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Rainer Dollase: Gruppen im Elementarbereich

Cover Rainer Dollase: Gruppen im Elementarbereich. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 197 Seiten. ISBN 978-3-17-021391-3. 24,99 EUR.
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Thema

Im vorliegenden Buch „Gruppen im Elementarbereich“ diskutiert der Autor Rainer Dollase die Vor- und Nachteile der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung in Gruppenkontexten. Dabei bezieht er sich vorrangig auf die (zu) großen Bezugsgruppen. Sein Schwerpunkt liegt auf der Beschreibung der „Nachteile“ und „Probleme“ der frühen Gruppenbetreuung als eine „Pflicht“ der Wissenschaft, um „zu überlegen, wie man diese Probleme lösen kann.“ (s. Vorwort des Autors)

Autor

Rainer Dollase ist Psychologe und seit 2008 emeritierter Professor der Universität Bielefeld. Er hat sich vor allem im bildungspsychologischen Bereich etabliert, u.a. mit Forschungen und Veröffentlichungen zur Auswirkung von Vorschulprogrammen, Gewalt in der Schule, Soziometrie von Gruppen oder Fremdenfeindlichkeit im Kindes- und Jugendalter.

Entstehungshintergrund

Eingegliedert ist der Beitrag in die Lehrbuchreihe „Entwicklung und Bildung in der Frühen Kindheit“, die mit einem interdisziplinären Verständnis „das notwendige Grundlagenwissen vermitteln [will], wie Bildungsarbeit im Krippen- und Elementarbereich gestaltet werden kann“ (s. Vorwort der Herausgeber). Die „multiperspektivische“, „kritische“ und „provozierende“ Auseinandersetzung mit dem Thema „Gruppen im Elementarbereich“ wird, laut Vorwort, von den Herausgebern unterstützt.

Das Buch basiert u.a. auf den eigenen Forschungsarbeiten des Autors. In seiner Bibliographie wird jedoch nicht erkennbar, dass er mit Gruppen gearbeitet oder schwerpunktmäßig mit und über Gruppen geforscht hat.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach den beiden Vorwörtern der Herausgeber und des Autors in sieben Kapitel zu relevanten Aspekten der Gruppenthematik im Elementarbereich:

  1. Definition und Quellen,
  2. Geschichte der Kindertagesbetreuung,
  3. entwicklungspsychologische Voraussetzungen,
  4. Chancen und Risiken, Gruppenstrukturen (Soziometrie),
  5. Gruppenführung sowie
  6. Heterogenität und
  7. Multikulturalität.

Die Kapitel enden jeweils mit einer kurzen Zusammenfassung und einer extrahierten Literaturempfehlung.

Inhalt

Kapitel 1 beginnt mit der definitorischen Annäherung an die Begriffe Gruppe und Clique. Weitere wesentliche Begriffe aus der Gruppenforschung werden nicht behandelt. Danach benennt der Autor seine wichtigsten Bezugsquellen für die Ausführungen im Buch: fünf Fachbücher, Fachdatenbanken, Internetrecherche, eigene empirische Forschung und eigene praktische Erfahrungen (die er jedoch nicht benennt). Danach führt der Autor den Leser in das Verständnis von wissenschaftlichen Aussagen ein. Dabei verweist er auf die Problematik im Umgang mit quantitativen Daten und Aussagen über Durchschnitte, Mittelwerte und Prozente.

In Kapitel 2 versucht der Autor die gegenwärtige institutionelle Gruppenbetreuung aus der historischen Perspektive zu erklären. Dabei betont er vor allem den Aufbewahrungscharakter der ersten Kinderbetreuungseinrichtungen, welche aus einer sozialen Notlage der Familien entstanden sind. Diese Historie hat noch bis heute seine Auswirkungen auf das Betreuungssystem und -selbstverständnis, so die Hypothese des Autors. Vor allem sozialpolitische und fiskalische Gründe geben nachwievor Anlass dazu, dass Kinder in viel zu großen Gruppen institutionell betreut werden. Die allgemeine und damit verbundene Erwartung, dass dabei der Bildungsstand der Kinder gefördert oder sogar verbessert wird, versucht der Autor durch Bezugnahme auf diverse wissenschaftliche Untersuchungen zu hinterfragen.

In Kapitel 3 werden die entwicklungspsychologischen Voraussetzungen für die Gruppenfähigkeit behandelt. Der Autor stellt für die Altersgruppe der Null- bis Siebenjährigen die Entwicklung sozialer Kompetenzen sowie der sozialen Beziehungsfähigkeit des einzelnen Kindes dar. Auch beschreibt er den aktuellen Stand zur Bindungs- und Temperamentsforschung. Das Kapitel schließt mit der Erörterung von multifaktoriellen Einflüssen auf die (soziale) Entwicklung des Kindes.

In Kapitel 4 dominiert die Diskussion über die Vor- und Nachteile von Gruppen für das junge Kind. Dabei kontrastiert der Autor zwischen der Einzelbetreuung, Cliquenbildung und Gruppenbetreuung. Er bekräftigt seine Ansicht, dass Bezugsgruppengrößen von 20 und mehr Kindern für die Entwicklung des einzelnen Kindes nicht optimal sind.

In Kapitel 5 stellt der Autor verschiedene Varianten der Erfassung, Darstellung sowie Auswertung der Beziehungen der Kinder untereinander vor (Soziometrie). Im Rahmen der Interpretation von soziometrischen Daten konzentriert sich der Autor auf die Kinder, die ausgegrenzt bzw. abgelehnt werden. Es folgen erste Handlungsempfehlungen für pädagogische Fachkräfte.

Diese werden im Kapitel 6 zur Gruppenführung im Elementarbereich erweitert. Der Autor legt den Fokus auf die psychologische Verkleinerung der Gruppe und bezieht sich dafür vor allem auf Gruppenmanagementkonzepte aus dem Schulbereich. Er nennt zehn Strategien, wie pädagogische Fachkräfte mit großen Gruppen umgehen können. Im Anschluss präferiert der Autor das offene Konzept zur psychologischen Verkleinerung der Gruppen.

Im letzten Kapitel nimmt der Autor auf seine Forschung zur Fremdenfeindlichkeit Bezug und versucht diese auf den Elementarbereich zu übertragen. Er diskutiert, dass junge Kinder noch wenig in kulturellen Kategorien denken und wenn dann überhaupt Fremdenfeindlichkeit ein Thema der beteiligten Erwachsenen ist.

Diskussion

Das vorliegende Buch beinhaltet einige wichtige Informationen und Tipps. Vor allem Kapitel 3 zu den entwicklungspsychologischen Grundlagen des Sozialverhaltens von Kindern ist gut verständlich geschrieben. In diesem Kapitel wird der disziplinäre Hintergrund des Autors deutlich. Ebenso hilfreich für die Praxis ist das fünfte Kapitel zur Analyse von Gruppenstrukturen. Die verschiedenen Möglichkeiten der angewandten Soziometrie werden anschaulich dargestellt. Der Blick auf Kinder, die von Gruppenprozessen ausgeschlossen werden (S. 130 ff.) gibt Hinweise für pädagogische Fachkräfte (z.B. Patenschaften/Bezugskinder), mit dieser alltäglichen Problematik kompetent umzugehen. Einige Empfehlungen zur Gruppenführung im sechsten Kapitel (psychologischen Verkleinerung der Gruppen, Unterstützung der Bildung von Kleingruppen (Cliquen) sowie Bevorzugung der konzeptionellen offenen Arbeit) bieten einen Anschluss an die aktuelle pädagogisch-didaktische Fachdiskussion.

Die zentrale Schwäche des Buches liegt in einem fehlenden Konzept von Gruppe als ein für sich stehendes Konstrukt. Auch seine Kontrastierung zwischen Gruppe und Clique erscheint nicht schlüssig, denn Cliquen sind auch Gruppen und können in einem größeren Bezugsrahmen entstehen. Der Autor verfällt der üblichen Herangehensweise vom einzelnen Kind und seinen Kompetenzen oder von dyadischen Beziehungsmustern auf die Qualitäten einer Gruppe zu schließen. Doch eine Gruppe ist mehr als die Summe ihrer kompetenten (beziehungsweise nach Meinung des Autors weniger kompetenten) Mitglieder. Längst diskutiert die Fachwelt gruppenspezifische Konzepte (zum Beispiel mit dem Münchner Eingewöhnungsmodell) und betrachtet Kinder von Anfang an als aktiv und eigenständig ihre sozialen Prozesse gestaltend.

Im Buch fehlen grundlegende und differenzierende Fakten zur Gruppenstruktur (Rollenmodelle), Gruppeneigendynamik, zu Gruppenentwicklungsmodellen oder Gruppenphasen. Allein in der definitorischen Annäherung im ersten Kapitel werden zentrale Begriffe aus der Gruppenforschung nicht berücksichtigt, wie z.B. peers, peergroup, Asymmetrie bzw. Symmetrie, Dyade, Triade, Wir-Gefühl, Zusammengehörigkeit, Integration, Differenzierung, etc. So verwundert es nicht, dass dann in den pädagogischen Handlungsempfehlungen vor allem allgemeine Hinweise zu lesen sind als Konkrete zur pädagogisch-didaktischen Gruppenprozessgestaltung.

Ziel des Buches soll laut Herausgeber eine kritische und provozierende Auseinandersetzung mit der Betreuung und Erziehung von kleinen Kindern in Gruppen sein. Dieses Ziel mag erreicht sein, jedoch rutscht der Autor zu sehr in eine defizitorientierte Perspektive ab. Kritisch bedeutet auch die neutralen und chancenreichen Aspekte des Gegenstandes zu beleuchten. Diese Aspekte gehen im Buch deutlich unter. Der Autor betont immer wieder Gefahren durch die frühe Betreuung in zu großen Gruppen, wie etwa die Entwicklung negativer Verhaltensweisen („Schlagen, Mobben, Drohen, Unterordnen oder Dominanzverhalten“ (z.B. S. 50)) oder psychischer Auffälligkeiten durch Ausgrenzung und Ablehnung (S. 132). Auch wenn der Autor insgesamt eine Akzeptanz gegenüber der institutionellen Kinderbetreuung formuliert, bleibt der Eindruck eines dahinterliegenden Bullerbü-Ideals hängen. Die Einzelbetreuung erhält von ihm eine deutlich positive Konnotation gegenüber der Gruppenbetreuung, welche auffällig negativ, risikobehaftet und aggressionsfördernd assoziiert wird. Eine Begeisterung gegenüber den Fähigkeiten, Kompetenzen und aktiven Konstruktionsleistungen von Kindern in Gruppen vermisst man.

Die Bezugsquellen sind nicht ausreichend aktuell und vollständig. Vielleicht unterlaufen dem Autor deshalb Aussagen, die nach aktuellem Forschungsstand bereits neu diskutiert werden. So beispielsweise, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen verhaltensauffälliger sind (S. 58), Kinder das „Sozial- und Gruppenverhalten aus dem Fernsehen“ (S. 74) übernehmen oder Kinder lernen müssen, „so zu werden wie die Erwachsenen“ (S. 83). Die dominierende Meinung des Autors, dass „kleine Kinder […] ohnehin keine Gruppenwesen“ (S. 162) sind, gilt es prinzipiell zu diskutieren.

Zu guter Letzt sei noch der Hinweis gegeben, dass der Autor trotz eigener Forschung zu Fremdenfeindlichkeit im letzten Kapitel selbst in diskriminierende Formulierungen abgleitet (z.B. S. 165, S. 177, S. 186).

Fazit

Als Lehrbuch ist das vorliegende Buch nicht zu empfehlen. Grundlegende Fakten und Informationen, die für eine Einarbeitung in das Thema Gruppe notwendig sind, fehlen. Auch fehlt ein Konzept von Gruppe als ein für sich stehendes Konstrukt. Entsprechend liefern die pädagogischen Handlungsempfehlungen nur wenige differenzierende Hinweise für eine konkrete Gruppendidaktik. Rainer Dollase begründet in dem Buch vor allem seine Position gegenüber der Gruppenbetreuung im Elementarbereich, die es gilt, zu hinterfragen und zu diskutieren.


Rezension von
Dipl.-Soziologin Petra Schneider-Andrich
Bildungssoziologie, Wissenschaftliche Mitarbeiterin/Dozentin
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Zitiervorschlag
Petra Schneider-Andrich. Rezension vom 29.01.2016 zu: Rainer Dollase: Gruppen im Elementarbereich. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-021391-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18983.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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