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Andreas Langenohl, Ralph Poole u.a. (Hrsg.): Transkulturalität

Cover Andreas Langenohl, Ralph Poole, Manfred Weinberg (Hrsg.): Transkulturalität. Klassische Texte. transcript (Bielefeld) 2015. 328 Seiten. ISBN 978-3-8376-1709-2. 24,99 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Thema

Transkulturalität ist ein gegenwärtig vieldiskutiertes Konzept der Kulturwissenschaften in unserer modernen, globalisierten und durch Migration gekennzeichneten Welt. Der Begriff Transkulturalität steht für eine Abkehr von Differenzdenken und kultureller Homogenität hin zu einer Perspektive, die Grenzen zwischen Kulturen als fließend und als bedingt annimmt. Diese Idee wird in mehreren Disziplinen in einer Vielzahl von Theorien und Positionen weiterentwickelt. Die vorliegende Anthologie möchte anhand einer repräsentativen Auswahl klassischer Originaltexte über ausgewählte Schlüsselkonzepte diese Auseinandersetzung in ihrer Dynamik beleuchten.

Herausgeber und Autoren

Die Herausgeber dieses Bandes klassischer Texte zur Transkulturalität sind Professor Dr. Andreas Langenohl, Professor Dr. Ralph Poole und Professor Dr. Manfred Weinberg.

Langenohl lehrt Soziologie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kulturtheorie, Finanzmarktsoziologie und sozialwissenschaftliche Epistemologie. Poole lehrt Amerikanische Literatur-und Kulturwissenschaft an der Paris Lodron Universität Salzburg und forscht zu Populärkultur, Theater, Film, Geschlechterstudien und transnationaler Amerikanistik. Weinberg ist Dozent der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft an der Karls-Universität Prag mit den Forschungsschwerpunkten Interkulturalität, Erinnerung/Gedächtnis, Naturwissenschaft und Literatur sowie Prager deutsche Literatur. Die Autoren der einzelnen Texte werden unten erwähnt.

Aufbau

Im Vorwort stellen die Herausgeber die Zielsetzung und den Aufbau des Buches vor. In den nachfolgend kurz vorgestellten vier Teilen werden in jeweils drei bis vier Originalbeiträgen vier Schwerpunkte der Debatte um Transkulturalität beleuchtet. Die Beiträge, klassische, aber auch unbekanntere Texte, sollen einen ebenso breiten wie repräsentativen Überblick über die Debatten zur Transkulturalität bieten und werden jeweils in einem kurzen Vorwort zum Kapitel von einem der Herausgeber kritisch eingeleitet. Der Umfang des Buches orientiert sich am möglichen Pensum eines Universitätssemesters.

Zu 1. Diaspora und Exil

Dieser Teil beschäftigt sich mit Exil und Diaspora, im Sinne von Verbannung und Zerstreuung, ein unfreiwilliges Dasein in der Fremde, wie wir es bei Flüchtlingen beobachten, sowie den Folgen von Sklaven- und Frauenhandel.

Hannah Ahrend fragt sich in ihrem Essay „Flüchtlinge“ ob Anpassung Juden daran hindert, „Vorreiter einer neuen Weltordnung zu sein“ und sie stattdessen zu Außenseitern oder Emporkömmlingen macht.

Alfred Schütz denkt darüber nach, wie das Abenteuer der Anpassung den Fremden zum „nicht mehr Fremden“ macht.

Paul Gilroy überlegt im Beitrag „Black Atlantic“, wie Anpassung sowohl Integration als auch Partizipation möglich machen kann und wir unter Aufarbeitung blinder Flecken (z.B. institutionalisiertem Rassismus) auf ein transnationales Potential von Kulturträgern, eine „schwarz-atlantischer“ Tradition vertrauen können.

Das Autorenteam Virinder Kalra, Raminder Kaur und John Huntyk beschäftigt sich mit der doppelten Minderheit und Unterdrückung, wie beispielsweise Ethnie und Geschlecht – im Falle des Frauenhandels oft einhergehend mit einer niedrigen sozialen Klasse. Die Autoren untersuchen, wie Anpassung Mitglieder von Minderheiten zu Ausgestoßenen oder Verrätern der eigenen Minderheitsgruppe macht und einem erhöhten Druck der eigenen Gruppe aussetzt, und sie fragen sich, ob die Diaspora für unterdrückte oder misshandelte Frauen eine Grundlage für die Mobilisierung gegen Unterdrückung, gleichsam als Schnittpunkt von Rassen-, Geschlechter- und Klassenpolitik bieten könnte.

Zu 2. Migration, Globalisierung, Transnationalisierung

Homi Bhabha erklärt anhand des Konzeptes der Mimikry die Ambivalenz des kolonialen Diskurses und der Weiterentwicklung in der postkolonialen Zeit, wenn auf Kosten eines eigenkulturellen Selbst-Konzepts das Verhalten von Westeuropäern bzw. Nordamerikanern als zivilisiert und erfolgversprechend kopiert wird, allerdings ohne Aussicht auf völlige Assimilation oder Nicht-Unterscheidbarkeit.

Leslie Adelson untersucht die deutsche Literatur türkischer Migranten und argumentiert dagegen, diese Werke als „Brücke zwischen zwei Welten“ zu sehen, sondern sieht sie vielmehr als Treiber einer Verwandlung der deutschen Literatur, indem sie ortsunabhängige Welten erschaffen.

Nina Glick-Schiller, Linda Basch und Cristina Blanc-Szanton beschreiben eine Form von Transmigranten, die sowohl im Gast- als auch im Heimatland verbunden und vernetzt sind und unter Umständen an beiden Orten Einfluss nehmen können.

Arjun Appadurai schließlich geht der Frage nach, wie in unserer Gegenwart von Migration, Globalisierung und Transnationalisierung Lokalität hergestellt werden kann und diskutiert diese Frage anhand dreier Dimensionen, die Lokalität beeinflussen: erstens Loyalität zum Nationalstaat, zweitens „diasporische Flüsse“, die kollektive Gemeinschaft jenseits definierter Territorien ermöglichen, aber auch räumliche Nachbarschaft beeinflussen und mitgestalten, sowie drittens elektronische und virtuelle Nachbarschaften.

Zu 3. Übersetzung

Walter Benjamin stellt Fragen nach der Aufgabe des Übersetzers und der Übersetzbarkeit von Texten. Genauigkeit geht dabei oft an der Intention des Wortes vorbei, die unter anderem auch bedingt ist durch den historischen und kulturellen Kontext, große Übersetzer haben auf solche Weise die deutsche Sprache erweitert und bereichert.

Für den russischen Literaturwissenschaftler Michail Bachtin wird das konkrete Verstehen im Dialog aktiv und ist dialektisch mit der Antwort verwoben. Dabei kann ein Romancier oder Prosaschriftsteller die Freiheit, die Rede-und Sprachvielfalt von literarischer und außerliterarischer Sprache ungefiltert in sein Werk aufnehmen und damit soziale, kulturelle und situative Kontexte abbilden.

Die in New York lehrende indische Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak wirbt für eine Zusammenarbeit der Literaturwissenschaft mit den Regionalwissenschaften, um die Grenze des westlichen Literaturschwerpunkts zu überschreiten und auch die indigene oder „subalterne“ Literatur verstehen und würdigen zu lernen, da hierzu Verständnis der Sprache und Kultur erforderlich sind.

Alexander García Dittmann diskutiert die Kultur der Polemik rund um das Schlagwort „We´re queer, we´re here, so get fucking used to it“ und schließt zusammenfassend, der „Kampf um Anerkennung wird zum Kampf des Subjekts, das sich bemüht, Andersheit entweder in sich ein- oder aus sich auszuschließen, die Politik der Anerkennung zur fundamentalistisch-immanentistischen Politik […]“.

Zu 4. Wissen um das Fremde

James Clifford argumentiert, dass ethnographische Texte unausweichlich allegorisch seien, da überzeugende realistische Portraits erweiterte Metaphern darstellen, wobei die untersuchten Kulturen zunehmend selbst über sich schreiben. Kulturelle Allegorien können nicht falsch sein, aber ihre Lesarten sind nicht kontrollierbar. Sie sind jedoch potentiell fruchtbar, solange sie offen und redlich vorgetragen werden.

Johannes Fabian und Naoki Sakai diskutieren die Distanz zwischen einem modernen, zivilisierten, gebildeten Westen und vormodernen, primitiven, anderen Rest unter einer zeitlichen und räumlichen Perspektive und kommen zum Schluss, dass beide Perspektiven absurd sind und doch bewusst aufrechterhalten werden.

Fabian gibt zu bedenken, dass durch den Gegensatz von modern und primitiv im anthropologischen Diskurs einigen Kulturen die Anerkennung der Zeitgenossenschaft versagt wird, obwohl wir doch dieselbe Zeit teilen.

Sakai fragt sich, warum Nordamerika und Europa zwar den Gegenstand der Geisteswissenschaften (Humanities) bilden, aber nicht ethnologisch untersucht werden. Er argumentiert, dass sich die räumliche Unterteilung in Westen und Nicht-Westen mit zunehmender Migration, Globalisierung und Entwicklung sowie dynamischer politischer Allianzen nicht mehr haltbar sei, sondern langsam zu einer Rassifizierung des Begriffs des Westens führe. Er fordert eine Neudefinition der Geisteswissenschaft, die nicht mehr durch diese Gegensätze reguliert wird, vielversprechende Anfänge hierzu sieht er bei „nicht-westlichen“ Autoren.

Diskussion

Das Verdienst des Bandes ist es, eine relevante Auswahl von Originaltexten zum kulturwissenschaftlich wichtigen und vielschichtig diskutierten Thema Transkulturalität in deutscher Sprache zusammengestellt zu haben und somit einen Überblick über wichtige Theorien und Positionen in deutscher Sprache zugänglich zu machen. Es enthält wesentliche Kernkonzepte, wie Hannah Arendts jüdische Einwanderer als bewusste Parias und Parvenus, Homi Bhabhas Mimikry, Paul Gilroys Black Atlantik, Nina Glick-Schillers, Linda Braschs und Cristina Blanc-Szantons Transmigranten, Gayatri Spivaks Grenzen überschreitende vergleichende Literaturwissenschaft, James Cliffords Writing Culture und Allegorie-Konzept, sowie die kritische Auseinandersetzung mit dem Umgang mit Raum und Zeit.

Zielgruppe des Buches sind Studenten verschiedener Disziplinen, die sich theoretisch mit Transkulturalität auseinandersetzen müssen oder wollen. Die Originaltexte setzen eine intensive Beschäftigung mit der Thematik voraus. Dazu finden wir am Ende jedes Kapitels neben den zitierten Quellen und Erläuterungen auch weiterführende Literaturempfehlungen, womit das Buch einen guten Ausgangspunkt für eine weitere Vertiefung oder die Vorbereitung wissenschaftlicher Arbeiten bietet. Die mehr allgemein an einem Überblick interessierte Leserschaft mag sich allerdings eine sprachlich zugänglicher formulierte Lektüre wünschen.

Fazit

Die vorliegende Anthologie stellt 19 klassische und ins Deutsche übersetzte Originaltexte zum Diskurs der Transkulturalität vor, die unter den Überschriften „Diaspora und Exil“, „Migration, Globalisierung, Transnationalisierung“, „Übersetzung“ sowie „Wissen um das Fremde“ präsentiert und kommentiert werden.

Summary

This anthology presents 19 original classic representative texts on transculturality translated into German as an overview for university students of this subject. The texts are grouped and introduced under the four themes „Diaspora and Exile“, „Migration, Globalisation, Transnationalisation“, „Translation“ and „Knowing the Foreign“. They cover main concepts of the transcultural discourse like Black Atlantic, transmigration, mimicry and the use of time and space. Interested students will find recommendations for further reading at the end of each chapter.


Rezension von
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
Dipl. Kauffr.; MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 07.01.2016 zu: Andreas Langenohl, Ralph Poole, Manfred Weinberg (Hrsg.): Transkulturalität. Klassische Texte. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-1709-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18978.php, Datum des Zugriffs 30.05.2020.


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