer Sicht wirksamen Qualitätsmerkmalen und zeigen zudem Herausforderungen auf: „Zu den zentralen Herausforderungen von Prävention gehört, das zeigt das Vorgehen im Bielefelder Netzwerk, der Komplexität des Phänomens sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend, möglichst gerecht zu werden. Dazu scheint erstens eine Adressierung aller Akteursgruppen nötig, zweitens eine sensible Herangehensweise an die Vermittlung von Wissen, Handlungsoptionen und Strategien zur Situationseinschätzung, drittens die konsequente Arbeit an den Rahmenbedingungen des Aufwachsens, damit Kinder in der Kommune, in den Institutionen wie Kindergarten und Schule, gestärkt werden und geschützt sind und viertens die unablässige Sensibilisierung aller Erwachsenen für die Verletzlichkeit von Kindern im Generationenverhältnis und für die Machtposition von Erwachsenen. Schließlich benötigen alle Akteure wissenschaftlich fundiertes Wissen über Schutzkonzepte, Gelegenheitsstrukturen, Täter_innenstrategien und nicht zuletzt Gelingensbedingungen von Präventionsarbeit“ (S. 175).

Diskussion

Beim vorliegenden Band handelt es sich um eine Evaluationsstudie. Um die Wirkungen des Präventionsprojekts „Mein Körper gehört mir“ der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück in der breiten Vernetzung und Verzahnung in Bielefeld (genauer: die Wirkungen auf verschiedene Subklientel) beurteilen zu können, wurden mit unterschiedlichen Zugängen – qualitativ und quantitativ – Befragungsmodi eingesetzt. Die Ergebnisse der Befragung von Fach- und Lehrkräften, Eltern und Kindern werden differenziert vorgestellt. Zu Beginn wird eine rahmende Einleitung zum Thema Prävention sexueller Gewalt geboten. Definitionen des Komplexes „Sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ werden ebenso angesprochen (und im Verlauf der Evaluation einer weiten Definition gefolgt) wie Rahmendaten zur Prävalenz (kaum jedoch zur Inzidenz) – ein theoretisches wie praktisches Manko – die unterschiedlichen Zahlen / Statistiken beleuchten verschiedene Facetten und sind deshalb stringent einzubeziehen. Insbesondere im Abschnitt zur Prävalenz fällt auf, dass vorrangig Studien heterogener Provenienz zitiert werden, die PKS demgegenüber nur schwach referenziert wird. Im Abschnitt zu Inhalten, fachlicher Kritik und Forschungsstand wird differenziert auf didaktische Konzepte, Inhalte und Zielsetzungen eingegangen, dies jedoch stark verkürzt. Im internationalen Forschungssand wird vorrangig auf Untersuchungen fokussiert, die im Erhebungszeitraum etwas zurückliegen (und neuere Literatur hier eher nicht einbezogen – Gründe dafür werden nicht angegeben), die aber – und dieses Manko wiegt stärker – eher auf Empowerment-Fundamenten aufbauten: „In allen Studien zeigte sich bei den Kindern nach der Teilnahme an einem Präventionsprogramm fast durchgängig ein moderater bis starker Zuwachs an Wissen und Fähigkeiten, wobei ältere Kinder stärker profitierten als jüngere…“ (S. 26). Zwischenzeitlich sind gerade handlungsbetonte Präventionsprogramme stärker in die Kritik geraten (unter anderem aus ethischen Gründen), diese Rezeption fehlt hier allerdings.

Das Kapitel zum Studiendesign stellt auf insgesamt 16 Seiten methodische Reflexionen und Überlegungen vor. Die unterschiedlichen Zugänge spiegeln sich im Aufbau des Kapitels wider, die z. T. mit eigenen Instrumenten und Frageaufbauten den komplexen Sacherhalten Rechnung tragen. Inkludiert in dieses Kapitel wird zudem auf die Auswertung der Daten rekurriert. Im Abschnitt zur Methodenreflexion wird zwar auf die besondere Sorgfalt hingewiesen, die zu walten hat, wenn Kinder zum Thema befragt werden, ein Rekurs auf die (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Bandes noch nur geplante) Ethik -Erklärung zur Erforschung sexueller Gewalt fehlt jedoch. In Teilen erfolgt ein Rekurs im folgenden Abschnitt zur Forschungsethik.

Im vierten Kapitel stehen die Erfahrungen und Sichtweisen der Fach- und Lehrkräfte im Mittelpunkt. Analytisch getrennt werden die Perspektiven der TheaterpädagogInnen vorangestellt. Auf mehreren Ebenen verortbar verweisen gerade die TheaterpädagogInnen wiederholt auf die Integrationsbedingungen der Lehrkräfte: von den Lehrkräften scheint abzuhängen, inwieweit das Präventionsprojekt erfolgreich (im Sinne eines wiederholten Erinnerns) ist: „Auf der persönlichen Ebene stellen die Theaterpädagog_innen einen Zusammenhang zwischen dem Grad des Engagements der Lehrkräfte während des Programms und der Nachbereitung des Programms mit den Kindern her. Die Nachbereitung wiederum ist maßgeblich für das Gelingen des Projekts, da die Theaterpädagog_innen aufgrund der begrenzten Zeit, die zur Verfügung steht, nur Impulse geben können…“ (S. 51). Inwieweit die Lehrkräfte ihrerseits in der Lage sind, mit diesem Themenkomplex umzugehen, wird nicht weiter thematisiert. Gut denkbar aber, dass sich eine Lehrkraft mit eigenen Gewalterfahrungen möglicherweise vor größere Herausforderungen gestellt sieht, dieses Thema kompetent nachzubereiten – dies wahrscheinlich umso mehr, als sexuelle Gewalt an Kindern eher nicht in der Ausbildung der Lehrkräfte verankert ist – jedenfalls bisher eher nicht. Die Polyvalenzen des Themas werden beinahe randständig gestreift: so lassen sich auch Hinweise finden, die von Seiten der theaterpädagogischen Kräfte auf eine Verlagerung der Verantwortung für das Gelingen von Prävention deuten: „Aus Sicht der Theaterpädagog_innen hängt folglich sehr viel von der Einstellung, der inneren Haltung und dem konkreten Unterrichtsgeschehen ab“ (S. 55). Aus Sicht der Lehrkräfte wird en passant berichtet, dass ein möglicher Nutzen für Eltern von ihnen nicht angedeutet wird. Hier wären sicherlich genauere Analysen / Interpretationen denkbar gewesen. In der Zusammenschau der Darstellungen der unterschiedlichen herausgearbeiteten Themen (oder Kategorien) fällt jedoch auf, dass zwar einzelne Äußerungen individueller Lehrkräfte ausführlich dargestellt werden, jedoch kaum Zusammenführungen erfolgen. Schade, hier hätte eine tiefer gehende Interpretation sicher noch weiter erhellende Zusammenhänge gefördert.

Im fünften Kapitel werden Sichtweisen der Eltern fokussiert. Aus den vorliegenden Daten schlussfolgern die AutorInnen Schlüsselthemen der Eltern. Dazu zählen zum einen die Ambivalenz der Adressierung und des Nutzens. So wird kategorial (hier: einer Gruppe von Eltern) die Verantwortung der Prävention thematisiert: der Nutzen wird ausschließlich für Kinder gesehen, für sich selbst wird primär kein Nutzen angenommen, es sei denn der der Entlastung von der Verantwortung für die Prävention sexueller Gewalt. Der Nutzen für die Kinder wird durchaus mehrdeutig verankert. Die AutorInnen zeigen zum einen, dass viele Eltern klare Handlungsanweisungen für ihre Kinder begrüßen (und damit erneut eine Entlassung aus der Verantwortung für die Prävention erfolgt), zum anderen aber, dass einige Eltern ebenfalls Themenkomplexe sekundärer Prävention ansprechen. Ebenso finden sich Passagen über die nichteindeutige Zuweisbarkeit des Nutzens eines Präventionsprogramms. Der Schlussfolgerung von Andresen et al.: „An die bei dieser Passage auch sprachlich deutliche Unsicherheit … könnte bei der Elternarbeit systematisch angeschlossen werden, denn erst wenn Eltern wissen und verstehen, worin der Ertrag oder die „Wirkung“ von Prävention auf Seiten der Kinder liegt, können sie auch selbst eine Sprache gegenüber dem Kind finden und mögliche Unsicherheiten gemeinsam klären“ (S. 112) ist nur bedingt zuzustimmen – hier ließen sich einige Alternativinterpretationen finden… die möglicherweise direkt an den Themenkomplex der Verantwortlichkeit für Prävention sexueller Gewalt gegen Kinder anschließbar sind. In einer späteren Passage (sowohl eines Interviews als auch dessen Rekonstruktion) konstatieren die AutorInnen das grundsätzliche Dilemma von Eltern bei der Prävention sexueller Gewalt: „Einerseits wollen sie ihren Kindern vermitteln, dass diese an einem sexuellen Übergriff nie Schuld tragen würden, andererseits ist die Sorge um ihre Kinder so stark, dass die Vermittlung von Verhaltensregeln einen hohen Stellenwert hat, die teilweise auch mit der Botschaft einhergeht, dass sie sexuelle Gewalt durch Einhaltung dieser Regeln verhindern könnten“ (S. 121). Dieses grundsätzliche Dilemma scheint erstens nicht nur für Eltern zuzutreffen, zweitens kann die Crux vieler Präventionsprojekte, die Kinder adressieren, darin gesehen werden, dass klare Verhaltensregeln ausgegeben werden, deren Wirksamkeit kaum überprüfbar sind. Als dritte – und generalisierte Kritik bleibt festzuhalten, dass keine Verhaltensregel einem Opfer eine potentielle Opfererfahrung ersparen wird, wenn es begehenden TäterInnen nicht erschwert wird, Taten zu begehen.

Insofern ist ein Befähigungsansatz eher auf die Erwachsenen zu richten. Dies wird auch von den AutorInnen des vorliegenden Bandes so ausgedrückt: „Zentrale Ziele von Prävention sind die Befähigung zu einem angemessenen Handeln und zu Entscheidungskompetenz auch auf der Basis erworbenen Wissens sowie die Sensibilisierung für Grenzverletzungen, Machtverhältnisse und prekäre Strukturen. Hierauf zielt auch die Arbeit mit den Erwachsenen und vor allem mit den Eltern“ (S. 121).

Im sechsten Kapitel werden die Perspektiven der Kinder in den Blick genommen. Methodisch bleibt zu hinterfragen, inwieweit die befragten Kinder Gelegenheit hatten, den eingesetzten Fragebogen allein und unbeobachtet zu beantworten. Zudem wurde von den AutorInnen unverständlicherweise nicht thematisiert, inwieweit bei Antworten zur Zufriedenheit der Kinder mit dem dargebotenen Theaterprogramm auf soziale Erwünschtheit rekurriert wurde: Die Befragung wie auch das Theaterprogramm fanden in schulischen Kontexten statt, inwieweit Kinder sich dem Programm auch entziehen konnten, wird nicht dargestellt (bzw. verneint), insofern kann durchaus eine strukturelle Gewalt impliziert werden – inwieweit bei den Befragungen auch eine Lehrkraft anwesen war, die zu Verzerrung der Antworten beigetragen haben könnte, ist nicht ersichtlich, kann aber eventuell nicht ausgeschlossen werden.

Das siebte Kapitel als Triangulation der gewonnenen Daten konzentriert auf 7 Diskurse, die in den quantitativen wie qualitativen Daten erscheinen. Im ersten angesprochenen Thema, Sprechen über sexuelle Gewalt, wird Prävention dann eine nachhaltige Wirkung zugesprochen, wenn es Erwachsenen als Verstetigung gelingt. Die Präventionselemente des Projekts der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück werden, so die Zusammenschau, eher isoliert im Sinne des Empowerment-Konzepts besprochen, ohne Sexualität und sexuelle Gewalt explizit zu besprechen. Inwiefern diese Haltung (so sich dieser Befund als Haltung interpretieren lässt) einer Verankerung der Inhalte erstens entgegensteht und zweitens die Ambivalenz von Prävention nur betont und drittens möglicherweise bei den beteiligten Kindern das Gefühl aufkommen lässt: Du kannst mit mir über alles reden, nur darüber nicht – aber ich bin dafür da, dass du mit mir darüber reden kannst – ohne eben DAS zu benennen… lässt sich nicht abschließend beurteilen.

In der Gesamtschau des Bandes fällt auf, dass einige der beteiligten Protagonisten des Netzwerkes in Bielfeld nicht oder nicht deutlich zu Wort kamen (Polizei, Fachstelle Eigensinn), wobei die Nichtberücksichtigung dieser Perspektiven womöglich nur verkürzende Einsichten liefert. Zur Begründung der Exklusion aller Perspektiven bis auf Eltern, Lehrkräfte, Kinder geben die AutorInnen keine Angaben.

Fazit

Die vorliegende Evaluationsstudie bezieht Perspektiven von Eltern, Lehr- und Fachkräften und Kindern mehrerer Grundschulen in Bielfeld ein, die im Rahmen regulären Unterrichts das Präventionsprojekt „Mein Körper gehört mir“ der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück kennenlernten. Untersucht wurden dabei die Wirkungen auf die genannten Personengruppen, wobei grundsätzlichere Fragen ausgespart blieben (z.B. „Woran misst sich erfolgreiche Prävention?“). Die dargestellten Ergebnisse tragen dazu bei, zum einen das Thema vernetzter Prävention stärker zu verankern, auch und insbesondere an institutionellen Orten der Kinderbetreuung und -bildung zu verorten, aber auch, Erwachsene (sowohl der pädagogischen Professionen wie auch Eltern) weitaus stärker in die Pflicht zu nehmen, angemessene Sprache und Sprachweisen zu etablieren, um mit den ihnen anvertrauten Kindern über sexuelle Gewalt zu sprechen.


Rezension von
Dr. Miriam Damrow
Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 31.08.2015 zu: Sabine Andresen, Jan David Gade, Katharina Grünewalt: Prävention in der Grundschule. Wirkung, Wahrnehmung und Sichtweisen von Kindern und Erwachsenen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2268-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18963.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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