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Silke Van Dyk, Alexandra Schauer: ... daß die offizielle Soziologie versagt hat

Cover Silke Van Dyk, Alexandra Schauer: ... daß die offizielle Soziologie versagt hat. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. 178 Seiten. ISBN 978-3-658-06636-9. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Thema

Obwohl nach drei Jahrzehnten des kollektiven Beschweigens seit den 1980er Jahren einige verdienstvolle Arbeiten zur soziologischen Fachgeschichte im Dritten Reich erschienen sind, haben diese nur vereinzelt und in Ausnahmesituationen Eingang ins Herz der Disziplin gefunden. Lange Zeit hat sich so der Mythos von der weißen Weste der Soziologie und der strukturellen Unvereinbarkeit von Soziologie und Nationalsozialismus gehalten. Diesen Mythos zu brechen ist das Ziel der vorliegenden Publikation, die die umfassenden vorhandenen Erkenntnisse zur Geschichte des Faches im Nationalsozialismus einer größeren LeserInnenschaft zugänglich machen möchte.

AutorInnen

Prof. Dr. Silke van Dyk ist Hochschullehrerin am Fachbereich Geseschaftswissenschaften an der Universität Kassel.

Alexandra Schauer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedrich-Schiller Universität Jena.

Entstehungshintergrund

Bei dem Buch handelt es sich um die zweite überarbeitete und ergänzte Auflage. Es ist erschienen in der Reihe „Jahrbuch für Soziologiegeschichte“, die von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) herausgegeben wird.

Die Veranstalter des 34. Soziologenkongresses der DGS in Jena haben im Oktober 2008 zu einem Blick zurück auf die wechselhafte Geschichte der Soziologie eingeladen. Obwohl das heutige Institut für Soziologie jungen Datums ist – es wurde erst Anfang der 1990er Jahre gegründet – ist Jena bereits zu einer anderen Zeit in die Fachgeschichte eingegangen. Zum einen fand hier 1922 der dritte Kongress der DGS statt, anlässlich dessen über das Thema „Das Wesen der Revolution“ diskutiert wurde. Vor allem aber ist Jena der Ort, an dem im Januar 1934 ein zwar nicht von der DGS autorisiertes, gleichwohl von vielen DGS-Mitgliedern besuchtes, dem nationalsozialistischen System gegenüber dezidiert aufgeschlossenes Soziologentreffen stattgefunden hat. Das Jenaer Treffen ist das einzige Treffen seiner Art während des Nationalsozialismus geblieben. Die Diskussionen rund um dieses Treffen sind exemplarisch für die Rolle, die die Soziologie im Allgemeinen und die DGS im Besonderen im Nationalsozialismus gespielt haben. Dieser Umstand wurde zum Anlass genommen, die Geschichte der Soziologie im Kontext der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus in Form einer Ausstellung aufzuarbeiten. Die Ausstellung ist im Nachgang des Kongresses zur vorliegenden Publikation aus- und umgearbeitet worden. Die Darstellung der Rolle der (institutionalisierten) Soziologie im Nationalsozialismus konnte von den umfangreichen Recherchen einiger weniger Soziologen profitieren, die sich nach über drei Jahrzehnten des kollektiven Beschweigens seit Ende der 1970er Jahre mit der Fachgeschichte im Dritten Reich auseinandergesetzt haben. Zu nennen sind hier insbesondere die Arbeiten von Carsten Klingmann. M. Rainer Lepsius, Dirk Kaesler, Otthein Rammstedt, Erhard Stölting und Johannnes Weyer. Das Vorhaben wurde von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie finanziell unterstützt.

Aufbau

Das Buch umfasst die folgenden neun Kapitel:

  1. Die Anfangsjahre der Soziologie
  2. Von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus
  3. Die Jenaer Rebellen und die Entwicklung der DGS nach 1933
  4. Das Jenaer Soziologentreffen vom 5. bis 7. Januar 1934
  5. Die Soziologie im Nationalsozialismus
  6. Nationalsozialistische Verfolgung
  7. Kontinuitäten nach 1945
  8. 1946: Die Geburtsstunde eines Mythos
  9. Schritte der Aufarbeitung

Im Folgenden werden einige Abschnitte exemplarisch vorgestellt.

Zu Kapitel 1

Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) wurde am 3. Januar 1909 im Hotel Esplanade in Berlin gegründet. Den Vorstand unter der Führung von Ferdinand Tönnies bildeten Georg Simmel, Heinrich Herkner,(bald durch Werner Sombart ersetzt), Hermann Beck, Alfred Ploetz, Philipp Stein, Alfred Vierkant und Max Weber. Den Gründungsaufruf unterschrieben insgesamt 39 Wissenschaftler, darunter Paul Bahrdt, Franz Eulenburg, Rudolf Goldscheid, Franz Oppenheimer, Ernst Troelsch und Alfred Weber. In Abgrenzung zum Verein für Socialpolitik, der sich als sozialpolitisch beratende, in die politische Praxis intervenierende Institution verstand, sollte die DGS, dem Anspruch der Werturteilsfreiheit folgend, eine rein wissenschaftliche Organisation sein. Im ersten Paragraphen des Statuts, dem sogenannten Werturteilsparagraphen wurde dieser Anspruch und der damit a-politische Charakter der Fachgesellschaft explizit und verbindlich als Verbandsziel festgeschrieben.

Bis 1932 gab es in Deutschland insgesamt 15 Lehrstühle, die unter anderem, bisweilen auch ausschließlich als soziologische Lehrstühle denominiert waren. Prägend und schulbildend war insbesondere Leopold von Wieses System der Beziehungslehre, das auf die objektive Erfassung von Beziehungen des Zueinanders (A-Beziehungen) und den Beziehungen des Gegeneinanders (B-Beziehungen) abzielte und so einflussreich wurde, dass es auch als allgemeine Soziologie firmierte. Nach Dirk Kaesler (1984) existierten zu dieser Zeit die folgenden soziologischen Richtungen:

  1. Max Webers Ansatz einer historisch orientierten, erfahrungswissenschaftlichen und verstehenden Soziologie
  2. Andreas Walther mit seinem Angebot einer frühen Form des Strukturfunktionalismus
  3. Max Adlers Marxistische Soziologie
  4. Franz Oppenheimers Perspektive einer sozialwissenschaftlichen und geschichtsphilosophischen Universalwissenschaft mit starkem sozialpolitischen Bezug
  5. Karl Mannheim mit seinem Angebot einer Wissenssoziologie

Von Ausnahmen abgesehen war die Weimarer Soziologie durch ein rein formalistisches, a-historisches, von den realen gesellschaftlichen und politischen Ereignissen weitgehend unberührtes Wissenschaftsprogramm geprägt. Zwar wurde 1924 der berühmte Werturteilsparagraph des Statuts der DGS gestrichen, aber tatsächlich blieb auch danach die wissenschaftliche Entpolitisierung selbst aktuellster Themen das selbst erklärte Ziel der Inhaber der institutionellen Herrschaft in der DGS und auf den Soziologentagen. Mit der formalen und a-historischen Ausrichtung des Faches war auch eine weit verbreitete Ablehnung einer empirischen Fundierung soziologischer Theorien und Modelle verbunden.

Zu Kapitel 2

In diesem Kapitel werden die fünf Soziologentage, die zwischen 1922 und 1930 durchgeführt wurden, näher beschrieben.

Der 3. Soziologentag fand 1922 in Jena unter dem Leitthema „Das Wesen der Revolution“ statt. An ihm nahmen 33 Wissenschaftler teil.

Der 4. Soziologentag fand 1924 zu den Themen „Soziologie und Sozialpolitik“ und „Wissenschaft und Sozialstruktur“ in Heidelberg statt. Ähnlich wie zwei Jahre zuvor stand die Kontroverse zwischen der Beziehungslehre von Leopold von Wiese und der marxistischen Soziologie von Max Adler im Zentrum der Verhandlungen.

Der 5. Soziologentag wurde 1926 in Wien unter dem Thema „Das Wesen der Demokratie“ durchgeführt. Viele Tagungsbeiträge waren von einem pessimistischen Grundton geprägt und widmeten sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven vor allem Krisenaspekten der noch jungen demokratischen Entwicklung in den deutschsprachigen Ländern. So stellte beispielsweise der Hauptreferent Ferdinand Tönnings fest: „Diese Demokratie bedeutet einen großen Versuch, über dessen Erfolg und Dauer sich viel vermuten, (aber) fast gar nichts wissen lässt“. Aber auch an anderen Punkten zeigt sich, dass die damalige Soziologie in vielerlei Hinsicht als Kind ihrer Zeit gesehen werden muss. So konstatierte Ferdinand Tönnings bezüglich des Verhältnisses von Frauen und Politik: „In dieser Hinsicht steht mangelnde politische Reife dem Gelingen und der Dauerhaftigkeit der Demokratie entgegen. Sie wird in auffallender Weise besonders beim weiblichen Geschlecht zutage treten: nicht nur, weil ihm der Gebrauch politischer Rechte und also ein politisches Bewusstsein und Interesse überall verhältnismäßig neu und ungewohnt ist […], sondern auch, weil die weibliche Natur zum politischen Denken weniger geeignet ist“ (DGS 1927:23).

Der 6. Soziologentag fand 1928 zum Thema „Konkurrenz“ in Zürich statt und lief im Vergleich zu den drei vorangegangenen Treffen eher ruhig ab. Er wurde geprägt vom Auftritt des erst 35-jährigen Soziologen Karl Mannheim. Seine Soziologie des Geistes, in deren Zentrum die Kategorie des „seinsverbundenen Denkens“ steht, stärkte den sozialwissenschaftlichen Strang der Soziologie. Norbert Elias sprach in Bezug auf Mannheims Leistung gar von einer „geistigen Revolution“.

Das 7. und damit letzte Soziologentreffen vor der Machtübertragung an die Nationalsozialisten fand zum Thema „Presse und öffentliche Meinung“ 1930 in Berlin statt. Mit 38 aktiven Teilnehmern war der Berliner Soziologentag der bis zu diesem Zeitpunkt größte Kongress der DGS. Die Diskussionen waren wieder eindeutig von Leopold von Wieses beziehungswissenschaftlichem Ansatz dominiert: „Das Vereinsestablishment Tönnies und von Wiese hat die DGS und die stattgefundenen Theoriediskussion wieder fest in der Hand“ (Kaesler 1981: 237).

Der 8. Soziologentag war seit 1931 in Planung und sollte in Kiel zum Thema „Bürokratisierung“ stattfinden. Auf Grund der Ungewissheit der politischen Verhältnisse wurde er immer wieder verschoben und hat letztlich nie stattgefunden. Die in den Planungen aufscheinende Ignoranz der sie umgebenden politischen Umwälzungen war damals nicht nur für den DGS-Vorstand kennzeichnend, sondern für die gesamte institutionalisierte Soziologie. In hohem Grade formalistisch und mit hohem Abstraktionsgrad argumentierend beschäftigte sich Anfang der 1930er Jahre kaum ein deutscher Soziologe mit der Wirtschaftskrise, der rasant wachsenden Arbeitslosigkeit oder dem aufziehenden Faschismus. „In schmerzende Selbsbewusstheit verstrickt, sprachen die Soziologen mehr über sich selbst als über die deutsche Gesellschaft ihrer Zeit und die wahrhaft dramatischen Wandlungen, die diese durchlief“ (Lepenies 2006: 407). Die Wirklichkeitsferne der frühen Soziologie zeigte sich nicht zuletzt auch daran, dass selbst Soziologen, die sich angesichts der politischen Verhältnisse in Deutschland zur Emigration gezwungen sahen, anerkennende Worte für die Person Adolf Hitlers fanden. So äußerte sich Karl Mannheim 1934 in einem Interview folgendermaßen: „Wir mögen ihn. Nicht seiner Politik wegen, die uns als sehr falsch vorkommt. Aber aufgrund der Tatsache, dass er ein ernsthafter, aufrichtiger Mann ist, der nichts für sich selber sucht, sondern sich mit dem ganzen Herzen darum bemüht, eine neue Regierung aufzubauen. Er ist tief aufrichtig, aus einem Stück, und wir bewundern seine Rechtschaffenheit und seine Hingabe“ (Kaesler 1984). Gelang es der Soziologie der Weimarer Republik nicht, die realpolitischen Entwicklungen theoretisch zu verarbeiten, wurde sie von diesen gleichwohl empirisch auf dramatische Weise eingeholt.

Zu Kapitel 3

So eng verbunden und einflussreich Ferdinand Tönnies und Leopold von Wiese als Führungsgespann der DGS bis 1933 waren, so sehr unterschied sich ihr Handeln und Wirken nach 1933. Der fast 80-jährige Ferdinand Tönnies war 1930 demonstrativ in die SPD eingetreten und machte aus seiner Distanz gegen die neuen Machthaber keinen Hehl. Noch im Februar 1933 hielt er in Berlin eine öffentliche Rede unter dem Titel „Das freie Wort“, was kurze Zeit später zur Aberkennung seiner Pension führte. Leopold von Wiese hingegen verfolgte eine von ihm selbst als „Kompromissstrategie“ titulierte Praxis, die auf ein Arrangement mit den neuen Machthabern zielte, um die Soziologie vor ihrer Marginalisierung zu bewahren. Im Zuge der Entwicklungen der DGS seit 1933 und der Umstände, die zur (freiwilligen) weitgehenden Stilllegung der Gesellschaft am 18. September 1933 in Berlin führten, hat von Wiese eine ebenso herausragende wie zwiespältige Rolle eingenommen.

Zu Kapitel 4

Die Entwicklung und das Schicksal der Deutschen Gesellschaft für Soziologe nach 1933 sind eng verbunden mit der Initiative Jenaer Wissenschaftler für ein nationalsozialistisch orientiertes Soziologentreffen im Januar 1934. Die nationalsozialistische Geschichte der Universität Jena, die erst seit 1934 den Namen Friedrich-Schiller-Universität trägt, begann früher als die der meisten anderen deutschen Universitäten. In Thüringen war die NSDAP erstmals 1930/31 an einer Koalitionsregierung auf Landesebene beteiligt und stellte mit Minister Wilhelm Frick den ersten nationalsozialistischen Innenminister Deutschlands. Er war damit auch für die Universitäten in Thüringen verantwortlich. Das blieb nicht ohne Folgen. Gegen den ausdrücklichen Willen der Universität Jena wurde hier bereits 1930 ein Lehrstuhl für Sozialanthropologie eingerichtet, dessen Leitung der nationalsozialistische Publizist Hans Günther übernahm. Zu seiner Antrittsvorlesung reisten Adolf Hitler und Joseph Goebbels persönlich an. Als einmalig ist hierbei auch die große thematische Vielfalt innerhalb des Faches Rassekunde und Rassehygiene zu bewerten, deren inhaltliche Bewertung im Verantwortungsbereich namhafter NS-Ideologen wie etwa des Rassehygienikers Karl Astel oder des Zoomorphologen Victor Franz lag. Diese frühe rassenhygienische Durchdringung des universitären Fächerkanons trug maßgeblich dazu bei, das die Friedrich-Schiller-Universität lange als „braune Universität“ bezeichnet und zum „Prototyp einer deutschen Universität mit faschistischem Charakter“ erklärt wurde.

Keine zwei Wochen, nachdem Hans Freyer zum alleinigen „Führer“ der DGS bestimmt worden war, fand am 6. und 7. Januar 1934 in Jena das von den Jenaer Wissenschaftlern Franz Wilhelm Jerusalem, Reinhard Höhn und Hans Günther sowie Ernst Krieck (Frankfurt) und Andreas Walther (Hamburg) organisierte „Treffen deutscher Soziologen“ statt. Tagungsleiter war Krieck, ein offizielles Tagungsprogramm gab es nicht. Den Recherchen Carsten Klingemanns (1996) zufolge haben 16 Wissenschaftler, von denen 12 Mitglieder der DGS waren, an der Tagung teilgenommen. Einzelner inhaltlicher Konflikte zum Trotz präsentierte sich die deutsche Soziologie Mitte der 1930er Jahre insgesamt als eine von Selbstbewusstsein erfüllte Disziplin, die weit von der Nischenexistenz einer verachteten Wissenschaft entfernt war. Die Mehrheit der Soziologen verband die ihnen – nicht zuletzt im Rahmen des Jenaer Soziologentreffens – zugedachte Rolle im Prozess der Konstituierung der deutschen Volksgemeinschaft dezidiert mit dem Anspruch, zur Leitwissenschaft der neuen Ära zu avancieren. Im Verlauf der dreißiger Jahre waren jedoch nicht nur einzelne Fachvertreter (z.B. Jerusalem und Böhm) zu der Einsicht gezwungen, dass sie in der von ihnen beanspruchten Rolle der ideologischen Vordenker und Ideengeber vom NS-Regime nicht anerkannt wurden.

Zu Kapitel 5

Dass es auch im Nationalsozialismus Professuren für Soziologie gegeben hat, war nie ein Geheimnis. Dennoch dominierte viele Jahre lang die Einschätzung, dass es zwar einige Soziologen nicht jedoch eine Soziologie im Nationalsozialismus gegeben habe, die innerwissenschaftliche Betrachtung der eigenen Fachgeschichte. Während die theoretische Soziologie bereits kurze Zeit nach ihrem viel beachteten Auftritt in Jena wieder an Bedeutung verlor, begünstigte der Nationalsozialismus gleichwohl die Entwicklung der Soziologie als empirische Wissenschaft.

Zu Kapitel 6

Unmittelbar nach dem Machtwechsel 1933 wurden zahlreiche Wissenschaftler auf Grundlage des sogenannten Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus dem Hochschuldienst entlassen. M. Rainer Lepsius hat rekonstruiert, dass insgesamt etwa Zweidrittel der Professoren, die (auch) Soziologie lehrten, infolge der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten aus politischen Gründen oder weil sie als Juden diskriminiert wurden ins Ausland emigrierten (Lepsius 1979: 26). Die hohe Anzahl der Emigranten hat wesentlich zu dem weit verbreiteten Mythos beigetragen, die Soziologie habe nach 1933 aufgehört zu existieren. Ein Großteil der jüdischen Soziologen konnte rechtzeitig emigrieren. „Das Schicksal das allen anderen drohte, wird durch das schreckliche Ende von Franz Eulenburg deutlich genug demonstriert, der glaubte, er sei Deutscher, bis man ihm sagte, er sei Jude, um ihn 1943 zu ermorden“ (König 1959: 114). Erwähnt werden weitere fünfzehn Wissenschaftler, die der Soziologie sehr verbunden waren und Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik wurden.

Zu Kapitel 7

Die Befreiung Deutschlands ging weder personell noch institutionell mit einem radikalen Bruch in der soziologischen Disziplin einher. Das bekannte Wissenschaftler der NS-Zeit nach 1945 aus dem öffentlichen Dienst entlassen wurden und im akademischen Betrieb nicht mehr unterkamen, blieb die Ausnahme. Auch dem während der NS-Zeit ausgebildeten akademischen Nachwuchs gelang zu großen Teilen die (Re-)Integration in den wissenschaftlichen Betrieb. So wirkten alle zwischen 1933 und 1945 in der Soziologie Habilitierten auch nach 1945 noch oder wieder an den deutschen Universitäten. Begünstigt wurde dir (Re-)Integration belasteter Wissenschaftler durch den Mythos der Nichtexistenz der Soziologie im Nationalsozialismus, welcher sich im Nachkriegsdeutschland als eigentümlicher Konsens zwischen Emigrierten und Sympathisanten des NS-Regimes herausbildete. Obwohl es zwischen 1945 und 1947 unter Aufsicht der amerikanischen Militärbehörde zu zahlreichen Entlassungen aus dem Hochschulbereich kam, wurden schon bei den ersten Entnazifizierungsverfahren relativ milde Kriterien angelegt. Im Laufe des Jahres 1948 ließ zudem das Interesse der Amerikaner an einer konsequenten Entnazifizierung spürbar nach, weil der Kalte Krieg und ein radikaler Antikommunismus mehr und mehr ins Zentrum ihrer Politik rückten. Zusätzlich zur milden Entnazifizierungspraxis fanden viele der zunächst im Rahmen der Entnazifizierung entlassenen Professoren recht bald ihren Weg zurück ins akademische Leben. Entscheiden hierfür waren unter anderem ein von den Alliierten unterstützter Paradigmenwechsel innerhalb der akademischen Soziologie, der etwa ab 1948 zu einem Erstarken der empirischen Sozialforschung geführt hat. Um den Bedarf an einschlägigen Wissenschaftlern zu decken, wurde aktiv auf die in den nationalsozialistischen Forschungsinstitutionen ausgebildeten Sozialforscher zurückgegriffen. Diese Entwicklung erleichterte nicht nur zahlreichen vorbelasteten Wissenschaftlern eine relativ problemlose (Re-)Integration in den soziologischen Lehr- und Forschungsbereich, sondern ermöglichte ihnen in vielen Fällen zugleich ihre während der NS-Zeit erhobenen Daten vor dem Hintergrund eines wachsenden gesellschaftlichen Bedarfs an Sozialdaten und -technologien neu aufzubereiten.

Zu Kapitel 8

Die Deutsches Gesellschaft für Soziologie war eine der ersten wissenschaftlichen Gesellschaften, der nach dem Kriegsende die Wiederbelebung gelang. Wie schon im Zusammenhang mit der Stilllegung der Gesellschaft im Jahr 1934 nahm Leopold von Wiese auch bei der Wiederbelebung der DGS eine herausragende Rolle ein. Auf seine Initiative hin traf sich bereits im April 1946 – also zu einem Zeitpunkt, als sich der Großteil der emigrierten Soziologen noch im Exil aufhielt – ein Teil der in Deutschland verbliebenen Fachvertretung, um die Gesellschaft zu reaktivieren. Neben der Reaktivierung der Gesellschaft und der Wahl des ersten Nachkriegsvorstandes mit dem alten und neuen Vorsitzenden Leopold von Wiese wurde in der Versammlung in Bad Godesberg auch die Organisation eines Kongresses noch im gleichen Jahr beschlossen. Mit seinem frühen Engagement gelang es von Wiese nicht nur, seine eigene Stellung in der Gesellschaft zu sichern. Zugleich minimierte er die Möglichkeit einer kritischen Intervention gegenüber dem Vorhaben, die Gesellschaft nach dem Vorbild des „elitären Gelehrtenzirkels“ der Weimarer Republik zu reaktivieren. Durch eine 1946 vollzogene Satzungsänderung wurde „Persönlichkeiten im Ausland“ die vollwertige Mitgliedschaft in der DGS versagt – ein Affront gegenüber all denjenigen Kollegen, die sich angesichts der politischen Verhältnisse zwischen 1933 und 1945 zur Emigration gezwungen sahen.

Der erste Soziologentag der Nachkriegszeit fand im September 1946 in Frankfurt am Main zu dem viel versprechenden Thema „Die gegenwärtige Situation, soziologisch betrachtet“ statt. Wer jedoch aufgrund des Aktualitätsbezugs der Themenwahl auf eine soziologische Analyse der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zwischen 1933 und 1945 gehofft hatte, wurde enttäuscht. Der gesellschaftlichen Wirklichkeit waren die auf dem Kongress anwesenden Soziologen seit der Weimarer Republik kaum ein Schritt näher gekommen. Stattdessen wurde der Kongress zur Geburtsstunde des Mythos der Nichtexistenz der Soziologie im Nationalsozialismus. Unterstützt durch die Einschätzung der Alliierten wie auch des Großteils der vormals emigrierten Fachvertretung wurde die Legende von der Soziologiefeindlichkeit des Nationalsozialismus in den darauf folgenden Jahren zur dominanten Vergangenheitsdeutung, die sich fachintern für lange Zeit halten sollte. Der überwiegende Teil der anwesenden Soziologen hatte den Nationalsozialismus in Deutschland erlebt. Nicht wenige von ihnen hatten sogar bis zu seinem Ende an ihren Universitäten Soziologie gelehrt. Zwar war keiner der Anwesenden einer glühender Anhänger des Nationalsozialismus gewesen, aber um ihre akademische Karriere nicht zu gefährden, hatten die meisten ihre Lehren dem Nationalsozialismus auf die eine oder andere Weise angedient. In nicht wenigen Fällen mag es so in der Biografie begründet gelegen haben, warum man sich über die Zeit des Nationalsozialismus lieber ausschwieg. Die Erfahrungen und Perspektiven der emigrierten Soziologen blieben vor diesem Hintergrund eine Leerstelle auf jenem Nachkriegskongress. Während auf die Emigration zahlreicher Soziologen angesichts des Aufstiegs des Nationalsozialismus immerhin noch in einem Satz in einer der Eröffnungsreden hingewiesen wurde, verlor keiner der Anwesenden auch nur ein Wort über die während des Nationalsozialismus ermordeten Kollegen. Die von Leopold von Wiese forcierte Strategie des „kollektiven Beschweigens“ wurde – vereinzelter Interventionen zum Trotz – bis in die 1980er Jahre hinein nie ernsthaft in Frage gestellt.

Diskussion

Durch die insgesamt 45 Abbildungen wichtiger Akteure der Soziologie in Deutschland wird sehr gut dokumentiert, dass die Soziologie für den Betrachtungszeitraum eine reine Männerdomäne war. In dem Buch gibt es nur zwei Abbildungen von Frauen:

Käthe Leichter (1895-1942). Sie studierte von 1914-1917 Staatswissenschaften an der Universität Wien. Da ihr als Frau die Abschlussprüfung in Wien verweigert wurde, siedelte sie nach Heidelberg um und schloss dort ihr Studium ab. 1918 promovierte sie mit Auszeichnung bei Max Weber und engagierte sich als Pazifistin und Frauenrechtlerin in zahlreichen Organisationen. Sie war Mitglied der österreichischen Sozialdemokraten und verfasste zahlreiche soziologisch-statistische Arbeiten zur sozialen Lage von Frauen. 1925 übernahm sie den Aufbau des Frauenreferats der Wiener Arbeiterkammer. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich wurde Käthe Leichter im Mai 1938 von der Gestapo festgenommen und in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück bei Berlin deportiert. Im Februar 1942 wurde sie in Ravensbrück ermordet.

Elisabeth Noelle-Neumann (1916-2010). Sie gilt als Grande Dame der Demoskopie und Meinungsforschung in Deutschland. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Erich Peter Neumann gründete sie 1947 das Allensbacher Institut für Demoskopie. 1964 wurde sie auf die neu eingerichtete Professur für Publizistik in Mainz berufen. Den Grundstein für ihre spätere Karriere hat sie während der Zeit des Nationalsozialismus gelegt. 1935 begann sie ihr Studium der Philosophie, Geschichte, Zeitungswissenschaften und Amerikanismus, das sie nach Berlin, Königsberg und Missouri führte. Zwischen 1940 und 1945 arbeitete Elisabeth Noelle-Neumann als Journalistin für mehrere gleichgeschaltete Zeitungen (z.B. Das Reich).

Zielgruppen

WissenschaftlerInnen und Studierende aus den Disziplinen Soziologie, Politologie und HistorikerInnen.

Fazit

Lange Zeit hat sich der Mythos einer weißen Weste der Soziologie und der grundsätzlichen Unvereinbarkeit von Soziologie und Nationalsozialismus gehalten. Diesen Mythos zu brechen ist das Anliegen der vorliegenden Publikation. Die vorhandenen Erkenntnisse zur Geschichte der Soziologie im Nationalsozialismus werden einer breiten LeserInnenschaft zugänglich gemacht. Darüber hinaus wird in bisher nicht geschehener Weise die Bedeutung des Jenaer Soziologentreffens von 1934 für die Entwicklung der Soziologie und die Stilllegung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie herausgearbeitet. Abschließend wird eine ebenso komprimierte und umfassende Chronologie der Aufarbeitung von 1946 bis heute präsentiert.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 03.07.2015 zu: Silke Van Dyk, Alexandra Schauer: ... daß die offizielle Soziologie versagt hat. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-658-06636-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18998.php, Datum des Zugriffs 28.06.2017.


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