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Bernhard Leipold: Resilienz im Erwachsenenalter

Cover Bernhard Leipold: Resilienz im Erwachsenenalter. UTB (Stuttgart) 2015. 250 Seiten. ISBN 978-3-8252-4451-4. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Autor

Dr. Bernhard Leipold PD vertritt – nach vorherigen Vertretungen an den Universitäten, Hildesheim, Trier, Humboldt-Universität Berlin und Münster und Tätigkeiten als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und der Universität Hildesheim – derzeit die Professur für Entwicklungs- und Gesundheitspsychologie an der Fakultät für Humanwissenschaften der Bundeswehr-Universität in München. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Stressbewältigung und Entwicklung von Resilienz im Erwachsenenalter, Bildung und Lernen im Erwachsenenalter und der psychischen Gesundheit und positivem Altern. In diesem Zusammenhang hat er den Band „Lebenslanges Lernen und Bildung im Alter“ (Stuttgart 2011) vorgelegt.

Thema

In den zurückliegenden Jahren hat sich „Resilienz“ auch in der Sozialen Arbeit zu einem wichtigen Thema entwickelt, das zunehmend mehr in Konzepte und Praxis Einzug hält (vgl. Margarita Zander [Hrsg.], Handbuch Resilienzförderung, Wiesbaden 2011, vgl. www.socialnet.de/rezensionen/10117.php). Resilienz benennt „den Umstand, dass Menschen unter Umstän­den Belastungen oder Herausforderungen schadlos überstehen, die an­deren Menschen schwer und lange zu schaffen gemacht oder sie sogar nachhaltig geschädigt hätten“ (S. 10), formuliert Werner Greve (Professor am Institut für Psychologie der Universität Hildesheim) den Grundgedanken im Vorwort zum vorliegenden Buch. Und er fährt an anderer Stelle fort: „Ist Resilienz wirklich besonders? Selbst bei sehr schweren Belastun­gen (z.B. Gewalt- und Kriminalitätserfahrungen, schwere Erkrankun­gen) gelingt es vielen Menschen (tatsächlich der Mehrzahl der Betroffenen), einen Weg in ein konstruktives Weiterleben zu finden, eine Rückkehr in die Hoffnung, eine Neugewinnung lohnender Ziele. Das höhere Alter, ein Lebensabschnitt in (wenn Verluste sich häufen, lässt die allermeisten Menschen die allermeiste Zeit nicht verzweifeln, im Gegenteil“ (S. 13). Es geht, so Greve, also „um die vielversprechend klingende, aber gleichzeitig schwierig zu beantwortende Frage, wie die Bewälti­gung von sehr belastenden Lebensumständen (Krisen, Traumata) ge­lingen kann“ (S. 14).

Bernhard Leipold greift dies in Bezug auf die Resilienz Erwachsener im vorliegenden Band auf.

Der Autor geht vor allem folgenden Fragen nach:

  • Wie kann Resilienz gelingen?
  • Wie entwickelt sich Resilienz im Lebenslauf Erwachsener?
  • Und von welchen Faktoren und Prozessen hängt Resi­lienz ab?

Dabei werden insbesondere drei Blickwinkel näher betrachtet, „die als zentral für die Genese und Beurteilung von Resilienz“ angesehen werden:

  1. Die Risikofaktoren, die tatsächlich zu einem gravierenden Problem werden können und die individuellen Bewältigungskom­petenzen herausfordern (z. B. ernsthafte Veränderungen des Ge­sundheitszustands, Entwicklungsaufgaben und kritische Lebens­ereignisse, Zustände des Ungleichgewichts).
  2. Die Kriterien, nach denen beurteilt wird, inwieweit Resilienz vor­liegt (Konzepte wie erfolgreiches Altern, positive Entwicklung, persönliches Wachstum und Lebenssinn).
  3. Und schließlich behandelt der Verfasser die strukturellen Merkmale von Bewältigungsprozessen, „über die Menschen verfügen, um mit ihren Problemen umzugehen. Es wird untersucht, wie die Bewältigungspro­zesse funktionieren, womit diese Zusammenhängen und inwieweit hier Regelmäßigkeiten zu beobachten sind, wenn Individuen ihre Reserven nutzen oder ausbauen, um den Risiken und Anforderungen zu begegnen“ (S. 20).

Aufbau und Inhalt

Dazu ist das Lehrbuch in sechs Kapitel gegliedert:

  1. Zunächst klärt der Autor, was unter Resilienz verstanden wird. Dazu führt er unter anderem in methodische Grundkenntnisse ein, verweist auf Studien zur Erforschung von Resilienz und erläutert deren Aussagen und Grenzen.
  2. Rahmenbedingungen der Resili­enz, Ursachen und Konsequenzen stehen im Fokus des zweiten Kapitels. Resilienz sei „nicht einfach schon da“, sondern Resultat erlebter Krisen und der Art und Weise, mit Krisen umzugehen. Nach Leipold bilden die Entwicklungsaufgaben im Erwachsenenalter und deren Bewältigung den Hintergrund für die Verdichtungen zu kritischen Lebensereignissen und traumatischen Erfahrungen. Er arbeitet daran heran aus, dass die sehr unterschiedlichen Formen, mit dem damit verbundenen Stress umzugehen, zur Herausbildung von Resilienz beitragen.
  3. Im Lebensalter differenzierte (und differenzierbare) Bewältigungsprozesse sind Gegenstand des dritten Kapitels. Hier stellt der Autor unter anderem vor, welche Bedeutung soziale Normen haben und welche Rolle Formen sozialer Unterstützung bei der Bewältigung von Krisen und Proble­men spielen.
  4. Die Handlungsweisen Erwachsener, wenn sie Krisen bewältigen, stehen im Zentrum des vierten Kapitels. Leipold zeigt, „dass automatische Prozesse der Aufmerksamkeitsregulierung und kognitive Voreinstel­lungen (Vorurteile, Einstellungen, Gewohnheiten. Schemata) an der Entwicklung der adaptiven Prozesse und somit auch an der Entwick­lung von Resilienz beteiligt sind“ (S. 16).
  5. Konzepte der Prävention, die in der Arbeit in Krisensituationen zum Einsatz kommen, und zielgruppenspezifische Konzepte werden im fünften Kapitel vorgestellt,
  6. während das sechste Kapitel eine Art Bilanz zieht, die die Bedeutung einer individuellen Abstimmung persönlicher Ziele im Verhältnis zu sozialen Angeboten und Erwartungen betont.

Zielgruppen

Der Verlag empfiehlt „Resilienz im Erwachsenenalter“ Student/inn/en und Lehrenden der Psychologie, der Gesundheits- und Pflegewissen­schaften, der Medizin, Pädagogik und der Sozialen Arbeit.

Diskussion

Der vorliegende Band stellt Konzepte und Forschungsergebnisse über Resilienz im Erwachsenenalter vor: von den Ursachen und Rahmen­bedingungen bis hin zur Förderung in der späteren Berufspraxis. Das ist hilfreich, da die Diskussion um Resilienz sich schnell darin zu verlieren droht, was Resilienz im Kindes- und auch Jugendalter bedeutet. Leipold hilft also, den Blick nicht auf vermeintliche oder tatsächliche Optionen der Resilienzförderung in den frühen Lebensjahren (in Kindertagesstätten, Schule oder im Jugendalter) zu verkürzen (wozu es bereits Gutes gibt, z. B. Klaus Fröhlich-Gildhoff, Jutta Becker und Sibylle Fischer [Hrsg.]: Gestärkt von Anfang an. Resilienzförderung in der Kita, Weinheim und Basel 2012, vgl. www.socialnet.de/rezensionen/14760.php, Maike Rönnau-Böse und Klaus Fröhlich-Gildhoff: Resilienz im Kita-Alltag. Was Kinder stark und widerstandsfähig macht, Freiburg/Brsg. u. a. 2014, vgl. www.socialnet.de/rezensionen/17557.php, Monika Gruhl: Resilienz für Lehrerinnen und Lehrer. Kraft für die Schule und für mich, Stuttgart 2014, vgl. www.socialnet.de/rezensionen/16482.php, oder Christoph Steinebach und Kiaras Gharabaghi [Hrsg.]: Resilienzförderung im Jugendalter. Praxis und Perspektiven, Berlin u. a. 2013, vgl. www.socialnet.de/rezensionen/15872.php). Vielmehr leitet der Autor den Blick auf die „späten Jahre“ und die Möglichkeiten der Resilienzförderung dort. Darin besteht der Verdienst. An dieser Stelle ist in Bezug auf die Qualifizierung der beruflichen Praxis noch das eine oder andere an Beitrag möglich und an Ergänzung zu leisten.

Adressiert eben auch an diese Fachkräfte der Sozialen Arbeit muss freilich konstatiert werden, dass der Band hin und wieder in Gefilde abgleitet, die (angehenden) Fachkräften von Psychologie und Gesundheitsberufen geläufig sein mögen, Student/inn/en anderer Disziplinen aber unvorgeklärt aber erschwert aufzuschließen sein werden. So schließt z. B. der Abschnitt zur Sozialen Unterstützung (S. 129ff) nicht angemessen an die Konzepte an, die in der Sozialen Arbeit als soziale Unterstützung begriffen werden. Auch die Argumentation des vierten Kapitels, das Ansatzpunkte für Handlungsstrategien von Fachkräften der Sozialen Arbeit bieten muss, kommt zu sehr geprägt von Kategorien und Chiffren der Psychologie daher; es besteht dabei kein Mangel an fachlicher Fundiertheit, wohl aber an Möglichkeiten, die Argumentation für Handlungsformen der Sozialen Arbeit nutzbar zu machen.

Fazit

Gleichwohl sei abschließend nochmals Werner Greve zitiert (und ihm zugestimmt), der den „vielleicht überzeugendste(n) Gedanke(n)“ im vorliegenden Band in dem Ansatz sieht, „von einem allgemei­nen Modell der Entwicklungsregulation auszugehen, davon eben, dass wir alle fast immer resilient sind – oder besser gesagt: dass die meisten Lebenskonstellationen aus Herausforderungen. Fähigkeiten und Res­sourcen die Stabilität nicht gefährden“ (S. 13). Diese (relative) Entzauberung der Behauptung, Resilienz sei etwas Besonderes, gelingt Bernhard Leipold. Offen bleibt freilich, welchen Beitrag Fachkräfte der Sozialen Arbeit, das immer schon so Gegebene und Da-Gewesene sichtbar zu machen und ressourcenorientiert entwickeln zu helfen. Wenigstens für die Soziale Arbeit müssen die Anschlüsse an ihre Praxis noch entwickelt werden. Als Grundlagenwerk leistet dafür der vorliegenden Band – unbeschadet des kritischen Hinweises, für Fachkräfte der Sozialen Arbeit ab und an etwas zu sperrig zu sein – gute Dienste.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 29.02.2016 zu: Bernhard Leipold: Resilienz im Erwachsenenalter. UTB (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-8252-4451-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18996.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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