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Ulrich Menzel: Die Ordnung der Welt

Cover Ulrich Menzel: Die Ordnung der Welt. Imperium oder Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. 1228 Seiten. ISBN 978-3-518-42372-1. D: 49,95 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Die (Un-)Ordnung der Welt – eine Theorie internationaler Ordnung

Ob, wie und von wem die Welt geordnet ist, darüber gibt es seit Jahrtausenden Aussagen, Visionen und Ge- und Verbotsdiktate. Während die einen zu wissen glauben, wer oder was die Welt zusammenhält (Richard Edtbauer / Alexa Köhler-Offierski, Hrsg., Welt- Geld – Gott, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14494.php), sind sich andere (nicht) sicher, wer eigentlich die Welt regiert (Ian Morris, Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12186.php), und dritte schauen darauf, wie Macht ausgeübt wird (Ingo Elbe / Sven Ellmers / Jan Eufinger, Hrsg., Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13528.php). Es sind Fragen, die an die Urgründe menschlichen, individuellen und kollektiven Daseins gehen und von der anthropologischen Feststellung, dass der Mensch ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen ist, das aufgrund seiner Vernunftbegabtheit und seiner Fähigkeit Gutes vom Bösen, Richtiges vom Falschen unterscheiden zu können, nach einem guten, gelingenden und glücklichen Leben strebt (Aristoteles), bis hin zu psychopathologischen und fatalistischen Annahmen reichen, dass die Welt nichts anderes als ein Bluff ist (Manfred Lütz, Bluff! Die Fälschung der Welt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14059.php).

Entstehungshintergrund

Mit dem Begriff der (neuen) Weltordnung kommt zum Ausdruck, dass die Menschheit endlich von einer „Kultur des Krieges zu einer Kultur des Friedens“ kommen (Federico Mayor) und im Bewusstsein der Menschen eine universelle Verantwortungsethik Einzug halten müsse. Dass dies im Konjunktiv formuliert wird, heißt ja nichts anderes, als dass diese Forderung längst noch nicht Wirklichkeit in der Welt ist, und die Visionen und Programme, Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt zu schaffen, weiterhin auf die Realisierung warten. Die UNESCO, in deren Verfassung vom 16. November 1945 der Satz steht – „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, müssen auch die Bollwerke des Friedens im Geist der Menschen errichtet werden“ – hat beim internationalen Kongress „Frieden im Denken der Menschen“, vom 26. Juni bis 1. Juli 1989, in der „Deklaration von Yamoussoukro“ (Elfenbeinküste) den Friedens- und damit auch den Ordnungsgedanken so formuliert:

  • Frieden heißt Ehrfurcht vor dem Leben.
  • Frieden ist das kostbarste Gut der Menschheit.
  • Frieden ist mehr als das Ende bewaffneter Auseinandersetzung.
  • Frieden ist eine ganz menschliche Verhaltensweise.
  • Frieden verkörpert eine tiefverwurzelte Bindung an die Prinzipien der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Solidarität zwischen allen Menschen.
  • Frieden bedeutet auch eine harmonische Partnerschaft von Mensch und Umwelt.

Damit sind wir bei der großen Herausforderung an die Menschheit, sich gemeinsam eine allgemeingültige, nicht relativierbare Ordnung, also eine „globale Ethik“ zu geben, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 als „Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte, (die) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ grundgelegt ist (Deutsche UNESCO-Kommission, Menschenrechte. Internationale Dokumente, Bonn 1981, S. 48ff). Über die Entstehung von Macht, die legitime Ausübung von Ordnungsphänomenen und Machtmissbrauch wird in vielfältigen, anthropologischen, soziologischen, politischen, psychologischen und kulturellen Zusammenhängen diskutiert (Wolfgang Kersting, Macht und Moral. Studien zur praktischen Philosophie der Neuzeit, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11429.php; Joseph Nye, Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13126.php; Michael Gehler / Robert Rollinger, Hrsg., Imperien und Reiche in der Weltgeschichte. Epochenübergreifende und globalhistorische Vergleiche, 2014, 978-3447065672).

Autor

Der Politikwissenschaftler und Lehrstuhlinhaber für Internationale Beziehungen und Vergleichende Regierungslehre an der TU in Braunschweig, Ulrich Menzel, legt (als Alters- und Lebenswerk?) ein umfangreiches und anspruchsvolles Buch vor, mit dem er nicht mehr und nicht weniger als „die Welt erklären“ will. „Es soll darin gezeigt werden, was die Welt im Innersten zusammenhält, wer für Ordnung sorgt in der Anarchie der Staatenwelt, in der es keine übergeordnete Instanz, keinen Weltstaat gibt, der mit einem internationalen Gewaltmonopol ausgestattet ist“. Er formuliert bereits zu Beginn: „Die Ordnung in der Anarchie der Staatenwelt resultiert aus der Hierarchie der Staatenwelt“ und begründet damit den Untertitel seines Buches; und er verweist auf seine jahrzehntelangen Forschungen und (Fall-)Studien zu Fragen nach einer (neuen) Weltordnung. Nicht ohne Grund, sondern eher selbstverständlich kreisen Menzels Forschungsarbeiten um die Frage, wie Mächte, Imperien und Reiche internationale Ordnungen bestimmen und sich Zentrismen bilden konnten und können. Weil diese überwiegend nicht auf Zufälligkeiten oder natürlichen Entwicklungen beruhen, sondern von Menschen „gemacht“ sind, bedarf es bei der gesellschaftspolitischen und -historischen Analyse des hermeneutischen Blicks. Der Autor benutzt dabei die von ihm im Laufe der mehr als 30jährigen Lehr- und Forschungsarbeit entwickelte und angewandte historisch-komparative Methode, u. a. bei der Infragestellung und Aufkündigung der im politischen Diskurs üblichen Gliederung in „Erste", „Zweite“, „Dritte“ und „Vierte“ Welt, mit der Feststellung, dass die großen (Entwicklungs-)Theorien gescheitert seien (vgl. dazu u. a.: Thomas Fues / Jochen Hippler, Hg., Globale Politik. Entwicklung und Frieden in der Weltgesellschaft. Festschrift für Franz Nuscheler. Sonderband der Stiftung Entwicklung und Frieden, Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger, Bonn 2003, 400 S., sowie die unter aktiver Beteiligung von Ulrich Menzel ab Mitte der 1990er Jahre in der Zeitschrift „Entwicklung und Zusammenarbeit“(E+Z) geführten Diskussionen).

Aufbau und Inhalt

Im aktuellen Band, in dem der Autor insbesondere den Fokus seiner Fragestellung nach d e r Weltordnung aus der Blickrichtung der von den Vereinten Nationen gestellten Millenniumsziele behandelt, geht es tatsächlich um den „Anspruch einer Totalerhebung“ der Weltordnungsgeschichte. Auch wenn dies eher unmöglich erscheint, postuliert der Autor zumindest die Absicht, „um über deren vergleichende Auswertung auf induktive Weise eine Theorie internationaler Ordnung zu gewinnen“. Dass dabei, aus faktischen wie aus persönlichen Gründen, eine Auswahl der Analyse über Entstehung und Wirkung von „großen Mächten“ getroffen werden muss, bedarf keiner besonderen Erklärung. Ebenso dürfte einsichtig sein, dass auch eine zeitliche Einschränkung bei der Darstellung von internationalen Ordnungsphänomen notwendig ist. Für die Zeitspanne von ca 1.000 Jahren wählt er aus:

  • Das Chinesische Kaiserreich während der Song-Zeit (960 – 1204).
  • Das Reich des Großkhans der Mongolen (1230 – 1350).
  • Die italienischen Fernhandelsstädte und Kolonialmächte Genua (1261 – 1350) und Venedig (1381 – 1503).
  • Die frühen Ming (1368 – 1435).
  • Die iberischen Entdeckernationen und Feudalmächte Portugal (1494 – 1580) und Spanien (1515/19 – 1648/59).
  • Das Osmanische Reich auf den Spuren der Mongolen (1453 – 1571).
  • Die Niederlande als erste moderne Ökonomie (1609 – 1713).
  • Das absolutistische Frankreich (1635 – 1714).
  • Großbritannien auf Merkantilismus und Freihandel gestütztes Empire (1692 – 1919).
  • Die USA als Hegemonialmacht (1898 - ? <2035>).

Um die wirkmächtige, staatenübergreifende und internationale Bedeutsamkeit von großen Mächten exemplarisch darstellen zu können, konzentriert sich der Autor auf fünf Analyseebenen. Zum einen zieht er Detailstudien in der Form von Aufsätzen und Monographien zu einzelnen, relevanten Aspekten heran; zum zweiten greift er auf Gesamtdarstellungen zurück; zum dritten benutzt er fallübergreifende Darstellungen; zum vierten beruft er sich auf die vorhandene hegemonie- und imperiumstheoretische Literatur; und zum fünften schließlich findet er in der metatheoretischen Literatur Hinweise für seine Arbeit.

In der ausgewählten zeitgeschichtlichen und idealtypischen Darstellung bearbeitet der Autor seine (Lebens-/Berufs-)„Meistererzählung“ mit dem Ziel, Kontinuitäten und Diskkontinuitäten bei der Entwicklung von „mächtigen“, politischen und gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen aufzuzeigen, zu interpretieren und zu analysieren. Sein Anspruch ist motiviert von zwei Einsichten: Die eine orientiert sich an der Hegelschen Erkenntnis; „Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“, was bedeutet, dass Schaffensfreude und -mühe sich paaren mit den Jahrzehnte langen, professionellen Lehr- und Forschungserfahrungen Menzels; und die andere, einsichtige und ehrenswerte Feststellung: „Auch und gerade eine ‚Meistererzählung‘ kann nicht das Resultat einer schönen Einzelleistung sein“, was wiederum zu der Erkenntnis führt: „Wir stehen immer nur auf den Schultern unserer Vorgänger und bauen ein Stück weiter an der Erklärung der Welt“.

So ergeben sich insgesamt 16 Kapitel, mit denen Ulrich Menzel seine „Theorie der internationalen Ordnung“ begründet. In der Einleitung stellt der Autor die „Idealtypen“ vor. Sie stellen sich als Machtkonstellationen im internationalen Staatensystem dar, die sich, entgegen der nationalen, politischen und gesellschaftlichen Idealvorstellungen von einem demokratischen Staat, bei den politischen, internationalen Beziehungen als „Anarchie der Staatenwelt“ zeigen; und zwar entweder als „hegemoniale Aufstiegs- und Niedergangsphasen von langer Dauer…, (oder als) imperialer Aufstieg und Niedergang“. Diese Typisierung und Charakterisierung von imperialer und hegemonialer Macht stellt der Autor in eine der zahlreichen Tabellen, Skizzen, Abbildungen und Systematisierungen dar, die die Handhabung des umfangreichen Buches erleichtern.

Weil hegemoniale und imperiale Weltordnungen die Geschichte der Welt von Anfang an bestimmen, wäre eine Erzählung von Anfang an notwendig. Markierungspunkte für einen zeitlichen Anfang jedoch findet Menzel in der Einschätzung, dass die „Herausbildung von Weltgesellschaft, ob kommerziell, kulturell, wissenschaftlich oder militärisch bedingt, (zusammen fällt) mit dem Beginn der Globalisierung“, die er in der dialogisierten wie konfrontativen Begegnung der eurozentierten mit den sinozentrierten Mächten in Song-China von 960 – 1204 erkennt, und deren Verläufe er in mehreren Zyklen darstellt: Wirtschaftliche Handelsbeziehungen, Austausch von handwerklichen, landwirtschaftlichen und wissenschaftlichen Gütern, Verteidigung und militärische Eroberung, Land- und Seemacht.

Mit dem Auftreten der mongolischen, militärisch und strategisch hochgerüsteten Macht endete (erst einmal) die chinesische Hegemonialmacht. „Pax Mongolica 1230 – 1350 und die Globalisierung vor der Globalisierung“, so titelt der Autor das dritte Kapitel, in dem er die Bildung des ersten, neueren Weltreichs der Geschichte thematisiert, vom Aufstieg (1206 – 1260), bis zum Wendepunkt der Reichsteilung (1260 – 1350), von innovativen und florierenden Handelsverbindungen entlang der Seidenstraße, bis hin zum Niedergang und zur Auflösung des Imperiums aus vielfältigen, machtstrategischen wie katastrophenbedingten Gründen.

„Genua und die mediterrane Weltwirtschaft 1261 – 1350“, das ist nach der hegemonietheoretischen Perspektive des Autors die Zeit, in der europäische Mächte, zuerst im eurasischen Fernhandel, und dann als erobernde und dominante Seemächte ins Spiel kamen. Es entstand eine strategische und systematische Arbeitsteilung bei der Machtbalance: „Der Orient von Byzanz bis China war für Luxusgüter zuständig, Osteuropa und die Schwarzmeerregion für Rohstoffe und Sklaven, Afrika für Gold, das zum Ausgleich der negativen Handelsbilanz mit Asien dringend benötigt wurde, der Mittelmeerraum für Nahrungsmittel, Norditalien, die Niederlande, Frankreich und später England für Fertigwaren“.

„Die frühen Ming (1368 – 1435) und die Restauration des Tributsystems“; darum geht es im fünften Kapitel. China tritt erneut in den weltgeschichtlichen Reigen ein, und zwar mit der chinesischen Vorstellung von Weltordnung, die sich im Tributsystem und dem Anspruch auf das Gewalt- und Handelsmonopol im Südchinesischen und Indischen Meer artikulierte. Doch die Imponderabilien verhinderten, dass sich eine Pax Sinica längerfristig entwickeln konnte und die Gegenpositionen aus Indien, Japan und Europa die chinesischen Hegemonieansprüche wirkungslos werden ließen.

Der Autor widmet „Venedig – Seemacht mit imperialen Zügen (1381 – 1503)“ ein eigenes, sechstes Kapitel; und zwar deshalb, weil dem genuesischen Hegemoniezyklus von 1190 an, der venezianische von 1300 an zugeordnet werden muss. Die unterschiedlichen, machtpolitischen Verfasstheiten der beiden Republiken – „Genua als Prototyp einer liberalen, frühbürgerlichen Kommune mit auf ein Minimum beschränkten staatlichen Strukturen“ versus „Venedig (als) Prototyp eines frühmodernen Staatskapitalismus, dirigiert von einer hierarchisch aufgebauten Oligarchie“ – machen den Vergleich interessant; und die handels- und militärpolitischen Ansprüche Venedigs überdehnten die personellen und pekuniären Möglichkeiten der Republik.

Mit der Frage „ oder Hegemonialmacht im Indik?“ leitet der Autor das siebte Kapitel „Portugal 1494 – 1580“ ein. Die absolutistische, royalistische Machtgewissheit des portugiesischen Königs, der sich als Herrscher über zwei Kontinente wähnte und sich als „Herr der Eroberung, der Navigation und des Handels von… auswies, seine Vasallen auf Entdeckungsfahrten schickte und dabei die hegemoniale Ordnung im Indik und Atlantik für die portugiesische Macht stempelte, etablierte das portugiesische Weltsystem, das als internationaler Dienstleister … einen Teil der Rolle Venedigs übernommen hatte und Westeuropa mit Gewürzen und asiatischen Luxuswaren versorgte“. Der Niedergang der portugiesischen Hegemonialmacht war u. a. dadurch bestimmt, dass die Machtbegehrlichkeiten und wachsenden Mächtigkeiten der feindlichen Nachbarn militärisch waren als die portugiesischen Kräfte.

Mit dem achten Kapitel wendet sich Menzel dem Idealtypus „Osmanisches Reich“ (1453 – 1571) zu. Mit der Frage: „Imperium zwischen Europa, Asien und Afrika oder Hegemonialmacht im Orient?“ skizziert er bereits das Problem, und zwar in mehrerer Hinsicht. Zum einen weist das Osmanische Weltreich eine machtstabile, mehr als 600 Jahre andauernde, hierarchische Geschichte aus; zum anderen vermitteln die historischen Geschichtsinterpretationen und vorfindbaren Quellenmaterialien keine eindeutige Antwort auf die Frage, ob das Osmanische Reich ein europäisches oder ein zentralasiatisches Imperium, oder beides war. Für die Geschichtsinterpretation ergeben sich daraus unterschiedliche Fragestellungen und Erklärungsversuche über die Expansionen der Osmanen, die sich, von Anatolien aus, nach Westen zum Mittelmeer und Nordafrika, im Süden über das Rote Meer nach Ägypten und über die Arabische Halbinsel in den Indik, in Richtung Südosten nach Mesopotamien, Persien und zum Persischen Golf, nach Nordosten über das Kaspische und Schwarze Meer in die Steppengebiete, und im Nordwesten zum Balkan erstreckten. So ergibt sich aus den vielfältigen Analysen, dass das Osmanische Reich kein Handelsstaat, sondern eine Militärmacht war, die geschickt und mit einem funktionierenden Verwaltungssystem ausgestattet, die eroberten Gebiete zugunsten des eigenen Machterhalts und -ausbaus nutzte: „Typologisch war das Osmanische Reich damit ein Zwitter zwischen Imperium und Hegemonialmacht“.

„Spanien 1515/19 – 1648/49“ wird im neunten Kapitel behandelt. Die Zuordnung zu einen der aufgewiesenen, ordnungspolitischen Idealtypen ist für das „geerbte Imperium“ nicht eindeutig zu leisten. „Spanien war von allem etwas und im 16. Jahrhundert auf fast allen weltpolitisch bedeutsamen Schauplätzen präsent“, und zwar sowohl als Land-, als auch als Seemacht. Mit Hilfe der zahlreichen Quellenmaterialien, und zwar sowohl als Gesamtdarstellungen wie auch in einzelnen Dokumenten, zeigt Menzel anhand von Portraits der Mächtigen jener Zeit, als auch von Sieges- und Kriegsberichten die Grundlagen der Macht des Imperiums und ihre Schwächen auf. Dabei unterteilt er seine Analyse in mehrere Zyklen: Von 1519 – 1588 mit der Herrschaft Karls I, dem Religionsfrieden von Augsburg, der Teilung des Reichs und den nachfolgenden Kriegen; und von 1588 – 1648/59 mit den weiteren, verlustreichen, kriegerischen Auseinandersetzungen, die trotz der weiterhin fließenden (Silber-)Schätze aus den lateinamerikanischen Kolonialgebieten das Ende der Hegemonialmacht Spaniens bedeuteten. Menzel gibt darauf die Antwort: „Spanien war immer nur Militärmacht und nie Handelsmacht“.

Die im historischen Diskurs benutzten Begriffe, wie „Österreichische Niederlande“, „Spanische Niederlande“ oder „Generalitätsniederlande“, verweisen darauf, dass die Frage, „was waren die Niederlande im 16. und 17. Jahrhundert?“ relevant ist. Im zehnten Kapitel setzt sich der Autor damit auseinander: „Die Niederlande und ihr ‚Goldenes Zeitalter‘ 1609 – 1713“. Mit der Metapher „Der fliegende Holländer“ aus der Wagneroper verweist Menzel auf die Zusammenhänge und Wirkmächte, wie dieses Imperium zu einer Welthandelsmacht und zum niederländischen Weltsystem werden konnte, sich in den Abfolgen der Kolonialkriege und -besitzungen zu einer „englisch-niederländischen Allianz“ entwickelte und schließlich durch das mächtiger werdende Frankreich die Rolle als Führungsmacht in Europa abgeben musste.

Diese Entwicklung diskutiert Menzel im elften Kapitel: „Frankreich 1635 – 1714: Der gezügelte Hegemon“. Die Veränderungsprozesse bei der hegemonialen und imperialen Bedeutung der Seemacht hin zur Landmacht haben einerseits die französische Macht gestärkt, andererseits bot der „Merkantilismus als Ordnungssystem“ Spielraum für die Ausdehnung des französischen, überwiegend auf die westliche Hemisphäre beschränkten Weltreichs. Die militärische und hierarchische Dominanz in dieser vorrevolutionären Zeit basierte auf dem Prinzip: „Der Handel sollte der Flagge folgen und nicht umgekehrt“. Dass die französische Macht gegenüber den portugiesischen und spanischen Hegemonien letztendlich nicht erfolgreich sein konnte, erklärt der Autor so: „Es ist gescheitert, weil Frankreich in Europa strukturell eher Peripherie war als Zentrum, Flotte, Kolonialreich, Handelskompanien, Industrie erst mit staatlicher Hilfe inszeniert werden mussten auf Kosten der Landwirtschaft, die aber zugleich Basis seiner Landmacht war“.

Im 12. Kapitel wird die Doppelbedeutung „England / Großbritannien 1692/1713 – 1783“ als die Zusammenfügung von „Merkantilismus und Empirie“ thematisiert. Es war die strategische Festlegung auf „Command of the Sea“, das bei der machtpolitischen Prioritäten den Ausschlag dafür gab, dass Großbritanniens Aufstieg zur Weltmacht „unter dem Schirm des Merkantilismus“ gelang; gleichzeitig aber auch bereits damit sein Scheitern grundgelegt wurde: Durch die kolonialen Auseinandersetzungen in Nordamerika, der Karibik, Asien und Afrika, der in der Geschichtsschreibung als „britisch-französischer Konflikt“ charakterisiert, und mit dem Zeitzyklus als „erstes Empire“ benannt wird.

Denn im 13. Kapitel folgt die Auseinandersetzung mit den machtpolitischen Entwicklungen während des „zweiten Empire“: „Großbritannien 1783 – 1919“. Hier wird die Bedeutung von „Freihandel und Empire“ diskutiert. Es ist die Zeit des Wechsels im politischen und ökonomischen Denken, das sich in den Kontroversen eines Adam Smiths „Wealth of Nations“ (1776) und John Stuart Mills „Principles of Political Economy“ (1848) ausdrückte und die Industrielle Revolution beförderte. Es ist auch der Zyclus der politischen und ökonomischen Veränderungsprozesse, die sich in den Begriffen „Große Depression“, „Imperialismus“ und „British Decline“ artikulieren und in der machtpolitischen wie ökonomischen Stärkung von anderen europäischen und außereuropäischen Mächten, wie etwa auch Deutschlands, der USA und Japans. „Der Zusammenbruch des Welthandels- und Weltwährungssystems … zeigte, dass Großbritannien auch die Chance eines hegemonialen Übergangs verpasst hatte, der militärisch durch das Flottenabkommen mit den USA schon eingeleitet war“.

Mit den beiden letzten,.14. und 15. Kapiteln, wird mit den „USA 1898 – 1990“ die erste Hegemonialmacht mit globaler Reichweite vorgestellt. Die Entstehung der Vereinigten Staaten von Amerika wird historisch und etymologisch erklärt, mit dem Hinweis, dass die deutsche Bezeichnung „USA“ auch deshalb missverständlich ist, weil im Kontinent „Amerika“ eben nicht nur die US-Amerikaner leben, sondern auch die Kanadier, Mexikaner, Brasilianer… Mit der Charakterisierung, dass „die Expansion der USA nach Westen, Süden und Norden vergleichbar der Expansion des zaristischen Russlands“ sei, verweist Menzel zum einen auf das „ambivalente Verhältnis von Abneigung und Zuneigung zum ehemaligen Mutterland“, zum anderen auf die Politiken von „Isolationismus und Neutralität gegenüber den europäischen Konflikten“, die jedoch aufgeweicht wurden durch die kriegerischen und kolonialen Auseinandersetzungen im Kontinent selbst, und durch die Solidarisierung mit den europäischen Verbündeten während der beiden Weltkriege. Das Schild „Workshop of the World“, das sich Großbritannien etwa für den Zeitzyclus um 1850 anheften konnte, wurde ein halbes Jahrhundert später von den USA übernommen. Bei den spätestens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sich zeigenden Eskalationen beim Ost-West-Konflikt entwickelten sich unter der Führung der USA politische und strategische Formen von Machtdemonstrationen, wie sie sich etwa im „Containment-Geist des Jahres 1947“ darstellten, sich als „westliches“ Identifikations- und Verteidigungsbewusstsein etablierten und sich exemplarisch und machtdemonstrativ in der Kuba-Krise zeigten.

Das „American Decline“, der drohende Verlust der wirtschaftlichen und globalpolitischen Führungsrolle der USA, wurde mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems 1971 eingeleitet. Die Ablösung der in der internationalen Währungsordnung bis dahin gültigen Leitwährung des Dollars durch ein System mit gleitenden Wechselkursen, führte nicht nur zur (gewollten) Abwertung des Dollars, sondern auch zu einem riesigen Handels- und Haushaltsdefizit in den USA. Die sich daraus entwickelten, nationalistischen und isolationistischen Diskussionen verstummten jedoch, als 1990 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Macht der USA (scheinbar, und was die Zahlungs- und Handelsbilanz betraf) gestärkt wurde. „Aus dem relativen Niedergang war der relative Aufstieg geworden. Auch das japanische Hyperwachstum war an seine Grenzen gestoßen. China war 1990 noch immer der schlafende Riese“.

Mit dem 15. Kapitel „USA 1990 – 2035“ schließlich stellt der Autor die aktuelle wie zukunftsorientierte Frage: „Hegemonialmacht oder ?“. Seine Antwort ergibt sich als paradoxe Einschätzung: Während einerseits die Ankündigung des damaligen Präsidenten George W. Bush vom September 1990 im Raum steht, mit „Towards a New World Order“ eine Neue Weltordnung schaffen zu wollen, entstanden wenige Jahre später neue Perspektiven und programmatische Positionen über „The Grand Chessboard: American Primary and Ist Geostrategic Imperatives“, mit dem Vergleich der gegenwärtigen und zukünftigen Rolle der USA mit früheren Großreichen (Zbigniew Brzezinski). Die Auseinandersetzungen zwischen Liberalen und Neokonservativen über die Deutungsmacht für eine Neue Weltordnung sind sowohl USA-intern, als auch global in vollem Gange. Der Aufstieg von neuen, asiatischen Mächten, sowohl als Bedrohung für die etablierten Mächte empfunden, als auch als Aufforderung artikuliert, „dass China sich auch im eigenen Interesse stärker beteiligen sollte an der Bereitstellung internationaler öffentlicher Güter“. Ulrich Menzel beendet den Diskurs über seine ausgewählten Idealtypen mit einem durchaus optimistischem Ausblick, nämlich dem, dass die sich spätestens seit der Verleihung des Nobelpreises 2009 an die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Elinor Ostrom ein Bewusstsein zu entwickeln beginnt, dass „Commons“, Gemeingüter, die zukünftigen Paradigmen für eine „neue Weltordnung“ bestimmen müssten (siehe dazu auch: Elinor Ostrom: Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php; sowie: Silke Helfrich / Heinrich-Böll-Stiftung, Hrsg., Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13482.php).

Der Vergleich der Fallstudien zu den ausgewählten Idealtypen von Imperium und Hegemonie soll die Antwort auf die Frage geben, „ob und wie die großen Mächte in der Lage waren, für internationale Ordnung zu sorgen und die Anarchie der Staatenwelt einzuhegen“. Menzel entwickelt daraus drei typologische Kombinationen, die ihm als Grundlage für seine „Theorie der internationalen Ordnung“ dienen. Seine Ausblick auf das Jahr 2035 ist sicherlich spektakulär, aber auch mit einer nicht unrealistischen Vermutung verbunden, ob „die USA ab etwa 2035 von China und womöglich China eines zukünftigen Tages von Indien als Ordnungsmacht abgelöst wird oder ob eine Rückkehr zur Anarchie der Staatenwelt eines möglichen Hegemoniekonflikts zwischen den USA und China ist“.

Die zahlreichen Skizzen, Tabellen, farbigen und SW-Abbildungen tragen ohne Zweifel zur praktischen Handhabung der umfangreichen Informationen bei. Die im Anhang aufgeführte, 16seitige Zeitleiste, in der vom Jahr 1005 bis 2011 „die großen Verabredungen, Konferenzen, Verträge, Gesetze und Erklärungen zur Ordnung der Welt“ aufgeführt sind, wie auch das 73seitige Literaturverzeichnis verweisen nicht nur auf eine riesige Fleißarbeit, sondern bieten sich auch als wertvolle Fundgrube für Lektüre und Studium an.

Fazit

Mit seiner „Meistererzählung“ vermittelt Ulrich Menzel nicht nur tiefe Einblicke in sein seit Jahrzehnten und weiter andauerndes intellektuelles und professionelles Schaffen, sondern er bietet den Leserinnen und Lesern seines umfangreichen Buches auch die Chance an, darüber nachzudenken, wie wir geworden sind, was und wie wir sind, als Individuen, Deutsche, Europäer und Planetarier, lokal und global, Hier und Heute mit dem ontologischen, anthropologischen und chronologischen Bewusstsein (vgl. dazu auch: Jörg von Norden, Geschichte ist Zeit. Historisches Denken zwischen Kairos und Chronos – theoretisch, pragmatisch, empirisch, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18193.php; sowie: Nora Nebel, Ideen von der Zeit. Zeitvorstellungen aus kulturphilosophischer Perspektive, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12020.php); und nicht zuletzt mit der visionären Herausforderung, zur „Überwindung der Anarchie“, wie sich die Staatenwelt seit Jahrtausenden darstellt, individuell und kollektiv das Seine dazu beizutragen.

Auch wenn die Frage unter Historikern nicht unumstritten sein dürfte, ob die von Menzel ausgewählten Idealtypen zur Klärung der Problematik, in welcher Weise imperiale und hegemoniale Macht in der Geschichte der Menschheit wirksam wurden und werden, tatsächlich gültig sind, ob nicht etwa die Auswahl von anderen Imperien auch andere Interpretationen und (Rück-)Schlüsse zulassen (so ließe sich z. B. fragen, ob und inwieweit der Gedanke der Menschenrechte, wie er sich in den Visionen und Wirklichkeiten in verschiedenen Epochen bis hin zum heutigen Diskurs artikuliert, auch hegemonial und hierarchisch zu befragen; vgl. dazu: Jan Eckel, Die Ambivalenz des Guten. Menschenrechte in der internationalen Politik seit den 1940ern, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17721.php; sowie: Hans Joas, Sind die Menschenrechte westlich?, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18796.php); oder auch, wie kontinentale und transkontinentale Zusammenschlüsse, etwa die Europäische Union, die Afrikanische Union, die Panamerikanische Union, oder der Verband Südostasiatischer Nationen imperiale, hegemoniale, politische Wirkungen auf die (Un-) Ordnung der Welt ausüben.

Es bleibt Menzels Verdienst, mit der exemplarischen Darstellung der Geschichte von Imperien und Weltmächten, Denkmodelle für eine „Theorie der internationalen Ordnung“ vorgelegt zu haben. Denn eines sollte mittlerweile doch in das Bewusstsein der Menschheit eingedrungen sein: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“, wie dies in der Präambel der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, zuvorderst deklariert wird.

Wo, wenn nicht in den Schul-, Hochschul- und öffentlichen Bibliotheken sollte das Buch bereit stehen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.06.2015 zu: Ulrich Menzel: Die Ordnung der Welt. Imperium oder Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-518-42372-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18967.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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