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Theresia Höynck, Mira Behnsen u.a.: Tötungsdelikte an Kindern unter 6 Jahren in Deutschland

Cover Theresia Höynck, Mira Behnsen, Ulrike Zähringer: Tötungsdelikte an Kindern unter 6 Jahren in Deutschland. Eine kriminologische Untersuchung anhand von Strafverfahrensakten (1997 – 2006). Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 355 Seiten. ISBN 978-3-658-07586-6. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.
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Thema

Spektakuläre Fälle haben in den letzten Jahren die Öffentlichkeit immer wieder dafür sensibilisiert, dass auch in Deutschland Kinder Opfer von Tötungsdelikten werden und dass dabei insbesondere Babys und Kleinkinder gefährdet sind, Opfer gezielter Tötung, tödlicher Misshandlung oder zum Tode führender, extremer Vernachlässigung zu werden. Trotzdem liegen zu dieser Problematik bisher nur wenige aussagekräftige Befunde vor. In dem Buch werden die Ergebnisse der am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) durchgeführten Studie „Tötungsdelikte an Kindern unter 6 Jahren in Deutschland“ vorgestellt.

Autorinnen

  • Prof. Dr. Theresia Höynck lehrt an der Universität Kassel das Recht der Kindheit und der Jugend und ist Leiterin des Projekts „Tötungsdelikte an Kindern“ am Kriminologischen Forschungsinstitus Niedersachsen e.V. (KFN).
  • Mira Behnsen ist Juristin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie der Leibniz Universität Hannover.
  • Ulrike Zähringer ist Juristin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des KFN im Projekt „Tötungsdelikte an Kindern“.

Entstehungshintergrund

Die Studie wurde im Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen durchgeführt und von der Thyssen Stiftung gefördert.

Aufbau

Das Buch ist in die folgenden sieben Kapitel gegliedert:

  1. Einführung
  2. Tötungsdelikte an Kindern im Spiegel amtlicher Daten
  3. Forschungsstand
  4. Durchführung der Untersuchung
  5. Ergebnisse
  6. Zusammenfassende Würdigung
  7. Ausblick und offene Fragen

Zu Kapitel 1

Einleitend werden die Fragestellungen der Untersuchung dargestellt. Die Studie hatte mehrere Ziele. Erstens galt es, verlässliche Daten zum Erscheinungsbild von Tötungsdelikten an Kindern zu erlangen. Zweitens sollten darauf aufbauend Ursachen, Entstehungsbedingungen und Risikofaktoren ermittelt werden. Drittens ging es um die Entdeckung, Aufklärung und strafrechtliche Aufarbeitung von Tötungen an Kindern, um viertens zu analysieren, welche Folgerungen sich aus der Gesamtschau der genannten Erkenntnisse für die Prävention der Tötung von Kindern ergeben. Im Einzelnen wurden die folgenden Fragestellungen in den Blick genommen:

  1. Wie viele Kinder – differenziert nach Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit sowie familiärem und sozialen Merkmalen – wurden in Deutschland in den 10 Jahren des Untersuchungszeitraum (1997-2006) Opfer von (als solchen erkannten) Tötungsdelikten?
  2. Gibt es in Bezug auf diese Daten regionale Unterschiede bzw. Veränderungen über die Zeit, und wie lassen sich diese gegebenenfalls erklären?
  3. Lassen sich bei den Opfern spezifische wiederkehrende Merkmale und Merkmalscluster identifizieren?
  4. Welche Merkmale und Merkmalskombinationen kennzeichnen die Täter? Welche Opfer-Täter-Konstellationen sind charakteristisch für diesen Deliktbereich?
  5. Gibt es typische Muster für Konflikte und Handlungsabläufe im Vorfeld solcher Taten sowie im Tatgeschehen?
  6. Hat es vor der Tat Warnsignale wie z.B. psychische Auffälligkeiten, Selbstmordankündigungen der Täter/Täterinnen oder frühere Misshandlungen des Opfers bzw. seiner Geschwister gegeben? Wem sind diese gegebenenfalls bekannt geworden. Wie wurde darauf reagiert? Sind Eingriffsmöglichkeiten nicht oder nicht ausreichend genutzt worden?
  7. Welche Folgerungen ergeben sich aus den Antworten zu den Frage 1 bis 6 für Präventionsstrategien? In wie weit und in welcher Weise lassen sich diese staatlich steuern? Welche rechtlichen Regelungsmöglichkeiten bestehen in diesem Zusammenhang?

Zu Kapitel 2

Es wird zunächst festgestellt, dass in Deutschland zu den Tötungsdelikten an Kindern nicht einmal Grunddaten systematisch erfasst werden. Dies überrascht angesichts der Schwere der Taten wie auch des hohen Stellenwerts, den dieser Kriminalitätsbereich in kriminologischen Diskursen, im öffentlichen Bewusstsein und in der medialen Aufbereitung von Kriminalität einnimmt. Die amtlichen Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) ergeben, dass im Zeitraum 1995-2013 bundesweit jährlich ca. 90 Kinder unter 6 Jahren Opfer von vollendeten, vorsätzlichen Tötungsdelikten wurden. Für diesen Zeitraum ist eindeutig kein Anstieg der Tötungsdelikte festzustellen, vielmehr sinken die Zahlen seit 2007 auf zuletzt 60 Fälle pro Jahr.

Zu Kapitel 4

Die Datenbasis für die Untersuchung waren alle erreichbaren staatsanwaltlichen Verfahrensakten zu den Fällen, die als vollendete vorsätzliche Tötung an Kindern im Alter von 0-5 Jahren für den Zeitraum 1997-2006 im gesamten Bundesgebiet erfasst waren. Der Zugang zu den Akten erforderte ein mehrstufiges Verfahren: Ermittlung der Aktenzeichen, Beschaffung der Akten und Kodierung. Die Grundgesamtheit bestand ausweislich der polizeilichen Kriminalstatistik aus 911 Opfern. Es erwies sich als sehr schwierig die Aktenzeichen und Akten vollständig aufzufinden. Letztlich lagen Informationen zu 535 Opfern vor, der Ausfall gegenüber der PKS betrug somit 41%.

Zu Kapitel 5

In diesem Kapitel werden die Ergebnisse auf insgesamt 280 Seiten deskriptiv dargestellt. Die weitaus meisten der 535 ermittelten Tötungsdelikten bezogen sich auf Kinder in den ersten sechs Lebensmonaten. 38,5 % der Kinder der Untersuchungsgruppe wurden in den ersten 24 Stunden nach der Geburt getötet. Bis auf absolute Einzelfälle kamen die TäterInnen stets aus dem unmittelbaren sozialen Nahraum der Opfer, in aller Regel handelte es sich um die biologischen oder sozialen Eltern. Bezogen auf die schulische Bildung überwiegt ein mittlerer Bildungsstand. Der Anteil Nichtdeutscher an den TäterInnen ist gegenüber ihrem Bevölkerungsanteil nur etwas erhöht. Rund die Hälfte der TäterInnen war verheiratet. Etwa ebenso viele hatten neben dem Opfer noch weitere Kinder. Substanzmissbrauch spielte nur in wenigen Fällen eine Rolle, harte Drogen nur in Ausnahmefällen. Die Tötungen fanden mehrheitlich in der eigenen Wohnung statt. Die Tötungsarten variierten erheblich. Die häufigsten Formen waren ersticken und äußere stumpfe stumpfe Gewalt. Anders als in Ländern, in denen Schusswaffen auch in privaten Haushalten weit verbreitet sind und auch bei Tötungsdelikten an Kindern verwendet werden, spielten diese in den untersuchten Fälle keine Rolle. Der Schwerpunkt der Verurteilungen der TäterInnen lag bei Freiheits- und Jugendstrafen ohne Bewährung (68 %), immerhin ein Fünftel der Verurteilten erhielt aber auch Freiheits- und Jugendstrafen mit Bewährung.

Zu Kapitel 6

Generell ist festzustellen, dass es sich bei den Tötungsdelikten an Kindern unter 6 Jahren in Deutschland um ein sehr heteroges Phänomen handelt. Die größte Fallgruppe machen die Neonatizide mit über einem Drittel aus, gefolgt von den Misshandlungstötungen mit gut einem Viertel und den erweiterten Suiziden mit rund einem Achtel der Fälle. Letztlich bleibt aber unklar, wie viele Kinder tatsächlich im Untersuchungszeitraum Opfer von Tötungsdelikten geworden sind. Die verfügbaren Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik und der amtlichen Todesursachenstatistik sind mit zahlreichen Fehlerquellen behaftet. Die in der vorliegenden Studie angestrebte Vollerhebung gelang nicht. Die Ausfallrate betrug 41 %. Was das Alter der getöteten Kinder angeht ist festzustellen, dass das Opferrisiko für Kinder in den ersten sechs Monaten und vor allem am ersten Lebenstag deutlich am höchsten ist. Insgesamt wurden 38,5 % der Kinder der Untersuchungsgruppe in den ersten 24 Stunden nach der Geburt getötet. Die Taten sind in der Regel auf sehr persönliche Konfliktlagen und Krisen zurückzuführen, die nur begrenzt und jedenfalls nicht kurzfristig in größerem Umfang von äußeren möglichen Belastungsfaktoren (z.B. steigende Trennungsraten, ökonomischer Druck) oder Unterstützungsmaßnahmen (z.B. Schwangerschaftskonfliktberatung, Jugendhilfe) zu beeinflussen sind. Das zentrale gemeinsame Merkmal fast aller TäterInnen ist, dass dass es sich um die biologischen oder sozialen Eltern der Opfer handelte.

Im Hinblick auf Professionelle, die zum Schutz von Kindern vor Gewalttaten von Belang sind, stehen an wichtiger Stelle die Jugendämter. Die Akten der Staatsanwaltschaften erhielten hierzu allerdings nur spärliche Daten. Die zweite Personengruppe, die in einigen Fällen beruflich mit Opfern befasst war, sind (Kinder)Ärzte, die bei den Misshandlungsfällen im Kontext von früheren Verletzungs- und Misshandlungsfällen Kontakt mit den Familien hatten. Auch hierzu enthielten die Akten nur sehr rudimentäre Informationen. Die dritte Gruppe professionell Befasster kann in den Personen gesehen werden, bei denen Elternteile, die ihre Kinder töteten, vor den Taten in psychologischer Behandlung waren. Die spärlichen Akten erlauben hierzu aber keine nennenswerte Rückschlüsse. Da Tötungsdelikte an Kindern in aller Regel im engsten Familienumfeld und in der eigenen Wohnung verübt werden, spielen die nahen Bezugspersonen der TäterInnen eine wichtige Rolle bei der Frage nach möglichen Warnsignalen. In allen Fallgruppen gab es oft Menschen im sozialen Umfeld, die wussten oder ahnten, dass es in der Familie, in der es zur Tötung kam, Probleme oder auch gravierende Probleme gab. Wann die Schwelle der Einbeziehung professioneller Hilfe (naheliegend z.B. eine Meldung an das Jugendamt) erreicht ist, kann generalisierend aber nicht festgelegt werden.

Insgesamt erscheinen die Möglichkeiten staatlicher Steuerung überschaubar: Die begrenzte Erkennbarkeit von Problemen aufgrund der geringen öffentlichen Sichtbarkeit ist dabei ein wichtiger Faktor. Eine Interventionsoptimismus wird auch gebremst, wenn man sich die staatlichen Handlungsmöglichkeiten vor Augen hält. Die Herausnahme von Kindern aus den Familien, die retrospektiv immer als Königsweg erscheint und in medienöffentlichen Debatten gern als zu unrecht nicht genutzt dargestellt wird, unterliegt zu Recht engen verfassungsrechtlichen Beschränkungen und ist damit stets die ultima ratio.

Zu Kapitel 7

Viele wichtige und interessante Fragen können auf der Grundlage der verfügbaren Daten nicht beantwortet werden. Die betrifft einerseits die Fälle derselben Gruppe ab 2007, um untersuchen zu können, ob die für 1997-2006 ermittelten Befunde stabil bleiben. Seit 2007 hat es umfangreiche Bemühungen gegeben, den Kinderschutz gerade von kleinen Kindern zu verbessern – hier stellt sich die Frage nach möglichen Effekten dieser Anstrengungen. Andererseits erscheint die Einbeziehung von zwei Vergleichsgruppen ertragreich: erstens die Tötungsdelikte an älteren Kindern, über die bisher ebenfalls wenig bekannt ist, und zweitens die der nicht tödlich verlaufenden Körperverletzungsdelikte an Kindern. Bezogen auf letztere stellt sich z.B. die Frage, wie hoch der Anteil ist, der angesichts der Schwere der Verletzungen auch hätte zum Tod führen können, und ob sich die Risikofaktoren mit den bei den tatsächlichen Tötungsdelikten ähneln.

Diskussion

Anhand der wichtigen Untersuchung werden auf deskriptiver Ebene vielfältige empirische Ergebnisse dargestellt. Dazu waren sehr aufwändige Vorarbeiten erforderlich, weil viele spezifische Informationen zu Tötungsdelikten an Kindern nicht systematisch dokumentiert werden. Im Vergleich zu vielen weitaus weniger gravierenden Straftaten besteht hier somit ein erheblicher Nachholbedarf. Dass 41 % der von der Projektgruppe angeforderten Aktenzeichen und Akten letztlich nicht aufzufinden war ist sehr bedenklich. Die Untersuchung verweist auf die dringende Notwendigkeit, durch weitere interdisziplinäre Studien mit einem stärker sozialwissenschaftlichem Ansatz die Thematik von Tötungsdelikten an Kindern intensiver zu erforschen.

Zielgruppen

WissenschaftlerInnen und Studierende in den Disziplinen Kriminologie, Rechtswissenschaften, Psychologie und Soziologie, sowie JournalistInnen und MitarbeiterInnen von Justiz, Polizei, Rechtsmedizin sowie Kinder- und Jugendhilfe

Fazit

In dem Buch werden auf Grundlage der Analyse entsprechender Strafverfahrensakten bundesweit alle Fälle vorsätzlicher, vollendeter Tötungsdelikte an Kindern unter 5 Jahren im Zeitraum 1997-2006 untersucht. Obwohl eine Reihe von spektakulären Fällen von Kindestötungen die Öffentlichkeit in den letzten Jahren dafür sensibilisiert haben, dass auch Kinder Opfer von Tötungsdelikten werden, gibt es zu dieser Thematik in Deutschland nur sehr wenige aussagekräftige Befunde. Die Autorinnen präsentieren eine Fülle von interessanten deskriptiven Ergebnissen und spezifizieren außerdem, welche Defizite für eine tiefergehende Analyse der Ursachen von Tötungsdelikten an Kindern bestehen. Ein wichtiges Ergebnis sei hier noch kurz benannt: Im Zeitraum 1995 bis 2013 gab es einen sehr deutlichen Rückgang der absoluten Anzahl an Kindestötungen in Deutschland.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 09.07.2015 zu: Theresia Höynck, Mira Behnsen, Ulrike Zähringer: Tötungsdelikte an Kindern unter 6 Jahren in Deutschland. Eine kriminologische Untersuchung anhand von Strafverfahrensakten (1997 – 2006). Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-07586-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18976.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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