Thomas Schramme (Hrsg.): Krankheitstheorien
Rezensiert von Matthias Brünett, 28.07.2015

Thomas Schramme (Hrsg.): Krankheitstheorien. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2012. 292 Seiten. ISBN 978-3-518-29611-0. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 24,50 sFr.
Thema
Gesundheit und Krankheit mögen als Begriffe auf alltagstheoretischer Ebene jedem klar sein. Geht man allerdings dazu über, selbige differenzierter zu betrachten, stößt man unweigerlich auf das Problem der Definition dieser Begriffe. Eine Betrachtung unterschiedlicher Fassungen der ICD zeigt beispielsweise, dass auch in vermeintlich objektivster naturwissenschaftlicher Perspektive nicht zweifelsfrei klar ist, was als Krankheit zu sehen ist und was nicht. Der rezensierte Band versteht sich als Beitrag zur medizinphilosophischen Diskussion um Gesundheits- und Krankheitsbegriffe. Wie der Herausgeber im Vorwort feststellt, war es sein Anliegen, die größtenteils angloamerikanische Debatte der letzten 40 Jahre einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen. Dabei handelt es sich um Beiträge, die sich im Wesentlichen um die folgende Frage drehen: „Kann man die richtige Definition von Gesundheit und Krankheit gewissermaßen in der Natur vorfinden, oder ist sie eine Erfindung des Menschen, die in erster Linie dessen spezifischen Interessen dient?“ (S. 13)
Herausgeber
Thomas Schramme hat an der Uni Hamburg den Lehrstuhl für Praktische Philosophie inne und war einer der Leiter der Forschungsgruppe „Normative Aspekte von Public Health“ am Zentrum für interdisziplinäre Forschung an der Universität Bielefeld.
Aufbau
Auf rund 290 Seiten versammelt der Band elf Beiträge, gegliedert in drei Hauptkapitel
- Krankheit
- Positive Gesundheit
- Psychische Krankheit
Die 13 Autorinnen und Autoren der Beiträge entstammen vorwiegend den USA, weiterhin Deutschland, Großbritannien und Schweden. Bis auf die Originalbeiträge von Schramme und Hucklenbroich handelt es sich um teilweise gekürzte Übersetzungen bereits in englischer Sprache veröffentlichter Beiträge.
Ausgewählte Inhalte
In der Einleitung gibt Schramme einen Überblick über systematische Aspekte des Krankheitsbegriffs, indem er wesentliche Argumentationslinien entlang einer Einteilung in die Ontologie, Epistemologie und Axiologie der Krankheit verfolgt. Obwohl knapp gehalten, handelt es sich nicht um eine zu sehr vereinfachende Darstellung. Beispielsweise geht der Autor im Abschnitt der Axiologie auf die gegenläufigen Sichtweisen des Naturalismus und Normativismus und darin implizierten Auffassungen von Krankheit ein. Die naturalistische Sichtweise pflegt einen wertneutralen Krankheitsbegriff, der das Auftreten von Störungen physiologischer Abläufe gewissermaßen als natürlich ansieht, während die normativistische Sichtweise Krankheit als unerwünschtes Übel sieht im Vergleich zum mit der Gesundheit einhergehenden Wohlbefinden. Die meisten Beiträge im Buch beschäftigen sich mit dieser Problematik. Besprochen werden hier lediglich einige ausgewählte Beiträge.
Im ältesten Beitrag geht Daniel Callahan („Die Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation“, S. 191-204, gekürzte Fassung des 1973 erschienenen Originalbeitrags) der Frage nach, warum in der Medizin „einer der vornehmsten Zeitvertreibe“ darin bestehe, eben diese Gesundheitsdefinition „zu Fall zu bringen“, selbige sich in ihrem „empirisch unbegründeten“ Optimismus aber dennoch einer gewissen „Unverwüstlichkeit“ erfreue. Erwähnenswert sind hier, neben anderen, die Einsichten in das Verhältnis von Gesundheit und Glück, das der WHO-Definition zugrunde liegt. So werden dort soziales Wohlergehen und die Gesundheit aller Völker als Grundbedingungen für den Weltfrieden beschrieben, Callahan merkt aber berechtigt an, dass die gesunden, entwickelten Gesellschaften wohl die größte Bedrohung für den Frieden darstellten. Oder die Ausführungen zur „Tyrannei der Gesundheit“, in der sich ein medizinischer Begriff von Gesundheit den Stellenwert gewissermaßen erschlichen hat, den früher einmal die Moral innehatte. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Gesundheit am besten als körperliches Wohlergehen, das nicht vollkommen sein müsse, definiert werden könne.
In einem der neuesten Beiträge erörtert Peter Hucklenbroich die „Wissenschaftstheorie des Krankheitsbegriffs“ (S. 135-158). Er versteht dabei die begriffliche Diskussion über Krankheit als medizintheoretische Grundlagenforschung, die mittlerweile auch außerhalb der Disziplin Medizin geführt werde. Insofern erstrecken sich seine Ausführungen auch nur auf einen medizinischen Krankheitsbegriff, den er von alltagstheoretischen, soziologischen oder kulturell anders geprägten Begriffen abgrenzt. Sein Versuch der Definition dieses Krankheitsbegriffs versteht er als Rekonstruktion der impliziten Voraussetzungen innerhalb der medizinischen Wissens- und Theoriebildung. Ergebnis ist, sehr kurz zusammengefasst, eine Definition von Krankheit, die Ereignisse dann als krankhaft einstuft, wenn sie zum Tode führen können, mit Schmerz oder Leid einhergehen oder sich in äthiopathogenetische oder nosologische Kriteriengebäude einordnen lassen. Die Eigenschaften dieser Definition verdeutlicht Hucklenbroich anhand einiger Beispiele. Das Auftreten kurzzeitiger Bewusstlosigkeit etwa ist als orthostatischer Kollaps pathologisch, weil ein günstigerer Alternativverlauf möglich ist, also ein Leben ohne Ohnmachten. Als natürlicher Schlaf sind Ohnmachten aber nicht pathologisch, weil der Alternativverlauf ohne Schlaf sich nachteilig auf den Organismus auswirken würde.
Randolph M Nesse erörtert den Krankheitsbegriff in darwinistischer Perspektive (S. 159-187, Übersetzung des im Jahr 2001 erschienenen Beitrags). Im Wesentlichen geht es ihm darum, das mit der Diskussion um Begriffe von Krankheit und Gesundheit einhergehende Problem der Definition von Normalität und Abnormität zu bearbeiten. So unterscheidet er beispielsweise zwischen Krankheiten und Abwehrmechanismen und argumentiert, dass aus evolutionsbiologischer Perspektive eine Vielzahl der menschlichen Leiden nicht als Krankheiten, sondern als Abwehrmechanismen und damit als Selektionsvorteil gesehen werden müssen. In dieser Perspektive erscheine Leid also durchaus als nützlich. Auch in der Differenzierung von Gesundheit und genetischem Reproduktionserfolg zeigt sich, dass Letzterer nicht zwangsläufig mit Ersterer deckungsgleich ist; das evolutionäre Ziel der Fortpflanzung und Maximierung der genetischen Reproduktion geht also insofern nicht notwendig mit Gesundheit einher, als Altern und eine begrenzte Lebenserwartung Ergebnis einer selektionsorientierten Kosten-Nutzen-Rechnung seien. Nicht Gesundheit ist demnach als ultimatives Lebensziel zu sehen, sondern die Verbreitung und Variation genetischen Materials.
Fazit
Insgesamt handelt es sich um eine sorgsam zusammengestellte und editierte Sammlung wesentlicher, aussagekräftiger Texte. Der Anspruch, die philosophische Debatte zu Krankheitstheorie bzw. Begriffen von Gesundheit und Krankheit abzubilden, kann als erfüllt gelten. Je nach Interessenlage könnte die Aktualität kritisch bewertet werden. Wer einen kurzen Überblick über die aktuelle Debatte sucht, wird hier nicht fündig werden. Darüber hinaus sind die Beiträge keinesfalls einfach oder schnell zu lesen, sondern verlangen der Leserin und dem Leser einiges ab.
Rezension von
Matthias Brünett
MSc. Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP), Köln
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